“Zusammenrottung”: Merkel erinnert sich wohl an ihre DDR-Sozialisation

“Wir haben Videoaufnahmen darüber, …, dass es Zusammenrottungen gab, …“. Regierungssprecher Steffen Seibert hat das gesagt.

Ein Leser von Hadmut Danisch hat es aufgegriffen und darauf hingewiesen, dass „Zusammenrottung“ ein in der DDR gebräuchlicher Begriff war, um z.B. Demonstrationen von Regimegegnern zu diskreditieren. So zitiert der Leser Erich Honecker mit einer Aussage von 8. Oktober 1989: „Vor allem in Dresden, Plauen und Leipzig trugen sie den Charakter rowdyhafter Zusammenrottungen und gewalttätiger Ausschreitungen“.

Die Rede ist von den Montagsdemonstrationen, die zu diesem Zeitpunkt schon der Kontrolle des Regimes entglitten waren. Was dessen Vertreter nicht daran gehindert hat, weiterhin zu versuchen, die Öffentlichkeit mit ihrem eintrainierten Vokabular zu manipulieren.

Das Neue Deutschland schreibt am 10. Oktober 1989 unter Hinweis auf einen Beitrag vom 4. Oktober 1989 in der Leipziger Volkszeitung: „Am 3. Oktober hatte die LVZ informiert, daß es Montagabend in der Leipziger Innenstadt zu einer ungesetzlichen Zusammenrottung kam, bei der auch Volkspolizisten angegriffen wurden.“

Abermals bezeichnete “Zusammenrottung” die Montagsdemonstrationen im Anschluss an das Montagsgebet in Leipzig.

Regierungssprecher Seibert, der den Begriff der Zusammenrottung als Regierungssprecher und im Namen von Angela Merkel benutzt, ist also in interessanter Gesellschaft mit seinem Versuch, Demonstrationen als Zusammenrottungen zu diskreditieren.

Der Begriff der Zusammenrottung ist darüber hinaus ein offizieller DDR-Begriff gewesen. In § 217 des Strafgesetzbuches der DDR heißt es:

217. Zusammenrottung.
(1) Wer sich an einer die öffentliche Ordnung und Sicherheit beeinträchtigenden Ansammlung von Personen beteiligt und sie nicht unverzüglich nach Aufforderung durch die Sicherheitsorgane verläßt, wird mit Haftstrafe oder Geldstrafe bestraft. 

(2) Wer eine Zusammenrottung organisiert oder anführt (Rädelsführer), wird mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu fünf Jahren bestraft. 

(3) Der Versuch ist strafbar.

Merkel, von der bekannt ist, dass Sie aktives Mitglied der FDJ, dem Jugendarm der SED war, scheint sich an den alten DDR-Begriff erinnert zu haben. Obgleich sich über die DDR-Vergangenheit von Merkel weitgehend ein Schleier des Nichtwissenwollens legt, und es mehr oder minder begründete Mutmaßungen darüber gibt, wie aktiv die Rolle von Merkel im Regime der DDR wirklich war, scheint zumindest die DDR-Sozialisation nachzuwirken.

Das ist auch kein Wunder.
Kindheitsforscher wie Piaget haben die formative Phase der Sozialisation von Menschen, also die Zeit, in der u.a. die kognitiven Grundlagen gelegt werden, auf die ersten 11 Jahre des Lebens beschränkt, für die politische Sozialisation wird gemeinhin angenommen, dass die Ausprägung eines Wertesystems und die Entwicklung einer politischen Überzeugung mit der Pubertät ihren Anfang und im Laufe der 20er Jahre ihren Abschluss findet. Beides liegt bei Merkel in der DDR und daher muss man mit gutem Grund annehmen, dass die ideologische Sozialisation von Merkel in der DDR nicht nur begonnen, sondern auch abgeschlossen wurde. Dass Merkel dann ausgerechnet bei der CDU eine politische Heimat gefunden hat, ist – je nach Einstellung zu Verschwörungstheorien – entweder ein politischer Unfall oder ein geplanter Coup, um Deutschland zur DDR 2.0 zu transformieren.

Die Wiederkehr alter DDR-Konzepte in der Sprache der deutschen Politiker, unter denen sich nicht wenige Altlasten aus der DDR befinden, die Wiederkehr selbst von Stasi-Konzepten wie der Zersetzung, um den politischen Gegner auszuschalten, die immer häufiger von Journalisten ausprobiert werden, deren Sozialisation häufig ebenfalls in der DDR erfolgt ist, ist ein erschreckendes Zeichen dafür, dass die DDR untergegangen sein mag, die Ideologie der DDR und die damit verbundenen antiliberalen, freiheitsberaubenden Impulse bei Politdarstellern und ihren Helfershelfern aber lebendig wie eh und je sind.

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