Nepotismus mit Steuergeldern – Von Frauen als “Familienernährerinnen”

Frauen beim Arbeiten in einer Uhrenfabrik – um 1870

Eine der erstaunlichsten Entdeckungen, die der Feminismus der Mittelschicht in den letzten Jahren gemacht hat, lautet: Frauen können auch berufstätig sein (hier steht können: nicht wollen). Diese erstaunliche Entdeckung geht einher mit der Überzeugung, dass die traditionelle Ernährerehe, von der scheinbar angenommen wird, dass sie seit der Vertreibung aus dem Paradies Bestand hatte, und in der sich Männer um das Erwerbseinkommen und Frauen um Haushalt und Nachwuchs gekümmert haben, im Niedergang sei. Diese “historische” Sicht auf Paarbeziehungen liest man immer wieder und wundert sich, insbesondere, wenn man aus der Arbeiterschicht stammt, in der die beschriebene Form der Ernährerehe nur höchst selten zu finden ist. Vielmehr ist es in der Arbeiterschicht schon etwas länger bekannt, dass Frauen ebenso wie Männer in der Lage sind und waren, den eigenen Lebensunterhalt zu erwirtschaften bzw. zum Haushaltseinkommen beizutragen.

Die Verbreitung der Mittelschichts-Ernährerehe ist eine Erfindung der Mittelschicht, und sie ist eine Folge des Wohlfahrtsstaats, der Frauen mit einem bunten Strauss steuerfinanzierter Transferleistungen für alltägliche Verrichtungen wie Kindererziehung oder Kinderbesitz subventioniert. Der Staat ist somit an die Stelle des (relativ) reichen Ehemanns getreten, der es sich für historisch kurze Perioden erlauben konnte, seine Frau von der Erwerbsarbeit freizustellen. Wäre man ironisch, müsste man jetzt anmerken: Die Emanzipation der Frauen hat es weit gebracht, aus der vermeintlichen Abhängigkeit vom Ehemann wurde zwischenzeitlich eine Abhängigkeit vom Staat und seinen Transferleistungen.

Nebenbei bemerkt gibt es eine Reihe von sehr interessanten historischen Studien, die vornehmlich von weiblichen Wissenschaftlern durchgeführt wurden, denen man entnehmen kann, dass (1) die “Reduzierung” der Frauen auf den Haushalt und ihre Freistellung (oder ihr Fernhalten, wie es in ideologischer Version heißt) von Erwerbsarbeit, eine feministische Mythe ist. Studien wie die von Bailey (2002), Barker (2006), Langland (1992), Steinbach (2004) und Wiskin (2007) belegen das Gegenteil recht eindrücklich und lassen nur den Schluss zu, dass eine “Reduzierung” von Frauen auf den Haushalt, da wo es sie tatsächlich gab, eine freiwillige und gemeisam zwischen Ehepartnern getroffene Wahl war. Dies führt (2) zu der Erkenntnis, dass da wo Frauen sich auf den Haushalt “reduzieren” ließen, diese Reduktion mit einer Reihe von sozialen Verpflichtungen einhergegangen ist, denn diese Form der Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen, die vor allem in der oberen Mittelschicht und der Oberschicht üblich war, sah die Männer für das Einkommen verantwortlich, während sich die Frauen um den sozialen Status des eigenen Haushalts kümmerten. Die wilden Phantasien, die sich in feministischen Gehirnen zuweilen einfinden, führen somit ein höchst begrenztes und von der Realität losgelöstes Kopf-Dasein.

Aber: Von historischen Wahrheiten haben sich Ideologen noch nie abschrecken lassen, und da es Ideologen in erster Linie darum geht, sich und ihresgleichen auf Kosten anderer zu bereichern, was immer dann besonders gut zu gelingen scheint, wenn man behauptet, man sorge sich um die anderen, die man gerade ausnimmt, erfinden sie munter neue Krisen und Probleme, deren Lösung natürlich nur von ihnen und ihresgleichen und gegen Bezahlung zu erwarten ist.

In diesem Sinne hat das Bundesministerium für fast alle, dessen Haushalt offensichtlich zu groß ist, einen Teil seiner finanziellen Ressourcen dazu benutzt, ein vom Deutschen Gewerkschaftsbund initiiertes Projekt zu finanzieren, dessen Nutznießer wiederum beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung sitzen. Früher hat man derartige Ringtäusche, in deren Verlauf die Mittel Dritter aufgeteilt werden, Vetternwirtschaft oder Nepotismus genannt, heute muss man in respektvoller Anerkennung der Leistungen des Genderismus von Basenwirtschaft oder Nepotismus sprechen und sein Erstaunen darüber unterdrücken, wie offen dieser Nepotismus in den Presserklärungen des BMFSFJ verkündet wird.

Nun, die Basenwirtschaft hat etwas erbracht, nämlich die Erkenntnis, dass es Familienernährerinnen gibt, dass sich, wie Josef Hecken, Staatssekretär im Bundesministerium für fast alle anmahnt, “der Blick auf die Erwerbstätigkeit von Frauen ändern muss”, dass Ingrid Sehrbrock in geradezu stupider Ignoranz aller Belege für das Gegenteil wieder einmal behaupten darf, dass Frauen ja 23% weniger verdienen als Männer und dass sie es daher schwerer haben als Männer, eine Familie zu ernähren. Es wäre zu zeigen, dass die Frauen, die in der nun zu berichtenden Studie als Familienernäherinnen identifiziert wurden, 23% weniger verdienen als Männer.

Nun zur Studie von Wolfram Brehmer, Christina Klenner und Ute Klammer vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut in der Hans-Böckler-Stiftung mit dem Titel: “Wenn Frauen das Geld verdienen – eine empirische Annäherung an das Phänomen der ‘Familienernährerin”. Ich will es kurz machen, weil ich erste Ermüdungserscheinungen an mir beobachte, wenn ich mit Genderisten-Unsinn konfrontiert werde, daher nur das wichtigste:

    • Die Autoren leiten Ihre Leser mit dem Titel in die Irre, denn sie untersuchen nicht Konstellationen, in denen Frauen alleinige Einkommensbezieher in einer Familie sind (also das Geld verdienen), sondern sie untersuchen Konstellationen, in denen Frauen mindestens 60% des persönlich zurechenbaren Einkommens erwerben. Dies ist in 9% der Paarhaushalte der Fall. (23) Die Auswertungen der Autoren basieren auf Daten des SOEP und 8.176 Befragten.
    • Zu dem Frauen persönlich zurechenbaren Einkommen zählen die Autoren Mutterschaftsgeld und Erziehungsgeld sowie gesetzliche Unterhaltszahlungen ehemaliger Ehepartner. (21) Da Transferleistungen mehrheitlich von Männern erwirtschaftet werden und Unterhaltszahlungen im Wesentlichen von Männern aufgebracht werden, ist diese Zurechnung der entsprechenden Zahlungen zum Einkommen von Frauen eine innovative Umwidmung, die man in anderen Zusammenhängen als Fälschung bezeichnen würde.
    • Nun zu den 9% Haushalten, in denen die Frauen 60% und mehr zum Haushaltseinkommen beitragen: Die Analysen zeigen, dass Frauen in vielen Fällen den größeren Teil zum Haushaltseinkommen beitragen, weil Männer arbeitslos sind oder von einer Rente leben, zuweilen haben Frauen auch schlicht ein höheres Einkommen als ihre Männer. (38)
    • Da es arbeitslose Männer mit erwerbstätigen Frauen ebenso wie Frauen, die mit Männern leben, die Rente beziehen, schon immer gegeben hat, und es auch schon vorgekommen sein soll, dass Frauen ein höheres Einkommen haben als ihre Männer, sind die berichteten Ergebnisse kaum geeignet, einem dann, wenn man in der Realität und nicht in der ideologischen Traumwelt unterwegs ist, vom Sockel zu hauen. Wenn man einen gemeinsamen Haushalt gründet, dann folgt das Arrangement, das zur Finanzierung des entsprechenden Haushalts notwendig ist, auf dem Fuss und nur in der Einfamilienhaus-Mittelschichts-Einöde spielen dabei vermutlich die mit Erwerbsarbeit verbundene “höhere Macht” und der “höhere Status” eine Rolle (7).
    • Die Pressemeldung des BMFSFJ, in der Ingrid Sehrbrock ein Forum zur Verbreitung von Unsinn geboten wird, folgert aus der berichteten Untersuchung: “Damit sich an der Situation der Frauen etwas ändert, müssen demnach die Voraussetzungen für eine eigenständige Existenzsicherung von Frauen geschaffen werden und die Vereinbarkeit von Beruf und Fürsorge (!sic) verbessert werden.”

Ich erlaube mir, diese ideologischen Schlussfolgerungen mit den Ergebnissen der Studie, der sie entnommen sein sollen, zu kontrastieren:

    • Unter den 9% “Familienernährerinnen” (also Frauen, die 60% und mehr zum Familieneinkommen beitragen) finden sich viele Frauen mit Verdiensten im oberen Drittel, d.h. Frauen, die man als Spitzenverdiener bezeichnen kann.
    • Eine zweite Entwicklung, die Frauen zu “Familienernährerinnen” macht, ist die “Prekarisierung männlicher Erwerbsarbeit … Hintergründe … sind hier Arbeitslosigkeit, Niedrigeinkommen, prekäre Selbständigkeit und unfreiwillige Arbeitszeitverkürzungen von Männern”

Alles, was den Repräsentanten von DGB und BMFSFJ zu diesen Befunden einfällt, es sei wiederholt, ist: “Damit sich an der Situation der Frauen etwas ändert, müssen demnach die Voraussetzungen für eine eigenständige Existenzsicherung von Frauen geschaffen werden …”. Was soll man dazu sagen, außer dass sich normale Menschen, wenn sie bei derartigem Zynismus erwischt werden, schämen. Da Scham im vorliegenden Fall eine unbekannte Befindlichkeit ist, denn wir haben es mit Ideologen zu tun, bleibt als Erklärung nur noch die Feststellung, dass dann, wenn es um rent seeking, um Basenwirtschaft, wenn es darum geht, die eigenen Taschen zu füllen, alles erlaubt zu sein scheint, auch das Hinweggehen über männliche Schicksale. Wie hat Berthold Brecht einmal gesagt, erst kommt das Fressen und dann die Moral. Mir scheint diese Feststellung und ihre Ausprägung in der beschriebenen Basenwirtschaft das Credo der Feministen zu sein. Nur so ist es zu erklären, dass Feministen statt für die Emanzipation von Frauen einzutreten, dafür eintreten, die vermeintliche finanzielle Abhängigkeit der Frauen von Männern gegen eine Abhängigkeit vom Staat zu tauschen.

Literatur

Bailey, Joanne (2002). Favoured or Oppressed? Married Women, Property and ‘Coverture’ in England, 1660-1800. Continuity and Change 17(3): 351-372.

Barker, Hannah (2006). The Business of Women: FemaleEnterpriseand Urban Development inNorthern England1760-1830. Oxford: Oxford University Press.

Langland, Elizabeth (1992). Nobody’s Angels: Domestic Ideology and Middle-Class Women in the Victorian Novel. Publications of the Modern Language Association 107(2): 290-304.

Steinbach, Susie (2004). Women in England 1760 – 1914: A Social History. New York: Palgrave Macmillan.

Wiskin, Christine (2007). The Business of Women. Economic History Review 60(3): 603-604.

Bildnachweis:
Bridge Man Art

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6 Responses to Nepotismus mit Steuergeldern – Von Frauen als “Familienernährerinnen”

  1. Haselnuss says:

    MK: “Zu dem Frauen persönlich zurechenbaren Einkommen zählen die Autoren Mutterschaftsgeld und Erziehungsgeld sowie gesetzliche Unterhaltszahlungen ehemaliger Ehepartner. (21)
    Da hat jemand aber ordentlich Chuzpe, wenn er Geld, das an Frauen transferiert wird, als eigenes Einkommen deutet. Es lässt eigentlich nur den Rückschluss zu, dass in Deutschland Hartz IV-Empfänger keine sozialen Probleme haben, weil sie ausnahmslos alle über ein geregeltes Einkommen verfügen.
    (Für die Sensiblen: Ich kontrastiere den Gebrauch des Wortes Einkommen der Autoren mit dem normalen Gebrauch des Wortes.)

    MK: “Da Transferleistungen mehrheitlich von Männern erwirtschaftet werden und Unterhaltszahlungen im Wesentlichen von Männern aufgebracht werden, ist diese Zurechnung der entsprechenden Zahlungen zum Einkommen von Frauen eine innovative Umwidmung, die man in anderen Zusammenhängen als Fälschung bezeichnen würde.
    Fälschung wäre mir noch zu freundlich ausgedrückt.

    • dentix07 says:

      Sorry, das sehe ich anders! Es spielt doch überhaupt keine Rolle woher das Einkommen stammt! Einkommen ist – so verstehe ich es – JEDE Zahlung (oder geldwerte Leistung) die jemand erhält, gleichgültig ob aus Arbeit, Zins, Erbschaft, “Transferleistung”, Dividende, Rente, etc. pp.
      (Das Finanzamt sieht es – leider 🙁 – auch so!)
      Insofern ist der Begriff “persönlich zurechenbares Einkommen” völlig richtig!
      Die “Gemeinheit” besteht doch wohl eher darin, daß im Falle von Unterhalt – dem Zahlenden (Mann) die Zahlung NICHT entlastend angerechnet wird und somit die selbe Summe zweimal als Einkommen gilt.

      Es wurde festgestellt, dass der Unterhalt auf der Nehmerseite korrekt ausgewiesen wurde, hingegen geleisteter Unterhalt tatsächlich als Konsum des Unterhaltsleistenden definiert ist!

      [WikiMANNia; “Unterhalt”]
      Für mich viel interessanter ist 1. die Verwendung des Begriffes “Erziehungsgeld”, das es nur bis 2006 gab, das “Diskussionspapier” aber, nach eigenen Angaben der Autoren, auf Projekten der Jahre 2008 – 2010 basiert ([http://www.familienernaehrerin.de/material/publikationen/wissenschaft/wenn-frauen-das-geld-verdienen.pdf] Seite 5, Fußnote 1), und 2. daß die Autoren beim persönlich zurechenbaren Einkommen ausschließlich an “Transferleistungen” (Mutterschaftsgeld, “Erziehungsgeld”, Unterhalt von Ex-en) denken, jedoch Einkommen aus Arbeit, also Lohn oder Gehalt, (sowie Zins, Dividenden etc.) vergessen (?).

      Zugegeben, ich habe den Originaltext nur überflogen, aber was mir schon dabei an Zweifelhaftem/Ungenauigkeiten aufgefallen ist, läßt mich erschaudern. In der Schule hätte ich für ein solches Elaborat Notenhaue bekommen! Selbst für ein “Diskussionspapier” unter aller Kanone! Erinnert mich fatal an die “Expertise” eines Herren Rosenbrock!

  2. qed says:

    Diese Sicht der Dinge wurde erfolgreich eliminiert aus dem ‘veröffentlichten Bewußtsein’:

    Natürlich war es nur der Oberschicht vorbehalten, die Frau freizustellen für die Kinderaufzucht- bis in die Mittelschicht ist Mitarbeit von Frauen bis heute selbstverständlich und notwendig, auch ich habe es nicht anders kennen gelernt.

    Neu ist die Errungenschaft völliger Freistellung zu beobachten bei Unterschichtlerinnen und Geschiedinnen, die kraft Gesetz nach erfolgreichem Wurf einen Anspruch auf Schonung vor dem Erwerbsleben haben und dies mit geschicktem Protrahieren diverser Niederkünfte unter Mitnahme der verschiedensten Begünstigungen auf Jahrzehnte bis ins Rentenalter ausdehnen können.

  3. Simon Neuer says:

    @ qed
    Interessanter Ansatz. Nur dass der Kündigungsschutz begrenzt ist und es darüber hinaus noch ein BeschäftigungsVERBOT gibt. Wenn Sie also unter “geschicktem Protrahieren diverser Niederkünfte … bis ins Rentenalter” auf Transferzahlungen hoffen, dann müssen Sie schon bald ein gutes Dutzend Kinder im Haushalt haben. Schauen wir uns jedoch hierzu die durchschnittliche Grösse der Familien an – insbesondere die Entwicklung – so ist ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. Demnach entspricht ihre Aussage eher den gefühlten Ausreißern der Statistiken, jedoch nicht dem Normalbild der Familien. Das zeigen auch schon Ihre abwertenden Formulierungen. Ein Extrem, welches zwar vorkommt, aber zu vernachlässigen ist.

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