Real World Problems – Ein Nachtrag

Passend zum letzten Beitrag der Rubrik “Unsinn der Woche”, in dem die Gewerkschaftsfunktionärin Anne Jenter das Hauptproblem von Ländern wie Guinea-Bissau, Niger, Pakistan oder Tansania darin ausgemacht hat, dass es in den dortigen Schulen keine nach Geschlecht getrennten Toiletten gibt, bin ich auf eine Aktion von Water is Life aufmerksam geworden, die ich den Lesern dieses blog nicht vorenthalten will.

Vermutlich plagt Frau Jenter das Problem der nicht nach Geschlecht getrennten Toiletten in Guinea-Bissau und anderswo schon seit Jahrzehnten und nun, anlässlich des Weltmädchentages, hat sie endlich die Gelegenheit gefunden, dieses alles überragende Problem “so genannter Entwicklungsländer”, wie sie  formuliert, auch einer breiten Öffentlichkeit zum gemeinsamen Schockiertsein, zu unterbreiten.

Frau Jenter ist in ihrer Sorge um andere, um solche, die sie als unterlegen ansieht, in ihrem Fall also die Mädchen in “so genannten Entwicklungsländern” nicht allein, vielmehr steht sie in einer Reihe mit einer Anzahl Besorgter, die sich um so ziemlich alles sorgen, wovon sie nur wenig oder gar keine Ahnung haben und wovon sie auch in der Regel nichts wissen wollen, weil Rationalität ihrer Emotionalität hinderlich wäre. Man findet die entsprechend Besorgten mit tiefen Falten auf der Stirn zurückgelehnt in den Sesseln ihrer Büros, von wo aus sie auch darüber nachsinnen, wie es gelingen kann, Bildungsferne, Hartz-IV-Empfänger oder alle, die man als “arm” klassifizieren kann, um sich selbst von Ihnen abzuheben, einer breiten Öffentlichkeit zum gemeinsamen Mitleidhaben bzw. zum gemeinsamen “Mitleid-zur-Schau-Stellen”,  unterbreiten kann.

All diesen Menschen aus bildungsfernen Schichten, allen relativ Armen und allen, die man unter sich in der sozialen Struktur der deutschen Gesellschaft verortet, muss man sich widmen. Nicht, damit die entsprechenden Menschen aus unteren oder bildungsfernen Schichten, aufsteigen und zu Mittelschichtlern werden, nein, Hilfe hat nichts mit Aufstieg oder praktischer Verwendung für die zu tun, denen geholfen werden soll, sondern mit zur-Schau-Stellung der “Engagiertheit” derer zu tun, die sich als Besorgter oder Helfer inszenieren wollen. Entsprechend verlieren die Unterschichtler, sind sie erst einmal durch alle Medien getrieben, schnell ihre Faszination und verschwinden in der Versenkung, bis sie wieder hervorgezogen werden, wenn es z.B. gilt, ein schlechtes Abschneiden bei PISA oder die Ursache für die miserable Qualität des deutschen Fernsehens zu beklagen. Neben der Unterschicht im eigenen Land greifen entsprechend der sozialen Abgrenzung Bedürtige immer häufiger auf Menschen aus Entwicklungsländern vorzugsweise solchen aus Afrika zurück, um an ihnen ein Expempel in Sachen Hilfe zu statuieren.

Die beschriebenen Mechanismen, die der Schaffung sozialer Distanz dienen, sind aus der Sozialpsychologie hinreichend und lange bekannt und man kann sie vermutlich so lange tolerieren  (muss sie aber nicht  tolerieren), so lange sie keinen Schaden anrichten und nur der eigenen Psychohygiene dienen. Äußerungen, wie die von Anne Jenter liegen jedoch jenseits dieser beschriebenen Schmerzgrenze. Derartige Äußerungen schaden, weil sie von den wirklichen Problemen ablenken. Es ist entsprechend in höchstem Maße geschmacklos, die Menschen in Guinea-Bissau für die eigene ideologische Engstirnigkeit, die den Blick nicht auf den Bereich oberhalb der Taille von Menschen richten kann, zu missbrauchen, und es ist Ausdruck einer Sattheit, die darauf basiert, dass die Probleme, mit denen man selbst konfrontiert ist, bestenfalls Luxusprobleme sind, von denen Menschen in anderen Teilen der Erde nur träumen können.

Um die schiefe Welt von Menschen wie Anne Jenter etwas gerade zu rücken, will ich hier eine Aktion von Water is Lifevorstellen, einer gemeinnützigen Organisation, deren Ziel darin besteht, wirkliche Probleme auf der Erde zu beheben oder doch dazu beizutragen, diese Probleme zu beheben. Solche wirklichen Probleme haben nichts mit fein säuberlich nach Geschlecht getrennten Toiletten zu tun, sondern z.B. mit dem Zugang zu sauberem Wasser. Und wer wirklich helfen und nicht nur reden will, der kann für Water for Life spenden. Und auch wenn sauberes Wasser auch Jungen zu Gute kommt, wäre eine Spende doch für die GEW eine Möglichkeit, um zu zeigen, dass neben Pressemitteilungen auch etwas Produktives aus dem Hause GEW kommt.

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