Kultur macht stark … oder war es: Kultur macht (finanz)stark?

Liebe Leser,
bitte schauen Sie sich dieses Bild für mindestens eine Minute lang an.

Fat Battery 1963 by Joseph Beuys 1921-1986


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eine Minute, und nicht mogeln!

Das Bild ist, für alle, die es nicht erkannt haben, ein Foto von einem Kunstwerk, einem Kulturgut, das Joseph Beuys geschaffen und die “Fat Battery” genannt hat. Es ist in der Londoner Tate Gallery zu bestaunen, zu bewundern oder zu sehen, wie auch immer, wie so viele Stücke moderner Kultur.

Warum ich Sie gebeten habe, sich das Bild mindestens eine Minute anzusehen? Nun, ich will – wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung auch – ihre kognitiven Kompetenzen erhöhen, ihr soziales Lernen befördern, ihre Persönlichkeitsbildung positiv beeinflussen, denn, wie uns das Bundesministerium für Bildung und Forschung weiter lehrt, vermittelt Kultur und kulturelle Bildung ein “Erfahrungswissen”, das besonders geeignet ist, “Selbstmotivation, Leistungs- und Verantwortungsbereitschaft zu stärken”. So steht es in den Förderrichtlinien des Bündnisses für Bildung, das durch “Kultur” stark machen will.

Wie ist das mit Ihrem Erfahrungswissen? Was hat Ihnen das Betrachten der Fat Battery an Persönlichkeitsbildung verschafft? Wie hat es Ihre Selbstmotivation und Ihre Leistungs- und Verantwortungsbereitschaft gestärkt? Ich hoffe, Sie schreiben mir all die (positiven) Erfahrungen, die dieses Bild bei Ihnen ermöglicht hat.

Kultur macht stark_logoDass Kultur stark macht, diese Behauptung hat das Bundesministerium für Bildung und Forschuung nicht nur an den Anfang der bereits zitierten Förderrichtlinie gesetzt, sondern damit verbindet sich auch ein Programm, das organisierte “Kultur”schaffende reich oder doch zumindest reicher, und bildungsbenachteiligte Kinder “stark” machen soll. Ziel der Aktion, in deren Verlauf rund 230 Millionen Euro Steuermittel in die Taschen der Anbieter starkmachender Kultur fließen, ist es, den “in Deutschland ausgeprägte[n] Zusammenhang zwischen Herkunft und Biildungserfolg” abzuschwächen. Und, wie uns aus dem Bundesministerium in einer Antwort auf eine kleine Anfrage der Linken mitgeteilt wird, ist der Zusammenhang zwischen z.B.: Tanzen, Beuys-Kunst anschauen und in den Zirkus gehen und Bildunsgerfolg offensichtlich: “Die kulturelle Bildung ist besonders geeignet, bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern und zu stärken, da sie Menschen auf sehr unterschiedlichen Ebenen anspricht und ihnen Erfolgserlebnisse und soziale Anerkennung vermittelt, die ihr Selbstwertgefühl stärken” (2).

Beuys fuer alleAlso ich weiß nicht so recht, ob mein Selbsterwertgefühl oder mein Wohlbefinden von einem Kunstdruck der “Fat Battery” in meinem Eßzimmer gestärkt oder nicht doch eher beschädigt würde, aber ich weiß natürlich, dass die Antwort aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung vor dem Hintergrund, des in bestimmten gesellschaftlichen Schichten so wichtigen symbolischen Kapitals zu sehen ist. Der Schein ist alles, und das Selbstwertgefühl, das einem der Kunstdruck an der Wand verschafft, hat weniger etwas mit diesem Kunstdruck zu tun, als damit, wofür er angeblich steht. Es ist Kunst, oder? Natürlich gefällt er mir nicht, aber darum geht es nicht, sondern darum, dass alle, die zu mir kommen und den Kunstdruck sehen, denken, “Wow, Kunst”! Gefällt denen zwar auch nicht, aber sie teilen das selbe symbolische Kapital, dieselbe Vordergründigkeit und die selbe Heuchelei. Und offensichtlich ist die Fähigkeit, zur Benutzung symbolischer Sprache, also derart: “Der neue Beuys ist aber toll!” “Ja, und wie schön er die Dosen angeordnet hat…” etwas, das beim Bildungserfolg weiterhilft, etwas, das in Schulen benötigt wird, sonst käme doch im BMBF niemand auf die Idee, den Zusammenhang zwischen Kunst und Schulerfolg in der Weise zu thematisieren, wie es hier geschieht – oder?

Nun, da die Erfolgsbedingungen für Schulerfolg feststehen, ist es noch notwendig, gesellschaftliche Gruppen zu identifizieren, die die entsprechenden symbolischen (oder heuchlerischen?) Voraussetzungen nicht mitbringen und deshalb “bildungsbenachteiligt” sind. Und wo finden wir die Bildungsbenachteiligten? Das BMBF hat Risikolagen entdeckt: “Als Risikolagen nennt der nationale Bildungsbericht: Arbeitslosigkeit eines oder beider Elternteile, geringes Familieneinkommen, bildungsfernes Elternhaus” (Förderrichtlinie, Seite 3). Ich hatte die Bildungsfernen schon richtig vermisst. Bereits vor einiger Zeit hat Dr. habil. Heike Diefenbach orakelt, dass das Schwerpunktthema “kulturelle/musisch-ästhetische Bildung” im letzten Bildungsbericht sicher noch Folgen haben wird, und Recht hat sie. Als Folge müssen nun so genannte bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahre als Objekte kultureller Erziehung herhalten, als Gegenstände, die man kunstvoll “stark” machen kann.

Zur Ehrenrettung des Bildungsberichts sei angefügt, dass darin zwar darauf hingewiesen wird, dass “schwierige häusliche Bedingungen für den Bildungserfolg weiterhin” ein Problem sind, dass  – jedenfalls habe ich keinen gefunden – aber kein Zusammenhang mit kultureller Bildung, wie das BMBF schreibt, hergestellt wird. Im Gegenteil steht im Bildungsbericht: “Zwar bestehen nach Bildungsnievau der Eltern Unterschiede im Niveau der musisch-ästhetischen Betätigung der Kinder, aber noch bedeutsamer ist, ob die Eltern selbst künstlerisch aktiv sind” und: “Bemerkenswert ist die deutlich geringere soziale Selektivität bei der Ausübung kultureller/musisch-ästhetischer Aktivitäten im Vergleich zum rezeptiven Verhalten in unterschiedlichen Altersgruppen” (Seite 11 des Überblicks über die wichtigsten Ergebnisse). Das könnte man nun als Gegenteil dessen bezeichnen, was aus dem BMBF als Zusammenhang konstruiert wird.

Alles andere hätte mich auch verwundert. Am Bildungsbericht sind immer noch Wissenschaftler beteiligt, und der letzte Bildungsbericht zeigt einige erstaunliche Tendenzen, die fast an die guten alten Zeiten erinnern, in denen Wissenschaftler noch Konsequenzen aus Ihren Ergebnissen gezogen haben. Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass im Bildungsbericht ein derartiger kapitaler Fehler steht, wie ihn das Bundesministerium in aller Unschuld durch die Förderrichtlinie und alle Veröffentlichungen zum Thema “Kultur macht stark” schreibt: Dass ein Zusammenhang zwischen dem Bildungserfolg und Arbeitslosigkeit oder einem geringen Familieneinkommen besteht, sagt nichts über die Kausalität aus. Es bedeutet nicht, dass Kinder aus den entsprechenden Familien nicht im schulischen Alltag erfolgreich sein können, weil sie nicht selbstbewusst sind, nicht leistungs- oder verantwortungsbereit, wie man im BMBF zu mutmaßen scheint. Nein, es kann bedeuten, dass Kinder aus Familien mit geringem Einkommen (was ist übrigens ein geringes Einkommen in diesem Zusammenhang?) und Kinder aus Familien, in denen (ein oder zwei?) Eltern arbeitslos sind, systematisch im Schulsystem diskriminiert werden. Entsprechend fragt man sich, ob die konstante Bezeichnung der entsprechenden Kinder als “bildungsbenachteilgt” eine Form des Eingeständnisses ist, denn benachteiligt wird man, das ist man nicht, und entsprechend braucht man einen Benachteiliger. Wer, außer dem staatlichen Bildungssystem und seiner Insassen sollte wohl die Rolle des Benachteiligers übernehmen?

BMBFSo besehen macht auch das Beharren auf der Vermittlung von “Kunst” oder “kultureller Bildung” Sinn, also dann, wenn man die Benachteiligung darin sieht, dass Kinder aus Familien mit arbeitslosen Eltern oder aus Familien mit geringem Einkommen ausgegrenzt werden, weil sie die symbolische Sprache nicht kennen, von der ich oben Kostproben gegeben habe. Dies wäre eine Erklärung, die im Einklang steht, mit den Ergebnissen von Bourdieu und Passeron (1996), die den Misserfolg von Kindern aus der Arbeitschicht an Universitäten damit erklärt haben, dass die entsprechenden Kinder die symbolische Sprache, die Professoren aus der Mittelschicht von ihnen erwartet haben, nicht kannten. Wenn dies alles zutrifft, dann ist die 230-Millionen-Aktion “Kultur macht stark” an Zynismus nicht zu überbieten, wie man aus konflikttheortischer Perspektive deutlich machen kann.

Gemäß dieser Perspektive müsste man von folgenden Zusammenhängen ausgehen: Angehörige der Mittelschicht grenzen in der Schule Kinder aus Familien mit arbeitslosen Eltern(teilen) und Kinder aus einkommensschwachen Familien aus, weil die entsprechenden Kinder eine Symbolik nicht kennen, die Angehörige der Mittelschicht hoch halten und nutzen, um sich von anderen Schichten abzugrenzen. So ausgegrenzt, sind die entsprechenden Kinder bildungsunerfolgreich. In Untersuchungen werden vor diesem Hintergrund wenig überraschende Korrelationen zwischen Einkommen, Arbeitslosigkeit und Bildungserfolg gefunden, und die Erklärung, die den guten Menschen im Ministerium für Bildung und Forschung natürlich sofort einfällt, ist die Erklärung mit dem fehlenden symbolischen Kapital, das genutzt wurde, um die entsprechenden Kinder auszugrenzen. Dies erklärt die alles andere als offensichtliche Verbindung zwischen vermeintlicher kultureller Bildung und Schulerfolg, die den Herrschaften im BMBF so einleuchtend erscheint. Ganz nebenbei kann man mit der Aktion “Kultur macht stark” noch 230 Millionen Euro in Netzwerken verteilen, die all jene Absolventen musischer, künstlerischer und (sozial)pädagogischer Fächer beherbergen, die ohne die entsprechenden Programme aus den entsprechenden Ministerien und auf dem Arbeitsmarkt vermutlich keinen Erfolg hätten. Und so ist zumindest klar, wer von “Kultur macht stark” profitiert, wen Kulur (finanz)stark macht und wen nicht.

Ich will an dieser Stelle und abschließend nur darauf hinweisen, dass in der Schule eigentlich die Leistungen von Kindern bewertet werden sollen, nicht ihre soziale Herkunft. Wie Aktionen wie die beschriebene zeigen, ist das deutsche Bildungssystem von diesem Zustand meilenweit entfernt, und Aktionen wie “Kultur macht stark” vergößern diese Entfernung noch zusätlich, denn sie legitimieren die Nutzung von Symboliken, die im schulischen Bereich nichts zu suchen haben und die es ermöglichen, Angehörige einer bestimmten Schicht oder Kinder, deren Familien ein bestimmtes bzw. bestimmte Merkmal(e) teilen, auszugrenzen. Kultur macht also nur manche stark, und zwar auf Kosten derer, die man vermeintlich stark machen will.

Literatur

Bourdieu, Pierre & Passeron, Jean-Claude (1996) Academic Discourse: Linguistic Misunderstanding and Professional Power.

Für alle, denen die kleine Sequenz oben Lust auf YES MINISTER gemacht hat.
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Bildnachweis:
Josef Beuys’ “Fat Battery” in der Londoner Tate Gallery

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