Halten Sie eigentlich eine Balance zwischen Work und Life? Der moderne Mensch, wie ihn sich Staatsfeministen träumen, hat seine Work-Life-Balance, ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben (Wir lernen: Leben hat nichts mit Arbeit zu tun). Selbstverständlich ist das Gleichgewicht kein individuell gewähltes, sondern ein institutionell vorgegebenes.
Teilzeitarbeit passt perfekt in den sozialistischen Traum, den die Mittelschicht träumt: möglichst nichts arbeiten, bei vollem Lohnausgleich. Und Teilzeitarbeit passt perfekt in den staatsfeministischen Traum, den die feministische Mittelschicht träumt und dessen Ziel darin besteht, die Normen von Arbeit und Leistung zunächst als männlich zu deklassieren und dann nach Möglichkeit zu beseitigen. Warum? Arbeit und Leistung sind individuelle Eigenschaften. Sie schaffen Unterschiede und Pluralismus. Beides ist der Nukleus von Unkontrollierbarkeit. Wie soll man Menschen kontrollieren, die ihre Leben nach eigenen Vorstellungen planen und leben? Wie viel einfacher ist es, das Heer von Teilzeitarbeitnehmern und Work-Life-Gebalancten zu kontrollieren, die zur angegebenen Zeit am angegebenen Ort erscheinen, um dort das Vorgegebene (in Work wie in Life) zu tun? Kontrolle über Individuen zu haben, war zu allen Zeiten und an allen Orten das Ziel der Herrschenden, die staatsfeministische Harmonisierung, besser: Gleichschaltung der individuellen Leben ist der beste Weg zu Kontrolle.
Nach der schulischen Sortierung kommt die berufliche Sortierung. Wie Staatsfeminismus und Sozialismus unisono lehren, ist es schlecht, eigennützig zu sein. Vielmehr hat der Mensch ein soziales Wesen zu sein, denn soziale Wesen, diejenigen, die sich im Idealfall für die Gemeinschaft aufopfern, sind leichter steuer- und kontrollierbar. Das Soziale ist der Fetisch der staatsfeministisch-sozialistischen Gesellschaften, individuelles Streben nach eigenem Nutzen der Feind derselben. Individuen wird Sinn nur über die Einbindung in gesellschaftliche Gruppen gewährt. Sie erhalten Rechte „als Frau“, „als Kind“, „als abhängig Beschäftigter“ „als Engagierter im Bundesfreiwilligendienst“, sie werden mit Argusaugen beäugt, wenn sie ihre Individualität einklagen und ein eigenverantwortliches Leben führen wollen, oder gar nach etwas streben, was nicht im Einklang mit der staatsfeministischen Ideologie steht.
Nicht im Einklang mit Staatsfeminismus stehen, wie bereits erwähnt, als männlich deklassierte Normen von Arbeit und Leistung. Wer mehr als 40 Wochenstunden arbeitet, wird als Workoholic beschimpft. Wer sein Leben einer Berufung, einer Profession widmet, hat Glück, wenn er nicht als Volksfeind angesehen wird, und wer sich nicht an der gesellschaftlichen Fortpflanzung, dem eigentlichen Daseinszweck von Individuen im Staatsfeminismus beteiligt, der wird finanziell bestraft und gesellschaftlich geächtet.
Teilzeitarbeit, so meine These, ist das Mittel, der modus operandi, der es dem Staatsfeminismus ermöglicht, seine Kontrolle über die Bevölkerung auszuweiten und zu verfestigen. Teilzeitarbeit dient einerseits dazu, mehr Fleisch für den Staat zu produzieren, denn Teilzeitarbeit ist das Patentrezept, mit dem angeblich Work und Life in Balance gebracht werden kann. Wobei Life hier nicht etwa Freizeit, sondern Fertilität bedeutet. Frauen wollen nämlich alle Kinder, und Teilzeitarbeit macht es möglicht. Aber Teilzeitarbeit ist mehr als Fertilitätsermöglicher. Teilzeitarbeit dient gleichzeitig, um männliche Arbeitsnormen von Leistung und Effizienz zu erodieren, denn auch Männer müssen in Teilzeit arbeiten, wenn sie sich vom staatsfeministischen Generalverdacht hegemonialer und nach Eigennutz strebender Mann zu sein, läutern wollen.
Wer erst einmal Teilzeit arbeitet, wer seine Work-Life-Balance im vorgegebenen Gleichgewicht hat, der kommt nicht mehr auf die Idee, er könne mehr erstreben, als ihm der Staatsfeminismus vorgibt. Er hat nicht mehr die Erlebnisse von „Flow“, wie sie sich am Ende einer Arbeitsstrecke von mehreren Stunden ergeben. Er hat nicht mehr die Erlebnisse von Effizienz und Produktivität, wie sie sich aus einer Verbesserung seiner Fertigkeiten ergeben. Er hat nicht mehr das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Und wer Teilzeit arbeitet, bei dem verändern sich zwangsläufig die Arbeitnormen, wie eine Studie aus den Niederlanden zeigt (Wielers & Raven, 2013, S.111): „Our analyses have shown that the growth of part-time work in the Netherlands has contributed to the declining support for the work obligation norm“. Die Arbeit tritt in den Hintergrund, andere Dinge werden wichtig, Dinge, wie die Familie, die sicherstellen, dass die Individuen nicht Unabhängigkeit erreichen, sondern Abhängigkeit, die gemeinhin als Verantwortung ausgegeben wird.
Dies ist die „schöne neue Welt“ des Staatsfeminismus, die nicht von ungefähr an die „schöne alte Welt“ erinnert, wie sie z.B. in der Sowjetunion und der DDR zu finden war, denn in seinem Kern ist Staatsfeminismus nichts anderes als Sozialismus.
P.S.
Die oben zitierte Studie von Wielers und Raven (2013) ist im vorliegenden Post etwas kurz gekommen, was u.a. daran liegt, dass ich mit der Operationalisierung der abhängigen Variable durch die Autoren erhebliche Probleme habe. Die abhängige Variable „Arbeitsnorm“ setzt sich aus vier Items zusammen, von denen zwei auf die Möglichkeiten zielen, die durch „Arbeit“ geschaffen werden, während zwei auf eine kollektive Ebene zielen und Arbeit als „Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft“ abfragen. Wie die Leser dieses blogs wissen, halten wir bei ScienceFiles nichts von derart kollektiven Vorgaben und im vorliegenden Fall schlägt sich die Tatsache, dass hier individuelle mit kollektiven Items gemischt werden, in einem Cronbach’s Alpha von 0.68 nieder. Ein lausig schlechter Wert, den die Autoren mit „which is about the usual reliability for this scale“ (108) abtun [Wie eine derartige Aussage Eingang in eine begutachtete Fachzeitschrift wie die European Sociological Review finden kann, ist mir nicht nachvollziehbar. Vielleicht üben sich die Gutachter ja als Teilzeit-Wissenschaftler]. Ich gehe davon aus, dass man die Reliabilität deutlich verbessern würde, trennte man die individuellen Items von den kollektiven. Aber ich habe nicht die Originaldaten der Autoren zur Verfügung, um diese Annahme, die die Erfahrung nahe legt, zu prüfen und mich entsprechend dazu entschlossen, die Ergebnisse der Autoren nur in der Tendenz und nicht im Einzelnen hier zu präsentieren.
Wielers, Rudi & Raven, Dennis (2013). Part-Time Work and Work Norms in the Netherlands. European Sociological Review 29(1): 105-113.
