Neuer Beleg: Die Diskriminierung von Schülern ist politischer Wille

Jungen und Migranten teilen im deutschen Bildungssystem dasselbe Schicksal: Vielen von Ihnen wird die berufliche Karriere schon verunmöglicht, noch ehe sie begonnen hat. Neue Daten des Leipniz Institut für Länderkunde zeigen dies in beeindruckender und erschreckender Weise. Und sie zeigen vor allem eines: Die Proletarisierung oder moderner: Prekarisierung vieler Jungen, vieler Migranten und einigen Mädchen ist politisch gewollt: Sie ist das Ergebnis politischer Diskriminierung, geplant in den Kultusministerien der Länder und umgesetzt in den lokalen Schulen. Bereits 2002 als wir Bringing Boys Back In veröffentlicht haben, war deutlich, dass Jungen vor allem in den neuen Bundesländern deutlich hinter Mädchen zurückbleiben, Bereits damals konnten wir zeigen, dass – wie von Geisterhand bewegt – im Osten der Republik Jungen noch seltener als im Westen ein Abitur erreichen als Mädchen und noch häufiger ohne einen Schulabschluss oder nur mit einem Hauptschulabschluss die Schule verlassen als Mädchen. Radke_GomollaDies ist, bedenkt man, dass das ostdeutsche Schulsystem nach der Wende quasi von der Pike auf nach den Vorstellungen, die westdeutsche Schulplaner von einem gerechten und effizienten Schulsystem hatten, aufgebaut wurde, einerseits erstaunlich und wenn man mit dem Staunen fertig ist, dann ist es andererseits erschreckend, legt es doch den Verdacht nahe, moderne Schulplanung zielt darauf ab, Jungen gegenüber Mädchen zu benachteiligen. Ein weiteres, das Ergebnis in Bringing Boys Back In, das die pädagogische und mediale Diskussion seitdem beherrscht, zeigt einen Zusammenhang zwischen dem Anteil männlicher Lehrer und dem Abschneiden von Jungen. Je weniger männliche Lehrer in Grundschulen und je mehr weibliche Lehrer in Grundschulen sind, desto schlechter schneiden Jungen ab. Zudem haben Ergebnisse, die u.a. Gomolla und Radke publiziert haben, gezeigt, dass die Nachteile, die wir für Jungen gefunden haben, auch für Migranten vorhanden sind. Entsprechend stellt sich die Frage, welche Prozesse dafür verantwortlich sind, dass Jungen und Migranten im deutschen Schulsystem deutlich schlechter abschneiden als Mädchen und nicht-Migranten. Interessanter Weise hat diese Frage bislang kaum jemanden interessiert. Statt dessen gibt es eine, wie wir es nennen: Zeterliteratur, die einzig und allein dem Zweck dient, weibliche Lehrer vom (übrigens von uns nie geäußerten) Verdacht, sie würden männliche Schüler gezielt diskriminieren, zu reinigen und statt dessen die Schuld bei Jungen zu suchen, sie als faul, machohaft und was auch immer zu stilisieren, um ihnen die Schuld an ihrer eigenen Misere zuzuschieben. Es ist ein Markenzeichen vieler Diskussionen um Mißstände in Deutschland, dass die Frage nach der Ursache eines Mißstandes mit der Frage nach der Schuld ersetzt wird. Die Untersuchung der Schuldfrage produziert dann die oben genannte Zeterliteratur, deren Zweck nicht darin besteht, die Ursache bestimmter Missstände zu suchen, sondern darin, eine Form kollektiven Wohlfühlens unter den Anhängern bestimmter Ideologien, im vorliegenden Fall des Genderismus zu schaffen. Dass die Mißstände durch das selbstgerechte Wohlfühlen nicht gelöst werden, deren Lösung vielmehr verhindert wird, ist dabei ohne Belang. Wenn man, wie wir auch schon mehrfach dargestellt haben und nicht zuletzt bereits in Bringing Boys Back In ausgeführt haben, ein kollektives Phänomen vor sicht hat, das systematisch zwischen Gruppen diskriminiert, dann bietet es sich an, nach Erklärungen zu suchen, die die entsprechenden Gruppen als solche betreffen, d.h. im vorliegenden Fall nach institutionellen oder sonstigen für unterschiedliche Schüler gleichen Bedingungen zu suchen, die zum Ergebnis haben könnten, dass Jungen und Migranten systematisch schlechter abschneiden als Mädchen und nicht-Migranten. Das ist eigentlich offensichtlich: Wenn man die Ursache einer Hungersnot sucht, wird man ja auch nicht versuchen, die Ursache im Essverhalten Einzelner zu finden, sondern vielmehr Umweltfaktoren oder institutionelle Faktoren, wie z.B. die Subventionierung des Anbaus von Mais zur Nutzung als Brennstoff oder eine Dürreperiode betrachten. Die Frage. warum diese offensichtliche Logik für die Frage, warum Jungen und Migranten im deutschen Schulsystem Nachteile haben, nicht gilt, kann sich jeder aufgrund der ideologischen Hegemonie des Staatsfeminismus selbst beantworten. Leibnitz Institut120x1000Die Forschung, die am Leibniz Institut für Länderkunde durchgeführt wurde, fügt der Diskriminierungsthese, also der Ansicht, dass Jungen und Migranten durch institutionelle Strukturen gezielt benachteiligt werden, einen weiteren Beleg hinzu. Sie ergänzen Ergebnisse, die zeigen, dass Jungen selbst bei besseren Noten schlechtere Grundschulempfehlungen erhalten als Mädchen, und sie ergänzen Ergebnisse, die zeigen, dass Jungen selbst bei besseren Leistungen in Leistungstests in schulischer Benotung schlechter abschneiden (Diefenbach, 2007) als Mädchen. Es muss entsprechend institutionelle Prozesse geben, die eher Jungen als Mädchen, eher Migranten als Nicht-Migranten benachteiligen und die Forschung des Leibniz Institut für Länderkunde zeigt diese Prozesse am Beispiel der Schüler, die ohne Schulabschluss bleiben.

  • Ohne Schulabschluss bleiben in ostdeutschen Ländern deutlich mehr Schüler als in westdeutschen Ländern. Top-Scorer ist Meckelenburg-Vorpommern, wo 12,4% der Schüler ohne einen Schulabschluss bleiben. Es folgen Sachsen-Anhalt (11,5%) und Sachsen (9,8%). Der Bundesdurchschnitt liegt bei 5,5%.
  • Mehr als 50% derjenigen, die ohne Schulabschluss ihre Berufskarriere beenden, noch ehe sie begonnen hat, kommen von Förderschulen. Wie wir in vergangenen Posts gezeigt haben, sind die Kriterien, die eine Überstellung an eine so genannte Förderschule zur Folge haben, immer weicher geworden (z.B. sozio-emotionale Gründe, von denen niemand so richtig weiß, was sie sein sollen) und bei denjenigen, die an Förderschulen abgeschoben werden, handelt es sich vor allem um Jungen und Migranten. Warum man Schulen als Förderschulen bezeichnen sollte, die es nicht einmal schaffen, den Jugendlichen, die ihnen überantwortet werden, zu einem Schulabschluss zu verhelfen, ist eine Frage, die man wohl nur als politisch-korrekter Bildungspolitiker, der sich an der Realität nicht stört, beantworten kann.
  • Auch bei den Förderschülern, die direkt aus der Berufskarriere ausgesondert und ohne Schulabschluss gelassen werden, führen ostdeutsche Bundesländer: So bleiben z.B. 77% der Förderschüler in Mecklenburg-Vorpommern ohne einen Schulabschluss.

14_08_ohne_Schulabschluss_k2Die Ergebnisse belegen, dass eine Überstellung auf eine Förderschule eine Ursache der erheblichen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen und zwischen Migranten und Nicht-Migranten ist, schon weil Jungen und Migranten viel häufiger auf Förderschulen abgeschoben werden als Mädchen und nicht-Migranten. Und warum werden sie häufiger abgeschoben? Weil man sie benötigt, um die Schulen nicht schließen zu müssen. Caroline Kramer, Professor am Institut für Geographie und Geoökologie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) hat diesen Zusammenhang in einer selten zu findenden Offenheit formuliert:

“Zudem unterliegen sie zum Teil dem bildungspolitischen oder bildungsplanerischen Ziel, eine bestimmte Schulart auch bei sinkenden Schülerzahlen an einem bestimmten Standort zu erhalten. Dass dadurch in einigen Ländern oder Regionen bei mehr Schülerinnen und Schülern ein Förderbedarf diagnostiziert wird als in anderen Regionen, muss äußerst kritisch beurteilt werden.”

Das ist politischer Sprenstoff. Es heißt im Klartext: Schüler werden auf Förderschulen nicht etwa deshalb abgeschoben, weil sie dem normalen Schulbetrieb nicht folgen könnten, sondern deshalb, weil es politischer Wille ist, die entsprechenden Förderschulen offen halten zu können und trotz sinkender Schülerzahlen nicht schließen zu müssen. Dass dabei mehrere tausende Schüler jedes Jahr über die Klinge springen, dass ihre Berufskarriere und ihre Lebenschanchen beendet werden, noch ehe sie begonnen haben, ist dann ein Kollateralschaden, der neben dem wichtigen Ziel, Schulen nicht schließen zu müssen, weil es keine Schüler für sie gibt, zurückstehen muss. Die Zerstörung individueller Lebenschancen muss zum Wohle des größeren Ganzen eben in Kauf genommen werden – es ist der politische Wille vor allem im Osten der Republik, dies in Kauf zu nehmen. Zynischer kann Bildungspolitik nicht sein. Und wer hat noch einen Zweifel daran, dass ein Bildungssystem, in dem der politische Wille bestimmt, dass Kinder als Förderschüler geopfert werden müssen, um Förderschulen offen halten zu können, auch männliche Schüler und Migranten opfert, um einem politischen Willen zu huldigen, im ersten Fall dem Willen, per staatsfeministischem Eingriff, Mädchen besser zu stellen als Jungen, im zweiten Fall dem Willen, Migranten auch weiterhin als Paria des Bildungssystems inszenieren zu können? Wenn man die Sonntagsreden bedenkt, die Politiker von sich geben, an die Reden von der Bedeutung der nächsten Generation, von den Bildungschancen, von der Notwendigkeit, Bildung für alle zu ermöglichen und alle gerecht zu behandeln, damit die Kinder eine glückliche Zukunft auf ausreichender Bildung aufbauen können, dann kann man sich eigentlich nur übergeben.   Diefenbach, Heike (2007). Die schulische Bildung von Jungen und jungen Männern in Deutschland. In: Hollstein, Walter & Matzner, Michael (Hrsg.). Soziale Arbeit mit Jungen und Männern. München: Reinhardt, S.101-115

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18 Responses to Neuer Beleg: Die Diskriminierung von Schülern ist politischer Wille

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  2. Basedow1764 says:

    Dass flächendeckend an Förderschulen abgeschoben wird, um diese zu erhalten, leuchtet mir nicht ein. Dazu ist Integration/Inklusion zu weit fortgeschritten. Wenn das wirklich zuträfe, wäre es ein Ost-West-Problem, denn in den ostdeutschen Ländern, nicht zuletzt Sachsen, wird weit häufiger als im Westen an Förderschulen überwiesen, bis zum doppelten des Bundesdurchschnitts. Das trägt auch ein wenig zum PISA-Erfolg bei, denn lernschwache Schüler/-innen fehlen dann in den Testklassen.
    Eher wirkt in den neuen Bundesländern nach, dass man früher alle Schüler, die nicht angepasst waren, in die Jugendwerkhöfe abschieben konnte.

    • Das ist ja genau der Gegenstand dieses Beitrags, dass in unterschiedlichem Ausmaß in Bundesländern abgeschoben wird.

      Im Übrigen müsste man wohl die Anzahl der Schüler pro Bundesland mit der Anzahl der Plätze in Förderschulen in Relation setzen und soweit ich die Ergebnisse verstehe, wurde genau das getan, entsprechend hätte Sachsen mehr Plätze an Förderschulen zu füllen und entsprechend mehr Schüler an Föderschulen zu überwesen. Die wichtige Variable ist entsprechend die Anzahl der Plätze an Förderschulen im Vergleich zur Anzahl der vorhandenen Schüler.

  3. aranxo says:

    So sehr ich Ihnen in vielen Punkten zustimmen kann, wie auch vielen anderen Beiträgen auf Ihrem Blog, habe ich doch zwei Kritikpunkte.

    1. In den West-Bundesländern ist derzeit eher die gegenteilige Tendenz zu beobachten, nach der eher Inklusion auf Teufel komm raus betrieben wird, auch aus ideologischen Gründen. Das hat zur Folge, dass eigentlich förderbedürftige Kinder von den Grund- und Hauptschullehrern nur unzureichend betreut und gefördert werden können, weil der entsprechende Ausbau durch zusätzliche Förderlehrer in diesen Schulen mangelhaft sind. Diese schneien dann zweimal die Woche für ein paar Stunden in die Klasse, in der restlichen Zeit haben die normalen Grundschullehrer die größere Herausforderung, diese Kinder zu integrieren und halbwegs mitzuschleppen, wofür sie aber gar nicht ausgebildet sind.

    2. Es ist ein wenig unlogisch, im Falle der Jungen zu unterstellen, sie würden benachteiligt, weil man sie eben benachteiligen will, während man das bei Migranten deshalb tut, damit man sich später über deren Benachteiligung empören kann. Wäre es nicht vielmehr sinnvoll, zu reklamieren, dass unser Bildungssystem auf die Interessen und Bedürfnisse von Einheimischen und Mädchen als die Normalfälle ausgerichtet ist, während Jungs und Migranten eher als die Abweichungen davon betrachtet werden? Damit ergibt sich automatisch, dass diese dann die höheren Raten bei den Drop-Outs stellen und entsprechend mehr in den Förderschulen landen.

    • Es ist ein wenig unlogisch, im Falle der Jungen zu unterstellen, sie würden benachteiligt, weil man sie eben benachteiligen will, während man das bei Migranten deshalb tut, damit man sich später über deren Benachteiligung empören kann. Wäre es nicht vielmehr sinnvoll, zu reklamieren, dass unser Bildungssystem auf die Interessen und Bedürfnisse von Einheimischen und Mädchen als die Normalfälle ausgerichtet ist, während Jungs und Migranten eher als die Abweichungen davon betrachtet werden? Damit ergibt sich automatisch, dass diese dann die höheren Raten bei den Drop-Outs stellen und entsprechend mehr in den Förderschulen landen.

      Das scheint mir hauptsächlich eine Frage der Formulierung zu sein. Sie stellen darauf ab, dass z.B. definiert wird, wie ein idealer Schüler zu sein hat, und wer abweicht verliert. Wir stellen darauf ab, dass selbst wenn man einen idealen Schüler definiert, es immer noch jemandes bedarf, der die Abweichung feststellt und offensichtlich gibt es zwischen den Bundesländern viel Spiel, wenn es darum geht das akzeptable Maß an Abweichung zu definieren. Diskriminierung ist das in jedem Fall und, nein, es ist kein Unterschied ob am diskriminert wird, weil man Junge ist oder ob man diskriminiert wird, weil man Migrant ist, denn in beiden Fällen erfolgt die Diskriminierung vor einer, wenn Sie so wollen, gesellschaftlichen Erzählung, die einmal Jungen, um in ihrem Vorschlag zu bleiben, beim vorliegen bestimmter Eigenschaften als zu weit vom Idealschüler abweichend darstellt, einmal Migranten. Warum man ausgerechnet weibliche nicht-migranten zum Idealschüler aufbauen sollte, ist zudem eine Frage, die man beantworten müsste.

  4. Meier, Hans (Kempten says:

    Das ist heftig!

    Ich erlaube mir mal Zynismus – nicht, weil ich das Folgende vertrete, sondern weil es eine (bereits beobachtbare) Folge als beabsichtigt unterstellt und so zu seiner Wahrnehmung beitragen kann:

    Ein gedachter Profiteur (männlich) spricht so:

    “Wenn wir dafür sorgen, dass Jungs schlechter als Mädchen bewertet werden, sorgen wir dafür, dass 1. die Konkurrenz unter männlichen Wesen sinkt und nur wir Besten überleben, ohne noch irgendwelche Zweitbesten auf den Fersen zu haben. 2. Wenn Mann und frau gleich gut bewertet werden, ist der Mann faktisch besser. Das wissen beide – mit Auswirkungen auf beide. 3. Die Quotenregelung sorgt zugleich dafür, dass kein Mann eine Chance hat, der so schlecht bewertet wird wie die am besten bewertete Frau. Ergo: 4. Ein Paradies für uns beste Männer – und das Bildungssystem ist ein einziger Harem, der mit den Vergewaltigungsängsten und -phantasien der Frauen in mehrheitlich weiblicher Umgebung souverän umzugehen weiß.”

    Zynismus off.

    Aber wirklich nur Zynismus?

  5. Kritiker says:

    das sehe ich nicht so

    • Na dann, dann werden wir wohl nicht anders können, als festzustellen: wir schon – aber wir sagen warum!

    • aha!

      Und?

      Vielleicht würde das jemanden interessieren, wenn Sie Ihrer überaus schlichten Meinungsäußerung eine BEGRÜNDUNG beigegeben hätten. In Abwesenheit einer solchen verstehe ich nicht, warum Sie das hier (so) kommentieren, denn das interessiert doch in dieser Form keinen Menschen.

      Immerhin hat Ihr Kommentar Unterhaltungswert insofern als die schlichte Äußerung ohne jede Begründung von jemandem kommt, der sich selbst als “Kritiker” bezeichnet. Mir scheint, hier liegt ein ganz erhebliches Missverständnis darüber vor, was Kritik sei 🙂

  6. Nachdenklicher says:

    Im Prinzip ist das dieselbe Argumentation, die auch hinter der Frauenquote steht. Es schaffen weniger Frauen in den Aufsichtsrat, also müssen sie diskriminiert sein. Weniger Migranten und Jungen schaffen das Abitur, also werden sie systematisch benachteiligt. Es ist eine Erfahrung, die ich von Lehrern (M), mit denen ich gesprochen habe, gehört habe, dass Mädchen mit Migrationshintergrund oft sehr fleißig sind, wohingegen viele junge Migranten muslimischen Glaubens ein völlig anderes Selbstverständnis mitbringen. Sie sehen es zum Teil als unter ihrer Würde sich von Frauen unterrichten zu lassen und ihr Selbstwertgefühl hängt weniger am Lernerfolg, als an einem besonders machohaftem Auftreten. Das ist im übrigen auch ein Phänomen, das man in der arabischen Welt beobachtet. Es gibt da heute zum Teil wesentlich mehr Studentinnen selbst in den Naturwissenschaften als Studenten. Das Argument, dass Männer dort benachteiligt werden, dürfte wohl dort eindeutig nicht zu treffen.

    • Nein, das ist nicht dieselbe Argumentation, denn es gibt empirische Belege dafür, dass z.B. Jungen mehr leisten müssen als Mädchen, um dieselbe Bewertung zu erreichen. Die Belege sind übrigens im Text verlinkt.
      Und im Bezug auf Migranten gibt es Unmengen von Untersuchungen, die zeigen, wie Stereotype, wie diejenigen, die ihre Erfahrungspartner weitergeben, die Bewertung von Migranten negativ beeinflussen. Wir sprechen übrigens nur zu einem geringen Teil von Muslimen, wenn es um Migranten geht, am schlechtesten schneiden nach wie vor Kinder italienischer Eltern ab, denen man kaum muslimischen Glauben unterstellen kann. Im übrigen mag es hilfreich sein, wenn man die schulische Praxis untersucht und Gespräche mit Lehrern führt, aber die Aussagen von Lehrern, die ja letztlich die Bildungsungleichheit verursachen, als Argument zu benutzen, kommt dem Versuch gleich, die Raupe zu befragen, wer das Blatt aufgefressen hat.

      • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

        Sehr guter Kommentar, Michael!

        Du weißt das natürlich alles, u.a., weil ich Dich jahrelang mit all dem genervt habe bzw. wir in diesem Feld viel und lange zusammengearbeitet haben….

        Aber vielleich darf ich Darf ich an dieser Stelle aus gegebenem Anlass den Kommentatoren “Nachdenklicher” und alle anderen an diesem Thema Interessierten auf mein Buch “Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien im deutschen Bildungssystem: Erklärungen und empirische Befunde” (in der 3. Auflage aus 2010) verweisen. Ich kann guten Gewissens sagen, dass bislang keine Forschung durchgeführt wurde, die dem, was dort zu lesen ist, etwas wirklich Nennenswertes hinzugefügt hätte.

      • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

        P.S. Anfügen sollte man vielleicht noch, um Missverständnisse zu vermeiden, dass Lehrer die Bildungsungerechtigkeiten nicht allein verursachen, aber durchaus MITverursachen, z.B. wenn von ihnen erwartet wird, dass sie Gutachten für Kinder erstellen, die an Förderschulen überwiesen werden sollen, oder die die Grundlage dafür bieten, Kinder dorthin zu überstellen, und sie dieser Erwartung entsprechen, ohne die Praxis zu hinterfragen, wenn nicht, ohne sich an ihr zu beteiligen. Naja, solche Dinge haben ja schon Gomolla und Radtke in ihrer wichtigen Studie über “Institutionelle Diskriminierung” nachgewiesen.

        Tatsächlich zeigt aber nicht nur die Studie von Gomolla und Radtke, dass sich manche oder vielleicht sogar viele Lehrkräfte von Alltagstheorien, z.B. über die Verhältnisse in mehrheitlich muslimischen Gesellschaften und – per Fehlschluss – in Migrantenfamilien leiten lassen – von wegen Macho-Verhalten und so. (Und selbst dann, wenn sich jemand machohaft verhält, dann ist immer noch zu zeigen, wieso und wie das für seine Leistung z.B. im Rechnen relevant ist oder zumindest sein soll.) Bis da ein Schuh draus wird, wie man so schön sagt, muss man noch ziemlich viele Nähte schließen.

        Ich erlaube mir, in diesem Zusammenhang noch einmal auf mein Buch “Kinder und Jugendliche in Migrantenfamilien …” zu verweisen, und zwar auf das Kapitel, in dem es um kulturalistische Erklärungen für Bildungserfolg oder -misserfolg (mit Bezug auf Migrantenkinder) geht. Sie dürften theoretisch wie empirisch die schwächsten unter den bislang diskutierten Erklärungen sein.

  7. nörgler says:

    Wenn dies zutrifft, dann kann man die vergangenen Zustände getrost mit der Apartheid in Südafrika vergleichen, bildungstechnisch gesehen…

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