Vermeintliche Armut ist an allem schuld – Junk Science aus dem Hause Bertelsmann

“Armut ist Risiko für Entwicklung von Kindern”, so steht es in der Überschrift einer Pressemeldung aus der Bertelsmann-Stiftung. Die Überschrift soll die Ergebnisse einer Studie zusammenfassen, die Bertelsmann finanziert hat. Geforscht haben im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung Forscher am Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung der Universität Bochum. Beforscht haben sie Schuleingangsuntersuchungen.

Naja, nicht wirklich beforscht – eher ausgezählt, bivariat, mit Kreuztabellen. Dies jedenfalls ist der Eindruck, den die Pressemeldung vermittelt. Bleiben wir noch eine Weile bei der Pressemeldung. “Ein Auwachsen in Armut beeinträchtigt die Entwicklung von Kindern”, so wird behauptet, bevor bivariate Ergebnisse für “armutsgefährdete Kinder” berichtet werden.

rubbish in binUnd eigentlich könnte man hier die Pressemeldung schon in den Mülleimer werfen, denn offensichtlich sollen die Ergebnisse genutzt werden, um Stimmung zu machen, um all die guten Menschen aus ihren Löchern zu holen, die beim Wort “Armut” so richtig erregt werden und etwas brauchen, um ihre Gutheit daran abzuarbeiten. Dazu eignet sich Armut immer besser als Armutsgefährdung, heißt doch Armutsgefährdung, dass die Armut drohen könnte, aber noch nicht da ist, und entsprechend sind wir alle von Armut gefährdet. Da ist Armut schon besser als Begriff.

Betrachten wir, was in der Pressemeldung über armutsgefährdete Kinder, die nach der Logik von Maria Dropp, die die Meldung wohl verbrochen hat, zwar armutsgefährdet sind, aber dennoch in Armut leben, berichtet wird:

“Während 43,2 Prozent der armutsgefährdeten Kinder mangelhaft Deutsch sprechen, wurde dies nur 14,3 Prozent der nicht-armutsgefährdeten Kinder attestiert. Probleme in der Körperkoordination haben 24,5 Prozent der Kinder aus SGB-II-Familien (Übrige: 14,6). Ähnliches gilt für die Visuomotorik, der Koordination von Auge und Hand (25 zu 11 Prozent). 29,1 Prozent der armutsgefährdeten Kinder haben Defizite in ihrer selektiven Wahrnehmung (Übrige: 17,5), Probleme beim Zählen haben 28 Prozent (Übrige: 12,4). Adipös, also deutlich übergewichtig, sind 8,8 Prozent der Kinder, die von staatlicher Grundsicherung leben (Übrige: 3,7).”

Und an all dem, so verkünden die Bertelsmänner, ist die Armut, also die Armutsgefährdung, bzw. der SGB-II-Bezug, nein die staatliche Grundsicherung schuld. Nur, wie macht die Armut das? Oder war es die Armutsgefährdung, der SGB-II-Bezug oder die staatliche Grundsicherung, die verhindert, dass Kinder richtig sprechen lernen, keine normal entwickelteVisumotorik haben und sich konzentrieren können? Wie auch immer, irgendwie wird es schon die Armut sein.

Es ist wirklich erstaunlich, wie gerne man in Deutschland Entitäten wie Armut oder Armutsgefährdung bemüht, um konkrete Befunde von Forschungen zu erklären. Es ist insofern erstaunlich, als es eigentlich naheliegen würde, nicht eine abstrakte Situationsbeschreibung wie Armut oder Armutsgefährdung als erklärende Variable einzuführen, sondern konkrete Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen.

Wenn Kinder mit 6 Jahren, wenn sie der Einschulungsuntersuchung unterzogen werden, nicht richtig sprechen können, nicht richtig zählen können, die Koordination zwischen Augen und Hand nicht richtig hinbekommen, fett sind, motorische Störungen aufweisen und sich nicht konzentrieren können, dann liegt eigentlich der Schluss nahe, dass die entsprechenden Kinder vernachlässigt wurden: Niemand scheint mit ihnen gesprochen zu haben. Niemand scheint sich mit ihnen zu bewegen. Niemand scheint mit ihnen zu zählen, niemand sich schlicht um sie zu kümmern.

Da fragt sich: Wer ist dieser Niemand, der sich nicht um Kinder kümmert?

Sind es die Angestellten in den Kindertagesstätten, die die Kinder spätestens ab dem vierten Lebensjahr besuchen? Oder sind es am Ende die Eltern? Muss man am Ende das Undenkbare denken: Nicht jeder, der sich fortpflanzen kann, ist in der Lage oder willig, Kinder auch zu erziehen. Bringen manche Eltern schlicht nicht die menschliche Reife, die geistige Reife, das Humankapital, die Fähigkeit oder den Willen mit, um Kinder zu erziehen? (Ähnliche Fragen lassen sich für Angestellte in Kindertagesstätten formulieren.)

Nein, derartige Fragen stellen wir lieber nicht. Es ist viel bequemer eine Entität zu erfinden, nennen wir sie Armut, und die Verantwortung auf die Armut abzuschieben, dann muss man nicht überlegen, ob finanzielle Anreize für Kinderbesitz die Ursache dafür sind, dass Kinder von Personen in die Welt gesetz werden, die keinerlei Interesse, außer vielleicht einem finanziellen an diesen Kindern haben. Nein, derartige Fragen stören die Reinheit staatlicher Kinderalimentierung, und entsprechend werden sie nicht gestellt.

Und außerdem zeigt ja die Studie der Bertelsmänner, dass Kinder, die in Armut oder Armutsgefährdung (ist ja wurtscht, eines von beiden) aufwachsen, häufiger unter denen zu finden sind, die nicht richtig sprechen, sich nicht richtig bewegen, nicht richtig zählen und dergleichen können, als Kinder, die nicht in Armut oder Armutsgefährdung oder was auch immer aufwachsen.

Aber zeigt sie das wirklich?

Die Studie, auf die sich die Pressemeldung bezieht, haben Thomas Groos und Nora Jehles erstellt, und man findet die Studie tatsächlich frei zugänglich bei Bertelsmann, was ungewöhnlich ist.

Bertelsmanns ArmutEin erster neugieriger Blick in die Studie, um zu erfahren, was denn nun gemessen wurde, Armut oder Armutsgefährdung, zeigt: Keines von beiden. Gemessen wurde, ob Kinder in einer Familie aufwachsen, die eine Grundsicherung nach SGB-II beziehen. Das hat nun mit Armut überhaupt nichts zu tun, nicht einmal mit Armutsgefährdung, wie eine einfache Rechnung zeigt:

  • Zwei Erwachsene, die SGB-II beziehen, erhalten 720 Euro;
  • Für ein Kind unter 6 Jahren erhalten sie zudem 234 Euro;
  • Eine Wohnung für drei Personen wird mit 542 Euro bezuschusst;
  • Ohne sonstige und Sonderzahlungen kommt ein Dreipersonenhaushalt somit nach SGB-II auf: 1.496 Euro im Monat.
  • Im Jahr 2013 beträgt das Bruttoäquivalenzeinkommen 19.582 Euro. 60% geben die mathematische Grenze an, die willkürlich gesetzt wurde, um von Armutsgefährdung sprechen zu können. 60% von 19.582 Euro macht ein monatliches Haushaltseinkommen von 979,10 Euro und somit deutilch weniger als in der Beispielrechnung nach SGB II.

Wie sich zeigt, wird in der Studie der Bertelsmannstiftung zwar von Armut gesprochen, aber es wird keine Armut gemessen. Dennoch haben Groos und Jehle in ihrem Bericht kein Problem, das Wort “Armut” 181 Mal zu verwenden. Dagegen kommt der Begriff “Armutsgefährdung” überhaupt nicht vor. Er muss entsprechend als Erfindung dessen angesehen werden, der die Pressemeldung erstellt hat.

Aber was soll man von einer Studie halten, in der schlicht behauptet wird, SGB-II-Bezieher (Hartz-IV) wären arm und nicht nur das, die Armut, in der sie leben, wäre dafür verantwortlich, dass die Kinder dieser armen Hartz-IVler, also die armen Kinder der armen Eltern erhebliche Entwicklungsdefizite aufweisen? Und überhaupt, wie hat man sich das vorzustellen? Haben Hartz-IV-Eltern weniger Zeit als andere Eltern, um ihren Kindern vorzulesen, mit ihnen zu spielen, zu zählen, mit ihnen zu sprechen, damit sich Motorik, Sprachvermögen usw. bei diesen Kindern normal entwickeln können?

Nein, derartige Fragen stellen Groos und Jehle nicht. Sie haben sich vorgenommen, Armut zu finden und Armut für alles verantwortlich zu machen, was sie sonst noch an Negativem finden. Sie haben sich nicht vorgenommen, eine wissenschaftliche Untersuchung durchzuführen und zu erklären, wie es dazu kommen kann, dass die Kinder von Hartz-IV-Beziehern so vernachlässigt sind.

Und in ihrem Bemühen, Armut verantwortlich zu machen, übersehen sie ihre eigenen Ergebnisse, die sie in den – wie könnte es anders sein – logistischen Regressionen finden könnten, die sie berechnet haben. Ein Blick auf die Tabellen A1 bis A4 im Anhang reicht aus, um zu sehen, dass die Erklärung mit der Armut nicht nur deshalb Humbug ist, weil Groos und Jehle gar keine Armut gemessen haben.

Denn:

  • Jungen haben häufiger als Mädchen Koordinationsstörungen, Konzentrationsstörungen und Probleme mit dem Zählen;

Es ist schon erstaunlich, dass die von Groos und Jehle herbeiphantasierte Armut auf Jungen stärker wirkt als auf Mädchen. Glaubte man wirklich, dass das, was Groos und Jehle hier berichten, kein Humbug ist, man müsste der Stadt Mühlheim, von der die Daten stammen, empfehlen, vornehmlich Jungen aus Hartz-IV-Familien zu fördern. Das wird natürlich nicht geschehen.

Es ist auch nicht notwendig, denn die Ergebnisse sprechen für sich:

  • Mangelhaftes Deutsch steht mit allen Entwicklungsstörungen in Zusammenhang. Wer mit sechs Jahren nicht richtig sprechen kann, der kann auch nicht richtig zählen, hat Konzentrationsstörungen, Koordinations- und motorische Störungen.
  • Kinder mit den entsprechenden Problemen finden sich vornehmlich bei Eltern, die unterdurchschnittlich gebildet sind und Hartz IV beziehen.

Daraus muss man den Schluss ziehen, dass eine latente Variable erklärt, warum Eltern ihre Kinder so vernachlässigen, dass sie die beschriebenen Störungen haben, die erklärt, warum Eltern nur gering gebildet sind und die erklärt, warum die Eltern keinen Arbeitsplatz haben. Was liegt näher als anzunehmen, dass es Probleme in der Persönlichkeit der Eltern sind, die sie in gleichem Maße unfähig oder unwilig machen, eine Arbeit aufzunehmen und Kinder zu erziehen. Der Bezug von Hartz-IV wäre entsprrechend das Ergebnis der Persönlichkeit der Eltern, die Vernachlässigung der Kinder ebenso. Nicht Armut ist deshalb der Grund dafür, dass Kinder nicht richtig sprechen können, motorische Störungen und Koordinationsstörungen aufweisen, sondern das Pech, das sie mit ihren Eltern hatten, ist die Ursache, denn diese Eltern sind schlicht nicht in der Lage oder schlicht nicht willig, ihre Kinder zu erziehen.

Man muss eigentlich nicht lange nachdenken, um zu diesem Schluss zu kommen. Er drängt sich quasi auf, normaldenkenden Menschen drängt er sich auf, nicht Politikern, die denken, wenn sie finanzielle Anreize für Fertilität setzen, dann wären sie nicht verantwortlich für die Vernachlässigung von Kindern.

Eigentlich ist es an der Zeit, die Politiker, die mit ihren finanziellen Geschenken dafür verantwortlich sind, dass Kinder vernachlässigt werden und bereits bei der Einschulungsuntersuchung deutlich ist, dass die entsprechenden Kinder ohne Chance in ihrer Gesellschaft sind, zur Rechenschaft zu ziehen, für die vielen Kollateralschäden, die ihren Weg pflastern.

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