Die Dummheit lebt: Auch nach 100 Jahren kein Lerneffekt

Unter denen, die sich für progressive Wissenschaftler halten, weil sie im 20. Jahrhundert das sozialwissenschaftliche Rad entdeckt zu haben glauben, ist ein Irrglaube kaum auszurotten, nämlich, dass (richtige) Wissenschaftler davon ausgingen „… dass Wissenschaft wertungs- und haltungsfrei, also ‚objektiv„ [sei]“ (Dirim et al. 2016: 88). Selbst derartigen Unsinn kann man noch steigern, z.B. mit Köhnen, der meint, dass Kritiker der sogenannten Gender Studies wissenschaftliche Objektivität auffassen würden „als normative Neutralität und Interesselosigkeit“ (Köhnen (2014: 51, zitiert nach Dirim et al. 2016: 90).

Dr habil. Heike Diefenbach hat diesem Unsinn in ihrem Beitrag „Die Dämonisierung der Anderen und die Inszenierung von Kritik als Häresie“ ein Kapitel (5.1) gewidmet und sich damit in der Gegenwart zu den großen Soziologen und Wissenschaftlern gesellt, die sich seit 1917 gegen diesen Irrsinn, gegen diese „Missverständnisse“, die man nur noch auf Dummheit zurückführen kann, gewendet haben. Wir zitieren an dieser Stelle René König, den Großmeister der deutschen Soziologie, der im Jahre 1964 in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie einen Beitrag mit dem Titel „Einige Überlegungen zur Frage der ‚Werturteilsfreiheit‘ bei Max Weber“ veröffentlicht hat, einen Beitrag der zeigt, wie zeitlos Dummheit ist, denn der Zustand „zutiefster Deprimierung“, der König beim Blick auf Teile der deutschen Sozialwissenschaften ereilt, er entspricht dem Zustand zutiefster Deprimierung, den wir erreichen, wenn wieder einmal ein pseudo-wissenschaftlicher Dünnbrettbohrer sein Unverständnis über wissenschaftliche Probleme formuliert, die schon vor nunmehr einem Jahrhundert gelöst wurden.

Übergeben wir René König das Wort:

„Schon Max Weber war sich klar darüber, dass die Diskussion um die ‚Wertfreiheit der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften‘, die er ja selber ausgelöst hatte, von Anfang an schiefgelaufen war. So schreibt er in dem erwähnten Aufsatz [Der Sinn der ‚Wertfreiheit‘ der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften]: ‚Unendliches Missverständnis und vor allem terminologischer, daher gänzlich steriler Streit hat sich an das Wort Werturteil geknüpft, welches zur Sache offenbar gar nichts austrägt. Es ist … ganz unzweideutig, dass es sich bei diesen Erörterungen für unsere Disziplinen um praktische Wertungen sozialer Tatsachen als ‚unter ethischen oder unter Kulturgesichtspunkten oder aus anderen Gründen‘ wünschenswert oder unerwünscht handelt. Dass die Wissenschaft 1. ‚wertvolle‘, d.h. logisch und sachlich gewertet richtige und 2. ‚wertvolle‘, d.h. im Sinne des wissenschaftlichen Interesses wichtige Resultate zu erzielen wünscht, dass ferner schon die Auswahl des Stoffes eine ‚Wertung‘ enthält – solche Dinge sind trotz alles darüber Gesagten allen Ernstes als Einwände aufgetaucht. Nicht minder ist das fast unbegreiflich starke Missverständnis immer wieder entstanden: als ob behauptet würde, dass die empirische Wissenschaft ‚subjektive‘ Wertungen von Menschen nicht als Objekt behandeln könne (während doch die Soziologie und die Nationalökonomie aber die ganze Grenznutzenlehre auf der gegenteiligen Voraussetzung beruht). Aber es handelt sich doch ausschließlich um die an sich höchst triviale Forderung: dass der Forscher und Darsteller die Feststellung empirischer Tatsachen (einschließlich des von ihm festgestellten ‚wertenden‘ Verhaltens der von ihm untersuchten empirischen Menschen) und seine praktisch wertende, d.h. diese Tatsachen (einschließlich etwaiger zum Objekt seiner Untersuchung gemachten ‚Wertungen‘ von empirischen Menschen) als erfreulich oder unerfreulich beurteilende, in diesem Sinne ‚bewertende‘ Stellungnahme unbedingt auseinanderhalten sollte, weil es sich da nun um heterogene Probleme handelt‘.

Es kann den interessierten und beteiligten Betrachter nur zutiefst deprimieren, wenn man neueste Äußerungen zum gleichen Thema liest und plötzlich feststellen muss, dass ausnahmslos alle von Max Weber erwähnten ‚Missverständnisse‘ heute noch genauso lebendig sind wie vor einem halben Jahrhundert“ (König 1964: 1-2).

Als René König diesen Text geschrieben hat, waren 47 Jahre seit der Veröffentlichung des Aufsatzes von Max Weber vergangen. Weitere 53 Jahres später ist das Jahrhundert voll, aber geändert hat sich weiterhin nichts: Immer noch gibt es Personen, die sich Urteile, Werturteile und Aussagen über Dinge anmaßen, von denen sie überhaupt nichts verstehen. Immer noch gibt es Personen, die den wissenschaftlichen Fortschritt dadurch behindern, dass sie Unsinn niederschreiben und veröffentlichen, der dazu beiträgt, dass die sozialwissenschaftliche Diskussion um 100 Jahre zurückversetzt wird und erneut die Kämpfe austragen muss, die bereits zu Max Webers Zeiten die Intelligenten von den Dummen getrennt haben, jene Dummen, die nicht zu verstehen im Stande sind, die „höchst triviale Forderung … empirische Tatsache“ und die (Be-)Wertung derselben auseinanderzuhalten.

Indes, damals war es nicht so einfach, seine Dummheit in Worte zu gießen und zu publizieren und natürlich war damals der Genderismus und seine Abarten in Anti-Rassismus, Whiteness-Studies, Gender Studies und sonstigen Ansammlungen akademischer Halbgebildeter noch nicht existent.

Die Dummheit lebt.

Dirim, Inci, Castro Varela, Maria do Mar, Heinemann, Alisha M. B., Khakpour, Natascha, Pokitsch, Doris & Schweiger, Hannes, 2016: Nichts als Ideologie? Eine Replik auf die Abwertung rassismuskrititscher Arbeitsweisen. In: Castro Varela, Maria do Mar & Mecheril, Paul (Hrsg.): Die Dämonisierung der Anderen: Rassismuskritik der Gegenwart. Bielefeld: transcript, S.85-96.

Literatur

König, René (1964). Einige Anmerkungen zur Frage der ‘Werturteilsfreiheit’ bei Max Weber. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 16(1): 1-29.

Weber, Max (1917). Der Sinn der Wertfreiheit der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften.

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