„Wissenschaftsidioten“ damals und heute: Die merkwürdige Aktualität des Kampfes von A. R. Wallace gegen ein staatliches Impfprogramm

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Vielleicht ist Ihnen der Name des am 08. Januar 1823 in Llanbadoc im walisischen County Monmouthshire geborenen Alfred Russel Wallace ein Begriff. Falls er es ist, verorten Sie ihn wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Evolutionstheorie oder genauer: als „Konkurrenten“ von Charles Darwin – dem Wallace selbst allerdings persönliche Wertschätzung und sogar freundschaftliche Gefühle entgegengebracht hat, wie die entsprechende Widmung eines seiner Bücher (Wallace 1869) an Darwin zeigt. Sie wissen vielleicht, dass Wallace im Jahr 1855 ein Papier mit dem Titel „On the Law Which Has Regulated the Introduction of New Species” verfasst hat, in dem Wallace sein Verständnis der Prozesse darlegt, das seiner Theorie der Evolution der biologischen Lebensformen zugrundeliegt. Sie wissen vielleicht auch, dass Wallace seine diesbezüglichen Ideen ein paar Jahre später mit denjenigen von Thomas Malthus in Verbindung gebracht hat und entsprechend weiterentwickelt hat, woraus ein weiteres Papier resultierte, das Wallace an Darwin schickte, woraufhin sich Darwin (auch unter dem Einfluss von Charles Lyell; s. hierzu van Wyhe 2016) beeilte, sein „Origin of the Species“ zu veröffentlichen, um damit als „der“ Schöpfer der Evolutionstheorie in die Geschichte einzugehen.

Oder Sie haben von Wallace im Zusammenhang mit seinen mehrjährigen Aufenthalten im Amazonas und im Malayischen Archipel gehört, die er unternommen hat, um dort „specimens of natural history“ zu sammeln; seine „Eastern collection“, die er auf seinen Reisen im Malayischen Archipel zusammengetragen hat, umfasst nach seinen eigenen Angaben 125.660 „specimens of natural history“, darunter einhundert Reptilien, 8.050 Vögel und 7.500 Muscheln (Wallace 1869: xiv), von denen einige erstmals von Wallace für die Zoologie entdeckt und dokumentiert wurden (Raby 2002: 2).

Oder vielleicht kennen Sie Wallace sogar als denjenigen, der zuerst aus biologischer Sicht über die Wahrscheinlichkeit der Existenz von Leben auf anderen Planeten – inklusive der Möglichkeit von Leben auf dem Mars – (Wallace 1904) spekuliert hat.

Aber wahrscheinlich ist Ihnen Alfred Russel Wallace nicht als bekanntes und wichtiges Mitglied der breiten Anti-Impf-Bewegung im Britannien des späten 19. Jahrhunderts bekannt, die sich in Reaktion auf das Impfgesetz aus dem Jahr 1853, das die Impfung gegen Pocken verpflichtend machte und Bestrafungen von Eltern, die der Impfverpflichtung für ihre Kinder nicht nachkamen, vorsah, und das in den Jahren 1867 und 1871 verschärft wurde, geformt hatte. Gegen diese Gesetze bzw. ihre Befolgung gab es breiten Widerstand, angesichts dessen das britische Parlament im Jahr 1896 eine Kommission einrichtete, die Vorschläge zur Reformierung der Imfpregelungen machen sollte. Diese Kommission schlug eine Ausnahmeregelung vor, die 1898 schließlich in ein entsprechendes Gesetz überführt wurde. Im selben Jahr veröffentlichte Wallace seine Schrift mit dem Titel „Vaccination a Delusion, Its Enforcement a Crime“. Sein Vorwort zu dieser Schrift beginnt Wallace mit den Sätzen:

„This Essay has been written for the purposes of influencing Parliament, and securing the speedy abolition of the unjust, cruel, and pernicious Vaccination laws. For this purpose it has been necessary to speak plainly of the ignorance and incompetence displayed by the Royal Commission, proofs of which I give from their ‘Final Report’ and the evidence they have collected and printed. I most solemnly urge upon our Legislators that this is a question not only of the liberties of Englishmen, but one affecting the lives of their children, and the health of the whole community; and that they will be individually responsible if they do not inquire into this matter for themselves, – not accept the statements or opinions of others” (Wallace 1898: 3; Hervorhebung im Original).

Dass Wallace aktives Mitglied und Vertreter der Anti-Impf-Bewegung gewesen ist und sich mit der genannten Schrift – und einer im Jahr 1889 veröffentlichen Schrift mit dem Titel „Vaccination Proved Useless and Dangerous“ öffentlich gegen die Regierung bzw. ihre Kommission gewandt hat, mag ein Grund dafür sein, dass Wallace trotz seiner vielen unbestreitbaren Leistungen in der Wissenschaftsgeschichte bislang vernachlässigt worden ist, denn in der die Wissenschaft pervertierenden Erzählung von der Wissenschaft als Geberin eindeutiger, unumstößlicher Antworten, die der Menschheit das Heil bringen kann, wenn nur auf der Basis dieser Antworten gehandelt wird, haben Impfgegner keinen Platz – damals wie heute.



Dabei wäre die Debatte um das Für und Wider von Impfungen gut geeignet, um zu illustrieren, dass und warum „die“ Wissenschaft niemals „settled“, ist, Wissenschaft niemals „am Ende“ angekommen ist und ein für alle Mal entschieden hat, was richtig ist und welches Verhalten daraus als das richtige Verhalten für Menschen abzuleiten wäre.

Auf der erkenntnistheoretischen Ebene – um von der praktischen, die u.a. Eigeninteressen und Kollusionen von Forschern und Wissenschafts“verwendern“ umfasst, gar nicht zu sprechen – hat das damit zu tun, dass man Dinge niemals als endgültig und für immer zutreffend oder wahr erweisen kann, denn zu einem bestimmten Zeitpunkt hat man niemals alle für die in Frage stehende Sache relevanten Beobachtungen gemacht; man kann nicht in die Zukunft sehen, und es gibt immer Ausnahmen von dem, was als Regel erscheint. Wissenschaft begnügt sich daher damit, festzustellen, was falsch ist, denn um festzustellen, was falsch ist, benötigt man nur wenige Beobachtungen, die der Vermutung, die man geäußert hat, widersprechen. Solche – man nennt sie im Anschluss an Karl Raimund Poppers diesbezügliche Argumentation (vielleicht am einfachsten verständlich in Popper 1963 erläutert) – falsifizierende Beobachtungen sind geradezu notwendig, um Wissenschaft voranzutreiben, denn nur solche Beobachtungen geben Anlass, die Vermutung umzuformulieren, einzuschränken, zu spezifizieren, sie so zu verändern, dass die falsifizierende Beobachtung erklärbar wird, oder, wenn das nicht möglich ist, die Vermutung zu verwerfen und alternative Vermutungen zu formulieren. Das ist es, was Wissenschaft vorantreibt, was sie als menschliches Projekt zur Gewinnung von Kenntnissen über die Welt möglich macht. Die sterile Sammlung von Beobachtungen, die im Einklang mit einer bestehenden Vermutung stehen, befördert die Wissenschaft jedoch nicht, denn aus ihr lernt man bestenfalls, wie groß die Wahrscheinlichkeit sein mag, dass diese Vermutung irgendwann demnächst widerlegt wird, aber sie kann die Vermutung nicht als endgültig und immer und für alle Zeiten als wahr erweisen. Es ist deshalb ein grundlegendes Mißverständnis, wenn man meint, Wissenschaft könne, wolle oder solle bestimmte Dinge als wahr beweisen und Menschen den Weg zur „richtigen“ Lebensgestaltung weisen. Tatsächlich ist diese Idee geradezu wissenschaftsfeindlich insofern sie die immerwährende Suche nach Wissen künstlich abzukürzen oder zu beenden versucht und damit eine „ewige“ Heilslehre zu etablieren versucht, die, einmal etabliert, eine absolutistische Lehre ist und keinerlei Raum für Wissenschaft als immerwährendes menschliches Projekt zur Gewinnung von Kenntnissen über die Welt läßt.

Wie weit dieses Mißverständnis bzw. diese pervertierte Auffassung von dem, was Wissenschaft sei, verbreitet ist oder wie viele Personen einen persönlichen Nutzen daraus ziehen, dieses Mißverständnis zu kultivieren, wird in diesen Tagen deutlich im Zusammenhang mit der These vom menschengemachten Klimawandel erkennbar – und im Zusammenhang mit dem Kampf gegen Covid-19, der inzwischen auch mit Hilfe von Impfungen geführt und gewonnen werden soll. So werden alle, die Zweifel daran haben, dass es sich bei Covid-19 um eine vergleichsweise gefährliche Viruserkrankung handelt, oder daran, dass die mitgeteilten Zahlen von Covid-19-Fällen oder –Toten zuverlässig sind, oder Zweifel an der Wirksamkeit von speziellen Maßnahmen, darunter Impfungen, haben, alle gleichermaßen als „Covidioten“ betitelt, so als könne diese abwertende Bezeichnung als Ersatz für Argumente gelten, die geeignet wären, die Zweifel auszuräumen. Wer selbst keine Argumente hat oder die eigenen Argumenten für wenig belastbar hält und mit einer psychologischen Befindlichkeit belastet ist, die es ihm unmöglich macht, seine Auffassungen an belastbaren Argumenten auszurichten statt an Vorurteilen oder liebgewonnenen oder gewohnheitsmäßigen Solidaritäten, neigt anscheinend dazu, angesichts der kaum möglichen Verteidigung seinerseits in den Angriffsmodus zu wechseln.

Und diese Strategie lässt sich auch im Umgang mit Alfred Russel Wallace im Zusammenhang mit seiner Impf-Kritik beobachten, wie z.B. die Stellungnahme von Smith Ely Jelliffe, dem Herausgeber der Wochenzeitschrift „Medical News“, im Jahr 1901 zur Impf-Kritik von Wallace deutlich macht. In seinem „Editorial“ geht es überhaupt nicht um die Argumente von Wallace und dementsprechend auch nicht um Belege dafür, warum sie falsch sind oder sein könnten. Statt dessen wird von Jelliffe – logisch widersprüchlich, denn warum sollte etwas gesagt werden müssen, was nicht gesagt werden muss!? – verfügt:

„Needless to say this tirade [damit bzeichnet Jellife Wallace‘ zusammenfassende Einschätzung des (Un-/)Wertes von Impfungen] is only wild vaporing of a fanatical antivacc[s]inationist“ (Jelliffe 1901: 103).

Und weil Jelliffe selbst anscheinend meinte, dass das unnötig zu Sagende, das er dennoch meinte, sagen zu müssen, irgendeine Form von argumentativer Unterstützung gebrauchen könnte, schreibt er weiter:

„Vaccination has constantly grown in medical favour all over the world during the last twenty-five years. The more thoroughly it has been tried, the more confidence has it elicited in its power to protect. The armies of Europe present the best proof of this. They are ruled by men who would soon do away with the bother of vaccination were it not for the profound and growing conviction that to Jenner’s discovery and its universal application are due the modern freedom from smallpox in camp and barracks. The disease was one of the worst and most feared scourges of army life, and is now almost unknown” (Jelliffe 1901: 103).

Allerdings sind dies alles keine belastbaren Argumente, sondern logische Fehlschlüsse. Gleich im ersten Satz begeht Jelliffe den Fehlschluss ad populum, der darin besteht zu meinen, dass etwas, was beliebt oder weit verbreitet ist oder von vielen geglaubt wird, faktisch zutreffend sein müsse. Durch den Verweis im Zitat auf „medical favour“ reichert Jelliffe den Fehlschluss ad populum mit einem weiteren Fehlschluss an, nämlich dem Fehlschluss ad auctoritatem. Er besteht darin, zu meinen, dass etwas faktisch zutreffend sein müsse, weil es von jemandem vertreten wird, von dem man selbst meint, dass das Urteil dieser Person über die in Frage stehende Sache verläßlich oder sogar verbindlich sei. Der Verweis auf die Abwesenheit von Pockenerkrankungen in Armeeunterkünften ist schon insofern wenig überzeugend als dem Leser keine Möglichkeit gegeben wird, zu überprüfen, ob er in dieser generellen Formulierung überhaupt zutrifft.

Der gesamte Rest des Textes – und es handelt sich dabei um zwei Drittel des Textes – besteht in einer Sammlung von Überzeugungen, Thesen oder Zukunftserwartungen, die Wallace mit Bezug auf andere Dinge als Impfungen geäußert hat und die nach Meinung von Jelliffe dazu geeignet sind, die Person von Wallace zu diskreditieren, weil er, Jelliffe, diese von Wallace geäußerten Überzeugungen, Thesen oder Zukunftserwartungen –wie z.B. diejenige, dass es eines Tages möglich sein würde, über Gedankenübertragung zu kommunizieren – für ebenso verfehlt hält wie seine Impfkritik:

„Mr. Wallace’s surprising declaration can be properly understood only by a knowledge of his views on other matters related to medicine, of which he knows as little and has perhaps even less reason for his opinions than on vaccination … “ (Jelliffe 1901: 103).

Hier rundet Jelliffe sein Repertoire der logischen Fehlschlüsse durch eine Tautologie ab: wenn er etwas, das jemand sagt, nicht richtig findet, dann zeigt das, dass es richtig ist, wenn er etwas anderes, das dieselbe Person sagt, nicht richtig findet. Jelliffe bewegt sich damit in einer argumentative Endlosspirale, die ins Nichts führt, also sein Denken stagnieren lässt.

Sogar dann, wenn man Jelliffe prinzipiell darin zustimmen wollte, dass Wallace als Nicht-Mediziner von Medizin nichts verstünde, dann wäre dieses Argument gegen die Impfkritik von Wallace weitgehend verfehlt, denn die Impfkritik, die Wallace vornimmt, basiert – übrigens ebenso wie die Fürsprache für Impfungen und speziell für Impfpflicht durch seine Gegner – im Wesentlichen auf der Interpretation statistischer Daten, ganz so, wie das heute im Zusammenhang mit Covid-19 der Fall ist.

Um wieder aus dem Vorwort, das Wallace zu seiner Schrift verfasst hat, zu zitieren:

„I thus absolutely prove, first, that in all previous legislation they have been misled by facts and figures that are untrue and by promises that have been all unfulfilled; and that similar misstatements have characterised the whole official advocacy of Vaccination from the time of Jenner down this day” (Wallace 1898: 3).

Wallace war kein Impfgegner „aus Prinzip“. Wie Weber berichtet, hatte sich Wallace als junger Mann vor seiner Reise nach Südamerika impfen lassen, und auch seine drei Kinder waren geimpft (Weber 2010: 666). Sein späterer Widerstand gegen Zwangsimpfungen der Bevölkerung war zum einen durch seine holistische Auffassung von Gesundheit begründet:

„… he was convinced that smallpox was a contagious disease, but he also was certain that differences in susceptibility caused by nutritional or sanitary deficiencies played a major role in the epidemiology of the disease” (Weber 2010: 666).

Wallace wandte sich vor diesem Hintergrund gegen Zwangsimpfungen aller ohne Rücksicht auf individuell variierende Erkrankungsrisiken.

Zum anderen – und wichtiger, wie die Lektüre von „Vaccination a Delusion“ zeigt – waren es die unzuverlässigen oder einfach falschen „facts and figures“, die für Wallace keinerlei tragfähige Grundlage dafür bildeten, sich ein einigermaßen verlässliches Bild davon zu machen, ob Impfungen oder hier: speziell die Pockenimpfung eine Wirkung haben oder die gewünschte Wirkung haben oder die gewünschte Wirkung in dem Ausmaß haben, dass sie eine Zwangsimpfung der Bevölkerung rechtfertigt.

In Webers zusammenfassender Darstellung waren es vor allem drei Behauptungen, die Wallace einer kritischen Prüfung unterzog:

„… 1) that death from smallpox was lower for vaccinated than for unvaccinated populations; 2), that the attack rate was lower for vaccinated populations; and 3) that vaccination alleviates the clinical symptoms of smallpox (Weber 2010: 666).

Bei seiner Überprüfung dieser Behauptungen stützte sich Wallace – ebenso wie die Impfbefürworter – auf Daten über Todesfälle, die auf die Pocken zurückgeführt wurden und die in Zeitreihen vorlagen. Aber Wallace interpretierte die verfügbaren Daten als solche nicht nur anders als die Impfbefürworter, er warf auch tiefergehende Fragen nach der Qualität der Daten auf:

„Wallace argued that the problem of determining vaccination status was serious and undermined the claims of this opponents. He asserted that the physicians’ belief in the efficacy of vaccination led to a bias in categorizing persons on the basis of interpretation of true or false vaccination scars. Additionally, epidemiologic data for vaccination status were seriously incomplete. Depending on the sample, the vaccination status of 30%-70% of the persons recorded as dying from smallpox was unknown. Furthermore, if a person contracted the disease shortly after vaccination, it was often entirely unclear if the patient should be categorized as vaccinated or unvaccinated. Provaccinationists argued that the error introduced by this ambiguity was most likely to be random and thus would not affect the estimate of the efficiency of the vaccine. In contrast, Wallace believed that doctors would have been more willing to report a death from smallpox in an unvaccinated patient and that this led to a serious bias and an overestimation of vaccine efficiency” (Weber 2010: 666).

Darüber hinaus bemerkte Wallace die gänzliche statistische Abwesenheit bis zum Jahr 1881 von Todesfällen, die als Todesfälle aufgrund von Impfungen kategorisiert wurden

„… while a few medical men, who have personally inquired into these results of vaccination, have found a large amount of mortality directly following the operation, together with a large percentage of subsequent disease, often lasting for years or during life, which, except for such private enquiries, would have remained altogether unknown and unacknowledged” (Wallace 1898: 83).

Eine Epidemie oder Pandemie ist eben nicht vorrangig eine medizinische Größe, sondern eine statistische, und Maßnahmen, die getroffen werden, um eine Epidemie oder Pandemie zu bekämpfen, zielen daher notwendigerweise auf die Veränderung der entsprechenden statistischen Größen ab. Welche medizinischen Sachverhalte den jeweiligen statistischen Größen zugrundeliegen, ist eine andere Frage.

Eben das zu zeigen, darum geht es in diesem Text (und nicht etwa darum, für oder gegen Impfungen im Allgemeinen zu argumentieren), und es geht darum zu zeigen, dass Impfgegner wie Wallace vor rund 150 Jahren nicht angemessen als Personen beschrieben werden können, die „der“ Wissenschaft gleichgültig oder ablehnend gegenüberstanden, oder allgemein als Unaufgeklärte, irgendwelchen irrationalen Überzeugungen Anhängende. Auch Weber hält diesen Punkt als ein Ergebnis seiner Arbeit fest:

„It is also unjustified to portray the debate as a controversy of science versus antiscience because the boundaries between orthodox and heterodox science we are certain of today were far less apparent in the Victorian era. What the scope and methods of science were or should be were topics still to be settled. It is thus unwarranted to portray 19th-century antivaccination campaigners generally as blindly religious, misguided, or irrational cranks. This judgment certainly does not apply to Alfred Russel Wallace” (Weber 2010: 667).

Aber sind wir heutzutage tatsächlich sicher darüber, was warum das Prädikat „wissenschaftlich“ verdient hat und was nicht? Sind wir uns heutzutage tatsächlich darüber einig, welche Methodologie Arbeiten mit Anspruch auf Wissenschaftlichkeit zugrundegelegt werden sollte? Kann zumindest das als „settled“ gelten?

Ruft man sich Angriffe auf „Normal“wissenschaft u.a. von Seiten von Konstruktivisten oder von Feministen in Erinnerung, die sich selbst zur „Wissenschaft“ zählen wollen, muss man daran erheblichen Zweifel haben. Aber auch ohne die Erinnerung an solche Versuche, „Wissenschaft“ unter gänzlich umgekehrten Vorzeichen neu zu definieren, sind Zweifel daran, dass heute – zumindest mit Bezug auf den praktischen Umgang mit „Wissenschaft“ etwas nennenswert anders sei vor rund 150 Jahren, gut begründet:

Ist z.B. die Bemerkung von Wallace, dass

„… doctors are not the best judges of the effects, beneficial or otherwise, of vaccination …” (Wallace 1898: 81; Hervorhebung im Original),

u.a. weil sie

“… interested parties, not merely in a pecuniary sense, but as affecting the prestige of the whole profession” (Wallace 1898: 13)

sind, heute nicht mehr zutreffend?

Ist heutzutage klar, dass statistische Daten über Todesfälle und die Kategorisierung von Todesfällen Ergebnisse von bestimmten Interpretationsprozessen und Kategorisierungsgewohnheiten sind und nicht realen medizinische Sachverhalte abbilden?

Und ist heute die Qualität dieser Daten tatsächlich so viel besser als vor rund 150 Jahren? Sind Sie darüber unterrichtet, inwieweit und auf welche Weise verschiedene Bevölkerungsgruppen – außer getrennt nach Alter und Geschlecht – ggf. unterschiedlich von „COVID-19 bedingt[em]“ (Statistisches Bundesamt 2020: 12) Tod betroffen sind, wie es sich mit der Infektionshäufigkeit bei ihnen verhält, mit der Schwere der Symptome? Wird zwischen Todesfällen „mit“ COVID-19 und solchen, die durch COVID-19 verursacht sind, unterschieden? Inwieweit ist eine solche Unterscheidung überhaupt möglich? Kennen Sie eine Statistik über die Todesfälle „mit“ Covid-19 oder von „COVID-19 bedingt[en]“ Todesfällen unter Geimpften im Vergleich zu Nicht-Geimpften? Glauben Sie, dass es für die Anfertigung einer solchen Statistik einfach noch zu früh ist, es eine solche Statistik aber bald geben wird? Kennen Sie Daten über Anzahl und Schwere beobachteter Nebenwirkungen bestimmter Impfstoffe allgemein oder mit Bezug auf individuelle Risikofaktoren? Oder haben Sie jemals versucht, für Ihr Land, Bundesland oder ihren Landkreis eine Statistik über die Todesfälle aufgrund von Impfungen (geschweige denn: aufgrund von Impfungen gegen Covid-19) einzusehen? (Probieren Sie es aus; fordern Sie die entsprechenden statistischen Ämter dazu auf, Ihnen solche Daten zu überlassen!).

Vor diesem Hintergrund gilt m.E., was Weber für die viktorianischen Impfgegner festgestellt hat: Wer heute Zweifel am Ausmaß, der Schwere und den Maßnahmen von Regierungen gegen Covid-19 äußert, mag von entsprechend Interessierten als „Covidiot“ bezeichnet werden oder sonst wie beschimpft und zu diskreditieren versucht werden, aber das ändert nichts daran, dass er gute Gründe hat, solche Zweifel zu haben und ggf. auf Beantwortung seiner Fragen zu drängen. Er ist kein „Idiot“ irgendeiner Art, kein Irrationaler, keiner, der sich gegen „die“ Wissenschaft stellt.

Es ist erst wenige Jahre her (es war 2017), dass auf eine Eingabe einer praktizierenden Ärztin in London hin die British Medical Association (BMA) im meeting ihrer „representatives“ über ihre Haltung zu einer Zwangsimpfung von Kindern beriet und darüber, ob Impfgegner, despektierlich „anit-vaxxers“ genannnt, die sich gegen die Impfung ihrer Kinder wehrten, durch die BMA offiziell (bislang: nur moralisch) verurteilt („condemn[ed]“) werden sollten. In einem Bericht über die Sitzung heißt es, die Fragen seien „fiercely debated“ worden (Moberly 2017). Warum war das notwendig? Jemand, der die Möglichkeit einer „rapid response“ zu solchen Eingaben, die die BMA lobenswerterweise bereitstellt, genutzt hat, hat es auf den Punkt gebracht:

„How, and why, are UK doctors able to re-examine the case for mandatory vaccination when they have not properly, and independently, examined the case for vaccination in the first place? The science has never been settled on this subject, right from its inception back in the days of Jenner’s smallpox vaccination”.

Und weil das so ist, sind Zweifler und Kritiker allgemein, speziell an Impfungen oder noch spezieller an Fragen zu Covid-19 und den angemessenen Umgang damit durchaus nicht notwendigerweise wissenschaftsfern oder gar –feindlich. Wissenschaftsfern oder –feindlich ist aber in jedem Fall, wer sie beschimpft, ihre Zweifel oder Einwände abtut und diesbezügliche weitergehende Forschung als unnötig erscheinen lässt, womit letztlich der wissenschaftliche Erkenntnisfortschritt behindert wird.

Man könnte – und müsste – solche Personen vielleicht als Wissenschaftsidioten bezeichnen ….


Literatur:

Jelliffe, Smith Ely, 1901: Alfred Russel Wallace and Vaccination. S. 103 104 in: Jelliffe, Smith Ely (Hrsg.): The Medical News 78 (January-June 1901). New York: Lea Brothers & Company.

Popper, Karl Raimund, 1963: Conjectures and Refutations: The Growth of Scientific Knowledge. London: Routledge and Kegan Paul.
(In der deutschen Übersetung unter dem Titel “Vermutungen und Widerlegungen: Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis” erschienen.)

Raby, Peter, 2002: Alfred Russel Wallace: A Life. Princeton, NJ: Princeton University Press.

Statistisches Bundesamt, 2020: Statistik-Dossier: Daten zur COVID-19-Pandemie. Ausgabe 18/2020.
https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Corona/Downloads/dossier-covid-19.pdf?__blob=publicationFile

Wallace, Alfred Russel, 1904: Man’s Place in the Universe: A Study of the Results of Scientific Research in Relation to the Unity of Plurality of Worlds. (3. Auflage.) London: Chapman and Hall.

Wallace, Alfred Russel, 1898: Vaccination a Delusion, Its Penal Enforcement a Crime. Proved by the Official Evidence in the Reports of the Royal Commission. London: Swan Sonnenschein & Co.

Wallace, Alfred Russel, 1989: Vaccination Proved Useless and Dangerous: From Forty-Five Years of Registration Statistics. London: E. W. Allen.

Wallace, Alfred Russel, 1869: The Malay Archipelago: The Land of the Orang-Utan, and the Bird of Paradise. A Narrative of Travel, with Studies of Man and Nature. (Volume 1). London: Macmillan and Co.

Wallace, Alfred Russel, 1855: On the Law which has Regulated of New Species. Annals And Magazine of Natural History, including Zoology, Botany, and Geology 16: 184-196.

Weber, Thomas P., 2010: Alfred Russel Wallace and the Antivaccination Movement in Victorian England. Emerging Infectious Diseases 16(4): 664-668.

Wyhe, John van, 2016: The Impact of A. R. Wallace’s Sarawak Law Paper Reassessed. Studies in History and Philosophy of Biological and Biomedical Sciences 60 (December): 56-66.



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