Gegen den Strom: Sozialwissenschaftler mahnen differenziertes Denken in der Forschung zu Einstellungen gegenüber Zuwanderern an

Vor einigen Tagen haben wir hier auf Sciencefiles von dem beklagenswerten Zustand des Teils der Migrationsforschung berichtet, der sich mit Einstellungen gegenüber Zuwanderern beschäftigt bzw. mit dem beklagenswerten Zustand des Teils der Einstellungsforschung, der sich mit Einstellungen gegenüber Zuwanderern beschäftigt.

Statistische Daten hierzu werden oft – inzwischen, fürchte ich: gewöhnlich – auf mehr oder weniger abenteuerliche Weise durch extrem vage und methodisch fehlerhafte Fragen (z.B. weil sie mehr als einen Stimulus enthalten) gewonnen und auf noch abenteuerlichere Weise im Sinne der Vorurteile und Assoziationen der Forscher interpretiert, was nicht schwierig ist, denn vage Fragen sind als solche interpretativ „dehnbar“. Daten aus solchen Befragungen dienen den „Forschern“ lediglich als Anlass dafür, ihre persönliche Sicht der Dinge zum Besten zu geben. Was Menschen tatsächlich worüber warum denken, interessiert sie nicht.

Diese Art von „Forschung“ hat ihren Tiefstpunkt erreicht, wenn sie als Instrument für die Inszenierung massenhafter Ausländerfeindlichkeit, massenhaften Fremdenhasses, massenhaften „Rassismus“ benutzt wird, um bestimmte ideologische oder politische Ziele zu befördern. Oder vielleicht treffender: Spätestens an diesem Punkt hat die Forschung aufgehört, Forschung zu sein. Sie ist ihrerseits Ausdruck von Hass auf Andersmeinende und zur Propaganda geworden.

Kann es sein, dass die entsprechenden „Forscher“ nicht einmal bemerken, dass sie Daten vielleicht fehlinterpretieren? Kann es sein, dass ihre eigenen unhinterfragten Annahmen gar keine andere Interpretation zulassen, als diejenige, die ihnen plausibel vorkommt, obwohl sie durch die Daten nicht gedeckt ist?

Yotam Margalit und Omer Solodoch vom Department of Political Science an der Universität von Tel Aviv scheinen dies den entsprechenden „Kollegen“ zugute halten zu wollen/können. Sie stellen in ihrer gerade im British Journal of Political Science erschienenen Studie mit dem Titel „Against the Flow: Differentiating Between Public Opposition to the Immigration Stock and Flow“ nicht nur fest, dass vielen Studien über Einstellungen gegenüber Zuwanderern ein nicht hinreichend komplexes Denken zugrundeliegt, sondern zeigen anhand einer eigenen Studie, welche Ergebnisse ein komplexeres Denken und ein größeres Interesse an dem, was die Befragten zur Formung einer bestimmten Einstellung bewegt, erbringt.

Margalit und Solodoch beginnen ihren Text mit der Feststellung, dass das Thema „Zuwanderung“ für immer mehr Menschen unter den Themen ist, die bei der Formung ihrer Wahlabsicht die wichtigste Rolle spielen (wobei sie sich auf Gallup-Befragungen beziehen), aber sowohl die öffentliche Diskussion als auch die „academic literature“ über Einstellungen gegenüber Zuwanderung oder Zuwanderern

„… have largely lumped together two very different components of the immigration phenomenon: the flow and the stock” (Margalit & Solodoch 2021: 1).

D.h. in der Regel wird nicht zwischen dem Zuwandererstrom, also denen, die im Ausland leben und ins Land zuwandern wollen, und dem Zuwandererbestand, also den Personen, die bereits in das Land zugezogen sind und dort leben und nach wie vor Ausländer sind oder die Staatsangehörigkeit des Aufnahmestaates erworben haben, unterschieden.

Die Autoren weisen darauf hin, dass der jährliche Zuwandererstrom in die USA in den Jahren von 2000 bis 2016 lediglich einem Anteil von 3 bis 7 Prozent des Bestandes an Zuwanderern (naturgemäß ohne Berücksichtigung illegaler Zuwanderer) entsprach, und wundern sich angesichts der Tatsache, dass der Zuwandererstrom nur einen sehr kleinen Teil aller Zuwanderer ausmacht, darüber, dass

„.. strikingly, as we document below, a large majority of the research studying public opposition to immigration has focused on natives‘ attitudes toward the flow of immigrants into the country“ (Margalit & Solodoch 2021: 2)

und dass

„… notably, the literature largely ignores distinction between the two components [also „stock“ und „flow“ bzw. Zuwandererstrom und Zuwandererbestand], and inadvertently treats the investigation of attitudes on one as applying to the other component as well” (Margalit & Solodoch 2021: 2).

Die Autoren geben eine Reihe von Beispielen hierfür aus der Literatur (Margalit & Solodoch 2021: 4).

Ich bin nicht überzeugt davon, dass diese mangelnde Unterscheidung immer oder meistens „inadvertently“, also versehentlich, erfolgt, schon deshalb nicht, weil – wie die Autoren selbst bemerken – der bei Weitem größte Teil der Forschung über Einstellungen gegenüber Zuwanderern entweder allgemein nach „Zuwanderern“ fragt oder sich explizit nur auf Zuwandererströme bezieht wie etwa in der Frage danach, wie vielen „Menschen …, die aus anderen Ländern nach Deutschland kommen, um hier zu leben“ die Zuwanderung erlaubt werden solle. Wenn die mangelnde Unterscheidung versehentlich erfolgen würde, dann würde man erwarten, dass etwa ebenso häufig über Einstellungen gegenüber dem Zuwandererbestand geforscht und die Ergebnisse auf Einstellungen gegenüber dem Zuwandererstrom übertragen werden, aber das ist nicht der Fall. Warum nicht?

Diese Frage bringt uns zu einer anderen Frage, der sich Margalit und Solodoch (2021: 2) ausführlich widmen, nämlich der Frage, welche Gründe dafür sprechen, dass es sinnvoll ist, zwischen Einstellungen gegenüber einem Zuwandererstrom und Einstellungen gegenüber dem Zuwandererbestand zu unterscheiden.

Die Autoren nennen drei Gründe hierfür (Margalit & Solodoch 2021: 2):

  • Erstens kann man vermuten, dass „natives“, sagen wir: die einheimische Bevölkerung dem Zuwandererbestand gegenüber negativer eingestellt ist als dem Zuwandererstrom, einfach aufgrund des deutlich größeren Umfangs des Ersteren. Für den amerikanischen Kontext argumentieren die Autoren, dass z.B. dann, wenn man meint, negative Einstellungen einheimischer Weißer gegenüber „Zuwanderung“ lägen Ängste zugrunde, nicht mehr die ethnische oder kulturelle Mehrheit in den USA darzustellen, zu vermuten wäre, dass diese Personen besonders große Unterstützung für Politiken zeigen müssten, die die Rückwanderung von mehrheitlich nicht-weißen nicht-naturalisierten Zuwanderern befördern sollen, es z.B. für sie schwieriger macht, die Staatsbürgerschaft zu erwerben oder sie von der Inanspruchnahme von Sozialleistungen auszuschließen (Margalit & Solodoch 2021: 2). Allgemein ausgedrückt: eine einheimische Bevölkerung, in der Überfremdungsängste (oder für den deutschen Kontext in Neudeutsch: Angst vor „Umvolkung“) nennenswert weit verbreitet sind, müsste dem Zuwandererbestand gegenüber negativer eingestellt sein als dem Zuwandererstrom, weil Ersterer mit Bezug auf diese Ängste aufgrund seines Umfangs eine weit größere Bedrohung darstellt als der Zuwandererstrom.

    Es sei festgehalten, dass dieses Argument auch mit Bezug auf „Ausländerhass“ oder „Fremdenhass“ in der einheimischen Bevölkerung gemacht werden kann, denn wer Ausländer oder Fremde hasst oder zumindest ablehnt, einfach, weil sie Ausländer oder Fremde sind, der wird nicht zwischen bereits anwesenden Ausländern oder Fremden unterscheiden und solchen Ausländern oder Fremden, die ins Land kommen wollen.

  • Zweitens kann man – umgekehrt – argumentieren, dass die einheimische Bevölkerung gegenüber Zuwanderern, die sich bereits im Land befinden, also dem Zuwandererbestand gegenüber, positiver eingestellt ist als gegenüber dem Zuwandererstrom, weil sich Zuwanderer, die sich bereits im Land aufhalten (und oft seit vielen Jahren im Land aufhalten) auch dann, wenn sie die Staatsbürgerschaft des Aufnahmelandes (noch) nicht erworben haben, schon mehr oder weniger in die Gesellschaft des Aufnahmelandes integriert haben und sich außerdem durch Leistungen, die sie während ihrer Anwesenheit im Aufnahmeland erbracht haben, gewisse Rechte, auch moralische, erworben haben mögen, die von der einheimischen Bevölkerung akzeptiert werden. Auch die sogenannte Kontakt-Hypothese würde positivere Einstellungen der einheimischen Bevölkerung gegenüber dem Zuwandererbestand als gegenüber dem Zuwandererstrom vorhersagen (sofern die in ihr formulierten Bedingungen in einer Gesellschaft gegeben sind).
  • Drittens kann man annehmen, dass negative Einstellungen gegenüber dem Zuwandererstrom weniger psychologische Kosten verursachen als negative Einstellungen gegenüber dem Zuwandererbestand, weil der Zuwandererstrom sozusagen noch kein „Gesicht“ hat: Einem Bewerber um ein Visa dasselbe vorzuenthalten, ist ein unpersönlicher Akt, aber bei der Rückführung eines bereits im Land Lebenden hat der Betroffene ein im Prinzip für alle sichtbares Gesicht, einen Namen und vielleicht eine Arbeitsstelle samt Arbeitskollegen, Bekannte oder Freunde.

Angesichts dieser Überlegungen erscheint es sehr naiv anzunehmen, dass Zuwandererbestände und Zuwandererströme sozusagen in einen Topf geworfen werden könnten oder Menschen eine undifferenzierte Einstellung gegenüber „Zuwanderern“ hätten. Man kann sich nur darüber wundern, wie entweder naiv Forscher sind, wenn sie diese Überlegungen noch nie angestellt haben, oder wie überheblich sie sind, wenn sie meinen, sie selbst seien zwar zu solchen „komplexen“ Überlegungungen fähig, aber nicht der „normale“ Befragte aus der „normalen“ Bevölkerung, weswegen man ihn auch nicht auf differenziertere Weise nach seinen Einstellungen fragen müsse.

Oder man kann vermuten, daß sie Ideologen sind, denen es auf der Basis der zweiten und dritten Überlegung opportun erscheint, Befragte nur nach ihren Einstellungen gegenüber dem Zuwanderungsstrom zu fragen oder bewußt offen zu lassen, wer mit „Zuwanderen“ (bzw. „Muslimen“, „Flüchtlingen“, „Ausländern“ u.ä.m.] gemeint sein soll, um möglichst negative Einstellungen generieren zu können, aus denen sich wiederum politisches Kapital schlagen lässt.

Aber falls auch Margalit und Solodoch diese Möglichkeit sehen, so teilen sie sie dem Leser nicht mit. Jedenfalls stellen sie die Frage:

„When expressing apprehension about immigration and its impacts, which group are native citizens primarily concerned with?“ (Margalit & Solodoch 2021: 1).

D.h. die Frage danach, ob sich Befragte auf den Zuwandererstrom oder den Zuwandererbestand beziehen, wenn sie – entsprechend undifferenziert – nach ihren Einstellungen zu Zuwanderung oder Zuwanderern gefragt werden.

Diese Frage beantworten die Autoren auf der Basis der Daten aus einem nationalen Survey, der im Februar 2019 in den USA durchgeführt wurde. Zunächst wurden alle Befragte nach einigen ihrer sozio-demographischen Merkmale (u.a. Geschlecht, Alter, formales Bildungsniveau …) und ihren allgemeinen politischen Einstellungen gefragt, und dann wurden sie zufällig in eine von zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe bekam Fragen zu Zuwanderern gestellt, die sich außerhalb des Landes aufhielten und in die USA kommen wollten (also zum Zuwandererstrom), und die andere Gruppe bekam Fragen zu Zuwanderern gestellt, die als Nicht-Staaatsangehörige der USA bereits in den USA wohnten und ihr Visum bzw. ihr Aufenthaltsrecht in den USA verlängern wollten (also zum Zuwandererbestand).

Die Befragten in beiden Gruppen mussten jeweils einen kurzen Text lesen, in dem die jeweilige Gruppe beschrieben wurde, um sicherzugehen, dass die Befragten in den beiden Gruppen die folgenden Fragen auch tatsächlich auf „ihre“ Gruppe von Zuwanderern – den Zuwandererstrom oder den Zuwandererbestand – beziehen würden. In einer wichtigen Hinsicht wurden die beiden Typen von Zuwanderern in den Texten auf gleiche Weise dargestellt, nämlich mit Bezug auf ihre Gründe dafür, ein Visum für die USA zu erhalten (bzw. zu verlängern), darunter zum Zweck des Arbeitens in den USA und zum Zweck der Familienzusammenführung (Margalit & Solodoch 2021: 8).

Alle Befragten (in beiden Gruppen) sollten dann auf einer 5-Punkte-Skala angeben, wie vielen der Bewerber um ein Visum (bzw. seine Verlängerung) für die USA ihrer Meinung nach ein solches erteilt werden sollte. Die Antwortvorgaben lauteten ins Deutsche übersetzt „keinem“, „wenigen“, „etwa der Hälfte“, „den meisten“ und „allen“. Um die Interpretation der Ergebnisse zu erleichtern haben die Autoren diese Skala auf zwei Ausprägungen reduziert, wobei Befragte, die meinten, dass die meisten oder alle Visumsanwärter eines erhalten sollten, den Wert „1“ zugeschrieben bekamen und „0“, wenn sie eine der anderen Antwortkategorien gewählt hatten.

Die Datenauswertung ergab, dass 47,9 Prozent der Befragten, die nach der Visumserteilung/-verlängerung für den Zuwandererbestand gefragt wurden, dafür votierten, den meisten oder allen das Visum zu erteilen, aber nur 39,1 Prozent der Befragten, die diese Frage für den Zuwandererstrom beantworteten. Dieser prozentuale Unterschied war – aufgrund seines Betrages wenig überraschend – statistisch signifikant.

Dieses Ergebnis spricht gegen die Vorstellung einer von Überfremdungsängsten geplagten einheimischen Bevölkerung bzw. gegen die Vermutung, dass die Einstellungen gegenüber Zuwanderern in der einheimischen Bevölkerung von allgemeinem Ausländer- oder Fremdenhass geprägt seien (s.o.).

Der oben genannte prozentuale Unterschied konnte in dieser Höhe nicht durch die sozio-demopraphischen Merkmale der Befragten erklärt werden (Margalit & Solodoch 2021: 9). So schreiben Margalit und Solodoch mit Bezug auf die parteipolitische Orientierung der Befragten (2021: 9-10):

„Notably, among all groups, without exception, support for approving visa applications of that immigrant stock is a good deal higher, ranging from a 5.1point gap among Democrats to 13.2 points among Republicans … Attitudes toward the immigrant stock are not only more positive; they are also less politically polarized”.

Die Bevorzugung des Zuwandererbestandes gegenüber des Zuwandererstroms bei der Vergabe von Visa durch die Befragten konnte auch nicht durch die Häufigkeit von Kontakten der Befragten mit Zuwanderern erklärt werden, denn

„… the stock premium is similar in size among people with a high or low degree of contact with immigrants“ (Margalit & Solodoch 2021: 10).

Dasselbe gilt für die Art und Weise, in der die Befragten den Zuwandererbestand im Vergleich zum Zuwandererstrom wahrnahmen, denn es zeigte sich, dass die Befragten beide Typen oder Zuwanderern auf sehr ähnliche Weise wahrnahmen, also u.a. kein systematischer Unterschied mit Bezug auf die Wahrnehmung des formalen Bildungsniveaus, der Kenntnisse der englischen Sprache oder der Religiosität im Zuwandererbestand und im Zuwandererstrom zu beobachten war (Margalit & Solodoch 2021: 10).

Die Autoren halten fest, dass die sehr ähnliche Wahrnehmung des Zuwandererbestandes und des Zuwandererstroms bei den Befragten auch bedeutet, dass das Integrationsargument, das eine Bevorzugung des Zuwandererbestandes erwarten lassen würde, empirisch offensichtlich nicht zutrifft:

„This absence of differences across all dimensions indicates that natives not only hold very similar views of the immigrant stock and flow, but also that the integration of the immigrant stock in American society does not substantially differentiate them in the public’s eye from the future flow of immigrants. This is perhaps most notable in the almost identical share of respondents perceiving the immigrant stock and flow as ‘Not American’ (Margalit & Solodoch 2021: 11).

Diese Befunde lassen nur noch die Erklärung durch eine von den Befragten gefühlte moralische Verpflichtung gegenüber dem Zuwandererbestand (aber nicht gegenüber dem Zuwandererstrom) übrig, und tatsächlich haben die Autoren einige Ergebnisse erzielt, die ihrerseits für diese Erklärung sprechen. So haben die Autoren beobachtet, dass die Befragten, die nach dem Zuwandererbestand gefragt wurden, der beruflichen Bildung der Zuwanderer weniger Wichtigkeit für die Verlängerung des Visums zuschreiben als die Befragten, die nach dem Zuwandererstrom gefragt wurden, der beruflichen Bildung der Zuwanderer für die Erteilung eines Visums zuschreiben (Margalit & Solodoch 2021: 13).

Und obwohl jeweils 67 Prozent der Befragten in beiden Gruppen der Meinung waren, dass das Alter des Zuwanderers eine wichtige Rolle spielt für die Frage nach der Erteilung bzw. Verlängerung des Visums, unterscheiden sich die beiden Gruppen dahingehend, welchen Altersgruppen von Zuwanderern Visa vorzugsweise erteilt werden sollten:

„Respondents in the flows treatment were more likely to prioritize immigrants of working age (that is, young and adults), while those in the stock treatment assigned a higher priority to allowing minors and the elderly to stay. Notably, this preference comes despite the fact that these age categories are likely to generate – at least in the short run – greater costs to the host country” (Margalit & Solodoch 2021: 13).

Der ökonomische Nutzen von Zuwanderern für die Aufnahmegesellschaft war für die Befragten, die nach dem Zuwandererbestand gefragt wurden, also deutlich weniger wichtig als für die Befragten, die nach dem Zuwandererstrom gefragt wurden. Und dies wiederum spricht dafür, dass die Befragten in der Gruppe der nach dem Zuwandererbestand Gefragten diesen Zuwanderern gegenüber eine moralische Verpflichtung empfinden.

Genauer: sie scheinen gemäß des Reziprozitätsprinzips solche Zuwanderer (hier: bei der Erteilung von Visa) zu bevorzugen, die zuvor eine Leistung für die Aufnahmegesellschaft bzw. die einheimische Bevölkerung erbracht haben.

Für die Forschung über Einstellungen gegenüber Zuwanderern bedeutet dies, dass sie (endlich) dazu übergehen muss, Befragten verschiedene Motive, die ihren Einstellungen unterliegen, – im übrigen zu verschiedenen Gruppen von Zuwanderern – zuzugestehen und sie bei der Konzeption von Forschungsvorhaben zu berücksichtigen. Es ist nicht damit getan, die Forschung auf Neuzuwanderer zu reduzieren oder zu konzentrieren und die erzielten Befunde unzulässig zu verallgemeinern auf angeblich vorhandene allgemeine Einstellungen „der“ Befragten gegenüber „den“ Zuwanderern. Oder anders ausgedrückt: Es ist nicht damit getan, die eigenen Vorurteile an die „Forschung“ heranzutragen und die so erzielten Ergebnisse – gemäß eben dieser eigenen Vorurteile – als Ausdruck weit verbreiteter undifferenzierter Einstellungen, z.B. als Ausdruck von „Fremdenhass“ oder „Ausländerhass“ oder gar „Rassismus“ darzustellen.

Das bedeutet dann aber auch, dass die entsprechende Forschung weniger ideologisch und politisch instrumentalisierbar ist, was wiederum für eine ganze Reihe von Einrichtungen den Ruin bedeuten dürfte, die ihre Existenz vorrangig oder gänzlich der Tatsache zu verdanken haben, dass sie als Haushaltsposten einer staatlichen Verwaltung geführt werden, um im Sinne der dort vertretenen Ideologie zu agieren, oder zumindest deutliche Einschränkungen von Fördermitteln im Fall inneruniversitärer Einrichtungen.

Wenn Margalit und Solodoch ihre Arbeit mit „Against the Flow“ bzw. „Gegen den Strom“ betiteln, muss das deshalb als bewußt oder unbewußt erfolgte Doppeldeutigkeit angesehen werden: Der Titel bezieht sich zum einen auf die in der Studie untersuchten Einstellungen gegenüber verschiedenen Typen von Zuwanderern und zum anderen auf die Forschung von Margalit und Solodoch als Forschung, d.h. als eine dem Strom, d.h. der mainstream–Forschung über Einstellungen gegenüber Zuwanderern entgegenstehende Forschung.

Margalit und Solodoch haben mit ihrer Studie dem Strom bloß vermeintlich wissenschaftlicher „Forschungen“ über Einstellungen gegenüber Zuwanderern, wissenschaftliche Forschung zu diesem Thema entgegengesetzt, hinter die nicht einfach zurückgegangen werden kann, um ideologisch oder politisch motivierte Erzählungen von angeblich weit verbreitetem „Ausländerhass“, „Rassismus“ bis hin zu „rechten“ Einstellungen am Leben zu erhalten.

Wer in Zukunft darauf verzichtet, bei Untersuchungen über Einstellungen gegenüber Zuwanderern die notwendigen Differenzierungen nicht nur mit Bezug auf verschiedene Gruppen von Zuwanderern, sondern auch hinsichtlich verschiedener Motive, die den jeweiligen Einstellungen zugrunde liegen können, vorzunehmen, darf sich jedenfalls nicht darüber wundern, wenn er als politischer Agitator statt als Wissenschaftler eingeordnet und verlacht wird.


Literatur:

Margalit, Yotam, & Solodoch, Omer, 2021: Against the Flow: Differentiating Between Public Opposition to the Immigration Stock and Flow. British Journal of Political Science, S. 1-21. doi:10.1017/S0007123420000940


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