Um mal etwas gerade zu rücken: Unsere Antwort auf den Brief von Herrn Barroso

Es dauert in der Regel nicht lange, bis Studenten der Philosophie oder der Wissenschaftslehre (ich bin mir im Moment nicht ganz klar darüber, ob es im nach-Hans-Albert-Deutschland noch einen Lehrstuhl für Wissenschaftslehre gibt, aber man soll ja die Hoffnung nie aufgeben) und nicht nur sie über ein Bonmot stolpern, das in der Regel Sokrates zugeschrieben wird:

Ich weiß, dass ich nicht weiß“, so der Satz, den Platon in seiner Apologie des Sokrates Letzterem in den Mund legt.

The DoubterDas Bonmot bleibt zunächst Bonmot. Erst mit der Zeit, schwant einem, dass das Bonmot tiefgründiger ist, als man so denkt, denn um zu wissen, dass man nicht weiß, muss man die Lücken seines Wissens kennen, muss man sich sehr bewusst über die Beschränkung der eigenen Erkenntnisfähigkeit sein, muss man an seinem Wissen zweifeln können. Zweifel, so kann man die letzten Zeilen zuspitzen, ist der Ausdruck von Intelligenz, davon, dass man weiß, dass man nicht weiß.

Das Elend moderner Zeiten scheint mir darin zu bestehen, dass viele und viele, die den öffentlichen Diskurs bestimmen, nicht in der Lage sind, an sich zu zweifeln. Sie sind nicht intelligent genug, um überhaupt jemals auf die Idee zu kommen, dass sie an dem, was sie in die Öffentlichkeit posaunen, zweifeln könnten. Dieser Mangel an Zweifel ist insofern ein Balsam für die entsprechenden Posauner, weil er sie davor bewahrt, zu erkennen, wie lächerlich sie sich doch zuweilen machen, wenn sie z.B. behaupten, “jeder” sei nur auf biologisch männliche Personen bezogen oder wenn sie behaupten Mädchentoiletten würden die Bildung von Mädchen befördern oder wenn sie behaupten, dass wir den “Planeten kaputt essen” oder wenn sie ihre Kenntnisse über Ställe voller Geliebter von sich geben. In solchen Fällen ist nicht-Wissen dem eigenen Seelenfrieden zuträglich.

Manuel-Barosso-listeningBesonders ärgerlich wird die Ignoranz gegenüber der Beschränktheit eigener Erkenntnisfähigkeit und eigenen Wissens, wenn Bürokraten, deren Kenntnisse nicht über den eigenen Schreibtisch hinausreichen, denken, sie könnten Bürger belehren. Es ist nicht nur ärgerlich, es ist auch Resultat einer verkehrten Welt, so als würde der Schwanz mit dem Hund wackeln.

Der Brief, den uns José Manuel Barroso als Antwort darauf geschrieben hat, dass wir ihm erklärt und belegt haben, in welcher Weise seine Kommissarin für Justiz, Viviane Reding, die Öffentlichkeit zu manipulieren und an der Nase herumführen zu können glaubt, ist ein Beispiel für Schriftum eines Bürokraten, der nicht weiß, wo das eigene Nichtwissen anfängt, und der entsprechend nicht daran zweifeln kann, dass er den Bürgern, die er gerade abzuspeisen versucht, überlegen ist, ihnen etwas voraushat. Wir halten es für unsere staatsbürgerliche Pflicht solcherart Phantasterei und Realitätsverlust gar nicht erst einreißen zu lassen und haben entsprechend und in einem weiteren Brief an Herrn Barroso ein paar Dinge richtig gestellt. Wer die Richtigstellung unterstützen will, der soll sich bitte per email bei uns melden. Wir tragen ihn dann in eine Liste der Unterstützer ein.

Hier der Brief zunächst im Englischen Original und anschließend in meiner Übersetzung:

Dear Mr. Barroso,

thank you for the answer to our letter of 11 September 2012.

union-jackHowever, we do think that a gross misunderstanding took place. We did not write to you to get information about the European Commission or the official procedure preceding a proposal. We did write to you to give information to you. We happen to be specialists in scientific advice (for which we are usually well paid for) and we gave you just that. Based on our background in social research we informed you that your Vice-President V. Reding is grossly misrepresenting data, omitting data and bending results gathered in Eurobarometer survey 376. Based on our background in theory of science, we told you that there is a difference between equality and equity that V. Reding seems not to grasp. Furthermore, and based on our knowledge of the scientific research performed by colleagues of us we informed you that those studies which can be counted as reliable and valid and which do address the consequences of imposed women’s quotas come invariably to the result that imposed quotas do harm businesses. And, because we know that most people have no idea about how to assess the reliability and validity of studies, because had they any idea nobody in his right mind would quote studies conducted by McKinsey, EVA, Credite Suisse or Catalyst, we also gave you an argument that is easy to comprehend even if mathematical and statistical knowledge is almost completely lacking: Since performance is a function of experience, knowledge and capability, you cannot expect rapidly sampled women who had no time for gathering experience to perform as experienced men do. Since knowledge is linked to experience, you cannot expect rapidly sampled women who had no time for transforming experience into knowledge to perform as experienced and knowledgeable men do. And since capable women lacking in experience and knowledge would not accept a position on a board, knowing their deficiencies, it is quite easy to understand what all longitudinal studies looking into the effect the Norwegian quota had on the respective companies found: a decrease in quality with respect to decisions taken on boards followed by a rapidly declining market value.

In giving you this information, which you simply cannot have, given that you allow V. Reding to act as she does, we provided a service to you. As we know that bureaucracies lack scientific knowledge and as you yourself pointed out in your answer that you rely heavily on scientific input we thought this a good example of citizen’s participation or involvement which, if we are not mistaken is one of the things advocated by the European Commission.

We hope that we could dispose with the misapprehension under which you must have been labouring, when you wrote your answer to our letter and look forward to your adjusted reply.

Kind Regards,

Michael Klein, United Kingdom, http://sciencefiles.org; Email: mklein65@btinternet.com

Dr. habil. Heike Diefenbach, United Kingdom, http://sciencefiles.org

Mike Buchanan, United Kingdom, Campaign for Merit in Business, http://c4mb.wordpress.com/

Eckhard Kuhla, Germany, agens e.V., http://agensev.de

Prof. Dr. Gerhard Amendt, Germany

Prof. Dr. Günter Buchholz, Hochschule Hannover, Germany

Und nun in Deutsch:

Sehr geehrter Herr Barroso,

vielen Dank für Ihre Antwort auf unser Schreiben vom 11. September 2012.

GERMANYLeider haben Sie den Inhalt unseres Briefes nicht richtig verstanden. Wir haben Ihnen keinen Brief geschrieben, um  Informationen über die Europäische Kommission oder das Prozedere, das einem Vorschlag der Kommission vorausgeht, zu erhalten. Wir haben Ihnen geschrieben, um Ihnen Informationen zu geben. Wir sind Spezialisten für wissenschaftliche Beratung (und werden dafür gewöhnlich sehr gut bezahlt), und wir haben ihnen eine entsprechende wissenschaftliche Beratung gegeben (gratis!). Auf der Grundlage unserer Erfahrung in empirischer Sozialforschung haben wir Sie davon in Kenntnis gesetzt, dass ihre Vize-Präsidentin, Viviane Reding, Daten (willentlich?) fehlinterpretiert, Daten unterschlägt und sich Ergebnisse aus den Daten zurechtbiegt, die im Eurobarometer 376 gersammelt wurden. Auf der Grundlage unserer Erfahrung in Wissenschaftstheorie haben wir Ihnen erklärt, dass es einen Unterschied zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit gibt, den V. Reding nicht zu verstehen scheint. Darüber hinaus und auf der Grundlage der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung, die Kollegen von uns durchgeführt haben, haben wir einen Überblick über die Forschungsergebnisse gegeben, die die Wirkung von erzwungenen Frauenquoten auf die Performanz der gezwungenen Unternehmen untersucht haben. Wir haben ihnen dargestellt, dass die Studien, die man als valide und reliabel ansehen kann, ausnahmslos zu dem Ergebnis kommen, dass eine erzwungene Frauenquote in Führungsetagen den Unternehmen, die zur Frauenquote gezwungen werden, erheblichen wirtschaftlichen Schaden zufügt.

Weil uns bekannt ist, dass die meisten Menschen keine Vorstellung davon haben, wie man die Validität und die Reliabilität wissenschaftlicher Studien feststellt, denn hätten sie eine entsprechende Vorstellung, sie würden “Studien” wie sie von McKinsey, EVA, Credite Suisse oder Catalyst zum Effekt von Frauen in Vorständen publiziert werden, nicht einmal mit spitzen Fingern anfassen, weil wir wissen, dass das entsprechende Wissen auch oder gerade bei Bürokraten nicht weit verbreitet ist, haben wir Ihnen ein einfaches, auch ohne mathematische und statistische Kenntnisse leicht verständliches Argument dafür gegeben, warum sich erzwungene Frauenquoten in Führungsgremien negativ auf Unternehmen auswirken müssen: Da die Qualität einer Leistung das Ergebnis von Erfahrung, Wissen und Fähigkeit ist, kann man nicht erwarten, dass eiligst zusammen gesammelte Frauen, die keine Zeit hatten, um Erfahrungen über die Führung von Unternehmen zu sammeln, in gleicher Weise fähig sind, wie die Männer, die diese Zeit nun einmal hatten. Da Wissen mit Erfahrung verbunden ist, kann man nicht erwarten, dass schnell zusammen gesammelte Frauen die Zeit hatten, die notwendig ist, um Erfahrung in Wissen zu transformieren. Entsprechend kann man nicht erwarten, dass sie in gleicher Weise informierte Entscheidungen treffen wie Männer, die die notwendige Zeit hatten, um Erfahrung in Wissen zu transformieren. Und weil Frauen, die von sich wissen, dass sie weder die Erfahrung noch das Wissen haben, um eine Führungsposition in einem Unternehmen auszufüllen, eine ebensolche Position nicht akzeptieren würden, ist das Ergebnis, zu dem alle longitudinalen Studien, die sich mit der Wirkung der Norwegischen Zwangsquote beschäftigt haben, nicht überraschend: Nach Einführung der Zwangsquote ist die Qualität von Entscheidungen in den Führungsgremien der betroffenen Unternehmen, schlagartig schlechter geworden, die Schulden sind als Folge schlechter Investitionesentscheidungen gestiegen, der Buchwert entsprechend gesunken und als Ergebnis davon, ist der Marktwert der Unternehmen eingebrochen.

Durch die Bereitstellung dieser Informationen, die Sie offensichtlich nicht haben können, denn sonst würden Sie Viviane Reding sicher nicht in der Weise agieren lassen, wie sie das tut, haben wir Ihnen eine kostenlose Dienstleistung bereitgestellt. Da uns bekannt ist, dass in Bürokratien wissenschaftliche Erkenntnis eher selten zu finden ist, und da Sie in Ihrer Antwort selbst darauf hingewiesen haben, dass Sie auf Informationen aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft angewiesen sind, dachten wir, damit ein gutes Beispiel bürgerlichen Engagements zu geben, und soweit uns bekannt, ist es doch gerade bürgerliches Engagement, das die Europäische Kommission befördern will.

Wir hoffen, dass wir Ihr Missverständnis unseres Briefes mit diesem neuerlichen Brief beseitigen konnten, und wir freuen uns auf ihre entsprechend berichtigte Antwort.

Mit freundlichen Grüßen,

Michael Klein, United Kingdom, http://sciencefiles.org; Email: mklein65@btinternet.com

Dr. habil. Heike Diefenbach, United Kingdom, http://sciencefiles.org

Mike Buchanan, United Kingdom, Campaign for Merit in Business, http://c4mb.wordpress.com/

Eckhard Kuhla, Germany, agens e.V., http://agensev.de

Prof. Dr. Gerhard Amendt, Germany

Prof. Dr. Günter Buchholz, Hochschule Hannover, Germany

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