Der nächste Amoklauf kommt bestimmt: Jungenkrise als Ursache?

Walter Hollstein hat sich in einem Kommentar im Tagesspiegel zu Wort gemeldet. Amokäufe, wie der in München [von dem man sich mittlerweile fragen muss, ob ein Amoklauf mit einem Jahr Planung noch als solcher eingeordnet werden kann], so argumentiert er, seien das Ergebnis von jungen Männern „mit Problemen“, die „häufig in therapeutischer Behandlung, sozial schlecht integriert, einsam, mit dem PC als bestem Freund“ seien, Gewaltspiele dürfen nicht fehlen, Gewaltfantasien nimmt Hollstein zusätzlich an und natürlich die schlechte Berufschance aufgrund „mieser Schulkarriere“, sie vervollständigt die Zutatenliste. Woher Hollstein seine intime Kenntnis von Amokläufern hat, ist übrigens sein Geheimnis.

Die so beschriebenen Amokläufer, sie sind für Hollstein die Spitze eines Eisberges, des Eisberges der Jungenkrise. Im Vergleich zu Mädchen: Mehr Jungen als Täter in der Kriminalstatistik, ein höherer Anteil von Jungen an Förderschulen, mehr Jungen als Klienten in Erziehungsberatungsstellen, schlechtere Schulleistungen, mehr Suizidtote, so die Diagnose von Walter Hollstein.

Und die Behandlung: „Wenn wir weitere Katastrophen verhindern wollen, müssen wir uns überlegen, wie wir unseren Jungen neue Ziele, konstruktive Wege und ein anderes Männerbild vermitteln können.“

Schade, kann man da nur sagen.

Schade, dass Walter Hollstein dem Reiz nicht widerstehen kann, den Amoklauf von München zu instrumentalisieren.

Schade, dass er einen individualistischen Fehlschluss begeht und ein Einzelereignis mit gesellschaftlichen Problemen in Verbindung bringt, die damit nichts gemein haben.

Schade, dass er so tut, als wäre die Diagnose, mehr Jungen in der Kriminalstatistik, mehr Jungen auf Förderschulen, schlechtere Schulleistungen, mehr Suizidtote, ein individuelles Problem der jeweiligen Jungen und nicht ein hausgemachtes Systemproblem, der Genderista.

Schade, dass er den Jungen, die er aus der Krise retten will, einen Bärendienst erweist, wenn er nahelegt, dass ihr Männerbild die Ursache von Amokläufen wie dem in München sei.

Und besonders schade, dass er all denen in die Hände spielt, die Amokläufe wie den in München nutzen wollen, um brachiale Kausalisierungen zu verbreiten, die Zusammenhänge zwischen Fahrradschläuchen, öffentlichen Verkehrsmitteln, Gewaltspielen und dem Erscheinen von Hui Buh zwischen dem Schusswechsel mit der Polizei herstellen wollen.

Das haben die Jungen nicht verdient, und Walter Hollstein sollte es besser wissen.

Er sollte wissen, dass die Kriminalstatistik seit Menschen Gedenken mehr Jungen als Täter ausweist als Mädchen. Das hat einerseits kulturelle Gründe, z.B. den, dass Jungen sich vor anderen beweisen müssen und einem Gangleben zugänglicher waren als Mädchen (das operative Wort hier ist: waren, denn der Anteil der Mädchen unter Tatverdächtigen steigt seit Jahren steil an). Und es hat Gründe der Visibilität und der Polizeipraxis, die dazu führen, dass wiederkehrend die selben Jungen als Täter ermittelt werden.

Hollstein sollte darüber hinaus wissen, dass Jungen nicht freiwillig auf Förderschulen gehen, sondern auf Förderschulen abgeschoben werden, meist unter dem Vorwand einer sozial-emotionalen Störung, worunter sich alles verbergen kann, was einem Lehrer so einfällt, um einen missliebigen Jungen loszuwerden.

Er sollte wissen, dass Schulnoten von Lehrern vergeben werden und entsprechend nicht unbedingt die Leistung von Jungen widerspiegeln. Tatsächlich zeigen entsprechende Studien, dass Mädchen selbst bei schlechterer Leistung bessere Noten erhalten als Jungen. Immerhin ist er Herausgeber des Sammelbandes “Soziale Arbeit mit Jungen und Männern, in dem Dr. habil. Heike Diefenbach entsprechende Ergebnisse veröffentlicht hat:

Hier ein Auszug: Soziale Arbeit mit Jungen und Maennern“Berechnet man weiter die Anteile von Jungen und Mädchen, die gemessen an den erreichten Punktzahlen im Mathematiktest [in PISA] über- oder unterbewertet sind [also keine korrespondierenden Noten erhalten], so zeigt sich, dass der Anteil derer, die bei der Benotung unterbewertet wurden, unter den Jungen deutlich größer ist als unter Mädchen (26,9% vs. 19,7%), während der Anteil derer, die der erreichten Punktezahl entsprechend benotet (19,8% vs. 22,5%) oder überbewertet (53,3% vs. 57,8%) wurden, unter Mädchen größer ist als unter Jungen.” (104)

Diefenbach, Heike (2007). Die schulische Bildung von Jungen und jungen Männern in Deutschland. In: Hollstein, Walter & Matzner, Michael (Hrsg.). Soziale Arbeit mit Jungen und Männern. München: Reinhardt, S.101-115.

Er sollte vieles besser wissen und entsprechend deutlich benennen, dass die Indikatoren, die er für eine Jungenkrise anführt, die Konsequenz eines jungenfeindlichen Klimas sind, das Mädchenförderung zum Heil erhoben hat, an dem die Welt genesen soll.

Nun hat all das, was man als Jungenkrise beschreiben kann, überhaupt nichts mit dem Amoklauf in München zu tun und auch nichts mit dem Selbstmordattentat in Ansbach. Auch das sollte Walter Hollstein wissen, so wie er wissen sollte, dass nicht ein Männerbild, das Hollstein zwar nicht benennen kann, das aber – in was auch immer – geändert werden muss, für Handlungen verantwortlich ist, sondern Handlungsoptionen und entsprechende –gelegenheiten. Niemand handelt sprengt sich in die Luft, weil er sich für Rambo hält, so wie niemand um sich schießt, weil er die Förderschule besucht oder sozial schlecht integriert ist.

Demgegenüber haben Jungen erhebliche Nachteile in der deutschen Gesellschaft, und zwar deshalb, weil ihnen eine Genderista im Weg steht, die Mädchenförderung auf Basis von Jungenbenachteiligung durchsetzt. Das hat mit Amokläufen überhaupt nichts zu tun.

Auch das sollte Walter Hollstein wissen.

Aus welchem Grund begeht er also einen individualistischen Fehlschluss? Und warum ist ihm so daran gelegen, die Genderista aus ihrer Verantwortung dafür, dass vielen Jungen die Biographie zerstört wird, zu entlassen?


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11 Responses to Der nächste Amoklauf kommt bestimmt: Jungenkrise als Ursache?

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Der nächste Amoklauf kommt bestimmt: Jungenkrise als Ursache?

  2. Eloman says:

    In den USA nennt man sowas “Killing Spree”. Passt mMn besser.

  3. Gereon says:

    islamische Jungen haben nicht die Probleme der deutschen Jungen und deutsche Jungen haben unter anderen auch das Problem islamischer Jungen.
    Als islamischer Junge darfst du alles und kommst vor Gericht mit ein paar Monaten Bewährung davon als deutscher Junge darfst du nichts, wirst von islamischen Jungen und deutschen Feministinnen gemobbt und hast für alles doppelt herzuhalten. Wenn du vor Gericht kommst bedeutet blond das freifache Strafmaß, blond und kurz das sechsfache, Glatze das 10fache. Mal dich braun an, lass dir schwarze Locken machen und sprech Pidgin und du darfst alles fast straffrei.

    • Das ist Unsinn. Ich habe etliche Jahre als Gerichtsreporter auf dem Buckel und mir ist kein deutscher jugendlicher Straftäter untergekommen, der nicht mindestens 10 Straftaten angesammelt hatte, bevor ihm eine Jugendstrafe auf Bewährung gedroht hat.

  4. Umkehr vom Patriarchat zum Matriarchat says:

    In Kindergarten und Schule sind fast ausschließlich nur Frauen mit der Erziehung betraut da werden die Jungen nicht nur benachteiligt sondern auch zu Weicheiern erzogen und viele Mütter machen da mit weil die es auch schon so in ihrer Kindheit erlebt haben und unter dem Deckmantel der Gleichberechtigung eine systematische Umkehr der Geschlechterrollen in der Gesellschaft statt findet. Diese Umkehr hat natürlich nichts mit der Krimalität zu tun eher mit der Zunahme von psychischen Auffälligkeiten die auch noch künstlich in das Verhalten der Jungen reingeredet werden. Diese Umkehr kann unter Umständen natürlich eventuell zu einer Zunahme der Kriminalität der Frauen auf den Gebieten die sonst von Männern begangen wird, führen. Eine kranke Gesellschaft macht gesunde Jungen zu Kranke, erst nur per Definition und dann sind die dann wirklich krank so wie die Gesellschaft.

    • Heike Diefenbach says:

      … eine “Umkehr vom Patriarchat zum Matriarchat” kann nicht erfolgen oder erfolgt sein, da bislang kein Nachweis der Existenz eines “Patriarchats” gelungen ist!

      Wie oft soll man das denn noch sagen!?!????

      Möglich ist, dass eine demokratische, individualistische Gesellschaft zu einer totalitären Gesellschaft verkommt, in der sich Menschen nicht mehr als Menschen – und das heißt als Individuen, die einer bestimmten Spezies angehören, verstehen, sondern bloß als Angehörige bestimmter soziale Gruppen, und als solche zu nutznießen versuchen, wo es durchsetzbar ist. Eine solche Entwicklung könnte rein theoretisch die Form eines Matriarchats annehmen.

      Davon abgesehen bzw. insofern kann ich Ihrem Kommentar im weiten Teilen zustimmen.

  5. Livia says:

    Jungen sind in Wirklichkeit das schwächere Geschlecht! Sie entwickeln sich langsamer – sind in früheren Zeiten auch eher als Kinder gestorben – und anders als Mädchen, weshalb die Einführung der Koedukation schon eine Benachteiligung der Jungen war. Solange es – zumindest in den weiterführenden Schulen – noch Mädchen- und Jungenschulen gab – waren die Zahlen der Abbrecher in etwa gleich. Interessant wären Vergleiche mit Daten um 1900, als, zumindest in Städten, von der 1. Klasse an getrennt unterrichtet wurde.
    Jungens haben u.a. mehr Bewegungsdrang und brauchen mehr Sportunterricht als Mädchen. In meiner Kindheit gab es noch für Mädchen Handarbeiten und in der Zeit für Jungens extra Sport. Heute werden Hausfrauenfertigkeiten nicht mehr vermittelt – schon garnicht an Mädchen, da die Hausfrau ja abgeschafft werden soll – und der erhöhte Bewegungsdrang bei Jungen oft medikamentös mittels Psychopharmaka ruhiggestellt. (Draußen spielen geht wg. Straßenverkehr, fehlender Brachen und Spielkammeraden im Fußlaufbereich auch nicht mehr.)
    Und da sind wir wieder bei den Auslösern für Amokläufe!!!

  6. Freddy says:

    Ich stimme mit einigen Passagen im Artikel überein, aber warum werden nur deutsche Jungs zu Weicheiern? Die arabisch-asiatischen strotzen um so mehr vor Selbstüberschätzung. Wenn die Mädchenförderung das Übel sein soll?

    • Heike Diefenbach says:

      Ich weiß nicht. ob Sie Recht haben, und ich persönlich bezweifle, dass Sie Recht haben, aber FALLS Sie Recht hätten, dann würden doch Jungen, die kulturell bedingt stärker zu Selbstüberschätzung neigen als andere Jungen, mit größerer Wahrscheinlichkeit auf Mädchenförderung mit Reaktanz reagieren als besagte andere Jungen.

      Darüber hinaus ist Mächenförderung in sich insofern differenziert als kofptuchtragende Mädchen nicht gerade zur Lieblingsklientel der Mädchenförderung gehören (besonders dann nicht, wenn sich diese Mädchen der “Förderung” unzugänglich zeigen); vielmehr ist es das deutsche Mittelschichtsmädchen mit zwecks Statuserhalt zu nahzu allem bereiten Eltern, die gefördert werden sollen, damit sie die angestrebten 50:50-Quoten in den Bereichen erreichen helfen, die von Feministen und der Genderista für die kommenden Generationen (ungefragt, versteht sich) angestrebt werden. Vor diesem Hintergrund ist es durchaus plausibel anzunehmen, dass deutsche Jungen mit der so genannten Mädchenförderung bzw. eigener Benachteiligung auf direkte Art und häufiger konrontiert sind als Jungen mit arabischem oder asiatischem Hintergrund.

  7. fdominicus says:

    Ich helf dem Mann mal:
    “Heterosexuelle sind homophob. ”
    ändern wir ab in
    “Heterosexuelle sind heterophil”

    War gar nicht wo schwer – dafür ewarte ich noch nicht einmal dankend auf den Knien zu rutschen. Ich finde Knie sollten bodenphobisch veranlagt sein 😉

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