Nass hinter den Ohren: „Erinnerung an Ertrinkende im Mittelmeer“

“Stumm stehen sie da,
übergießen sich mit Wasser,
sacken zusammen,
und bleiben wie tot liegen.

Ein stummer Protest als Erinnerung an die Ertrinkenden im Mittelmeer.

Unter dem Motto #nassgegenhass wollen Studierende der Hochschule für Fernsehen und Film in München ein Zeichen gegen die bayerische Asylpolitik setzen.

Anlass ist ein Kongress der Staatsregierung in den Räumen der Uni, bei dem auch Ministerpräsident Söder spricht.“

Bis hier war alles O-Ton ZDF.

Wir wollen nicht mehrfach denselben Beitrag schreiben. Deshalb verlinken wir auf den RatgeberAnstrengungslos zum Gutmenschenund bewerten die Aktion der Studenten aus München, die sich für ihre Aufführung immerhin nass gemacht haben, als Variante des virtue signalling, die wir mit einem Bambi vielleicht auch mit einem Lutscher auszeichnen werden oder würden, vielleicht auch nicht.

Man muss sich regelmäßig daran erinnern, dass man im 21. Jahrhundert lebt, dass Menschen eigentlich als Wesen mit Gehirn und Verstand gelten und dass es tatsächlich eine Außenwelt gibt, eine, die bislang im Jahr 2018 1.503 im Mittelmeer Ertrunkene, nicht Ertrinkende gesehen hat.

Nun zeichnen sich Menschen dadurch aus, dass sie kognitiven Beschränkungen unterliegen, weshalb sie bestimmte Informationen aufnehmen und viele andere Informationen ausblenden müssen. Die entsprechende Selektion funktioniert entlang des Interesses eines Menschen. Man nimmt wahr, was einem interessiert, blendet aus, was einem nicht interessiert. In Medien nennt man das, Gatekeeping und beschreibt es dahingehend, dass berichtet wird, was den eigenen Interessen dient und ausgeblendet wird, was nicht den eigenen Interessen dient oder nicht das eigene Interesse findet.

Die Studenten aus München haben großes Interesse an Ertrinkenden im Mittelmeer, die von der CSU in Bayern herzlich wenig bis gar nichts wissen und ertrinken, weil sie sich in Boote setzen, die nicht seetüchtig sind. Zudem haben die Studenten ein Interesse daran, die CSU für das Ertrinken im Mittelmeer verantwortlich zu machen, vor allem deren Asyl-Politik, denn, so muss man schließen, wäre die CSU Asylbewerbern gegenüber offener, würde jeden aufnehmen wollen, der es nach Deutschland schafft, dann wären die Boote der Schlepper, die im Mittelmeer untergehen, seetüchtiger und die Ertrunkenen weniger. Es gibt keinen Grund, warum man das glauben sollte. Aber die Studenten glauben es. Und das ZDF berichtet von diesem Glauben, nicht weil man beim ZDF glaubt, was die Studenten glauben, sondern weil man mit dem Bericht die CSU und ihren Ministerpräsidenten passend zur baldigen Landtagswahl negativ darstellen (oder unter Druck setzen) kann. Sie sind nun einmal mehrheitlich links und grün, die politischen Journalisten in Deutschland.

Dem auf Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrunken sind, fixierten Interesse der Studenten und den auf die Möglichkeit, der CSU ans Bein zu pinkeln fixierten ZDF-Redakteuren, sind die folgenden Toten entgangen, für die man sich auch hätte mit Wasser übergießen und auf den Boden legen können …

124 Tote und mehr als 2000 Verletzte gehen auf das Konto der Venezuelanischen Armee und Sicherheitskräfte.

Rund 4.600 Menschen sind als Opfer des Hurricans „Maria“ in Puerto Rico zu beklagen gewesen.

325 Tote und 3140 Verletzt sind die Bilanz der Songkran Ferientage (Neujahr) in Thailand. Fünf Tage, vom 11. bis zum 15 April haben dazu ausgereicht.

Mindestens 74 Menschen sind bei den Bränden in Griechenland ums Leben gekommen.

Zwei schwerverletzte obdachlose Männer gibt es in Berlin zu beklagen. Sie wurden von unbekannten mit Benzin übergossen und angezündet.

Keine dieser menschlichen Tragödien war den Laiendarstellern der Hochschule für Fernsehen und Film in München eine Aufführung wert. Das bringt uns zurück zur selektiven Wahrnehmung, die von Interessen geleitet wird und zur Frage: Was ist an Toten in Thailand, Venezuela, Puerto Rico oder Griechenland, an Schwerverletzten in Berlin weniger Performance würdig als an Toten im Mittelmeer?

Man kann annehmen, dass die Studenten in München weder einen der Toten aus dem Mittelmeer noch eines der Opfer aus Thailand, Venezuela, Puerto Rico oder Griechenland noch die beiden Obdachlosen aus Berlin kennen.

Man kann zudem annehmen, dass ihr Leiden darunter, dass es die entsprechenden Toten und Schwerverletzten gibt, auf psychisches und somit weitgehend eingebildetes Leiden beschränkt ist, konkretes menschliches Mitgefühl kann man nur haben, wenn die Opfer aus der Anonymität in die Bekanntheit überführt werden, was sie aber nicht werden. Sie sind nur Zahlen, 1503 im Mittelmeer, 4600 in Puerto Rico, 74 in Griechenland, 325 in Thailand, 2 in Berlin.

Die Ursache für die Wahl der Mittelmeer-Toten kann somit nicht in den Toten als solche liegen, sondern in dem Zweck, den man mit dem Mittel „Mittelmeer-Tote“ erreichen kann.

Der Zweck für die Studenten ist offenkundig:

  • Schaut, wir sind gute Menschen und nehmen Anteil an Toten, die uns wurscht wären, wären sie in Venezuela gestorben.
  • Schaut wir inszenieren uns und zeigen mit dem Finger auf die, die wir für böse Menschen halten, in der Hoffnung, dass man uns für gute Menschen hält.
  • Schaut, wir haben noch nichts geleistet und auch nicht vor, etwas zu leisten, deshalb müssen wir uns inszenieren und der Welt vorspielen, wir würden etwas leisten.
  • Kurz: Die Mittelmeertoten eignen sich hervorragend dazu, eine nicht vorhandene Persönlichkeit zu inszenieren und mit stolz geschwelter Brust nach Hause zu gehen und vermutlich in 20 Jahren noch zu erzählen, wie man damals Söder im Weg gelegen hat.

In der Zeit, in der die Studenten sich inszeniert haben, hätten sie auch einem Obdachlosen in München ein Mittagessen kaufen können, die Isarwiesen säubern oder im Tierheim aushelfen können. Aber das sind Tätigkeiten, mit Arbeit verbundene Tätigkeiten, noch dazu nützliche Tätigkeiten, die sich nicht mit der Selbstinszenierung als moralisch überlegener Gutmensch vertragen.

Und das ist letztlich der Grund dafür, dass all diejenigen, die sich ohne Aufhebens kümmern, die ohne Aufheben zu machen, leisten, als Altenhelfer, als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, als Nachbar, der die Versorgung derer, die nicht mobil sind, im Ort ohne Lebensmittelladen übernimmt, als Freiwilliger, der sich um obdachlose streunende Katzen kümmert, als jeder, der in seinem Nahbereich etwas tut, um akute Not zu lindern, Wertschätzung verdient haben, und zwar im Gegensatz zu den Münchner Studenten , deren Egomanie so groß ist, dass sie sich selbst auf Kosten von Toten inszenieren.

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