Hetzjagd, Maaßen, Authentizität, Medienskandal und die Unterschlagung des Wesentlichen

Selten hat ein Behördenleiter die deutschen öffentlich-rechtlichen Medien so in Aufregung versetzt, wie Hans-Georg Maaßen. Der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz zweifelt die Authentizität des Videos an, das seit dem 26. August als einziger Beleg für die Hetzjagden, die angeblich stattgefunden haben sollen, gilt:

 

„Nach meiner vorsichtigen Bewertung“, so sagt Maaßen der BILD-ZEITUNG, sprechen gute Gründe dafür, dass es sich um eine gezielte Falschinformation handelt, um möglicherweise die Öffentlichkeit von dem Mord in Chemnitz abzulenken“.

21, 22: Hysterie.

In rekordverdächtiger Geschwindigkeit ist der ARD-Faktensucher, von dem nicht bekannt ist, ob er je ein Faktum gefunden hat, Patrick Gensing zur Stelle und erklärt, dass es keine Indizien für eine Fälschung des Video gebe.

Darauf will man es bei der ARD jedoch nicht beruhen lassen. Michael Götschenberg darf noch einen Kommentar nachlegen, in dem er die Zweifel des Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz zu Blödsinn erklärt. Und weil das immer noch nicht reicht, darf auch Georg Restle, seinen Senf zu Maaßen geben.

Das ZDF macht sich gar die Mühe, ein Feature zu drehen, in dem rund 95% der Zeit darauf verwendet wird, mitzuteilen, warum das Video authentisch sein müsse, während die Zweifel von Maaßen nur den Hintergrund abgegeben, vor dem die Journalisten versuchen, ihre Erzählung von der Wirklichkeit zu retten.

Und natürlich ist die gesammelte Linke in hellem Aufruhr. Die Forderungen reichen vom Zweifel an seiner Eignung als Chef des Verfassungsschutzes bis zu Forderungen nach Rücktritt.

Auf Grundlage dieser hysterischen Reaktionen kann man sich ungefähr vorstellen, wie wichtig das Narrativ der Hetzjagden für die gesammelte Linke ist. Vermutlich ist diese Wichtigkeit der inhaltliche Einöde geschuldet, die die Parteien von links darbieten. Ihr einziges politisches Alleinstellungsmerkmal scheint derzeit der Kampf gegen Rechte zu sein. Ohne diesen Kampf fehlt die politische Identität, denn wogegen wäre die LINKE, was würde die Grünen zusammenhalten, was die SPD definieren, wenn es keine AfD und keinen Rechtsextremismus gäbe, den sie täglich aufs Neue verbal inszenieren und bekämpfen können?

Normal sind die Reaktionen, die gestern und heute als Reaktion auf das Interview von Maaßen auf die Öffentlichkeit niederprasseln, nicht. Sie sind nur erklärbar vor dem Hintergrund einer geradezu religiösen Verbrämung der Geschehnisse in Chemnitz. Es ist, als würde man den Christen sagen, dass die Tontafeln, die ein Ägypter von einem Berg mitgebracht hat, gar nicht authentisch sind, gar nicht das Wort Gottes enthalten.

Eine normale und angemessene Reaktion bestünde darin, die Fakten zu sammeln und sich ein Bild von den Vorgängen in Chemnitz zu machen, eines, das nicht auf Hysterie gebaut ist und die Tatsache, dass zwei Männer zwei anderen Männern hinterherlaufen, zur Hetzjagd erklärt, eines, das versucht, Einzelereignisse in das Gesamtereignis einzubetten, um ein Gesamtbild und nicht nur eine Momentaufnahme zu erhalten, eines, dass jede Art von voreiligem, von Fehlschluss vermeidet.

Maaßen will, dass Mitarbeiter in seinem Amt sich einen solchen Überblick verschaffen. Kanzlerin Merkel und ihr Regierungssprecher, die sich seit mehreren Tagen weigern, ihre Wortwahl „Hetzjagd“ und „Zusammenrottung“ zu erklären und die Bilder, die bei ihnen die Assoziation „Hetzjagd“ ausgelöst haben, zu bezeichnen, wollen das nicht. Und der Rest der gesammelten Linken will das schon gar nicht. Für sie ist allein das Anmelden von Zweifeln ein Sakrileg, das mit der Verbrennung des Ketzers geahndet werden muss.

Wer solche Politdarsteller in der Öffentlichkeit duldet und immer noch denkt, er würde in einer säkularisierten und aufgeklärten Gesellschaft leben, dem ist nicht mehr zu helfen.

Jenseits der religiösen Eiferer die die Reliquie, die sie in Chemnitz gesammelt haben, nicht anzweifeln lassen wollen, gibt es derzeit eine Reihe von Journalisten, die von sich behaupten, sie wären an der Aufklärung der Geschehnisse, an den Fakten interessiert.

Dass sie das nicht sind, zeigt sich bereits an ihrer „Forschungsfrage“. Wollten Sie wissen, ob die Zweifel von Maaßen angemessen sind, dann würden sie sich fragen, welche Indizien DAFÜR sprechen, dass Maaßens Zweifel angebracht sind. Alle journalistischen und fast durchweg dilettantischen Versuche, der Aussage von Maaßen Herr zu werden, gehen jedoch von der Frage was, was DAGEGEN spricht, dass Maaßen recht hat.

Daraus kann man nur den Schluss ziehen, dass diese Journalisten nicht an dem interessiert sind, was tatsächlich geschehen ist, sondern daran, wie man die Kritik von Maaßen diskreditieren und zunichte machen, sie zu “Blödsinn” erklären kann, wie Götschenberg dies tut.

Ein derartig eingeschränkter Horizont schon zu Beginn der Behandlung eines Gegenstandes kann in nichts Gutem enden und gewöhnlich endet er bei Überzeugungstätern wie Götschenberg oder Gensing in der Illusion der Validität, wie sie Daniel Kahneman beschrieben hat. Die Illusion der Validität könnte man auch als den Fluch der Gläubigen bezeichnen. Er äußert sich darin, dass die Inbrunst mit der die Wahrheit der eigenen Erkenntnisse im vorliegenden Fall behauptet wird, durch das Wissen nicht beeinträchtigt wird, dass man in der Vergangenheit immer dann, wenn man mit Inbrunst die Wahrheit der eigenen Erkenntnisse behauptet hat, auf die Schnauze gefallen ist, einen Fehler gemacht, Falsches behauptet hat. Die Illusion der Validität beschreibt letztlich eine Lernbehinderung.

Damit zurück zu Götschenberg und Gensing, die angetreten sind, um zu zeigen, dass Maaßen mit seinen Zweifel daneben liegt.

Gensing liefert dabei die Grundlage, auf der Götschenberg dann “Blödsinn” in Richtung Maaßen rufen darf. Seine Widerlegungsversuche beginnen mit dem sattsam bekannten Video, um das es auch oben in der Darstellung des ZDF geht. Er führt den Journalisten Lars Wienand an, der von Gensing aufgrund unbekannter Kriterien schnell zum Experten für Fragen der Authentizität von Videos gemacht wird und dann feststellen darf, dass das Video eindeutig aus Chemnitz stamme.

Hat das jemand angezweifelt?

Der nächste Beleg für die Authentizität, den Gensing bringt, heißt Ali Hassan Sarfaraz, den auch das ZDF ausfindig gemacht hat. Er hat keine Probleme oder gar Angst, sich als einer der beiden „Gejagden“ zu identifizieren.

Grötschenberg nimmt diese Vorarbeit auf und erklärt:

„Dass Maaßen aber gleichzeitig die Echtheit des Videos bezweifelt, ist einfach nur Blödsinn. Richtig ist, dass nach wie vor nicht klar ist, wer das Video aufgenommen hat und wo es herkommt. Tatsache ist aber auch, dass der junge Afghane, der in dem Video angegriffen wird, sich bei der Polizei gemeldet, den Angriff angezeigt und sogar schon ein Interview gegeben hat. Insofern besteht kein Zweifel, dass der Angriff sich so zugetragen hat, zu diesem Zeitpunkt, an diesem Ort, und damit auch das Video echt ist. Fake-News: Fehlanzeige.”

Wenn man sich seiner Sache zu sicher ist, dann unterlaufen einem Fehler, logische Fehler.

Wenn die Tatsache, dass sich jemand bei der Polizei meldet und eine Strafanzeige erstattet, ausreicht, um alle Zweifel daran, dass die Straftat auch wirklich begangen wurde und der Anzeigende das Opfer ist, zu beseitigen, dann benötigen wir keine Staatsanwaltschaft und keine Gerichte mehr und können auch den Grundsatz, nachdem die Schuld eines Angeklagten bewiesen werden muss, fallen lassen. Wer anzeigt hat Recht, der muss ein Opfer einer Straftat sein. Wen immer er als Täter angibt, der muss entsprechend verurteilt werden. Das ist die logische Folge des Arguments, das Götschenberg hier machen will. Er schlägt damit nicht nur der Rechtsgeschichte Deutschlands ins Gesicht und knüpft an der Praxis des Volksgerichtshof an, er dreht auch die Beweislast um und erklärt den vermeintlichen Täter zu dem, der seine Unschuld beweisen müsse.

Noch irritierender als die logischen Fehler hinter der versuchten Argumentation von Gensing und Götschenberg und ZDF ist jedoch das offenkundige Unterschlagen, Auslassen, Übersehen dessen, was einem zuerst in den Kopf kommt, wenn man hört, dass der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz die Authentizität eines Videos in Frage stellt und seine Vermutung anfügt: „dass es sich um eine gezielte Falschinformation handelt, um möglicherweise vom Mord in Chemnitz abzulenken“.

Gerade Mitarbeitern in Fernsehsendern, von denen jeden Tag unzählige schlechte und ganz schlechte Spielfilme oder Fernsehspiele gezeigt werden, sollten schon einmal davon gehört haben, dass man Szenen, wie die im Video auch stellen kann.

Man kann Schauspieler engagieren, ein Opfer so in Szene setzen, dass man es von vorne sieht, den oder die Täter so in Szene setzen, dass man sie nur von hinten sieht, Letztere hinter Ersteren herlaufen und schnell von der Verfolgung ablassen lassen. Eine kurze Sequenz, schnell gespielt, ins Internet gestellt und wie von Geisterhand von Antifa Zeckenbiss in den Besitz unzähliger Journalisten transferiert. Wer sich mit Twitter ein wenig auskennt, muss allein die Tatsache, dass dieses Video so schnell eine so große Verbreitung gefunden hat, als einen erklärungsbedürftigen Umstand ansehen – wie viele Videos versinken nach zwei Re-Tweets in der Versenkung? Was macht das Antifa Zeckenbiss Video so besonders?

Jemand, der eine Verfolgungsszene wie die durch Antifa Zeckenbiss verbreitete, stellt, wird seine Arbeit natürlich nicht damit beenden, die Darbietung im Internet zu verbreiten. Er wird die Glaubwürdigkeit der Darstellung dadurch erhöhen, dass eines oder beide Opfer bei der Polizei vorstellig und namentlich bekannt werden, so dass dieselben Medien, die bereits die Videos transportiert haben, nunmehr die Herz-Schmerz-Geschichte des 10-Meter-Jagdopfers verbreiten können.

Wohlgemerkt, wir sagen nicht, so hat es sich zugetragen. Wir sagen, dass, wenn es sich so zugetragen hätte, von Authentizität natürlich keine Rede sein kann. Wir sagen, dass es genug Vorbilder in der Geschichte der Manipulation gibt (man denke nur an die Brutkästen in Kuwait, aus denen irakische Soldaten angeblich Frühgeborene gezerrt und sie ihrem Schicksal überlassen haben – ein Meisterwerk der von vorne bis hinten erlogenen Propaganda, das nicht unwesentlich zum Irakkrieg beigetragen hat.), die dagegen sprechen, die Möglichkeit, das Video sei gestellt, vorschnell auszuschließen und die dafür sprechen, diese Möglichkeit zu prüfen, wie das die Mitarbeiter des Bundesamts für Verfassungsschutz derzeit tun. Und wir sagen, dass es seltsam ist, dass ausgerechnet Mitarbeiter einer Rundfunkanstalt, die jeden Tag mit gestellten Szenen zu tun haben, nicht auf die Idee kommen, die angezweifelte Authentizität könne sich eben darauf beziehen.

Ob das Video gestellt ist, ist keine Frage, die wir beantworten können. Wir können nur darauf hinweisen, dass diese offensichtlichste aller Möglichkeiten mindestens so wahrscheinlich ist, wie das, was man ARD und ZDF zu beweisen müssen glaubt, dass es die beiden jungen Männer, die kurz, sehr kurz, gescheucht wurden, gab und die Szene in Chemnitz gefilmt wurde.

Das hat sowieso niemand angezweifelt.

Bleibt noch nachzutragen, dass in dem Video natürlich keine Hetzjagd zu sehen ist.

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