Anti-Naturalistischer-Fehlschluss: Bayernwahlprobleme

In der Wissenschaft – und nicht nur da gibt – es eine Unterscheidung zwischen „normativ“ und „empirisch“. Die Unterscheidung kommt manchen trivial vor. Das ist sie aber mit Sicherheit nicht. Sie ist vielmehr eine der grundlegendsten Unterscheidungen überhaupt.

Normativ bezieht sich auf die Frage, wie etwas sein SOLL, während sich empirisch auf die Frage bezieht, wie etwas IST.
Viele Probleme ergeben sich daraus, dass das was ist, oft nicht so ist, wie es nach Ansicht von denen, die nur normativ zu denken im Stande sind, sein soll.

Nehmen wir ISIL, die islamistische Terrororganisation, die das Kalifat wiederherstellen will. Ihre Mitglieder sind davon beseelt, einen normativen Zustand zu erreichen, der vornehmlich dadurch ausgezeichnet ist, dass es niemanden mehr gibt, der den Koran anders auslegt als sie selbst. Nun gibt es in der Realität sehr viele, die nicht nur den Koran anders auslegen, sondern den Propheten für keinen geeigneten Religionsgründer halten oder, noch schlimmer: gar nicht gläubig sind. Um diese Abweichung der Realität von ihren normativen Vorstellungen zu beseitigen, morden die Terroristen von ISIL. Sie sind nicht im Stande, ihre normativen Vorstellungen der Realität anzupassen oder die Existenz anderer anzuerkennen.

Nehmen wir Ralf Stegner: für ihn sind Linke keine Gewalttäter. Damit er seine Norm aufrechterhalten kann, ist er genötigt, die Menge derjenigen, die sich für ihn als Linke qualifizieren, in regelmäßigen Abständen, eigentlich täglich und nach Ausschreitungen der Antifa zu dezimieren. Weil in der Realität Linke gewalttätig sind, flüchtet sich Stegner in eine normative Traumwelt friedliebender Linker.

Wir finden diesen Fehlschluss, den wir als Anti-Naturalistischen Fehlschluss bezeichnen und bei dem im Gegensatz zum Naturalistischen Fehlschluss nicht von Sein auf das Sollen, sondern vom Sollen auf das Sein geschlossen wird, in vielen Facetten und so häufig in Deutschland, dass die Wolkenkuckucksheime, die bewohnt werden, längst zu Reihenhäusern im Himmel der Einbildung geworden sind.

Ein anderes Beispiel hat die letzten Tage all jene beschäftigt, die durchsetzen wollen, dass die AfD eine rechtspopulistische und keine konservative Partei ist. Sie definieren ihre Norm von konservativ im Stegnerschen Sinne: Wer in der AfD ist, kann nicht konservativ sein. Ein gutes Beispiel findet sich hier:


Ausgangspunkt dieser Debatte ist unsere folgende Abbildung.

Wie so oft in den Medien gehen über der Adaption der guten Ideen und Arbeiten anderer die Quellen verloren, so auch hier bei Jan Fleischhauer, der natürlich ganz ohne unsere Grafik, die auf Twitter viral ist, auf die Idee gekommen ist, ausgerechnet AfD, CSU und FW zusammenzuzählen.

Aber diese Form des Ideenklaus soll uns hier nicht weiter beschäftigen, selbst wir können uns ab einer bestimmten Menge nicht mehr darüber aufregen. Statt dessen wollen wir den anti-naturalistischen Fehlschluss, den Hugo Müller-Vogg begeht, und mit einer besonderen Variante des Argumentum ad-verecundiam verbindet, aufzeigen.

Es beginnt in der Realität und mit zwei Wahlen:

Manche Wähler wandern zwischen Parteien, manche wählen wieder die Partei, die sie bereits in der Vergangenheit gewählt haben. Nach den Wahlen findet dies seinen Niederschlag in Wählerwanderungsanalysen. Die meisten Wähler, die zur AfD gelaufen sind, kamen von Nichtwählern, Sonstigen und der CSU. Die meisten Wähler, die zu den Grünen gelaufen sind, kamen von CSU, SPD und aus den Reihen der Nichtwählern. Normativ denkende, Denkbehinderte in unseren Augen, sind nun der Ansicht, wenn jemand von der CSU zu den Grünen wechselt, dann nimmt er den Konservatismus, der ihm als CSU-Wähler zu treuen Händen übertragen wurde, mit. Wechselt er jedoch zur AfD, dann transformiert er zum Rechtspopulisten.

Das ist so offenkundiger Unsinn, dass man es eigentlich gar nicht weiter verfolgen muss, denn natürlich ist der Wähler, der seine Stimme nun einer anderen Partei gibt, derselbe Wähler, der er zuvor war, er hat nur eine andere Partei gewählt, aus welchen Gründen auch immer. Für diejenigen, denen der anti-naturalistische Fehlschluss zur zweiten Haut geworden ist, ist die Wahl einer Partei jedoch eine Art „Äußerung des Essentialismus“, weshalb ein Wähler, der die Essenz des Konservatismus bei der CSU gekostet hat, zum Verräter wird, wenn er sich nunmehr am Brunnen des Rechtspopulismus der AfD labt.

Essentialismus und der Versuch, die Welt nach den eigenen normativen Vorstellungen zu betrachten, gehen miteinander einher, was uns zum Argumentum ad verecundiam bringt: “Wenn jemand von der @CSU zur @AfD wechselt, dann verlässt er meines das bürgerliche Lager. Man addiert nicht zusammen, was nicht zusammengehört.”

Das ist schon eine besondere Form der Selbstüberschätzung, mit der Müller-Vogg hier versucht, seine Sicht der Welt zur alleingültigen zu erklären, man könnte fast sagen, dieser Aussage hängt der ranzige Geruch des Faschismus an, und welches Bild wirft das auf das bürgerliche Lager, in dem sich Müller-Vogg wähnt.

Faktum ist, dass man als Wissenschaftler an die Realität gebunden ist. Eine Partei ist deshalb eine konservative Partei, weil sie entsprechende Ansichten über Ordnung und Recht, über individuelle Leistung und Wettbewerb, über Freiheit und Sicherheit hat und in Bayern: Christentum hat. Auf Grundlage dieser Kriterien und einer nachfolgenden Prüfung von Programmaussagen von Parteien kann man dann zuordnen, was eine konservative Partei ist. Zum Lager der konservativen Parteien in Bayern gehören die CSU, die Freien Wähler als Ausgründung der CSU und die AfD.

Linke Parteien zeichnen sich dadurch aus, dass sie Kollektivismus predigen, dem Individuum ein gesamtgesellschaftliches Heil überordnen wollen, sei es im Feminismus oder in anderen Spielarten der geschlechtsbezogenen Obsession, die Linke teilen. Linke wollen Freiheiten einschränken, Wettbewerb behindern und die Welt in dem normativen Bild ihrer Ideologie formen, das ihnen alleiniges Heil verspricht. Deshalb setzt sich der linke Block aus SPD, Grünen und LINKE zusammen.

Diesen Kriterien kann man kritisieren, indes setzt eine Kritik ein Argument voraus, einen Grund dafür, warum eine Partei, die all die genannten Kriterien erfüllt, nicht ins konservative oder linke Lager gehört. Ein Argumentum ad verecundiam, bei dem wie von Müller-Vogg als einziges Argument die eigene Person als Autorität angeboten wird, ist ebenso ungeeignet, wie die normative Behauptung, dass etwas anders zu sein habe, weil es ihm so gefällt.

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