Al-Müll-Chemie: Bundesbeauftragte versucht Teile von Junk-Science zu retten

Man kann sich ungefähr vorstellen, unter welchem Druck die Bundesbeauftragte für die neuen Bundesländer, die das Parteibuch der SPD inne hat, steht, seit ihr das Institut für Demokratieforschung Junk-Science als wissenschaftliche Studie für 129.391,86 Euro angedreht hat.

Der Druck muss immens sein, schon weil die Bundesbeauftragte in der Pressekonferenz, auf der die Ergebnisse der Junk Science vorgestellt wurden, den Mund sehr voll genommen hat:

Wir führen die Tatsache, dass Frau Gleicke sich zu einer Stellungnahme genötigt sieht, übrigens kausal auf unsere Beiträge auf ScienceFiles zurück, da wir die Wirkungskette von uns über die Welt bis zur CDU/CSU Fraktion verfolgen können. Da sich die dritte Seite der Stellungnahme auf Fragen bezieht, die wir an das Amt der Bundesbeauftragten gestellt haben und an Volker Kauder und Arnold Vaatz von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion geschickt haben, ist dies wohl einer der seltenen Fälle, in dem eine Kausalkette in der sozialen Welt belegt werden kann. Warum sich Politiker nicht direkt an uns wenden (als Personen, die nachweislich Urteilsvermögen z.B. im Hinblick auf die Qualität von Studien haben, schon weil wir das entsprechende Rüstzeug nicht nur gelernt, sondern auch gelehrt haben und davon leben, es täglich zu verkaufen), um ein Gutachten über den Wert von Studien in Auftrag zu geben, eine Berührungsangst, die viele Fachzeitschriften und die DFG nicht haben, ist uns übrigens nicht nachvollziehbar.

Wir zitieren:

  • Goettingen Junk Science„Rechtsextremismus ist nicht ausschließlich ein Ost-West-Problem, sondern auch ein Zentrum-Peripherie-Problem, das befördert werden kann durch spezifische regionale Faktoren, die in Ostdeutschland stärker ausgeprägt sind als im Westen.
  • Es gibt, nicht in ganz Ostdeutschland, aber in gewissen Regionen und politisch-kulturellen Umfeldern, eine historisch gewachsene Neigung zu Fremdenfeindlichkeit und rechtsextremen Denken. Dies kann in der politischen Debatte nicht einfach beiseite gewischt werden, nur weil die Diagnose einer ostdeutschen Besonderheit eine politisch unangenehme Schwere in die öffentliche Debatte bringt.
  • Das Problem von Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und fremdenfeindlich motivierten Übergriffen mag ein stärker ostdeutsches sein, die Lösung aber liegt vor Ort.“

Keine der gemachten Aussagen ist auf Grundlage der Daten, die in die Göttinger Studie eingeflossen sind, möglich. Weder ist es möglich, einen Ost-West-Vergleich anzustellen, noch ist es möglich, einen Vergleich zwischen Regionen in Ostdeutschland vorzunehmen. Wir haben als erste auf diese Tatsachen, die sich daraus ergeben, dass die Göttinger ausschließlich qualitativ forschen, hingewiesen. Man kann, wenn man John Doe in Heidenau befragt, nicht auf ganz Heidenau oder eine ganze Region oder ein ganzes Bundesland schließen, gar alle neuen Bundesländer über einen Kamm scheren und mit Westdeutschland vergleichen. Wer dies tut, hat keine Ahnung von empirischer Sozialforschung und auch keinen normalen Menschenverstand.

Die Göttinger haben es getan und offensichtlich das Problem gesehen, dass sie, der Ehrlichkeit halber in ihrem Endbericht immer eingeschränkt davon schreiben müssten, dass bei der Fokusgruppe in z.B. Freital ein Antwortmuster bei den Teilnehmern identifiziert wurde, von dem jedoch niemand sagen kann, ob es sich auch außerhalb dieser Fokusgruppe finden lässt. Die Eigenart qualitativer Forschung besteht darin, dass man etwas über diejenigen aussagen kann, die man qualitativ erforscht hat. Über niemand sonst. Die einzige Möglichkeit, aus qualitativen Interviews etwas mehr Honig zu saugen als gewöhnlich, bietet die Grounded Theory, sofern ihr ein entsprechender quantitativer Theorietest folgt. Aber die Grounded Theory kommt als Begriff im Endbericht der Junk Studie aus Göttingen nicht vor. Überhaupt gibt es keinerlei Hinweis darauf, mit welcher Methoden (!sic) das Material aus Einzelinterviews und Fokusgruppen ausgewertet wurde. Offensichtlich haben die Göttinger einfach ausgewertet, wie es ihnen so in den Sinn kam und keinerlei Methode benutzt.

Entsprechend kann man mit Blick auf die methodische Qualität dieser Junk-Studie feststellen:

  1. Flick quali soz

    Zum Nachlesen für Göttinger und sonstige Ahnungslose

    Es gibt keinerlei Kriterien, nach denen die Interviewpartner oder die Teilnehmer der Fokusgruppen ausgewählt wurden.

  2. Es gibt keinerlei Angaben darüber, wie die Interviews und Fokusgruppen durchgeführt wurden, anhand von Leitfäden, offen oder teil-offen?
  3. Es gibt keinerlei Angabe zur Methode, mit der die Daten ausgewertet wurden, ob mit qualitativer Inhaltsanalyse, mit dem Instrumentarium der Grounded Theory oder womit auch immer.
  4. Von Fragen der Reliabilität und Validität der Auswertung des Materials, wie man sie z.B. durch Blindauswertungen oder Mehrfachauswertungen herzustellen versucht, wollen wir gar nicht erst anfangen.

Damit fehlt jeglicher methodischer Grundstock in der Junk-Studie, so dass es nicht möglich ist, überhaupt ein Ergebnis als Ergebnis zu präsentieren, da man nicht weiß, wie die Ergebnisse gewonnen wurden, von wem die Informationen, die in die Ergebnisse eingeflossen sind, gewonnen wurden uvm.

Wenn sich die Bundesbeauftragte dennoch nicht entblödet zu sagen:
„Ich sehe keinen Grund für Zweifel an Inhalt und Methodik der Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung“, dann mag dies daran liegen, dass sie von Methodologie empirischer Sozialforschung keinerlei Ahnung hat und auch vom Inhalt der Junk-Studie nicht allzu viel weiß.

Dass sie keinerlei Ahnung von empirischer Sozialforschung hat, zeigt sich daran, dass in der gerade veröffentlichten Stellungnahme eine wilde Assoziationsreihe zu finden ist: Rechtsmotivierte Gewalttaten würden 2015 zur Hälfte in Ostdeutschland verübt. Die Ursachen dafür müssten schonungslos offengelegt werden. Und: „Diese Ursachenforschung war Inhalt und Zielsetzung der Studie. Ursachenforschung kann selbstverständlich nur dort erfolgen, wo die Probleme von rechtsextremen Vorfällen vor Ort bestehen“.

Das ist absoluter Blödsinn, denn:

Es ist es nicht nachvollziehbar, dass man die Ursachen von rechtsmotivierten Gewalttaten in Ostdeutschland nur in Heidenau, Freital oder Erfurt sucht. Das wäre vielleicht dann nachvollziehbar, wenn alle rechtsmotivierten Gewalttaten in Heidenau, Freital und Erfurt begangen würden. Damit würde man aber behaupten, die drei Orte hätten einen autonomen Sozialraum, der nicht von Politiken in Berlin oder Dresden beeinflusst wird, was offenkundiger Unsinn ist.

Es ist methodischer Ahnungslosigkeit geschuldet, die Ursachen von Problemen da suchen zu wollen, wo sie auftauchen. Das mag für das naive Gemüt einsichtig sein. Ist aber dennoch methodischer Unsinn. Denn: Wie würde man die Ursachen erkennen? Angenommen, in Ort X sterben viel mehr Menschen an Lungenentzündung als in Ort Y. Wollte man nun wissen, warum dem so ist, dann würde es nach Ansicht von Frau Gleicke ausreichen, im Ort X Experteninterviews abzuhalten und Fokusgruppen zu bilden, um die Ursachen zu entdecken.

Jahn Vergleichende PowiNun gibt es, wenn man z.B. in Bibliotheken von Universitäten geht, ganze Regale voller Bücher, die sich mit Vergleichen befassen. Ein ganzer Teilbereich der Politikwissenschaft nennt sich vergleichend. Die Ethologie ist weitgehend eine Wissenschaft, die auf dem Vergleich aufbaut. Die komplette quantitative Sozialforschung ist ohne Vergleichsgruppen nicht möglich. Irgendwie scheinen Wissenschaftler der Ansicht zu sein, dass man Ursachen für ein Problem nur durch einen Vergleich identifizieren kann. Mediziner und Psychologen nutzen gar Forschungsdesigns die Vergleiche in experimentellen Settings künstlich schaffen, um so der Ursache von Dingen auf den Grund zu gehen. Nur Frau Gleicke ist der Ansicht, es reiche, wenn man ohne Vergleich in einer Weise unbedarft und willkürlich forscht, wie dies die Göttinger getan haben.

Es ist vermutlich von einer Person, die seit 1989 in politischen Pöstchen sitzt, nicht zu erwarten, dass sie irgendwelche Kenntnisse in empirischer Sozialforschung hat. Aber es wäre genau deshalb angebracht, dass sie den Mund zu Fragen der empirischen Sozialforschung hält, die sie nicht beurteilen kann. 

Davon abgesehen stellt sich die Frage, wie Frau Gleicke, deren Biographie keinerlei Anlass gibt zu vermuten, sie habe auch nur rudimentäre Kenntnisse empirischer Sozialforschung, Kenntnisse die es erlauben, die Validität und Reliabilität, die methodische Richtigkeit von Studien einzuschätzen, glaubt eben dies tun zu können. Der Posten einer Bundesbeauftragten ist ein politischer Posten, der letztlich einfach nur der Versorgung von Parteisoldaten dient. Er hat keinerlei Zweck und die Position verleiht auch keinerlei Fähigkeiten. D.h. wer Kenntnisse empirischer Sozialforschung nicht auf die Position mitbringt, der hat sie auch nach Besetzung der Position nicht. Wie Frau Gleicke denken kann, nur weil sie eine Position inne habe, werde sie quasi von einem himmlischen Strahl der Erkenntnis verklugt, ist eine Frage, die man vermutlich nur auf Grundlage der Persönlichkeitspsychologie und ihrer Theorien beantworten kann.

Ebenso wäre es wünschenswert, wenn Frau Gleicke nicht versuchen würde, Bürger für dumm zu verkaufen.

Es gibt begründete Zweifel daran, dass die Göttinger alle Interviews, die sie geführt zu haben, behaupten, auch geführt haben. Die methodischen Mängel, die völlig ungewöhnlich selbst für qualitativ arbeitende Forscher sind, sind ein Grund für diese Zweifel. Die Uneinheitlichkeit der Anonymisierung, die die Göttinger vorgenommen haben, ist ein weiter Punkt, der Zweifel nährt. Die Behauptung, dass Anonymisierung in der qualitativen Sozialforschung „völlig normal“ oder „üblich“ sei, ist ein weiterer Grund für Zweifel.

Denn: Die Göttinger haben Experteninterviews geführt. Es ist bei Experteninterviews vollkommen unüblich, zu anonymisieren. Um den Gehalt der Interviews einschätzen zu können, ist es notwendig, die Qualifikationen der angeblichen Experten beurteilen zu können. Wer die angeblichen Experten anonymisiert und keinerlei Informationen zu ihren Qualifikationen gibt, erweckt somit den Eindruck, er wolle etwas verheimlichen. Was wohl?

Wäre die Anonymisierung so normal, wie sie Gleicke und die Göttinger behaupten, wäre sie also quasi ein Automatismus, dann muss erklärt werden, wieso dieser Automatismus bei Bodo Ramelow, Ministerpräsident des Landes Thüringen, Jürgen Opitz, Bürgermeister der Stadt Heidenau, Sebastian Reißig, Geschäftsführer von Aktion Zivilcourage e.V., Pirna und Dr. Enrico Schwarz, Geschäftsführer von Biotec e.V. Freital nicht greift. Was hat die Forscher daran gehindert, ihrem Instinkt der Anonymisierung Folge zu leisten? Das Wissen darum, dass Anonymisierung doch die Ausnahme und nicht die Regel ist, wenn Experteninterviews geführt wurden?

Es wird eben kein Schuh daraus. Man kann Junk Science nicht gut reden, wie Gleicke das versucht, die dafür 130.000 Euro aus dem Fenster geworfen hat, die auf einer Pressekonferenz weitreichende Ergebnisse vorgetragen hat und nun, auf Druck des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie kleinlaut zugeben muss, dass es sich bei der Studie „nicht um eine repräsentative Studie[,] sondern um ‚Qualitative Sozialforschung‘“ handelt. Damit ist die Studie endgültig beerdigt, denn qualitative Studien lassen keinerlei Verallgemeinerung der Ergebnisse zu. Qualitative Studien werden durchgeführt, um sich einem unbekannten Forschungsgegenstand anzunähern. Dies ist in Gleicks Junk nicht der Fall.

junk_scienceUnd wenn Gleick weiter schreibt, dass die Vorgehensweise der Göttinger eine „übliche Vorgehensweise in der Sozialforschung“ sei, dann ist dies abermals nicht korrekt. Für die Nichtwissenden: Sozialforschung umfasst einen qualitativen und einen quantitativen Teil. Die Vertreter des quantitativen Teils wollen erklären, suchen nach Ursachen und tun dies auf Grundlage meist standardisierter Befragungen oder entsprechender Experimente und auf Grundlage von großen Datensätzen. Vertreter qualitativer Sozialforschung wollen verstehen, nicht erklären. Sie suchen entsprechend auch nicht nach allgemeingültigen Erklärungen, sondern nach Einzelfallbeschreibungen: Warum hat sich Fritz F. strafbar gemacht? Warum hat Iris G. 130.000 Steuereuro für Junk Science aus dem Fenster geworfen. Das sind Fragestellungen, die qualitative Studien zu beantworten in der Lage sein könnten. Sie geben keinerlei Hinweis auf Ursachen, die über die Personen, die interviewt wurden, hinausweisen.

Um Ursachenforschung zu betreiben, benötigt man einen quantitativen Ansatz der von einer theoretischen Fundierung ausgeht, also von Theorien, aus denen Hypothesen darüber abgeleitet werden können, warum sich Menschen gewalttätig verhalten. Das Forschungsdesign der Göttinger ist für die Beantwortung von Fragen nach Ursachen schlicht nicht geeignet. Hätte Gleicke auch nur eine Spur von Ahnung, sie wüsste das.

Es ist die übliche Armseligkeit, die wir regelmäßig bei Legitimationsforschung finden, dann, wenn angebliche Wissenschaftler Politikern zu Diensten sein wollen, in diesem Fall – wie David Berger eruiert hat – das SPD-Mitglied und der Stipendiat der SPD-eigenen Fritz-Ebert-Stiftung, der es zwischenzeitlich zum Leiter des Göttinger Instituts für Demokratieforschung gebracht hat, Franz Walter, und das SPD-Mitglied Iris Gleicke, die als Bundesbeauftrage 130.000 Euro nach Göttingen in Walters Institut überwiesen hat. Gerade wenn der Verdacht nahe liegt, dass hier ein Versorgungsnetzwerk für Genossen aus dem Amt der Bundesbeauftragten betrieben wird, hätte man erwartet, dass zumindest die Arbeit, die aus Göttingen geliefert wird, sauber und handwerklich nicht angreifbar ist. Wie die Dinge nun einmal liegen, ist die Arbeit Junk und das handwerkliche ist unterirdisch, aber immer ausreichend, um der ahnungslosen Gleicke als Studie untergeschoben zu werden.

Noch ein letztes Wort zur Anonymisierung. Das Lamento darüber, Anonymisierung seit notwendig, um die Interviewpartner nicht „rechter Gewalt“ auszusetzen, das in den Gewaltphantasien, in denen Gleicke und die Göttinger offensichtlich gerne schwelgen, immer präsent ist, viel präsenter als rechte Gewalt in der Wirklichkeit, ist Heuchelei, denn würden die Göttinger und Gleicke auch nur eine Sekunde daran glauben, dass demjenigen, der Schlechtes über die vermeintlich rechte Szene zu sagen weiß, Böses geschieht, sie würden die Studie aus Angst nicht in Auftrag geben oder, falls ein mutiger Mensch als Auftraggeber auftritt, die Studie anonym verfassen. Aus Angst. Dies ist jedoch nicht der Fall, was zeigt, dass die angebliche Angst der Interviewpartner und Fokusgruppenteilnehmer vorgeschoben wird, um etwas zu verheimlichen. Was könnte das nur sein? Die Erfindung von Gesprächspartnern? Die Zuschreibung von Aussagen, die die Gesprächspartner nie gemacht haben? Die Nachprüfbarkeit der Ergebnisse?

Oh je: Göttinger Rechts-Forscher sind Opfer (einer Verschwörung), nicht Täter!

Vor einigen Tagen hat Franz Walter, der Chef des Göttinger Instituts für Demokratieforschung Folgendes geschrieben:

„„Doch ist „die Wirklichkeit“ natürlich eine höchst ambivalente Sache. Die Realität der einen entspricht keineswegs der Realität der anderen. Natürlich leben wir nicht in einer sozial und normativ unstrittigen „Realität“.“

Goettingen Stellungnahme 1Seltsamerweise beharrt er, der in diesem Zitat der Ambivalenz und Uneindeutigkeit der Realität das Wort geredet hat, nun, da in der WELT Vorwürfe gegen die von ihm (mit) zu verantwortende Studie „Rechtextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland“ erhoben werden, Vorwürfe, die auf Merkwürdigkeiten zurückgehen, die wir berichtet haben, nun darauf, dass es genau eine Realität gibt, nämlich die seine und die der Autoren der genannten Studie, die keine Studie, sondern Junk ist, wie wir bereits ausgeführt haben. Wenn Leute, die die Eindeutigkeit der Realität in Frage stellen, die keinerlei Wahrheitstheorie dem zugrunde legen, was sie tun, nun plötzlich der Ansicht sind, die Realität sei doch ganz eindeutig und gar nicht mehr konstruiert, dann hat dies ein, wie soll man sagen, ein bigottes Bouquet. 

„Natürlich ist nichts von diesen Unterstellungen richtig“, so lautet die Verteidigung gegen Ungereimtheiten wie diejenigen, dass die – wie in der Stellungnahme des Göttinger Instituts für Demokratieforschung geschrieben – „gängige Praxis qualitativer Forschung die Klarnamen unserer Interviewpartner mehrheitlich verfremdet bzw. anonymisiert“ zu haben, in einer Weise praktiziert ist, die man entweder einem Täuschungsversuch oder methodischer Ahnungslosigkeit zuschreiben muss.

Zunächst ist es in Experteninterviews gerade NICHT üblich, die Klarnamen zu anonymisieren, denn das Gewicht dessen, was im Interview geäußert wird, lebt vom Status des Experten, so dass es für andere Forscher wichtig ist, den Expertenstatus nachvollziehen zu können. Aber mit dem Nachvollziehen haben es die vermeintlichen Forscher in Göttingen nicht so. Deshalb haben sie keinerlei Kriterien offengelegt und den Lesern schlicht verheimlicht, wer warum und auf Grundlage welcher Auswahl interviewt wurde. Und nun wundern sich die Autoren der Junk-Studie, sind gar entrüstet darüber, dass die Frage auftaucht, warum die Göttinger so methodisch unbedarft an eine Studie herangehen, aus der sie so weitreichende Schlüsse ziehen wollen wie den folgenden:

„Dies nicht zuletzt deshalb, weil insbesondere in Sachsen eine spezifische, von der CDU dominierte politische Kultur wirkt, die das Eigene überhöht und Abwehrreflexe gegen das Fremde, Andere, Äußere kultiviert.“ (192)

„Dies“ bezieht sich übrigens auf Antipathien, die es bei den in Heidenau und Freital vermeintlich Befragten gegenüber der Antifa gibt.

Goettingen Stellungnahme 2Sie wollen also auf der eine Seite weitreichende Aussagen über Ursachen und Konsequenzen von Rechtsextremismus aus ihren Ergebnissen ableiten, sind auf der anderen Seite aber weder bereit, die Auswahlkriterien zu benennen, die zur Auswahl z.B. der Experten für die entsprechenden Interviews oder der Teilnehmer in den Fokusgruppen geführt haben. Statt die für wissenschaftliche Studien normale Transparenz, die eine Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse zur Folge hätte, an den Tag zu legen, vernebeln die Göttinger noch mehr und anonymisieren alles, was ihnen in den Weg kommt. Das ist, wenn es um Experteninterviews geht, eben nicht üblich.

Wenn es so sein sollte, wie die Göttinger behaupten, dass Interviewpartner nur bereit waren, unter dem Deckmantel der Anonymität ihr vermeintliches Expertenwissen preiszugeben, dann sind die entsprechenden Interviews sowieso wertlos, denn Experten, die im Dunkeln wirken, sind per se keine Experten. Sie sind durch eine Mischung aus Feigheit und Angst gekennzeichnet, die wohl kaum Garant dafür sein wird, dass von solchen Experten eine rationale und normale Einschätzung der Umstände erfolgen kann, die sie umgibt.

Ein weiteres Problem verbindet sich mit dem prätentiösen Bombast, den die Göttinger Unkundigen der empirischen Sozialforschung ausgerechnet aus rund 35 Interviews und 3 Fokusgruppen in drei ostdeutschen Städten ableiten: Konsequenzen und Ursachen für ganz Ostdeutschland, ja selbst Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschlang meinen die Göttinger auf Grundlage ihrer – wie sie nun schreiben in „sehr kleinräumlichen Orten durchgeführten Forschung“ ziehen zu können.

Das passt nicht, nicht hinten und nicht vorne.

Wer seine Forschung derart vernebelt, wie die Göttinger dies getan haben und sich anmaßt, weitreichende Schlussfolgerungen zu ziehen, die man auf Grundlage der Daten nur ziehen kann, wenn man einen gehörigen Schuss Ideologie und Phantasie hinzugibt, der muss damit rechnen, dass ganz genau hingesehen wird und z.B. die Frage gestellt wird, was eine Anonymisierung von Herrn Menke als „Mitglied der Fraktion SPD/Grüne im Stadtrat Freital und Mitglied der Fraktion der SPD/Grüne im Kreistag Sächsische Schweiz-Osterzgebirge” soll, wenn man mit wenig Aufwand herausfinden kann, dass es sich bei Herrn Menke entweder um Harry Retz oder um Klaus Wolframm handeln muss. Keiner von beiden war gegenüber ScienceFiles bereit, eine Teilnahme an der Befragung der Göttinger zu bestätigen.

Das ist schlicht Humbug, und wie gesagt: Es ist unüblich. Es ist gerade die Grundlage von Experteninterviews, die Namen der Experten zu nennen. Wer es nicht tut, hat entweder keine Ahnung von den Gepflogenheiten empirischer Sozialforschung, ein Schluss, der Anbetracht der entsprechenden Ahnungslosigkeit der Göttinger, die wir in einem früheren Beitrag gezeigt haben, naheliegt, oder er hat etwas zu verbergen, ein Schluss, der sich fast noch mehr aufdrängt, wenn man die Tatsache in Rechnung stellt, dass es keinerlei Angaben dazu gibt, welche Experten aus welchen Gründen und nach welchen Kriterien wie ausgewählt wurden, um an dieser Pseudo-Studie teilzunehmen.

Derart konspirativ arbeitet nur jemand, der nicht will, dass seine Ergebnisse nachvollzogen werden können. Jemand, der etwas zu verheimlichen hat. Jemand, der Wissenschaft als Feigenblatt zur Verbreitung seiner politischen Ideologie missbraucht.

Logik der ForschungAber die Wissenschaft hat ja Regulative entwickelt, um Fälschungen und Täuschungsversuche aufzudecken. Diese scheinen den Göttingern nicht bekannt zu sein, denn sie sind der Ansicht: pikierte Hysterie und der Versuch, Kritik zur Gotteslästerung zu erklären, sei genug, um sich der Kritik zu entledigen, vor allem wenn man den entsprechenden Versuch, wie die Göttinger, noch mit ein wenig mitleidheischender Heuchelei verbindet und sich gleichzeitig zum Opfer einer “Kampagne” (aus einem Zeitungsartikel) und zum Schutzpatron der ängstlichen Interviewpartner der eigenen Pseudo-Studie erklärt, die „nun aufgrund dieser Kampagne verunsichert sein könnten“, warum, weil sie wegen ihres Interviews einer „potenziellen Gefährdung … und künftigen Belastung in der politischen Auseinandersetzung“ ausgesetzt sein könnten.

Noch einmal: Wenn Experten zu feige sind, zu ihrem Expertenwissen zu stehen, dann sind sie als Experten nichts wert. Insofern ist die völlig unübliche Anonymisierung der Namen von Experten Grund genug, ihre Interviews zu vernichten. Und die Gefährdung, von der hier phantasiert wird, es gibt sie nur in der Phantasie der Göttinger. Sie sind von der Annahme, dass in Freital und Heidenau ein rechter Mob die rechtschaffenden Bürger, die sich vornehmlich in den Fraktionen von SPD, Grünen und LINKE finden, “natürlich” nicht von der Antifa, ausgegangen, sie haben diese Phantasie in keiner Weise geprüft, sie statt dessen an ihre eigene Forschung herangetragen und selbst Interviewpartner anonymisiert, die das gar nicht wollten, wie Marcel Leubecher in der WELT schreibt. Wer derart voreingenommen, ja hysterisch an seine Forschung herangeht und im Verlauf dieser Forschung zeigt, dass er von Methoden der empirischen Sozialforschung so wenig weiß wie von den Gepflogenheiten derselben, der darf sich nicht wundern, wenn ihm genau auf die Finger geschaut wird.

Und damit sind wir wieder beim Thema Nachprüfbarkeit angelangt. Wissenschaft lebt davon, dass andere Forscher nachvollziehen können, was Primärforscher, die die Göttinger ja sein wollen, geforscht und als Ergebnisse gewonnen haben wollen. Deshalb ist es üblich, die Daten, auf deren Basis Ergebnisse gewonnen wurden, zu veröffentlichen. Beim Zentralarchiv in Köln kann man das z.B. tun, damit andere Forscher mit diesen Daten prüfen können, ob die Ergebnisse der Göttinger valide und reliabel sind.

  • Daher lautet die erste Forderung an die Göttinger das Daten-Material, auf dessen Grundlage sie ihre weitreichenden und himmelschreiend falschen Interpretationen „sehr kleinräumlicher“ Ereignisse und Erfahrungen getroffen haben, zu veröffentlichen und anderen Wissenschaftler zur Prüfung zugänglich zu machen.
  • Da die Zweifel daran, dass die Göttinger die Interviews, die sie behaupten, geführt zu haben, auch wirklich geführt haben, nicht dadurch ausgeräumt werden können, dass man sich aufplustert und die entsprechende Frage nach Ungereimtheiten als Gotteslästerung abtut, lautet die zweite Forderung an die Adresse der Göttinger die Aufzeichnungen aus den Interviews und aus den Fokus-Gruppen, nicht nur freizugeben, sondern mit den methodischen Erwägungen zu versehen, die in der Wissenschaft üblich sind: Wer wurde warum interviewt? Handelt es sich um den Teilnehmer an einer Fokusgruppe: Wie wurde der Teilnehmer ausgewählt – schließlich leben in Heidenau, Freital oder Erfurt jeweils mehr als 8 Personen. Handelt es sich um vermeintliche Experten, die interviewt wurden, dann sind zudem die Kriterien zu nennen, aus denen hervorgeht, welche Überlegungen dazu geführt haben, den entsprechenden Interviewpartner als Experten einzustufen und auszuwählen und welche Qualifikationen (politische Ideologie ist keine Qualifikation) der vermeintliche Experte mitbringt, um seinen Expertenstatus zu rechtfertigen.

Wenn die Göttinger diese Voraussetzungen dafür, dass ein normaler Wissenschaftsprozess begonnen werden kann, erfüllt haben, dann kann auf prüfbarer Basis darüber entschieden werden, ob die Vorwürfe, dass Interviews nicht geführt worden sind, zurückgenommen werden müssen.

Ach ja, zuvor müssen die Göttinger natürlich noch erklären, was ein Vertreter der Landeszentrale für Politische Bildung gegenüber Marcel Leubecher von der WELT gesagt hat:

„Unser angeblicher leitender Angestellter Reese wird an fünf Stellen zitiert, mit Positionen, die Sie niemals aus unserem Haus hören würden.“ Der erfundene Demokratievermittler stellt etwa die schützende Wirkung der Mauer heraus. Auch lobt er: „Die Monarchiezeiten waren nicht die schlechtesten.“ Die Landeszentrale habe erfolglos versucht zu rekonstruieren, wer „Herr Reese“ sein könnte, und nun bei den Göttinger Forschern um Transparenz gebeten. Bisher ohne Antwort.”

Wenn Herr Leubecher von der WELT, diesen Text als Argumentationshilfe nutzen will, dann dieses Mal bitte nur mit Quellenangabe!

Aggressiv und unterwürfig: Was Links- und Rechtsextremisten auszeichnet

Teil 2 der ScienceFiles-Serie:

Eineiige Zwillinge: Was unterscheidet „Rechte“ von „Linken“?

Antworten aus neueren empirischen Studien

Systematische sozialwissenschaftliche Extremismusforschung gibt es seit den 1950er-Jahren und kann zu einem großen Teil als Reaktion auf das nationalsozialistische Regime in Deutschland bzw. den Zweiten Weltkrieg gelten. Sie war von Anfang an stark geprägt von der Beschreibung der sogenannten autoritären Persönichkeit, die Theodor W. Adorno et al. im Jahr 1950 vorgelegt hatten. Adorno hat über diese Studie später geschrieben:

Studien Adorno„Our intention, similar to that of psychoanalysis, was to determine present opinions and dispositions. We were interested in the fascist potential. In order to be able to work against that potential, we also incorporated into the investigation, as far as was possible, the genetic dimension, that is, the emerging of the authoritarian personality” (Adorno 1998: 235; Hervorhebungen im Original).

Die autoritäre bzw. faschistische Persönlichkeit wurde durch Adorno und Kollegen mit Hilfe der sogenannten F-Skala – das „F“ steht für „fascist“ oder „fascism“ bzw. „Faschismus“ – identifiziert, und sie zeichnet sich aus durch: Konventionalismus, Unterwerfung unter (idealisierte) Autoritäten, Aggression gegenüber Menschen, die konventionelle Normen überschreiten oder sich Autoritäten nicht unterwerfen (wollen), Anti-Intrazeption, soll heißen: die Abwehr alles Nach-Innen-Gewandten wie Sensibilität oder Phantasie, durch Aberglaube und stereotypes Denken, ein Denken in Dimensionen von Macht und Herrschaft und die Demonstration des Ichs als stark und robust, durch Destruktivität und Zynismus, durch Projektivität, d.h. die Projektion unbewusster, den Trieben entstammender Impulse auf die Außenwelt, und durch eine übertriebene Beschäftigung mit Sexualität (Adorno et al. 1950; eine kurze, aber informative, Zusammenfassung bietet Nelson 2007).

Obwohl es schon seit (und in) den 1950er-Jahren einzelne Forscher – allen voran Eysenck (1954) und Rokeach (1960) – gab, die darauf hinwiesen, dass es Extremisten auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums gab, die also eher „… ideological structure rather than content” (Rokeach 1960: 6) betonten, war die Extremismusforschung bis vor sehr kurzer Zeit in der Regel tatsächlich keine Extremismusforschung, sondern eine Forschung über Rechtsextremismus oder genauer: über rechtsextreme Einstellungen. Die Einstellungen, die als mit Rechtsextremismus verbunden betrachtet wurden, wurden gleichzeitig als Ausdruck problematischer Persönlichkeitsstrukturen oder als Ergebnisse mangelhafter oder problematischer psychologischer Prozesse angesehen, aber gewöhnlich wurde beides, politische Einstellungen oder Einstellungen zu gesellschaftspolitisch relevanten Fragen und Persönlichkeitsmerkmale, nicht unabhängig voneinander gemessen (ganz so, wie auch die F-Skala Adorno und Kollegen dazu diente, lediglich das „faschistische Potenzial“ zu messen, das sie aus dem Vorhandensein bestimmter Persönlichkeitsmerkmale (eben der autoritören Persönlichkeit) ableiteten).

Bis heute ist diese Praxis weit verbreitet. Was sich verändert hat, ist, dass immer mehr Forscher die Vorstellungen von Eysenck und Rokeach & Hanley aufnehmen und sich dementsprechend für die Vorstellung öffnen, dass rechts- und linksextreme Persönlichkeitsmerkmale teilen, die sie von Nicht-Extremen Personen (gleich, welcher politischer Orientierung) unterscheiden.

Drei dieser Forscher sind Alain Van Hiel, Bart Duriez und Malgorzata Kossowska, die im Jahr 2006 einen Bericht veröffentlicht haben, in dem sie über ihre Studienergebnisse zu der Frage „[…] are [there] any „true left-wing authoritarians‘ among the adherents of the various ideological groups [?]“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 785) und die Frage nach dem Verhältnis zwischen „left-wing authoritarianism (LWA)“ und „right-wing authoritarianism (RWA)“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 769) berichten.

Hitler in LandsbergZur Beantwortung dieser Fragen entwickelten die Autoren zunächst eine eigene Skala zur Messung von Linksextremismus mit insgesamt acht Aussagen, zu denen die Befragten auf einer Fünf-Punkte(-Likert-)Skala Stellung nehmen können. Vier der Aussagen sollten die Aggressionsdimension von (hier: Links-/)Extremismus messen, die anderen vier die Unterwerfungsdimension von (hier: Links-/)Extremismus. Zur Messung von Rechtsextemismus verwendeten die Autoren eine elf Aussagen umfassende Skala, der sie ihre Linksextremismus-Skala zugrundlegten, aber dort, wo sich Aussagen in der Linksextremismus-Skala auf „das Establishment“ bezogen, Substantive einsetzen, die für Rechtsextreme als typisch geltende Fremdgruppen bezeichnen, also „linke Revolutionäre“ oder „Anarchisten“. Auf diese Weise haben Van Hiel, Duriez und Kossowska eine für Links- und Rechtsextreme annähernd äquivalente Skala entworfen. Darüber hinaus haben die Autoren eine Skala zur Messung von „Right-wing Authoritarianism (RWA)” (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 777) verwendet, die von Altemeyer (1981) formuliert wurde und elf Aussagen umfasst.

Die Qualität der von den Autoren selbst entwickelten Skalen wurden anhand einer flämischen Stichprobe von 208 „ordinary voters” getestet, die von Studenten der Politikwissenschaft rekrutiert wurden, indem die Studenten Erwachsene in ihrer Nachbarschaft um Teilnahme an der Studie baten. Diese Stichprobe diente also allein dazu, die Reliabilität der neu entwickelten Skalen zu testen, d.h. zu testen, inwieweit die Skalen zuverlässige Messungen erbringen (weshalb mit Bezug auf die Zusammensetzung der Stichprobe lediglich sicherzustellen war, dass sie heterogen ist). Mit Werten für Cronbachs alpha von .77 und .76 erwies sich die Zuverlässigkeit der Skalen zur Messung von Links- und für Rechtsextremismus als akzeptabel.

Weil bei der Befragung der „ordinary voters“ auch die neu geschaffene Skala zur Messung von Rechtsextremismus Skala zur Messung von „Right-wing Authoritarianism von Altemeyer vorgelegt wurde, war es möglich, den Zusammenhang zwischen dieser Skala und der neu geschaffenene Skala zur Messung von Rechtsextremismus zu überprüfen. Im Ergebnis zeigte sich, dass diese beiden Skalen statistisch stark miteinander korrelierten, was wiederum die Vermutung nahelegt, dass „… our LWA items sufficiently tap the authoritarianism concept“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 780)“, also „Autoritarismus“ durch die von den Autoren neu geschaffenenen Skalen zur Messung von Links- und Rechtsextremismus mit den beiden Dimensionen „Aggression“ und „Unterwerfung“ erfasst wird.

Weil in der Stichprobe der „ordinary voters“ keine Personen gefunden werden konnten, die auf der Linksextremismus-Skala (bei einem Mittelpunkt von 3.0) einen höheren Testscore als 3.38 aufwiesen, und weil diese Skala nur als Gesamtskala zuverlässige Messergebnisse erbrachte, aber nicht für die Dimensionen „Aggression“ und „Unterwerfung“ getrennt betrachtet, führten Van Hiel, Duriez und Kossowska eine zweite Untersuchung anhand einer anderen Stichprobe durch. Wieder wurden „ordinary voters“ auf die oben beschriebene Weise rekrutiert – diesmal waren es 264 –, aber zusätzlich wurden nun 69 politische Aktivisten rekrutiert. Sie waren „… militants of various political movements“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 782): 20 Kommunisten, von denen vierzehn der stalinistischen “Partij Van De Arbeid” (PVDA) angehörten und sechs der neo-marxistischen Kommunistischen Partei, 21 Anarchisten, die sich selbst als solche bezeichneten und in der anarchistischen Bewegung aktiv waren, elf Unterstützer des als rechtsextrem eingestuften „Vlaams Blok“ und 17 „Moderate“, die verschiedenen Parteien (den Christdemokraten, Sozialisten, Gründen …) angehörten.

Es zeigte sich, dass „… the total LWA scale is internally consistent. However, the aggression and submission facet scales can be used as valid indicators in the political activist sample, but not in the voter sample”. Während in der Stichprobe der “ordinary voters” wieder keine Linksextremen identifiziert werden konnten, war das in der Stichprobe der politischen Aktivisten der Fall: die Kommunisten hatten statistisch signifikant höhere Testwerte auf der Linksextremismus-Skala als Anarchisten, die ihrerseits statistisch signifikant höhere Testwerte auf dieser Skala erreichten als die anderen Gruppen politischer Aktivisten (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 785). Bei getrennter Betrachtung der Dimensionen der Linksextremismus-Skala, „Aggression“ und „Unterwerfung“, zeigte sich, dass Kommunisten statistisch signifkant höhere Testwerte als Moderate und Rechtsextreme auf beiden Dimensionen erreichten.

Echte linksextreme Autoritäre konnten die Autoren unter den Kommunisten und den Anarchisten identifizieren: von den 20 Kommunisten waren es dreizehn, die Testwerte oberhalb des Mittelpunktes der Linksextremismus-Skala erreichten, von den 21 Anarchisten erreichten sechs Personen Testwerte oberhalb des Mittelpunktes der Linksextremismus-Skala. „In sharp contrast, not one single left-wing authoritarian was detected among the 16 moderates and the 11 right-wing extremists. However, rather surprisingly, six participants in these groups obtained a score equal to or higher than 3.00 for the submission facet scale” (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 785-786).

Die Frage“… are [there] any „true left-wing authoritarians‘ among the adherents of the various ideological groups [?]“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 785) müssen die Autoren aufgrund ihrer Daten also positiv beantworten: „It has been shown that LWA does exist and should not be considered a myth, …” (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 789).

StalinZwar beeilen sich die Autoren zu betonen, dass „…these results also make it clear that the presence of LWA in Western societies seems to be limited to very specific political movements that do not elicit much support in the mass public. As such, LWA is a marginal phenomenon in political life that is not easily found in convenience samples. Moreover, some left-wing extremists (6 out of 20) did not obtain score higher than the neutral point indicating that even among left-wing extremists there are a number of nonauthoritarians” (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 787), aber inwieweit sich dasselbe auf der Basis ihrer Daten mit Bezug auf Rechtsextemismus sagen lässt, berichten die Autoren nicht. Und weil – wie die Autoren selbst festhalten – gilt: “… almost by definition, “extremists” are not that numerous and they have also been reported to be unwilling to participate in empirical studies as well …” (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 791), müsste man es als methodischen Fehler werten, wenn Rechtsextreme in den Stichproben der Autoren oder anderen Stichproben nicht ebenso selten wären wie Linksextreme.

Was die zweite Frage nach dem Zusammenhang zwischen Links- und Rechtsextremismus betrifft, so halten die Autoren fest: „One of the most disturbing findings in the present voter samples as well as in Altemeyer (1996) is the positive correlation between LWA and RWA“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 790; Hervorhebung d.d.A.), die mit r = .22 (p ˂ .001) statistisch betrachtet zwar als nur schwache Korrelation gelten kann, aber für all diejenigen bestürzend sein muss, die meinten, Links- und Rechtsextermismus hätten nichts gemeinsam, oder sogar, dass es unter „ganz normalen Wählern“ schlicht keinen Linksextremismus geben könne, sondern nur Rechtsextremismus, der angeblich in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei (und dann gar kein Extremismus im quantitativen Sinn wäre).

Die gleichzeitige Beobachtung der Autoren, nach der in der Stichprobe der politischen Aktivisten ein mittelstarker negativer Zusammenhang zwischen Links- und Rechtsextremismus (r = -.45, p ˂ .001) bestand, legt die Vermutung nahe, dass Links- wie Rechtsextremismus gleichermaßen auf eine autoritäre Persönlichkeit und auf vorhandene Aggressionsbereitschaft aufsetzen und erst in aktivistischen Netzwerken und durch entsprechende Schulung Inhaltlich (in mehr oder weniger entgegengesetzte Richtungen) geformt werden.

Dafür, dass diese Vermutung zutrifft, spricht auch, dass die Autoren feststellten, dass in der Aktivisten-Stichprobe eine starke Korrelation zwischen Linksextremismus und wirtschaftlicher Progressivität, die ebenfalls anhand einer Skala gemessen wurde, bestand, aber nicht in der Stichprobe der „ordinary voters“ (Van Hiel, Duriez & Kossowska 2006: 787).

Literatur:

Adorno, Theodor W., 1998: Critical Models: Interventions and Catchwords. New York: Columbia University Press.

Adorno, Theodor W., Frenkel-Brunswik, Else, Levinson, Daniel J. & Nevitt, Sanford, 1950: The Authoritarian Personality. New York: Harper & Brothers.

Altemeyer, Bob, 1981: Right-Wing Authoritarianism. Winnipeg: University of Manitoba Press.

Eysenck, Hans J., 1954: The Psychology of Politics. London: Routledge & Kegan Paul.

Nelson, Noelle M., 2007: Authoritarian Personality. In: Baumeister, Roy F. & Vohs, Kathleen D. (eds.): Encyclopedia of Social Psychology, Volume 1.Thousand Oaks: Sage, pp. 81-83.

Rokeach, Milton, 1960: The Open and Closed Mind: Investigations into the Nature of Belief Systems and Personality Systems. New York: Basic Books.

Van Hiel, Alain, Duriez, Bart & Kossowska, Malgorzata, 2006: The Presence of Left-Wing Authoritarianism in Western Europe and Its Relationship with Conservative Ideology. Political Psychology 27(5): 769-293.

Teil 1 der Reihe: Eineiige Zwillinge: Was unterscheidet “Rechte” von “Linken”

©Heike Diefenbach, 2017; ScienceFiles


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Journalistische Plagiateure: Die WELT schreibt bei uns ab

Es ist nicht das erste Mal, aber es ist das Mal, das das Fass zum Überlaufen bringt. Die WELT schreibt bei uns ab.

sciencefiles-rationaler-widerstand-3Wir von ScienceFiles waren die ersten, die darüber berichtet haben, dass in der Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung Befragte vorhanden sind, die erfunden zu sein scheinen. Wir haben dies im Hinblick auf einige Stadträte aus Freital getan und im Hinblick auf den vermeintlichen Mitarbeiter der Landeszentrale für Politische Bildung, Herrn Reese. Unsere Formulierung lautete:

„Dass Interviews gefälscht wurden, dafür spricht die Tatsache, dass es in der Sächischen Landeszentrale für Politische Bildung keinen Herrn Reese als Mitarbeiter gibt, wie von den Göttingern behauptet. Wie sie also ein Interview mit dem führenden Mitarbeiter Reese geführt haben wollen, ist eine derzeit offene Frage. Angesichts der Tatsache, dass Interviews mit Personen geführt worden sein sollen, die es auf den angegebenen Positionen nicht gibt, stellt sich die Frage, ob die Interviewpartner, die anonym bleiben wollen, überhaupt vorhanden sind.“

Zufällig findet sich in der Welt ausgerechnet dieser Herr Reese als Gegenstand der einzigen Eigenleistung, die der Verfasser Marcel Leubecker selbst erbracht hat, wieder:

„Nun stehen auf der Liste allerdings auch erfundene Namen von Beamten und Politikern. Neben mehreren angeblichen Stadträten, die noch nie in ihren Kommunen gesichtet wurden, wird beispielsweise „Herr Reese, führender Mitarbeiter der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung“, aufgeführt. Die Einrichtung teilte der WELT mit, dass es dort niemanden gebe, der so heißt – und auch niemanden, der sich wie angegeben äußern würde.
„Unser angeblicher leitender Angestellter Reese wird an fünf Stellen zitiert, mit Positionen, die Sie niemals aus unserem Haus hören würden.“ Der erfundene Demokratievermittler stellt etwa die schützende Wirkung der Mauer heraus. Auch lobt er: „Die Monarchiezeiten waren nicht die schlechtesten.“ Die Landeszentrale habe erfolglos versucht zu rekonstruieren, wer „Herr Reese“ sein könnte, und nun bei den Göttinger Forschern um Transparenz gebeten. Bisher ohne Antwort.”

Dass Möchtegern-Wissenschaftler offensichtlich Interviews erfinden, ist eine Sache, die man mit entsprechenden Konsequenzen ahnden muss. Dass eine Bundesbeauftragte Steuergelder aus dem Fenster wirft, um Junk Science zu finanzieren, die Möchtegern-Wissenschaftlern ein Auskommen verschafft, ist eine andere Sache, auf die eigentlich der Bund der Steuerzahler alarmiert reagieren müsste. Dass Journalisten nicht mehr selbst recherchieren, sondern plagiieren, das passt in dieses Bild des professionellen Niedergangs. Journalisten sind offensichtlich nicht mehr in der Lage, eigene Geschichten zu produzieren und entsprechend auf den geistigen Diebstahl bei anderen angewiesen.

Die Kette des Diebstahls ist in unserem Fall leicht nachzuvollziehen, denn die Achse des Guten hat auf uns verlinkt, die Achse des Guten wiederum, ist mit der WELT verlinkt. Es hat somit zweier Schritte bedurft, eine Quelle zum Verschwinden zu bringen. Offensichtlich will Marcel Leubecker den Inhalt seines Beitrags als Eigenleistung unter die Leser der Welt bringen. Er serviert ihnen weitgehend ein Plagiat mit ein klein wenig Eigenleistung.

stop.plagiarismUnd wie gewöhnlich, wenn es um den Diebstahl geistigen Eigentums geht, wird die Quelle verschwiegen. Da unser Beitrag vom 19. Mai datiert, während Leubecker erst heute zum plagiieren gekommen ist, ist leicht nachzuvollziehen, wie die kausale Beziehung verläuft und Zweifel daran, dass – wieder einmal – bei uns abgeschrieben wurde, sind nicht möglich.

Was uns in diesem Zusammenhang interessieren würde ist, was so schlimm daran ist, die Quelle der eigenen Informationen anzugeben, also ScienceFiles, die bei der Achse des Guten verlinkt und somit als Quelle angegeben wurden, auch bei der WELT zu nennen. Anstand und journalistische Lauterkeit verlangen, dass man Quellen angibt. Bis auf weiteres müssen wir aus der fehlenden Quellenangabe schließen, dass Leubecker über nichts davon, also weder über Anstand noch über journalistische Lauterkeit verfügt.


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Befragte erfunden: Bezahlt Bundesbeauftragte Fake-Rechtsextremismusforschung?

Gestern wurden die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, die am Göttinger Institut für Demokratieforschung erstellt wurde und deren selbsterklärtes Ziel darin besteht, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland zu erklären und Ursachen zu benennen. Wir haben schon gestern darüber berichtet, dass es auf Grundlage von knapp 40 Interviews, die mit Personen in Freital, Heidenau und Erfurt geführt wurden, nicht möglich ist, Aussagen über Sachsen, Thüringen oder gar Ostdeutschland zu machen und dargelegt, dass die Studie aus Göttingen Junk Science in Vollendung darstellt.

Nun hat uns ein Leser darauf hingewiesen, dass alles noch viel schlimmer sein könnte als gedacht: Auf der Liste der Personen, die vom Göttinger Institut für Demokratieforschung interviewt worden sein sollen, tauchen Namen von Personen in bestimmten Positionen auf, die es nicht gibt.

Hier die Liste der Personen, die die Göttinger befragt haben wollen:

Goettinger faelschung

Nun gibt es im Stadtrat von Freital keine Frau Laski, wie im Abschlussbericht der Göttinger behauptet und einen Herrn Menke, mit dem die Göttinger ein Interview geführt haben wollen, den gibt es im Stadtrat auch nicht. Von einem Herrn Dreier, der Mitglied der Fraktion SPD/Grüne im Stadtrat Freital sein soll, ist im Stadtrat Freital auch keine Spur zu finden. Dasselbe gilt für Herrn Thiele, der Mitglied der Fraktion „Bürger für Freital“ im Freitaler Stadtrat sein soll. D.h. alle Mitglieder des Stadtrats, mit denen angeblich Interviews geführt worden sein sollen, sind im Stadtrat Freital nicht Mitglied. Ob die entsprechenden Interviews erfunden wurden oder die Mitgliedschaft im Stadtrat, warum auch immer nur behauptet wurde, ist uns derzeit nicht bekannt.

Eine Erklärung dafür, dass sich Frau Laski, Herr Menke, Herr Dreier oder Herr Thiele nicht im aktuellen Stadtrat von Freital finden, könnte darin bestehen, dass die genannten nach Neuwahlen ausgeschieden sind. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die Laufzeit des Projekts, dessen Abschlussbericht u.a. auf den Interviews mit den behaupteten Mitgliedern des Stadtrats Freital beruht, war von 2016 bis 2017. Der derzeitige Stadtrat Freital ist seit 2014 im Amt. Insofern haben die Göttinger offensichtlich Interviews mit nicht existenten Stadträten geführt oder erfunden oder gefälscht.

junk scienceDass Interviews gefälscht wurden, dafür spricht die Tatsache, dass es in der Sächischen Landeszentrale für Politische Bildung keinen Herrn Reese als Mitarbeiter gibt, wie von den Göttingern behauptet. Wie sie also ein Interview mit dem führenden Mitarbeiter Reese geführt haben wollen, ist eine derzeit offene Frage. Angesichts der Tatsache, dass Interviews mit Personen geführt worden sein sollen, die es auf den angegebenen Positionen nicht gibt, stellt sich die Frage, ob die Interviewpartner, die anonym bleiben wollen, überhaupt vorhanden sind.

Ob hier Interviews erfunden wurden oder Interviewpartner aufgewertet werden sollen oder schlicht eine neue Variante der Fälschung wissenschaftlicher Arbeiten vorliegt, ist eine Frage, die die Göttinger beantworten müssen. Wenn wir für die Junk Science wie die Bundesbeauftragte 500.000 Steuereuro aus dem Fenster geworfen hätten, wir würden sie als eine der ersten Fragen stellen.


Weitere Recherchen unseres Lesers “Herr Ernst” weisen darauf hin, dass die Interviews schlicht erfunden sind:

Es gibt auch keine Frau Fröhlich im Stadtrat Heidenau. Auf der Homepage kann man rechts oben die zwei vorhergehenden Stadträte anschauen. Seit 2004 war niemand mit Namen Fröhlich Mitglied des Stadtrates.

Ebenfalls gibt es keine Frau Ackermann, die Mitglied des sächsischen Landtags wäre, egal bei welcher Fraktion.

Ob die Lokalredaktion Freital der Sächsischen Zeitung wirklich eine Frau Decker beschäftigt hat, konnte ich bisher nicht herausfinden.

 


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