Das ewig gleiche, falsche Lied der Gehaltsnachteile von Frauen

Kritisches Denken, wie wir es in unserem Grundsatzprogramm noch beschreiben werden und das Mittel der Kritik, wie wir es bereits beschrieben haben, sind unverzichtbare Bestandteile im Arsenal dessen, der etwas über die Realität wissen will, und sie sind unverzichtbare Instrumente desjenigen, der verhindern will, durch falsche Meldungen manipuliert zu werden. Besonders beliebt, um die öffentliche Meinung zu manipulieren, sind derzeit Umfragen und statistische Ergebnisse. Letztere werden vor allem dann ausgepackt, wenn es darum geht zu behaupten, dass Frauen am Arbeitsmarkt geringere Gehälter erhalten als Männer, dass sie aktiv benachteiligt werden.

"Fakten" für eine faire Arbeitswelt

Eine Pressemeldung der Hans-Böckler-Stiftung “Große Einkommensunterschiede zwischen Akademikerinnen und Akademikern” eignet sich vor diesem Hintergrund sehr gut, um die Systematik offenzulegen, mit der Daten missrepräsentiert und verzerrt dargestellt werden, um einen bestimmen Eindruck bei den Lesern zu erreichen, um die Leser der Pressemeldung zu manipulieren. Die Pressemeldung eignet sich zudem, um den alten Mythos, wonach man “keiner Statistik glaubt, die man nicht selbst gefälscht hat” (ein Spruch der irrtümlicher Weise Winston Churchill angedichtet wird, von Churchill aber nie geäußert wurde, denn er war zu klug, um derartigen Unsinn von sich zu geben), zu begraben, denn: Das Fälschen einer Statistik ist ein äußerst kompliziertes Unterfangen, das kaum mit Erfolg durchfgeführt werden kann. Es ist viel einfacher, die Leser von Statistiken zu manipulieren als die Statistiken, wie nunmehr gezeigt werden wird.

Vorab ein Ausflug in die formale Logik, die sich beim kritischen Denken regelmäßig als besonders hilfreich erweist. Die formale Logik kennt u.a. die folgenden beiden Fehlschlüsse: (1) Den Fehlschluss der Verneinung des Antecedens und (2) den Fehlschluss der Bejahung des Konsequens.

Für die vorliegende Analyse ist (2) der Fehlschluss der Bejahung des Konsequens von Bedeutung:

  • (p;q) Wenn Benachteiligung vorliegt, dann ist  das Gehalt ungleich.
  • (q)     Das Gehalt ist ungleich.
  • (p)     Also liegt Benachteiligung vor.

Der dargestellte Schluss ist ein  Fehlschluss: Aus der vorhandenen Gehaltsungleichheit kann nicht auf eine Benachteiligung geschlossen werden. Die Beziehungen zwischen Gehaltsungleichheit und Benachteiligung ist nicht äquivalent. So kann (und wird) Benachteiligung nur eine Bedingung sein, die zu einem ungleichen Gehalt führt, andere Bedingungen wie Qualifikation, Arbeitszeit, Arbeitserfahrung usw. spielen ebenso eine Rolle. Kurz:  Benachteiligung ist nicht die einzige Ursache ungleichen Gehalts. Die “wenn-” und die “dann”-Seite des Arguments sind nicht symmetrisch (Das Lehrbuchbeispiel für den Fehlschluss der Bejahung des Konsequens ist: Wenn es regnet, dann ist die Straße nass.).

Der Fehlschluss ist äußert nützlich, wenn man bewusste Manipulation durch Auslassung aufdecken will, z.B. Manipulationen wie die folgende aus einer Pressemeldung der Hans-Böckler-Stiftung:

“Frauen mit Promotion erhalten auf Basis einer 40-Stunden-Woche ohne Sonderzahlungen ein Bruttomonatsgehalt von durchschnittlich 4.679 Euro. Männer mit Doktortitel verdienen im Schnitt 5.342 Euro, also 663 Euro mehr.”

Um deutlich zu machen, warum es sich hier um einen klassischen zu manipulativen Zwecken eingesetzten Fehlschluss handelt, ist es sinnvoll, sich zunächst zu vergegenwärtigen, welche Bedingungen ein gültiges Argument, das eine Benachteiligung von Frauen argumentieren will, erfüllen muss. Es sind insgesamt drei Bedingungen:

(1) Frauen und Männer haben dieselbe Ausbildung, die selbe Qualifikation, dieselbe Abschlussnote.
(2) Frauen und Männer arbeiten im selben Beruf.
(3) Frauen und Männer arbeiten an denselben Projekten, machen dieselbe Arbeit und arbeiten dieselbe Arbeitszeit.

Ein Blick auf das Zitat zeigt nun unmittelbar, dass die suggerierte Benachteiligung von Akademikerinnen gegenüber Akademikern ein Fehlschluss der Bejahung des Konsequens darstellt, denn zwar wird behauptet, dass die Bedingungen (1) und (3) erfüllt sind (gleiche Qualifikation und gleiche Arbeitszeit), Bedingung (2) wird jedoch unter den Tisch fallen gelassen, obwohl bereits der gesunde Menschenverstand sagen würde, dass es nicht nur von der Qualifikation und der Arbeistzeit abhängt, ob man dasselbe Gehalt bekommt, sondern auch vom gewählten Beruf. Vermutlich erhält ein promovierter Biologe in der Forschungsabteilung bei Bayer ein höheres Gehalt als eine promovierte Sozialarbeiterin bei der Stadt Remagen. Das ist so offensichtlich, dass die Unterlassung der Kontrolle nach Bedingung (2) als kruder Manipulationsversuch gewertet werden muss.

Ein weiteres Beispiel für versuchte Manipulation findet sich auf Seite 2 der besagten Pressemeldung. Nunmehr heißt es:

Ein relativ geringer Gender Pay Gap besteht bei den Informatiker…n: Frauen verdienen hier im Schnitt 4.265 Euro, das sind 158 Euro oder 4 Prozent weniger als die Männer mit 4.423 Euro. Deutlich größer ist die Gehaltslücke mit rund 14 Prozent bei Diplomkaufleuten: Frauen verdienen 4.149 Euro, das sind 691 Euro weniger als das Gehalt der Männer mit 4.840 Euro.

Abermals ist das Argument nicht gültig. Abermals handelt es sich um einen Fehlschluss. Nunmehr ist Bedingung (2) zwar erfüllt, zumindest insoweit als bestimmte Beschäftigungsarten kontrolliert werden (Informatiker), aber die Bedingungen (1) und (3) sind nunmehr unterschlagen worden: Weder wird nach dem Abschluss und den Qualifikationen, die bei der Einstellung eine große Rolle spielen, kontrolliert noch wird kontrolliert, wie lang die Arbeitszeit beider Geschlechter ist und welche Rolle Überstunden oder sonstige Differenzierungsmechanismen, die mit einem höheren Gehalt einhergehen, spielen. Abermals entpuppt sich das präsentierte Ergebnis als kruder Manipulationsversuch.

Die Pressemeldung der Hans-Böckler-Stiftung beinhaltet somit ausschließlich Fehlschlüsse. Interessant ist zudem, was die Pressemeldung alles nicht beinhaltet: 

Die Daten, auf denen die Pressemitteilung basiert, entstammen einer Online-Umfrage von “www.lohnspiegel.de”. Wer sich bei der Online-Umfrage auf “www.lohnspiegel.de” beteiligt hat, wie viele sich beteiligt haben, wie repräsentativ diejenigen, die sich an der Befragung beteiligt haben für die Gesamtbevölkerung sind, das alles geht aus der Pressemeldung nicht hervor. Wie viele z.B. Informatiker bei “www.lohnspiegel.de” den Online-Fragebogen ausgefüllt haben, wird ebenso verschwiegen. Die Pressemeldung enthält keinerlei Zahlen, denen entnehmbar wäre, auf den Angaben von wie vielen Befragten die dargestellten Daten basieren, so dass man abermals annehmen muss, da die entsprechenden Daten eine Minimalanforderung an eine  lautere Darstellung statistischer Ergebnisse darstellen, dass hier manipuliert werden soll.

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10 Responses to Das ewig gleiche, falsche Lied der Gehaltsnachteile von Frauen

  1. Robert Wachinger says:

    Es ist ja noch viel schlimmer: sogar ein niederes Gehalt kann auf eine Bevorzugung zurückgehen (ganz platt: wenn der Stundenlohn höher ist, auch wenn das Gesamtgehalt wg. erheblich geringerer Stundenzahl niedriger ist 😉 ). Ein unterschiedliches Gehalt lässt schlicht keinen Schluss auf eine Diskriminierung zu.

  2. Dummerjan says:

    Hinweis
    “Frauen mit Promotion erhalten auf Basis einer 40-Stunden-Woche ohne Sonderzahlungen ein Bruttomonatsgehalt von durchschnittlich 4.679 Euro. Männer mit Doktortitel verdienen im Schnitt 5.342 Euro, also 663 Euro mehr.”
    DIese Aussage enthält KEINEN Schluss. Wo bitte ist hier die Wenn-Dann Aussage?
    Denkt bitte an Lisbeth Salander im 3. Teil der Millenium Trilogie: Natürlich antworte ich auf Fragen. Wie genau ist die Frage?
    Also: Was ist die Aussage in obigem Zitat, außer der Feststellung von jedemann zugänglichen Daten?

    • “Diese Aussage enthält KEINEN Schluss. Wo bitte ist hier die Wenn-Dann Aussage?”

      Stimmt, das genau ist die Transferaufgabe, denn die Aussage wird als Beleg für die Benachteiligung von Akademikerinnen eingeführt (Antecedens), also als Konsequens zu einem bereits vorhandenen Antecedens. Suggestion funktioniert immer am besten, wenn der Zusammennang, der suggeriert werden soll, im Text “räumlich” getrennt ist.

  3. Moritz Altenburger says:

    Meine volle inhaltliche Zustimmung.

    Siehe auch die Studie von Neumann International zum Thema, warum Frauen und Männer gleich bezahlt werden und dennoch unterschiedlich verdienen: http://www.frauenfairentlohnen.at/download/

  4. Simon Neuer says:

    Guten Abend Herr Klein,
    eine sehr interessante Ausführung. Doch kann ich nicht herauslesen, ob Sie nun die Form oder den Inhalt bemängeln – oder sogar beides?
    Natürlich eignen sich beliebig modifizierte Studien sehr gut für die Manipulation – wie die benannte. Aber erfüllt es nicht den Zweck – nur das Mittel stellt das Problem?

    • Guten Abend Herr Neuer,

      die Kritik bezieht sich auf beides – die formale Analyse weist die Aussagen als Fehlschlüsse aus und wenn die Form schon falsch ist, muss man sich eigentlich nicht um den Inhalt kümmern, denn was gesagt wird, ist schlicht irrelevant. Was die Autoren mit ihren Daten belegen wollen, kann aufgrund der formal falschen Form nicht belegt werden, und entsprechend muss die Behauptung, dass Frauen beim Gehalt gegenüber Männern benachteiligt weden als unbegründet zurückgewiesen werden. Mit den Daten, die in der Pressemeldung zitiert werden, lässt sich diese Behauptung in keiner Weise stützen.

      “Natürlich eignen sich beliebig modifizierte Studien sehr gut für die Manipulation – wie die benannte. Aber erfüllt es nicht den Zweck – nur das Mittel stellt das Problem?”

      Das verstehe ich nicht. Vielleicht können Sie es mir erläutern.

      • Simon Neuer says:

        Ich stimme mit Ihrer Interpretation völlig überein und danke Ihnen für die sehr gute Analyse. Als Zweck bezeichne ich den vermeintlichen Umgang mit der angesprochenen Benachteiligung – also den Diskussionskern der Autoren. Der Zweck sollte demnach die bloße Darstellung der Situation sein mit der Forderung einer öffentlichen Aufmerksamkeit. Als Mittel versuchten sich die Autoren an einer durchaus zweifelhaften Studie.
        In Ermangelung einer validen Datenbasis sind selbstverständlich die Rückschlüsse zurückzuweisen. Dies betrifft exakt diesen Fall.
        Als Manipualation erkläre ich die auch von Ihnen bezeichnete “suggerierte Benachteiligung”. Denn anhand der Darstellung der Kausalitäten entwickelt der Leser unweigerlich die Fehlinterpretation (die genannten 3 Bedingungen).

        Nun aber die andere Seite der Argumentation, welche wiederum den Zweck darstellt: Gibt es nicht gleichermaßen valide Studien, welche als Beleg herangezogen werden können, um die Aussage im Grundsatz – nämliche der tatsächlichen Benachteiligung – nachweisen zu können?
        Die Kernfrage bleibt somit immer noch offen: Existiert die Benachteiligung?
        Die Beantwortung der Frage halte ich für – wissenschaftlich betrachtet – sehr schwierig. Denn hierfür müsste eine Datenangleichung erfolgen, und dies setzt eine grundlegende, gar statische Vergleichbarkeit voraus. Ob die genannten Datensätze bzw. Charaktere wie akademischer Grad, Alter und Berufsgruppierung jedoch hinreichend angenommen werden können bleibt aus oben genannten Gründen anzuzweifeln.

        Aus diesem Grund gehe ich davon aus, dass die Autoren eine retrgograde Analyse durchführten: Zu einem gegebenen Ziel (Benachteiligung) die Studie entsprechend zu modifizieren/ den Leser zu manipulieren (Suggestion)

        • Hallo Herr Neuer,

          ich frage mich, ob die Autoren der Hans-Böckler-Stiftung bzw. des WSI soviel Ernsthaftigkeit beim Versuch, ihre Manipulationsversuche zu analysieren, verdienen.

          Ausgehend von den drei Bedingungen können Sie sich Ihre Frage eigentlich selbst beantworten: Wenn man alle die Bedingungen kontrollieren würde, was man zumindest ansatzweise mit dem Datensatz, auf dem die Ergebnisse beruhen, könnte, dann könnte man eine Aussage darüber machen, wie es mit der Benachteiligung ist, sofern man bereit ist “individuelle Unterschiede”, die man nicht mit standardisierten Fragen erfassen kann, zu ignorieren, dem Residuum anheim zu stellen, individuelle Unterschiede, die sich in Temperament, Durchsetzungsvermögen, Umgänglichkeit … äußern und eventuell dazu führen können, dass ein Angestellter trotz gleicher Qualifikationen für sein Unternehmen wertvoller ist als ein anderer, wobei die Frage, warum diese Variablen systematisch zu ungunsten von Frauen wirken sollen, geklärt werden müsste und dann, wenn man diese Frage geklärt hätte, müsste man nach Variablen suchen, die diesen systematischen Unterschied erklären können (Kinder z.B.).

          Aber in diese Abgründe der Berechnung muss man sich nicht begeben, wenn man KEINEN Grund hat anzunehmen, dass Frauen aktiv beim Gehalt benachteiligt werden. Dazu zwei Punkte:

          (1) Die Ungleichbehandlung von Personen auf Positionen, die weitgehend gleiche Qualifikationen erfordern, nach Geschlecht, erfordert es, Personen nach Geschlecht zu kategorisieren und unterschiedlichen Gehaltsstufen zuzuweisen. Das ist Aufwand, von dem man sich fragt, warum ihn ein Unternehmen auf sich nehmen sollte, denn die Einsparung, die durch das geringere Gehalt, das vermeintlich Frauen gezahlt wird, erreicht wird, wird durch den Mehraufwand in der Buchhaltung aufgefressen.
          (2) Ich habe in einer Reihe von Beiträgen gezeigt, dass es keinerlei statistische Anhaltspunkte dafür gibt, dass Frauen weniger verdienen als Männer. Ein guter Einstieg ist:

          http://sciencefiles.org/2011/07/03/gender-pay-claptrap-wie-die-ig-metall-ihre-mitglieder-fehlinformiert/

          von diesem Beitrag aus, können Sie sich zu den anderen durchklicken.

  5. Richard Greif says:

    Die formale Logik wurde verletzt, das ist richtig. Aber: diese Gehaltsunterschiede sind ein Hinweis auf eventuell doch mögliche Richtigkeit: bei echter Gleichverteilung der Chancen sind große Ausreißer unwahrscheinlich. Sie müßten aus der absoluten Widerlegung dieser These folgern daß Frauen im Schnitt wirklich weniger qualifiziert sind.
    So weit ich weiß, ist der Gender-Gap direkt nachgewiesen.
    Bei einer Veranstaltung der DL21 vor ein oder zwei Jahren widerlegte eine Frau Dr. der Soziologie, ich weiß den Namen nicht mehr, die verbreitete Meinung, die schlechtere Bezahlung der Frauen läge an den typischen Frauenberufen: sie reklamierte aus ihren Daten die ich nicht prüfen konnte, daß in allen Berufen die Frauen schlechter verdienen, sowohl im Kindergarten wie im Krankenhaus wie bei den Bankmanagern. In der freien Wirtschaft. In Skandinavien gibt es noch viel mehr Beamte im Sozialbereich, dort kommen pro Schüler dreimal so viele Lehrer und Pädagogen vor als bei uns. Und die staatliche Bezahlung ist per Gesetz gleich: und schon ist die der Gender-Gap dort viel geringer als bei uns.
    Als Begründung könnte man die Ergebnisse der evolutionären Psychologie mit heranziehen: Frauen haben einfach eine sozialere Ader, sie bringen spontan weniger Energie auf, adäquate Bezahlung zu fordern.

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