Wissenschaftliche Lauterkeit? Was ist das? – Eine Bestandsaufnahme (einiger) deutscher Sozialwissenschaftler

Bringing Boys Back In

Nicht zuletzt durch das im letzten post besprochene (Mach-)Werk von Brake und Büchner und die darin enthaltene Fehlrezeption unseres Beitrags “Bringing Boys Back In” ist die Aufmerksamkeit von Dr. habil. Heike Diefenbach und von mir wieder auf eben diese Rezeption gerichtet worden. Während Dr. Diefenbach sich gerade thematisch mit den Nachteilen von Jungen im deutschen Bildungssystem auseinandersetzt und entsprechend nicht anders kann, als mit den Fehlrezeptionen konfrontiert zu werden, habe ich mich absichtlich und voller schlechter Vorahnung in die Welt von Google Scholar begeben, und einen ersten Sample von Fehlrezeptionen zu ziehen. Wir werden die highlights der deutschen Wissenschafts-Garde hier in einem regelmäßig ergänzten Tread auflisten und die “Wissenschaftler”, die denken, sie könnten unseren Artikel beurteilen, ohne ihn  überhaupt zu kennen, namentlich hier nennen. Zudem werden wir im weiteren Verlauf von Wissenschaftlerinnen berichten, die auf Drängen von Dr. habil. Heike Diefenbach nicht anders konnten als ein Erratum zu ihren Publikationen zu veröffentlichen, in dem sie ihre falsche Rezeption eines Textes, den sie offensichtlich gar nicht kannten, richtig stellen mussten.

Ein guter Anfang für den Gang durch die Niederungen unwissenschaftlichen Arbeitens und die Fakultäten und Instituten, an denen Positionsinhaber sitzen, denen Konzepte wie wissenschaftliche Lauterkeit gänzlich unbekannt sind, ist das (Mach-)werk von Brake und Büchner, in der unser Artikel falsch datiert und eben einmal in das Jahr 2001 vorverlegt wird. JCK5000, Kommentator in diesem blog, hat diese Fehldatierung zum Anlass genommen, um uns auf den Beitrag von Jürgen Budde “Interaktion im Klassenzimmer” aufmerksam zu machen, in dem ebenfalls die Behauptung verbreitet wird, wir hätten “Bringing Boys Back In” 2001 veröffentlicht (und noch mehr, aber dazu gleich). Da diese Fehldatierung ein guter Indikator für Personen ist, die uns zwar zitieren wollen, aber zu keinem Zeitpunkt ihre Nase in unseren Text gesteckt haben, habe ich mich auf den Weg gemacht, um die Verbreitung dieses Irrtums zu kartographieren. Hier nun das Ergebnis.

  • Die Geschichte dieser Fehlrezeption beginnt mit Waltraud Cornelißen aus dem DJI (Deutsches Jugendinstitut), die im Jahre 2004 in ihrer Funktion als Privatdozent in der Abteilung “Geschlechterforschung und Frauenpolitik” am Deutschen Jugendinstitut ein kurzes Papier veröffentlicht hat, in dem Sie sich mit unserem Artikel auseinander zu setzen versucht und uns unter anderem Folgendes unterschieben will: “Den Ursachen für dieses schlechtere Abschneiden von Jungen wird nachzugehen sein. Erste Hypothesen hierzu stehen im Raum. So vermuten Diefenbach und Klein, dass die Feminisierung des Lehrerberufs Jungen Nachteile bei der Bewertung ihrer Leistungen und bei der Einschätzung ihrer Leistungsentwicklung bringt…. (Diefenbach/Klein 2001)”. Ja. Damit wäre die Quelle Fehldatierung und der Behauptung, wir würden die Feminisierung des Lehrerberufs, der Schule oder der Bildung beklagen, gefunden. Dumm nur, dass wir in unserem Artikel das Wort Feminisierung weder als Nomen noch seinen Wortstamm “Feminin…” in irgend einem Zusammenhang benutzen. Wir haben auch keine Feminisierung, also keinen Prozess, beschrieben, sondern für einen Zeitpunkt einen Zusammenhang zwischen einem geringeren Anteil männlicher Grundschullehrer und einem schlechteren schulischen Abschneiden von Jungen gezeigt. Übrigens gibt es auch einen Zusammenhang zwischen der Arbeitslosenquote und einem im Vergleich zu Mädchen höheren Anteil von Jungen mit Hauptschulabschluss und einem im Vergleich zu Mädchen geringeren Anteil von Jungen mit Hochschulreife (Diefenbach/Klein, 2002, S.953). Aber dieser Zusammenhang hat Feministen nie interessiert.
  • Dass die Fehlrezeption unseres Artikels durch Cornelißen kein einmaliges Versehen, sondern darauf zurückzuführen ist, dass Cornelißen unseren Artikel entweder nicht gelesen oder nicht verstanden hat (oder einfach kein geeigneteres Feindbild verfügbar schien), zeigt sich daran, dass sie sieben Jahre später im Jahre 2011 immer noch der Ansicht ist, unser Artikel sei 2001 erschienen und wir sähen in der Femimisierung der Schule, von der wir wie gesagt überhaupt nichts geschrieben haben, eine Ursache für die Leistungsschwäche von Jungen, über die wir aber nicht geforscht haben. Da Cornelißen zumindest 2004 noch gewusst hat, dass wir Schulabschlüsse untersucht haben, muss der zwischenzeitlich gefallene Schleier des Vergessens wohl als Anzeichen von Demenz angesehen werden.
  • Bei Jürgen Budde, der sich im Dunstkreis von Hannelore Faulstich-Wieland bewegt, scheint die Fehlrezeption von Cornelißen am schnellsten auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein. In einem Beitrag aus dem Jahre 2006, in dem er sich mit “Interaktionen im Klassenzimmer” beschäftigt, behauptet er auf Seite 117, dass wir behaupten würden, die “Feminisierung der Schule” sei eine Ursache dafür, dass “zahlreiche Jungen im Bildungssystem nicht mehr so erfolgreich sind”. Ich weiß gar nicht wo ich bei so viel Unsinn auf nur wenigen Zeilen anfangen soll und will es daher bei der monotonen Wiederholung belassen, dass wir das Wort Feminisierung und den damit angesprochenen Prozess in keiner Weise in unserem Artikel erwähnen und dass man Paneldaten benötigen würde, um zu untersuchen ob “zahlreiche Jungen im Bildungssystem nicht mehr so erfolgreich sind”. Aber vielleicht ringt Budde einfach nur mit der deutschen Sprache, und dafür, dass Budde Falsches von Cornelißen abschreibt und entsprechend auch unseren Artikel auf 2001 vordatiert, kann man ihn eigentlich nicht verantwortlich machen, oder? – zumal Budde sich als lernfähig erwiesen hat, denn zwei Jahre später, in einer Expertise für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (Budde, 2008), weiß er, dass unser Artikel im Jahre 2002 erschienen ist. Allerdings geht Lernen bei Budde offensichtlich immer auf Kosten von Wissen, denn er hat zwischenzeitlich meinen Vornamen vergessen und ist der Meinung, ich hieße Andreas Klein. Und obwohl Budde auch im Hinblick auf den Inhalt unseres Artikels hinzugelernt hat und einer der wenigen ist, der bemerkt, dass wir neben dem Anteil männlicher Lehrer auch die Arbeitslosenquote als erklärende Variable verwenden, ist er nach wie vor so von Cornelißen beeindruckt, dass er uns unterstellt, wir würden etwas unter dem Schlagwort “Feminisierung der Schule” diskutieren.
  • Susann Busse ist ebenfalls der Meinung, unser Artikel sei 2001 erschienen. In einem Buch zum Thema “Bildungsorientierungen Jugendlicher…”, das im Jahre 2010 erschienen ist, lässt sie ihrer eigenen Einbildung derart freien Lauf, dass ich mich entschlossen habe, in die Fussstapfen von Dr. habil. Heike Diefenbach zu treten und eine Richtigstellung zu fordern, denn es geht einfach zu weit, wenn man von Personen wie Busse als Platzhalter für deren Phantasien missbraucht wird. So schreibt Busse: “Jungen finden durch die ‘Feminisierung des Schulalltags’ – insbesondere in den schlechterbezahlten Schuldiensten, wie in Grund-, Haupt- und Sekundarschulen – immer weninger Anschlussmöglichkeiten an ihre männliche und jugendliche Erfahrungswelt (vgl. Diefenbach/Klein 2001)” (Busse, 2010, S.225-226). Wahnsinnige sind dadurch ausgezeichnet, dass sie anderen etwas unterstellen und von dieser Unterstellung ausgehend sich phantastische Gebilde ausmalen. Es mag Busse trösten, dass der naheliegende Schluss ein Fehlschluss der Bejahung des Konsequens sein kann, aber dennoch muss ich darauf bestehen, dass wir weder von einer Feminisierung des Schulalltags schreiben noch in irgend einer Weise die Fabulation von männlichen und jugendlichen Erfahrungswelten bei uns zu finden ist. Aber, wenn Busse erst einmal am Fabulieren ist, dann brechen alle Dämme: “Wenn nun Diefenbach/Klein (2001) … die Förderung von Jungen fordern, verkennen sie das individuelle Wirksamwerden von gesellschaftlichen Strukturkategorien und die subjektive Verarbeitung von Zuschreibungen” (Busse, 2010, S.230). Ich weiß nicht, was wir verkennen würden, schon weil es Worthäufungen ohne Sinn sind, hätten wir 2001 einen Artikel geschrieben, in dem wir die Förderung von Jungen fordern, aber wir haben im Jahr 2001 keinen Artikel geschrieben und in dem Artikel, den wir 2002 geschrieben haben, fordern wir keine Förderung von Jungen.
  • Auch beim Kompetenzzentrum (!sic) Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V., einem Kostgänger des Bundesministeriums für alle außer Männer, hat sich die wissenschaftliche Lauterkeit bislang noch nicht sehen lassen. Entsprechend wird locker flockig formuliert: “Die Behauptung, dass der hohe Anteil von Frauen im Bildungswesen den Jungen Nachteile bei der Bewertung ihrer Leistungen und bei der Einschätzung ihrer Leistungsentwicklung bringt (Diefenbach/Klein, 2001), ist wenig wahrscheinlich” (Chwalek & Diaz, 2008, S.12). Man soll nicht-Wissenschaftler ja nicht immer an wissenschaftlichen Kriterien messen, aber der zitierte Text aus einer Schriftenreihe reklamiert Wissenschaftlichkeit und deshalb: Wir haben haben nicht von “Frauen im Bildungswesen” geschrieben, wir haben nicht von der “Bewertung der Leistungen” von Jungen geschrieben und ob, das, was die Autoren sich vorstellen, dass wir geschrieben haben, wahrscheinlich ist, weiß ich nicht, da ich keine entsprechende Forschung kenne, weil es keine gibt. Dagegen halte ich es für hochwahrscheinlich, dass die Autoren mehr den opportunistischen Strukturen einer Förderung feministischer Zielsetzungen gehorchen, als dass es ihnen um die Realität ginge. Ich hatte diese Fehlrezeption ursprünglich Michael Cremers, Ralf Puchert und Elvira Mauz zugeschrieben, was ich nunmehr, nachdem mir eine an Dr. habil. Heike Diefenbach addressiert Email von Michael Cremers weitergeleitet wurde, richtigstelle. Mein schlechtes Gewissen gegenüber den drei zu unrecht verdächtigten Autoren hält sich jedoch in Grenzen, denn in seiner Expertise “Boys Day – Jungen Zukunftstag” behauptet Michael Cremers (2012, S.23) wir hätten von der “Feminisierung der Schule” geschrieben, was, wie ich mehrfach geschrieben habe, nicht stimmt. Spätestens ab Seite 29 der nämlichen Expertise scheint die Phantasie dann vollständig mit Michael Cremers durchzugehen. So behauptet er, wir hätten Jungen danach befragt, welche Kompetenz sie sich selbst zuschreiben (29, Fussnote 103), ist auf Seite 30 der Meinung, wir würden die fehlenden gleichgeschlechtlichen Vorbilder von Jungen in Grundschulen beklagen und schreibt dann richtig berichtete Ergebnisse konsistent einer Arbeit von Diefenbach und Kleine zu, die sich im Literaturverzeichnis nicht findet.
  • Völlig unbeholfen und offensichtlich mit statistischen Analysen nicht besonders vertraut schreibt Sabstian Möller-Dreischer, dessen Doppelnamen mich nicht im geringsten überrascht: “Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass mögliche Ursachen für die schlechten schulischen Leistungen der Jungen erziehungswissenschaftlich kontrovers diskutiert werden. Dass diese in einem Zusammenhang mit Bewertungen durch Lehrerinnen stehen und dass den Jungen männliche Bezugsgruppen fehlen, ist eine Hypothese. Heike Diefenbach und Michael Klein (2001) gehen davon aus, hier eine statistische Korrelation nachweisen zu können…” (Möller-Dreischer, 2012, S.8). Woher Herr Möller-Dreischer seine Erkenntnis hat, die ihn im Jahre 2012 beim angeblichen Lesen eines Textes befallen hat, der nach seiner Ansicht im Jahre 2001 geschrieben worden sein soll, kann ich angesichts der ebenfalls zitierten Waltraud Cornelißen nur vermuten, dass man eine Korrelation entweder findet oder nicht, dass man entsprechend nicht davon ausgehen muss eine statistische Korrelation nachweisen zu können, das weiß ich. Herr Möller-Dreischer nehmen Sie sich ein Statistiklehrbuch von wem auch immer zur Hand oder besuchen Sie einen Volkshochschulkurs, und Sie werden bereits nach kurzer Zeit wissen, dass eine Korrelation das ist, was herauskommen kann oder eben nicht, wenn man zwei Variablen miteinander in Verbindung bringt. Das ist einfach so, keine Vermutung notwendig.

Die erste Welle, die sich mit der Rezeption unseres Beitrags beschäftigt und Autoren berücksichtigt, die ganz offenkundig nicht gelesen haben, was wir schreiben, soll damit ihr Ende finden. Was ich bislang zusammengetragen habe, ist ein erschreckenes Zeugnis fehlender wissenschaftlicher Lauterkeit und/oder Kompetenz. So genannte Wissenschaftler legen uns Worte in den Mund, die wir nie geschrieben haben, machen uns zur Zielscheibe ihrer Phantasien und ihres ideologischen Auswurfs, und damit sie bei ihrer ideologischen Onanie nicht gestört werden, lesen sie erst gar nicht, was wir geschrieben haben, denn sie benötigen lediglich einen Anlass um ihre Notdurft zu verrichten. Ich will dies gar nicht menschlich bewerten, aber wissenschaftlich: Die hier zitierten Autoren haben nach meiner Ansicht und nachweislich jede Berechtigung verloren, als Wissenschaftler aufzutreten, und für den Fall, dass sie an Universitäten unterrichten, sollten ihre Studenten darüber nachdenken, ob es nicht an der Zeit ist, die Universität zu wechseln.

Demnächst geht es weiter mit Autoren, die versuchen, uns zu diskreditieren, was notwendig ist, da man unsere Ergebnisse nicht diskreditieren kann.

Verzeichnis der Fehlrezipienten:

    • Jürgen Budde
    • Susann Busse
    • Doro-Thea Chwalek
    • Waltraud Cornelißen
    • Michael Cremers
    • Miguel Diaz
    • Sebastian Möller-Dreischer

Verzeichnis der Fehl-Schriften:
Budde, Jürgen (2008). Bildungs(miss)erfolge von Jungen und Berufswahlverhalten bei Jungen/männlichen Jugendlichen. Berlin: Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Budde, Jürgen (2006). Interaktion im Klassenzimmer – Die Herstellung von Männlichkeit im Schulalltag. In: Andresen, Sabine & Rendtorff, Barbara (Hrsg.). Geschlechtertypisierung im Kontext von Familie und Schule. Opladen: Barbara Budrich, S.113-119.

Busse, Susann (2010). Bildungsorientierungen Jugendlicher in Familie und Schule. Die Bedeutung der Sekundarschule als Bildungsort. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

Chwalek, Doro-Thea & Diaz, Miguel (2008). Neue Wege für Jungs – das Projekt. In: Cremers, Michael, Puchert, Ralf & Mauz, Elvira (2008). So gelingt aktive Jungenförderung. Bielefeld: Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V., S. 5-21.

Cornelißen, Waltraud (2011). Gendergerechte Ansätze in der Schule: Ein Schritt zu mehr Geschlechterdemokratie? In: Krüger, Dorothea (Hrsg.). Genderkompetenz und Schulwelten. Alte Ungleichheiten – neue Hemmnisse. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

Cornelißen, Waltraud (2004). Bildung und Geschlechterordnung in Deutschland. Einige Anmerkungen zur Debatte um die Benachteiligung von Jungen in der Schule. München: DJI.

Cremers, Michael (2012). Boys’ Day – Jungen-Zukunftstag. Neue Wege in der Berufsorientierung und im Lebensverlauf von Jungen. Berlin: BMFSFJ.

Möller-Dreischer, Sebastian (2012). Zur Dynamik der Geschlechter in pädagogischen Berufen. Eine exemplarische empirische Untersuchung an männlichen Studenten der Rehabilitationswissenschaften/Sonderpädagogik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

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