Wissenschaftliche Lauterkeit? Was ist das? – Eine Bestandsaufnahme (einiger) deutscher Sozialwissenschaftler

Nicht zuletzt durch das im letzten post besprochene (Mach-)Werk von Brake und Büchner und die darin enthaltene Fehlrezeption unseres Beitrags “Bringing Boys Back In” ist die Aufmerksamkeit von Dr. habil. Heike Diefenbach und von mir wieder auf eben diese Rezeption gerichtet worden. Während Dr. Diefenbach sich gerade thematisch mit den Nachteilen von Jungen im deutschen Bildungssystem auseinandersetzt und entsprechend nicht anders kann, als mit den Fehlrezeptionen konfrontiert zu werden, habe ich mich absichtlich und voller schlechter Vorahnung in die Welt von Google Scholar begeben, und einen ersten Sample von Fehlrezeptionen zu ziehen. Wir werden die highlights der deutschen Wissenschafts-Garde hier in einem regelmäßig ergänzten Tread auflisten und die “Wissenschaftler”, die denken, sie könnten unseren Artikel beurteilen, ohne ihn  überhaupt zu kennen, namentlich hier nennen. Zudem werden wir im weiteren Verlauf von Wissenschaftlerinnen berichten, die auf Drängen von Dr. habil. Heike Diefenbach nicht anders konnten als ein Erratum zu ihren Publikationen zu veröffentlichen, in dem sie ihre falsche Rezeption eines Textes, den sie offensichtlich gar nicht kannten, richtig stellen mussten.

Ein guter Anfang für den Gang durch die Niederungen unwissenschaftlichen Arbeitens und die Fakultäten und Instituten, an denen Positionsinhaber sitzen, denen Konzepte wie wissenschaftliche Lauterkeit gänzlich unbekannt sind, ist das (Mach-)werk von Brake und Büchner, in der unser Artikel falsch datiert und eben einmal in das Jahr 2001 vorverlegt wird. JCK5000, Kommentator in diesem blog, hat diese Fehldatierung zum Anlass genommen, um uns auf den Beitrag von Jürgen Budde “Interaktion im Klassenzimmer” aufmerksam zu machen, in dem ebenfalls die Behauptung verbreitet wird, wir hätten “Bringing Boys Back In” 2001 veröffentlicht (und noch mehr, aber dazu gleich). Da diese Fehldatierung ein guter Indikator für Personen ist, die uns zwar zitieren wollen, aber zu keinem Zeitpunkt ihre Nase in unseren Text gesteckt haben, habe ich mich auf den Weg gemacht, um die Verbreitung dieses Irrtums zu kartographieren. Hier nun das Ergebnis.

  • Die Geschichte dieser Fehlrezeption beginnt mit Waltraud Cornelißen aus dem DJI (Deutsches Jugendinstitut), die im Jahre 2004 in ihrer Funktion als Privatdozent in der Abteilung “Geschlechterforschung und Frauenpolitik” am Deutschen Jugendinstitut ein kurzes Papier veröffentlicht hat, in dem Sie sich mit unserem Artikel auseinander zu setzen versucht und uns unter anderem Folgendes unterschieben will: “Den Ursachen für dieses schlechtere Abschneiden von Jungen wird nachzugehen sein. Erste Hypothesen hierzu stehen im Raum. So vermuten Diefenbach und Klein, dass die Feminisierung des Lehrerberufs Jungen Nachteile bei der Bewertung ihrer Leistungen und bei der Einschätzung ihrer Leistungsentwicklung bringt…. (Diefenbach/Klein 2001)”. Ja. Damit wäre die Quelle Fehldatierung und der Behauptung, wir würden die Feminisierung des Lehrerberufs, der Schule oder der Bildung beklagen, gefunden. Dumm nur, dass wir in unserem Artikel das Wort Feminisierung weder als Nomen noch seinen Wortstamm “Feminin…” in irgend einem Zusammenhang benutzen. Wir haben auch keine Feminisierung, also keinen Prozess, beschrieben, sondern für einen Zeitpunkt einen Zusammenhang zwischen einem geringeren Anteil männlicher Grundschullehrer und einem schlechteren schulischen Abschneiden von Jungen gezeigt. Übrigens gibt es auch einen Zusammenhang zwischen der Arbeitslosenquote und einem im Vergleich zu Mädchen höheren Anteil von Jungen mit Hauptschulabschluss und einem im Vergleich zu Mädchen geringeren Anteil von Jungen mit Hochschulreife (Diefenbach/Klein, 2002, S.953). Aber dieser Zusammenhang hat Feministen nie interessiert.
  • Dass die Fehlrezeption unseres Artikels durch Cornelißen kein einmaliges Versehen, sondern darauf zurückzuführen ist, dass Cornelißen unseren Artikel entweder nicht gelesen oder nicht verstanden hat (oder einfach kein geeigneteres Feindbild verfügbar schien), zeigt sich daran, dass sie sieben Jahre später im Jahre 2011 immer noch der Ansicht ist, unser Artikel sei 2001 erschienen und wir sähen in der Femimisierung der Schule, von der wir wie gesagt überhaupt nichts geschrieben haben, eine Ursache für die Leistungsschwäche von Jungen, über die wir aber nicht geforscht haben. Da Cornelißen zumindest 2004 noch gewusst hat, dass wir Schulabschlüsse untersucht haben, muss der zwischenzeitlich gefallene Schleier des Vergessens wohl als Anzeichen von Demenz angesehen werden.
  • Bei Jürgen Budde, der sich im Dunstkreis von Hannelore Faulstich-Wieland bewegt, scheint die Fehlrezeption von Cornelißen am schnellsten auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein. In einem Beitrag aus dem Jahre 2006, in dem er sich mit “Interaktionen im Klassenzimmer” beschäftigt, behauptet er auf Seite 117, dass wir behaupten würden, die “Feminisierung der Schule” sei eine Ursache dafür, dass “zahlreiche Jungen im Bildungssystem nicht mehr so erfolgreich sind”. Ich weiß gar nicht wo ich bei so viel Unsinn auf nur wenigen Zeilen anfangen soll und will es daher bei der monotonen Wiederholung belassen, dass wir das Wort Feminisierung und den damit angesprochenen Prozess in keiner Weise in unserem Artikel erwähnen und dass man Paneldaten benötigen würde, um zu untersuchen ob “zahlreiche Jungen im Bildungssystem nicht mehr so erfolgreich sind”. Aber vielleicht ringt Budde einfach nur mit der deutschen Sprache, und dafür, dass Budde Falsches von Cornelißen abschreibt und entsprechend auch unseren Artikel auf 2001 vordatiert, kann man ihn eigentlich nicht verantwortlich machen, oder? – zumal Budde sich als lernfähig erwiesen hat, denn zwei Jahre später, in einer Expertise für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (Budde, 2008), weiß er, dass unser Artikel im Jahre 2002 erschienen ist. Allerdings geht Lernen bei Budde offensichtlich immer auf Kosten von Wissen, denn er hat zwischenzeitlich meinen Vornamen vergessen und ist der Meinung, ich hieße Andreas Klein. Und obwohl Budde auch im Hinblick auf den Inhalt unseres Artikels hinzugelernt hat und einer der wenigen ist, der bemerkt, dass wir neben dem Anteil männlicher Lehrer auch die Arbeitslosenquote als erklärende Variable verwenden, ist er nach wie vor so von Cornelißen beeindruckt, dass er uns unterstellt, wir würden etwas unter dem Schlagwort “Feminisierung der Schule” diskutieren.
  • Susann Busse ist ebenfalls der Meinung, unser Artikel sei 2001 erschienen. In einem Buch zum Thema “Bildungsorientierungen Jugendlicher…”, das im Jahre 2010 erschienen ist, lässt sie ihrer eigenen Einbildung derart freien Lauf, dass ich mich entschlossen habe, in die Fussstapfen von Dr. habil. Heike Diefenbach zu treten und eine Richtigstellung zu fordern, denn es geht einfach zu weit, wenn man von Personen wie Busse als Platzhalter für deren Phantasien missbraucht wird. So schreibt Busse: “Jungen finden durch die ‘Feminisierung des Schulalltags’ – insbesondere in den schlechterbezahlten Schuldiensten, wie in Grund-, Haupt- und Sekundarschulen – immer weninger Anschlussmöglichkeiten an ihre männliche und jugendliche Erfahrungswelt (vgl. Diefenbach/Klein 2001)” (Busse, 2010, S.225-226). Wahnsinnige sind dadurch ausgezeichnet, dass sie anderen etwas unterstellen und von dieser Unterstellung ausgehend sich phantastische Gebilde ausmalen. Es mag Busse trösten, dass der naheliegende Schluss ein Fehlschluss der Bejahung des Konsequens sein kann, aber dennoch muss ich darauf bestehen, dass wir weder von einer Feminisierung des Schulalltags schreiben noch in irgend einer Weise die Fabulation von männlichen und jugendlichen Erfahrungswelten bei uns zu finden ist. Aber, wenn Busse erst einmal am Fabulieren ist, dann brechen alle Dämme: “Wenn nun Diefenbach/Klein (2001) … die Förderung von Jungen fordern, verkennen sie das individuelle Wirksamwerden von gesellschaftlichen Strukturkategorien und die subjektive Verarbeitung von Zuschreibungen” (Busse, 2010, S.230). Ich weiß nicht, was wir verkennen würden, schon weil es Worthäufungen ohne Sinn sind, hätten wir 2001 einen Artikel geschrieben, in dem wir die Förderung von Jungen fordern, aber wir haben im Jahr 2001 keinen Artikel geschrieben und in dem Artikel, den wir 2002 geschrieben haben, fordern wir keine Förderung von Jungen.
  • Auch beim Kompetenzzentrum (!sic) Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V., einem Kostgänger des Bundesministeriums für alle außer Männer, hat sich die wissenschaftliche Lauterkeit bislang noch nicht sehen lassen. Entsprechend wird locker flockig formuliert: “Die Behauptung, dass der hohe Anteil von Frauen im Bildungswesen den Jungen Nachteile bei der Bewertung ihrer Leistungen und bei der Einschätzung ihrer Leistungsentwicklung bringt (Diefenbach/Klein, 2001), ist wenig wahrscheinlich” (Chwalek & Diaz, 2008, S.12). Man soll nicht-Wissenschaftler ja nicht immer an wissenschaftlichen Kriterien messen, aber der zitierte Text aus einer Schriftenreihe reklamiert Wissenschaftlichkeit und deshalb: Wir haben haben nicht von “Frauen im Bildungswesen” geschrieben, wir haben nicht von der “Bewertung der Leistungen” von Jungen geschrieben und ob, das, was die Autoren sich vorstellen, dass wir geschrieben haben, wahrscheinlich ist, weiß ich nicht, da ich keine entsprechende Forschung kenne, weil es keine gibt. Dagegen halte ich es für hochwahrscheinlich, dass die Autoren mehr den opportunistischen Strukturen einer Förderung feministischer Zielsetzungen gehorchen, als dass es ihnen um die Realität ginge. Ich hatte diese Fehlrezeption ursprünglich Michael Cremers, Ralf Puchert und Elvira Mauz zugeschrieben, was ich nunmehr, nachdem mir eine an Dr. habil. Heike Diefenbach addressiert Email von Michael Cremers weitergeleitet wurde, richtigstelle. Mein schlechtes Gewissen gegenüber den drei zu unrecht verdächtigten Autoren hält sich jedoch in Grenzen, denn in seiner Expertise “Boys Day – Jungen Zukunftstag” behauptet Michael Cremers (2012, S.23) wir hätten von der “Feminisierung der Schule” geschrieben, was, wie ich mehrfach geschrieben habe, nicht stimmt. Spätestens ab Seite 29 der nämlichen Expertise scheint die Phantasie dann vollständig mit Michael Cremers durchzugehen. So behauptet er, wir hätten Jungen danach befragt, welche Kompetenz sie sich selbst zuschreiben (29, Fussnote 103), ist auf Seite 30 der Meinung, wir würden die fehlenden gleichgeschlechtlichen Vorbilder von Jungen in Grundschulen beklagen und schreibt dann richtig berichtete Ergebnisse konsistent einer Arbeit von Diefenbach und Kleine zu, die sich im Literaturverzeichnis nicht findet.
  • Völlig unbeholfen und offensichtlich mit statistischen Analysen nicht besonders vertraut schreibt Sabstian Möller-Dreischer, dessen Doppelnamen mich nicht im geringsten überrascht: “Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass mögliche Ursachen für die schlechten schulischen Leistungen der Jungen erziehungswissenschaftlich kontrovers diskutiert werden. Dass diese in einem Zusammenhang mit Bewertungen durch Lehrerinnen stehen und dass den Jungen männliche Bezugsgruppen fehlen, ist eine Hypothese. Heike Diefenbach und Michael Klein (2001) gehen davon aus, hier eine statistische Korrelation nachweisen zu können…” (Möller-Dreischer, 2012, S.8). Woher Herr Möller-Dreischer seine Erkenntnis hat, die ihn im Jahre 2012 beim angeblichen Lesen eines Textes befallen hat, der nach seiner Ansicht im Jahre 2001 geschrieben worden sein soll, kann ich angesichts der ebenfalls zitierten Waltraud Cornelißen nur vermuten, dass man eine Korrelation entweder findet oder nicht, dass man entsprechend nicht davon ausgehen muss eine statistische Korrelation nachweisen zu können, das weiß ich. Herr Möller-Dreischer nehmen Sie sich ein Statistiklehrbuch von wem auch immer zur Hand oder besuchen Sie einen Volkshochschulkurs, und Sie werden bereits nach kurzer Zeit wissen, dass eine Korrelation das ist, was herauskommen kann oder eben nicht, wenn man zwei Variablen miteinander in Verbindung bringt. Das ist einfach so, keine Vermutung notwendig.

Die erste Welle, die sich mit der Rezeption unseres Beitrags beschäftigt und Autoren berücksichtigt, die ganz offenkundig nicht gelesen haben, was wir schreiben, soll damit ihr Ende finden. Was ich bislang zusammengetragen habe, ist ein erschreckenes Zeugnis fehlender wissenschaftlicher Lauterkeit und/oder Kompetenz. So genannte Wissenschaftler legen uns Worte in den Mund, die wir nie geschrieben haben, machen uns zur Zielscheibe ihrer Phantasien und ihres ideologischen Auswurfs, und damit sie bei ihrer ideologischen Onanie nicht gestört werden, lesen sie erst gar nicht, was wir geschrieben haben, denn sie benötigen lediglich einen Anlass um ihre Notdurft zu verrichten. Ich will dies gar nicht menschlich bewerten, aber wissenschaftlich: Die hier zitierten Autoren haben nach meiner Ansicht und nachweislich jede Berechtigung verloren, als Wissenschaftler aufzutreten, und für den Fall, dass sie an Universitäten unterrichten, sollten ihre Studenten darüber nachdenken, ob es nicht an der Zeit ist, die Universität zu wechseln.

Demnächst geht es weiter mit Autoren, die versuchen, uns zu diskreditieren, was notwendig ist, da man unsere Ergebnisse nicht diskreditieren kann.

Verzeichnis der Fehlrezipienten:

    • Jürgen Budde
    • Susann Busse
    • Doro-Thea Chwalek
    • Waltraud Cornelißen
    • Michael Cremers
    • Miguel Diaz
    • Sebastian Möller-Dreischer

Verzeichnis der Fehl-Schriften:
Budde, Jürgen (2008). Bildungs(miss)erfolge von Jungen und Berufswahlverhalten bei Jungen/männlichen Jugendlichen. Berlin: Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Budde, Jürgen (2006). Interaktion im Klassenzimmer – Die Herstellung von Männlichkeit im Schulalltag. In: Andresen, Sabine & Rendtorff, Barbara (Hrsg.). Geschlechtertypisierung im Kontext von Familie und Schule. Opladen: Barbara Budrich, S.113-119.

Busse, Susann (2010). Bildungsorientierungen Jugendlicher in Familie und Schule. Die Bedeutung der Sekundarschule als Bildungsort. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

Chwalek, Doro-Thea & Diaz, Miguel (2008). Neue Wege für Jungs – das Projekt. In: Cremers, Michael, Puchert, Ralf & Mauz, Elvira (2008). So gelingt aktive Jungenförderung. Bielefeld: Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V., S. 5-21.

Cornelißen, Waltraud (2011). Gendergerechte Ansätze in der Schule: Ein Schritt zu mehr Geschlechterdemokratie? In: Krüger, Dorothea (Hrsg.). Genderkompetenz und Schulwelten. Alte Ungleichheiten – neue Hemmnisse. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.

Cornelißen, Waltraud (2004). Bildung und Geschlechterordnung in Deutschland. Einige Anmerkungen zur Debatte um die Benachteiligung von Jungen in der Schule. München: DJI.

Cremers, Michael (2012). Boys’ Day – Jungen-Zukunftstag. Neue Wege in der Berufsorientierung und im Lebensverlauf von Jungen. Berlin: BMFSFJ.

Möller-Dreischer, Sebastian (2012). Zur Dynamik der Geschlechter in pädagogischen Berufen. Eine exemplarische empirische Untersuchung an männlichen Studenten der Rehabilitationswissenschaften/Sonderpädagogik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

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5 Responses to Wissenschaftliche Lauterkeit? Was ist das? – Eine Bestandsaufnahme (einiger) deutscher Sozialwissenschaftler

  1. jck5000 says:

    Genau in der Form hatte ich das erwartet: Eine Menge von (offenbar klüngelnden und profeministischen) Autoren halten es (a) nicht für notwendig, Quellen selbst zu lesen und, nachdem sie ja selbst nicht mal ihr sachliches cum hoc, ergo proter hoc* als Fehler erkennen (können/dürfen), ziehen dies (b) auf die persönliche Ebene und machen es zu einem subjektiven dicam, ergo diceret**.

    In Kombination kommt dann das raus, was Sie hier beschreiben: schlecht recherchierte Fehlzitate mit “sachdienlichen” Unterstellungen. Ich denke, wenn Sie noch ein paar Bücher in die Hand nehmen, wird die Liste länger werden, aber das antizipieren Sie ja schon… und bezüglich Ihrer Konsequenz, Herr Klein, kann ich nur 100%ig zustimmen.

    Ich finde es gut und richtig, dass Frau Diefenbach um Richtigstellung bemüht ist, aber desto “geschwurbeliger” “Wissenschaften” werden, desto weniger sind sogar “angesehene” Journals zu sowas bereit, wie man ja – in anderem Kontext – bereits durch Sokal mitbekommen haben sollte (in dem Zusammenhang: Es ist schon auffällig, wie kurz der deutsche Wikipedia-Artikel dazu [http://bit.ly/gnf5hV] im Vergleich zum Englischen ist… da wundert es auch nicht, dass der in diesem Blog ja bekannte “Polantario” bei den Edits auftaucht. Könnte ja… aber nein, das ist nur eine böse Unterstellung).

    Dieses Problem ist aber nicht nur bei den Sozialwissenschaften, sondern auch in anderen Bereichen prävalent: Haupsache Mehrheitsmeinung, dann gut, sonst wird’s halt nicht publiziert. Oder, wie Sie darstellen, verbal vergewaltigt und/oder niedergemacht; bestenfalls ignoriert. Vor diesem Hintergrund finde ich es sehr schade, dass Frau Diefenbach keinen Lehrstuhl hat. Frau Diefenbach wird zwar mittlerweile in so ziemlich jeder halbwegs vernünfitigen pädagogischen Dissertation mit Bildungsbezug zitiert, aber leider nicht von jeder, und, wie Sie traurigerweise gezeigt haben, vor allem nicht von jeder richtig.

    Die Frage, die offen bleibt, ist, woran das liegt: Ist es ein ideologisches Streben, ist es die (sich mitunter aus Quoten ergebende) Unfähigkeit der Wissenschaftler, ist es Faulheit oder schlicht und einfach Bequemlichkeit und/oder Opportunismus? Diese vermag ich nicht zu beantworten.

    Zwei Sachen noch zum Schluss: Erstens, nachdem Sie ja den “Dunstkreis” von Hannelore F-W erwähnen; das spricht ja sehr für eine “Autopoiese” der schlechten/profeministischen Wissenschaft. Insofern, nachdem wir ja wissen, dass autopoietische Systeme durch selbst leichteste Störungen zusammenbrechen, bitte hören Sie nicht auf, die Mißstände aufzudecken. Irgendwann können die das nicht mehr ignorieren.

    Zweitens, der Punkt, wo Sie schreiben “dessen Doppelnamen mich nicht im geringsten überrascht” – ich denke, da wird eine ganze Menge Spam reinkommen, da das durchaus so interpretiert werden kann, als würden Sie Menschen mit Doppennamen “irgendwo” einordnen. Unabhängig davon ob Sie das machen oder nicht, ich mache das jedenfalls: Es gibt heute bei der Heirat viereinhalb Namensmöglichkeiten, m, f, m/f und m-f/f-m. Für m spricht, aus meiner Sicht und in meinen Kreisen, besonders, dass man irgendwie verbundener ist. Für f quasi das gleiche, ausser, dass “er” sich blöde Fragen gefallen lassen muss. Beides kann gute Gründe haben, zum Beispiel wenn einer einen “blöden” Nachnamen hat. Für m/f spricht, wenn sich die Namen sonst blöd anhören*** – nehmen wir eine deutsch-türkische Ehe – “Alice Erben” – oder eine deutsch-chinesische “Ling-Yun Hacklhuber”. Warum aber Doppelnamen sein sollen, werde ich nie verstehen. Ist es nicht Sinn der Ehe, aus _zwei_ Menschen _ein_ Paar zu machen? Und haben Sie mal versucht, “Ling-Yun Wang-Hacklhuber” auf einen Kreditkartenbeleg (oder die Kreditkarte) zu schreiben? Oder “Alice Hacklhuber-Erben”? Nicht? Dann denken Sie vor der Heirat nochmal nach, mein Nachname hat 6, mein Vorname 8 Buchstaben, und das wird schon eng. Man kann den Menschen mit Doppelnamen also zumindest unterstellen, dass sie nicht sonderlich praktisch veranlagt sind. Und/oder ihrer Heirat keinen besonderen Stellenwert zuordnen. Oder, falls man meinem zweiten Punkt widersprechen will, dass der Kritiker feministische Ansichten vertritt.

    *: Kurzfassung statt Übersetzung: Korrelation ist nicht Kausalität
    **: Im Lateinischen existiert kein Konjunktiv Futur II, daher konnte das früher kein ordentlicher Philosoph ausdrücken: “Ich würde das sagen, also wird er das gesagt haben”. Ich wollte das in Latein schreiben, da sonst mein erstes lateinisches Zitat doof wirken würde. Das schöne ist, dass dieser Blog der einzige Google-Treffer für “dicam, ergo diceret” sein wird, bis es einen Wikipedia-Artikel dazu gibt (und Grammatik war schon immer gegenüber Inhalt überbewertet 😉
    ***: Die Namen sind geändert, aber tendenziell echt.

    • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

      @jck5000

      Ihr Kommentar hat eine sehr erfrischende, samstägliche Lektüre bedeutet – ganz sicherlich weit erfrischender als die ewig gleichen, mehr oder weniger dummen Floskeln, die bestimmte Leute aus bestimmten Kreisen gegen unliebsame Befunde und Argumentationen gebetsmühlenartig vorbringen (und dafür natürlich niemals selbst verantwortlich zeichnen), so, als ob sie hofften, wenn sie genug gebetet haben, würde sich irgendeine transzendente Kraft ihrer erbarmen und ihre seltsamen Auffassungen vor den Augen der Welt rehabilitieren.

      Nun ja – Sie haben die Frage angesprochen, woran das selektive Zitieren und Umdeuten von Gelesenem oder auch Nicht-Gelesenem liegt. Ich kann die Frage letztlich natürlich auch nicht beantworten, aber ich habe mir dazu natürlich auch meine Gedanken gemacht, und ich denke, Bequemlichkeit oder gar Faulheit sind Teil der menschlichen Natur und nicht als solche problematisch.

      Problematisch ist aber, wenn diese (und andere) menschlichen Schwächen auf Bedingungen stoßen, die nicht nur nicht verhindern, dass sie ausgelebt werden, sondern sie sogar noch befördern. Wenn man z.B. keine Sanktionen zu erwarten hat dafür, dass man schlampig arbeitet (also z.B. falsch zitiert oder nicht liest, aber trotzdem zitiert) oder über keine Vorstellung davon verfügt, was Wissenschaft von Ideologie unterscheidet, dann erlaubt das denen, die niedrige Arbeitsstandards und keine Ahnung von Wissenschaft haben, im wissenschaftlichen Betrieb zu verbleiben, während es diejenigen, die höhere Arbeitsstandards und mehr inhaltlich Ahnung haben, demotiviert, denn es macht ja sowieso keinen Unterschied, was man leistet oder vielmehr: nicht leistet bzw. nicht leisten kann oder will. Derselbe Effekt stellt sich ein, wenn Forschungsgelder auf wenige Geberinstitutionen konzentriert werden, die zum allergrößten Teil staatliche, parteiliche oder parteinahe Insitutionen sind, die Wissenschaft oder zumindest Sozialwissenschaft gänzlich oder vorrangig als Bauchladen betrachten, aus dem man sich zu Legitimationszwecken Liebsames aussucht und Unliebsames ignoriert. Von welcher wissenschaftlichen Qualität sind Leute, die ihr Dasein durch Zuwendungen dieser Institutionen und auf Posten von Kultusministeriums Gnaden und in aller Regel im Beamtenstatus fristen, oder besser: von welcher wissenschaftlicher Qualität können oder wollen Leute sein, die sich in solchen Verhältnissen langfristig einrichten?

      Für mich ist daher der Aufbau ideologischer Netzwerke sozusagen durch “Gesichtskontrolle” z.B. im Rahmen von “Genderleerstühlen” daher nur ein Teil des Problems. Ein mittel- bis langfristig größeres Problem ist, glaube ich, dass Leute, die Wissenschaft betreiben können und wollen, kaum eine Möglichkeit haben, dies zu tun – das fängt bei der Verbeamtung und dem Einspruchsrecht der Kulturministerien an, geht über die Finanzierung von Forschung wie oben beschrieben und die zwangsmäßige Beteiligung von Frauenbeauftragten (,aber leider nicht wissenschaftlichen Qualitätsbeauftragten) und endet bei der Strategie, Lehrpersonal an Universitäten mit Lehre und Verwaltung (samt Errechnung der wofür zu vergebenden ECTS-Punkte) so vollzupacken, dass sie ohnehin nicht dazu kommen, einen vernünftigen Gedanken zu fassen oder die Entwicklung von Argumentation und Forschung auf einem bestimmten Gebiet zu verfolgen, und sei es nur, weil sie 100 Methodenklausuren mit Hilfe einer für zwei Stunden verfübaren studentischen Hilfskraft bewerten sollen und die Leistungsscheine selbst ausstellen müssen, weil die Lehrstuhlsekretärin nur zu einem Viertel dem eigenen Lehrstuhl zugeordnet ist (und zu den anderen drei Vierteln drei anderen Lehrstuhlbese/i/tzern).
      Es stimmt tatsächlich, dass sie eigentlich gar keine Zeit zum Lesen haben, aber das entschuldigt natürlich nicht die Praktiken, die ein Teil derer, die “Kollegen” sein wollen, pflegt. Sie müssten eben einmal den Mund aufbringen und die Arbeitsbedingungen monieren, aber natürlich ist das von der selektiven Population, die das Universitätspersonal zunehmend darstellt, am wenigsten zu erwarten, denn wenn sie für sich Alternativen sehen würden, hätten sie sie mit großer Wahrscheinlichkeit gewählt. Bei jungen Kollegen mag ein großer Schuß von Naivität ins Spiel kommen, aber von ihr sollte man eigentlich nach einigen Jahren Universitätsbetrieb “geheilt” sein.

      Last, but not least, sind Universitäten immer weniger Universitäten, sondern immer mehr Hochschulen mit Betonung auf “Schulen”. Es werden alle möglichen Inhalte “beigebracht”, und zwar bitte die jeweils weltanschaulich “richtigen”, also Altlinkes und politisch Korrektes, aber leider nicht Grundzüge der Wissenschaftstheorie und -geschichte, der Logik, der kritischen Argumentation und des wissenschaftlichen Arbeitens. Genau diese Dinge sind es aber, die die Grundlage für jede wissenschaftliche Beschäftigung mit einem inhaltlichen Thema erst ermöglichen. Wenn sie fehlen, gerät jede inhaltliche Arbeit und Auseinandersetzung zum “Geschmacksurteil”. Kurz: Die universitäre Ausbildung dürfte sich derzeit auf einem all-time low befinden, und weil die Uni seit einigen Jahren keinerlei Anreize mehr für Leute bietet, die kompetent genug sind, woanders eine Betätigung zu finden, wird sich daran voraussichtlich leider, leider wenig ändern – es sei denn, (1) die kompeteten Kollegen, die es noch an den Unis gibt, äußern sich so langsam einmal zu den Mißständen und grenzen sich und ihre Arbeit von Ideologie und Inkompetenz ab und (2) Wissenschaft wird zunehmend aus den staatlichen Universtitäten ausgelagert, also woanders betrieben, was inzwischen in der Öffentlichkeit ja auch schon zunehmend so wahrgenommen wird.

      Ich freue mich sehr, dass Sie es bedauerlich finden, dass ich keinen Lehrstuhl habe, aber ich glaube, dass ich nach dem, was ich oben geschrieben habe, nicht mehr erklären muss, warum ich mich gegen eine Uni”karriere” entschieden habe (von der abschreckenden Wirkung eines Gehaltes nach W2 ganz zu schweigen). Ich gebe zu, dass ich anfänglich immer wieder kurz damit geliebäugelt habe, doch anzunehmen, wenn ich um die Vertretung einer Professur gebeten wurde oder – wie sagt man? – nachdrücklich zur Bewerbung um einen Lehrstuhl aufgefordert wurde, einfach, weil es einem doch schmeichelt, wenn ein geschätzter Kollege dies tut, und weil man immer auch denkt, dass eine Absage als persönlicher Affront aufgefasst werden könnte, aber bei rationaler Betrachtung war immer schnell klar, dass ich mich aus unendlich vielen Gründen schlechter stellen würde, wenn ich so eine Einladung annehmen würde. Seit einigen Jahren denke ich in den meisten Fällen aber gar nicht mehr oder nicht mehr lange darüber nach, wenn eine solche Einladung kommt, denn je länger man selbständig tätig ist und je mehr man merkt, dass man in dieser selbständigen Tätigkeit weit besser wissenschaftlich arbeiten kann, als in einer staatlichen Institution, desto unattraktiver werden Alternativen. Von daher dürften Sie es als eine persönliche Zwangs- oder Niederlage auf meiner Seite sehen, falls Sie mich eines Tages auf einem “Uni-Posten” (d.h. an einer staatlichen Uni in Deutschland) erwischen würden.

      • qed says:

        Da sind Sie nicht die einzige, Frau Diefenbach! Das Salär im Staatsdienst (nicht nur an den sog. Unis) ist inzwischen häufig auf einem Niveau angekommen, das einen VW- Bandarbeiter mit spontanem Mitleid in die Tasche nach nem Euro greifen läßt.
        Die Zeiten sind längst vorbei, als ein Prof sagen konnte ‘Mein Professorengehalt ist das Taschengeld meiner Frau’.
        Dennoch balgt das ‘akademische Personal’ sich massenhaft um erbärmliche Zeitverträge, erträgt klaglos jede Zumutung, halbe Stellen, sind Hausmeister, Hiwi, Sekretärin und Habilitant in einer Person usw.
        Nun sollte man nicht meinen, der Altruismus sei unter den Akademikern so weit verbreitet: es bleibt ihnen schlicht nichts anderes übrig!
        Oder ist hier irgendwer der Meinung, Figuren wie der sattsam bekannte Herr Rosenbrock bekämen auf dem freien Markt auch nur ansatzweise ein Bein auf die Erde?
        Angebot und Nachfrage des freien Marktes haben also was mit Qualität zu tun und wenn ich mich nicht ganz irre, sind die im Artikel Genannten ausnahmlos Propagandisten des linksfeministischen Zeitgeistes und letztlich vom Staat bezahlt.
        Ironischerweise macht die Staatin genau das, was auch sonst in der Wirtschaft üblich ist: für Null- Leistung, ausschließliche Propaganda- Ergebenheitsadressen als Jubelperser und schlechte wissenschaftliche Fälschungen gibts halt auch nüschte, selbst wenn es ausschließliche Aufgabe ist, das ist nur konsequent. Die Denunzianten und Speichellecker Stalins konnten sogar von Glück reden, wenn sie nicht selbst im Gulag landeten.

        Ich hatte Herrn Klein mal mitgeteilt, wie gute Leute schon vor längerer Zeit verfuhren, wenn ihnen die Frauenbeauftragte und der Agitator im Dekanat dumm kamen: sie haben den Stinkefinger gezeigt, setzten sich ins Ausland ab, machten dort lukrative Karrieren und das von mir erwähnte Beispiel ist jetzt mit Mitte Fuffzig sehr umtriebiger Ruheständler, weil er finanziell ausgesorgt hat.
        Es wäre ein Riesenfehler, ließen Sie sich zur Deppin vom Dienst machen, um dem stinkenden ‘akademischen’ Morast von Korruption, Unfähigkeit, Afterkriecherei und geistiger Verelendung einen frischen Anstrich zu verpassen!

  2. Ich komme mal auf diesen Eintrag zurück. Der Grund: Desöfteren lese ich hier Kritisches über den Zustand der Soziologie. Dabei scheint mir das Problem zu oft verkürzt als ausschließlich durch “Linke” verursacht. Meiner Meinung nach sind die Sorgen des Faches aber auch anderweitig begründet. So haben allerorten Fachfremde die Vertretung der Soziologie übernommen. Schaut man sich mal in den Sektionen der DGS um, wird das erkennbar: In der Sektion Religionssoziologie findet man vornehmlich Theologen. Daraus folgt auch, dass deren Arbeiten eben eher theologisch gedacht sind. Eine wirklich genuin soziologische Sichtweise, aber auch Arbeitsweise zeitigen solche Texte dann nicht.

    Ich denke, dass dies auch für die Behandlung Ihres Aufsatzes zutrifft. Sie haben hier einige Rezipienten Ihres Textes zitiert. Zumindest stichprobenartig habe ich mal die Vita der Leute angesehen (Faulstich-Wieland, Budde, Möller-Dreischer). Sie sind keine Fachsoziologen, sie haben nicht Soziologie studiert. Daher darf man durchaus fragen, ob sie mit soziologischen Forschungsergebnissen angemessen umzugehen vermögen. Meine Erfahrung aus der Jugendsoziologie ist, dass sie von Pädagogen geprägt ist und dementsprechend eben nicht wirklich genuin soziologisch argumentiert. Die Pädagogik hat ihre Berechtigung, aber ein Soziologe arbeitet und denkt anders. Aber so kommt es, dass mancher Text als Soziologie etikettiert ist, aber aus soziologischer Sicht eben keine Soziologie ist. Das sehen Außenstehende nicht unbedingt. Aus soziologischer Sicht fehlen eigentlich die wesentlichen Fragen und Antworten, was auch klar ist, weil Pädagogen andere Fragen stellen. Aber wenn man Soziologie erwartet, ist man eben doch enttäuscht. Je mehr Nichtsoziologen das soziologische Feld bestellen, desto mehr muss die Qualität des Faches leiden, weil es seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht wird.

    Was ich damit sagen will: Es ist womöglich eher eine Konfliktlinie zwischen den Disziplinen und weniger eine allgemein-politische.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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