Wissenschaft gibt es nur in freien Märkten

von Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein

Im Beitrag “Ohne Liberalismus keine Wissenschaft” haben wir dargelegt, warum ein Wissenschaftler eine liberale Grundhaltung, ein open mind, haben muss, um überhaupt dazu befähigt zu sein, Wissenschaft zu betreiben. Wir haben darüber hinaus gezeigt, dass ein Wissenschaftler sich nicht als Apostel der Objektivität in seinem Elfenbeinturm einsperren darf, um von dort zwar die Welt, die ihn umgibt, lediglich zu beobachten und aus der Welt sein Salär entgegen zu nehmen, sondern dass er aufgrund seiner Funktion und seiner zumeist aus Steuermitteln finanzierten Position geradezu verpflichtet ist, sich auf der Basis seiner wissenschaftlichen Erkenntnis und mit einer daraus abgeleiteten und für jeden nachvollziehbaren, d.h. rekonstruierbaren Bewertung  im öffentlichen Diskurs zu Wort zu melden. Dies wiederum verlangt von ihm, eine rigorose Anwendung liberaler Ideen, denn er stellt seine eigene Bewertung als Ergebnis seiner Forschung und seine Ergebnisse zur Diskussion und muss entsprechend auch bereit sein, seine Bewertung zu ändern, wenn ihm neue Informationen präsentiert werden. Entsprechend kann ein Wissenschaftler nur eine liberale Haltung einnehmen und umgekehrt lässt sich formulieren, dass wer keine liberale Grundhaltung einzunehmen bereit ist, kein Wissenschaftler sein kann.

Somit sind die individuellen Voraussetzungen von Wissenschaft beschrieben. Damit diese individuellen Voraussetzungen effizient und effektiv zum Erkenntnisgewinn eingesetzt werden können, bedarf es einer Reihe von Randbedingungen, die einen Markt für wissenschaftliche Ideen konstituieren. Diese Randbedingungen können nur solche sein, die den Erkenntnisgewinn befördern und nicht beschränken, etwa indem sie Stammzellenforschung verbieten, wissenschaftliche Forschung unterbinden, weil die Möglichkeit besteht, dass die Forschungsergebnisse nicht zivil genutzt werden könnten oder indem sie Wissenschaftlern mit moralischer Entrüstung drohen, wenn sie eine Forschung durchführen wollen, die gegen den herrschenden Zeitgeist verstößt. Entsprechend kann man vorwegnehmen, dass wissenschaftliche Forschung nur an die Grenzen, die durch die Verfügbarkeit von Ressourcen und die moralischen Grenzen des Kantschen kategorischen Imperativs gebildet werden, gebunden ist. Wir sehen wie Kant im kategorischen Imperativ eine Anwendung von Rationalität. Entsprechend ist Verhalten, das gegen den kategorischen Imperativ verstößt, irrationales und unmoralisches Verhalten zugleich.

Kants kategorischer Imperativ:
“Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde” (S.51).

Für Kant ist der kategorische Imperativ eine Schlussfolgerung, zu der jeder moralische Mensch aufgrund der ihm eigenen Rationalität gelangen muss. Während das Prinzip des kategorischen Imperativs immer dasselbe ist, hat ihn Kant doch in unterschiedlichen Formulierungen, je nach seinem Verwendungszusammenhang formuliert. Eine andere Formulierung Kants aus der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten stellt den moralischen Impetus des kategorischen Imperativ deutlicher heraus, indem er fordert: “handle nach der Maxime der Zwecke, die zu haben für Jedermann ein allgemeines Gesetz sein kann”. Dadurch ist ausgeschlossen, dass Menschen von Menschen als Mittel zum Zweck missbraucht werden können, wie dies z.B. in der Magisterarbeit von Hinrich Rosenbrock der Fall ist, in dem Personen und deren Äußerungen, die er einer Männerbewegung zuordnet (von der noch zu zeigen wäre, dass es sie gibt) als Mittel benutzt, um eine von ihm behauptete Männerbewegung (von der immer noch zu zeigen wäre, dass es sie gibt) zu diskreditieren.

Vom kategorischen Imperativ (in welcher Formulierung auch immer) ausgehend, kann nunmehr auf Basis einer Darstellung von Sinn und Zweck von Wissenschaft argumentiert werden, warum Wissenschaft nicht anders als liberal gestaltet werden kann, und warum deshalb nur ein Markt geeignet ist, um das Potential von Wissenschaft zu entfalten.

Wissenschaft und ihr Sinn und Zweck

Das Ziel von Wissenschaft ist der Erkenntnisgewinn: Es geht darum, Zusammenhänge in der Wirklichkeit zu entdecken und zu nutzen. Am besten lernt man über Zusammenhänge, wenn man aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf immer das selben Problem blickt und nach verschiedenen Lösungen sucht. Verschiedene Lösungen haben den Vorteil, dass eine Konkurrenz um die beste Lösung entsteht, so dass gewährleistet ist, dass Probleme auch effizient gelöst werden können. Verschiedene Lösungen resultieren aus den verschiedenen Herangehensweisen oder – formaler ausgedrückt – aus der Anwendung unterschiedlicher  Theorien.

Um effiziente Lösungen zu identifizieren, hat Karl Raimund Popper vorgeschlagen, die relative Überlegenheit einer Theorie in der Bereitstellung von Lösungen für empirische Probleme, anhand des Bewährungsgrades zu bestimmen. Der Bewährungsgrad wiederum ist ein Kritierum, das von Popper als Anzahl überstandener Falsifikationsversuche, also Versuche, die Theorie zu widerlegen, operationalisiert wird. Dies verweist darauf, dass es notwendig ist, wenn man Erkenntnis gewinnen will, eine gefundene Idee/eine gefundene Theorie an der Realität zu testen, was voraussetzt, dass die entsprechende Idee/Theorie auch etwas über die Wirklichkeit aussagt, an der Wirklichkeit scheitern kann. Die Grundforderung an eine wissenschaftliche Lösung für ein Problem besteht also darin, dass sie etwas über die Realität aussagt und an der Realität scheitern kann. Die Grundforderung an eine wissenschaftliche Lösung besteht explizit nicht darin, dass sie im Einklang mit einer herrschenden Ideologie, der Mehrheitsmeinung oder einer Tradition oder mit was auch immer steht. Lediglich die Moralität von Wissenschaftlern, der kategorische Imperativ bildet eine Möglichkeitsgrenze für wissenschaftliche Lösungen.

Hinzu kommt, dass der wissenschaftliche Betrieb um so effizienter funktioniert, je mehr Theorien miteinander und darum konkurrieren, den höchsten Bewährungsgrad und die effizienteste Lösung zu bieten. Von hieraus ist es nur ein kurzer Schritt zu der Feststellung, dass – abgesehen von der Forderung, dass nur eine Aussage als wissenschaftlich gelten kann, die etwas über die Wirklichkeit aussagt und entsprechend im Rahmen einer empirischen Prüfung scheitern kann und der Ausrichtung der konkurrierenden Theorien am kategorischen Imperativ, es keiner weiteren Beschränkung der Menge der konkurrienden Theorien bedarf. Um die Möglichkeit zu maximieren, dass die effiziente Lösung gefunden wird, ist es notwendig, keine Theorie, die vorgebracht wird, im Vorhinein vom Lösungsversuch auszuschließen. Es ist notwendig, einen freien Markt wissenschaftlicher Theorien und Ideen zu etablieren und jeden Versuch, bestimmte Theorien und Ideen (weil sie nicht zur herrschenden Ideologie passen oder politisch nicht korrekt sind) auszuschließen bzw. bestimmten Ideen eine Starthilfe zu verschaffen (z.B. durch staatliche Förderung einseitiger Forschung, wie sie im Bereich des Genderismus stattfindet), zu unterbinden. Wissenschaft kann nur funktionieren, wenn es einen freien Markt der Theorien und Ideen gibt, wenn der Wissenschaftsmarkt liberal organisiert ist.

Und noch ein Argument, warum nur ein freier Markt, der dem Zugriff von Regierungen entzogen ist, Wissenschaft ermöglicht.

Friedrich A. von Hayek hat argumentiert, dass Wissen unter den vielen Marktteilnehmern verstreut ist. Die einzige Möglichkeit, dieses disperse Wissen effizient zu organisieren, besteht darin, es sich quasi selbst organisieren zu lassen, in einem Wettbewerb in dem gleichberechtigte Marktteilnehmer ihre Ideen und Produkte auf den Markt bringen und der Preis, der Nachfrage und Angebot verbindet, das Kriterium für Erfolg und Misserfolg darstellt. Ganz so, wie im Wissenschaftsmarkt der Bewährungsgrad über Erfolg und Misserfolg von Theorien/Ideen entscheidet, entscheidet also der Preis über den Erfolg einer (Produkt-, Geschäfts-)Idee im Markt. So wie jeder Eingriff in den Wissenschaftsmarkt eine Verzerrung der Lösungsmenge darstellt, weil bestimmte Theorien mit Privilegien versehen werden, so schafft im Wirtschafts-Markt jeder planerische Eingriff Privilegien und verzerrt die Marktergebnisse zu Gunsten bestimmter Anbieter/Ideen.

Gäbe es einen Markt für Wissenschaft und wissenschaftliche Ideen, auf dem Wissenschaftler in Selbstregulation die Prüfung von Ideen und Theorien betreiben, so genannte Expertisen, die von Institutionen wie der GEW oder der Heinrich-Böll-Stiftung finanziert werden, damit sie ihre Ideologie in einem Mäntelchen aus vermeintlicher Wissenschaft verpacken können, hätten nur eine kurze Haltbarkeit. Ein solcher Wissenschaftsmarkt wäre von dem Interesse der ihn betreibenden Wissenschaftler geprägt, unwissenschaftliche, den üblichen Standards nicht entsprechende oder schlicht falsche „Expertisen“ zu eliminieren. Aber: Es gibt keinen Wissenschaftsmarkt, jedenfalls nicht in den Sozialwissenschaften. Wissenschaftler sind staatliche Bedienstete. Sie erhalten ihr Gehalt, unabhängig von der Qualität ihrer Beiträge. Es gibt daher keine Konkurrenz zwischen Ideen, und es gibt keinen Anreiz für Wissenschaftler, gegen z.B. Genderlehrstühle, die eine Travestie auf Wissenschaft darstellen und von ihnen geförderte und mit wissenschaftlichen Abschlüssen versehene Arbeiten, wie z.B. die Magisterarbeit von Hinrich Rosenbrock vorzugehen.

Der Verwertungszusammenhang

Für Wissenschaftler steht dann, wenn eine Idee, Theorie oder ein Marktangebot sich bewährt hat, eine relativ sichere Erkenntnis bereit, die auf andere Bereiche übertragen werden kann. Damit schließt sich der Kreis zu der im ersten Teil beschriebenen Irritation mancher Kommentatoren ob der Tatsache, dass in diesem blog nicht nur die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien berichtet und kritisiert werden, sondern dass darüber hinaus eine Anwendung der entsprechenden Ergebnisse und deren Bewertung nebst einer Offenlegung der weitreichendsten Folgen oder der logischen Konsequenzen erfolgt. Dies, ist jedoch nichts, was Irritation auslösen sollte. Nicht nur, dass wir unsere Kriterien offenlegen, nach denen wir bestimmte wissenschaftliche Ergebnisse bewerten, wir machen die Konsequenzen der Anwendung dieser Kriterien auch einer kritischen Prüfung zugänglich: Aufgrund der Klarheit und Offenlegung der Kriterien, auf denen unsere Bewertung einer Studie basiert, ist es auch im Verwendungszusammenhang wissenschaftlicher Erkenntnisse möglich, in Wettbewerb mit anderen zu treten. Dies zeichnet die liberale Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnisse vor allen anderen Verwertungen aus, seien sie sozialistisch, kommunitaristisch oder konservativ. Liberale Bewertungen kommen nie mit dem Anspruch, sie seien letzte Wahrheiten. Sie stellen sich jederzeit – wie jeder, der diesem blog folgt weiß – der Herausforderung und dem Wettbewerb mit anderen Bewertungen.

Wenn also jemandem eine Bewertung von wissenschaftlichen Ergebnissen bzw. von in wissenschaftlichen Zeitschriften publizierten Texten, die wir auf Grund von uns benannter Kriterien vornehmen,  nicht passt, dann kann er jederzeit versuchen zu zeigen, dass unsere Bewertung auf einer falschen Rezeption oder falschen Schlüssen basiert. Er kann Forschungsergebnisse beibringen, die unsere Bewertung falsifizieren oder auf deren Basis wir unsere Bewertung modifizieren müssten. Dies alles geht. Nur eines ist nicht akzeptabel: Sich hinzusetzen, einen ablehnenden Kommentar zu schreiben und keinerlei Gründe für die Ablehnung anzugeben. Derartige unbegründete Behauptungen mögen in dogmatischer Umgebung geduldet, ja erwartet werden. In einem liberalen blog, unter Wissenschaftlern und Personen, die sich dem Erkenntnisfortschritt verschrieben haben, ist dafür kein Platz, denn hier gilt der kategorische Imperativ und der verbietet es, eine Behauptung unbegründet zu lassen bzw. einen Beitrag einfach abzulehnen, denn: derjenigen, der denkt, einen Text ohne Angabe von Gründen ablehnen zu können, wird eher irritiert reagieren, wenn man es ihm gleich tut. Er geht demnach implizit davon aus, dass andere seine Ablehnung ohne Gründe nicht zur allgemeinen Regeln machen werden und ihm so begegnen, wie er ihnen begegnet. Anders formuliert: Er erwartet Fairness und Ehrlichkeit von anderen, die er selbst zu geben, nicht bereit ist.

Zusammenfassend kann festgestellt werden:

  1. Wissenschaft kann nur betreiben, wer eine liberale Grundhaltung, ein open mind hat. Eine feminstische oder marxistische Wissenschaft kann es daher nicht geben.
  2. Wissenschaft kann nur in einem freien Markt stattfinden, in dem der Wettbewerb zwischen Ideen unbeschränkt möglich ist. Eine staatliche regulierte Wissenschaft ist somit keine Wissenschaft.
  3. Der Wettbewerb von Ideen findet in Form einer Prüfung wissenschaftlicher Aussagen an der Wirklichkeit statt. Aussagen, aus denen keine Sätze abgeleitet werden können, die empirisch prüfbar sind, sind keine wissenschaftlichen Aussagen.
  4. Neben dem Kriterium der Falsifizierbarkeit aus Punkt 3 wird der Möglichkeitsraum wissenschaftlicher Aussagen nur durch den kategorischen Imperativ Kants begrenzt. Wissenschaftliche Aussagen, die dem Instrumentalisierungsverbot widersprechen, in denen Menschen als Mittel zum Zweck gebraucht werden, sind aus der Wissenschaft ausgeschlossen. Arbeiten, die nur dazu dienen, eine politische oder weltanschauliche Position zu legitimieren, Arbeiten, die dem Zweck dienen, Umerziehung und Manipulation von z.B. Jungen zu rechtfertigen und Arbeiten, die dem Zweck dienen, den (politischen) Gegner zu diskreditieren, sind somit keine Wissenschaft.

Kant, Immanuel (1997). Kritik der praktischen Vernunft. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Bd. VII der Werksausgabe hrsg. von Wilhelm Weischedel. Frankfurt: Suhrkamp.

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