LfM-Fake-News Studie: Fachkräfteportal für Kinder- und Jugendhilfe verbreitet Falschnachrichten

Es ist immer wieder erstaunlich, dass Menschen, die bar jeder Ahnung darüber sind, was empirische Sozialforschung ist und wie man die Ergebnisse, die im Rahmen von z.B. Meinungsumfragen gewonnen werden, interpretiert, sich dennoch auf diese Ergebnisse stürzen und eine phantasievolle Narration weben, die mit den Daten überhaupt nichts zu tun hat.

morons2Wir haben eine solche Narration beim Fachkräfteportal für Kinder- und Jugendhilfe gefunden, für das wir bislang nur feststellen können, dass sich dort keine Fachkräfte finden, wenn es um die Interpretation von Umfrageergebnisse geht. Statt dessen findet sich dort der Ausdruck dessen, was man im Englischen raving madness nennt.

Zunächst die Narration. Die Zahlen in Klammer beziehen sich auf unsere kostenfreie Überprüfung dieser Fake-News:

“Falschmeldungen im Internet sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dies hat eine Studie der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfahlen (LfM) ergeben [1].

Fast 80% der Jugendlichen sind bereits mit Fake News in Berührung gekommen, erkennen diese aber häufiger als Erwachsene. [2]

Neben der Hassrede im Netz, deren steigende Brisanz erst vor zwei Wochen durch eine Studie der LfM belegt wurde, ist auch das Thema der verfälschten Information, der sogenannten Fake News oder auch “alternativen Wahrheit” inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das belegt eine weitere Studie der Landesanstalt für Medien NRW (LfM). [3]

Danach ist mehr als die Hälfte der deutschen Onlinenutzer (59%) schon einmal mit Fake News in Berührung gekommen. [4]

Jüngere Nutzer erkennen dabei eher als Ältere Falschmeldungen. In der Gruppe der 14- bis 24-jährigen haben bereits 77 Prozent Fake News im Internet gesehen. [5]

Kennzeichnungsmöglichkeiten und neue Löschgesetze werden von vielen Befragten befürwortet. [6]”

Und nun zur Berichtigung der Fake-News, die von keinerlei Fachkräften aus dem Fachkräfteportal für Kinder- und Jugendhilfe verbreitet werden.

[1]
Falschnachrichten im Internet sind nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Aussage ist zum einen Unsinn, zum anderen wurde in der Umfrage, auf die sich diese Behauptung bezieht, keinerlei Versuch unternommen, die gesellschaftliche Mitte zu bestimmen. Fake-News.

Frosa LfM Fake News 1[2] Fast 80% der Jugendlichen sind nicht mit Fake News in Berührung gekommen, weil in der Umfrage überhaupt nicht danach gefragt wurde, ob Jugendliche mit Fake-News in Berührung gekommen sind. Die Umfrage wurde von Forsa, dem Institut zur Forcierung gewünschter Ergebnisse durchgeführt, und deshalb muss man genau hinsehen. Wenn man genau hinsieht, dann liest man das Wörtchen „(vermutliche)“ vor Fake News. D.h. Forsa hat seine Befragten gefragt, ob sie „persönlich schon (vermutliche) Fake News bzw. Falschnachrichten im Internet bemerkt haben“. Was also erfragt wurde ist, ob die Befragten GLAUBEN, dass sie schon einmal eine Fake News gesehen haben. 13% der Jugendlichen, das sind 14 bis 24jährige für Forsa, weil das Institut zu wenige Befragte hat, um bei 18 Jahren einen Schnitt zu machen, sagen, dass sie häufig etwas, das sie für Falschnachrichten gehalten haben, gesehen haben (ob es sich dabei um Fake News gehandelt hat, ist eine ganz andere Frage), 35% sagen, sie haben ab und zu etwas gesehen, das sie für Falschnachrichten gehalten haben und 29% sagen, dass sie selten etwas gesehen haben, was sie für Falschnachrichten gehalten haben. Das macht in der Addition 77% der 15 bis 24jährigen. Daraus werden beim Fachkräfteportal für Kinder- und Jugendhilfe fast „80% der Jugendlichen“, die bereits mit Fake News in Berührung gekommen sein sollen. Ob derartige Phantasien unter dem Einfluss von Designerdrogen, Opiaten, Selbstüberschätzung oder Dummheit zu Stande kommen?

[3]
Fake News haben nichts mit alternativen Fakten zu tun. Alternative Fakten und Fake News sind auch immer noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Hier geht die Phantasie eines offensichtlich linken Schreibers mit ihm durch. Jedenfalls ist in keiner der Studien, auf die sich der Phantast bezieht, auch nur entfernt versucht worden, die Mitte der Gesellschaft zu operationalisieren.

[4]
Noch einmal zur Erinnerung: Forsa fragt danach ob man „persönlich schon (vermutliche) Fake News bzw. Falschnachrichten im Internet bemerkt“ hat.

Für die 59% der deutschen Onlinenutzer gilt deshalb, dass sie nicht mit Fake News in Berührung gekommen sind, sondern in 9% der Fälle angeben, häufig etwas, das sie für Fake News gehalten haben (unabhängig davon, ob es sich tatsächlich um Fake News gehandelt hat), bemerkt zu haben, 28% wollen ab und zu etwas, das hätte Fake News sein können, bemerkt haben und 22% selten. Deshalb ist die Aussage, dass 59% der deutschen Onlinenutzer mit Fake News in Berührung gekommen sind, schlicht falsch. Das sollte auch bei den Fachkräften für was auch immer ankommen.

[5]
Die 80 % aus der Unterüberschrift, die dort Jugendlichen zugeschrieben wurden, sind nun zu 77% in der Gruppe der 14 bis 24jährigen mutiert. Die Aussage ist dennoch falsch, denn die 77% der 14 bis 24jährigen, bei denen es sich nach aller Erfahrung um nicht mehr als 195 Befragte handeln dürfte, wurden nicht nach tatsächlichen Fake News befragt, sondern nach etwas, das ihnen wie Fake News vorgekommen ist. Wenn die Befragten ungefähr dasselbe Urteilsvermögen haben, wie die Fachkräfte des Fachportals, dann dürfte alles, was ihnen wie Fake News vorgekommen ist, keine Fake News gewesen sein.

[6]
Frosa LfM Fake News 2Die Behauptung haben wir anhand der Daten (Tabelle links) näher betrachtet. Auf den ersten Blick stimmen 86% der Befragten der Aussage zu „Es braucht neue Gesetze, damit Facebook und Co, Fake News schneller löschen müssen“. Auf den zweiten Blick sagen 35% der Befragten, dass sie die ganze Aufregung nicht verstehen, weil es Fake News schon immer gegeben habe, ebenso viele geben an, nicht an Fake News interessiert zu sein. Wenn sie nicht an Fake News interessiert sind, werden sie wohl kaum der Aussage zustimmen, dass es neue Gesetze braucht, um Facebook und Co zum schnelleren Löschen von Fake News zu zwingen, denn: Sie interessieren sich ja nicht für Fake News. Das lässt zwei Möglichkeiten: Die Daten von Forsa sind falsch oder die Befragten haben tatsächlich beidem zugestimmt, mehr Gesetzen gegen und keinem Interesse an Fake News. In beiden Fällen ist die Itembatterie Junk, im ersten Fall qua Datenfälschung im zweiten Fall qua Zustimmungs-Bias, denn offensichtlich haben eine Reihe von Befragten generell ihre Zustimmung erklärt und nicht darauf gehört, was ihnen am Telefon als Aussage präsentiert wurde.

Eine der wenigen Freiheiten, die in Deutschland noch zu bleiben scheinen, ist die Freiheit, in der Öffentlichkeit die eigene Unkenntnis zur Schau zu stellen. Die Verantwortlichen des Fachkräfteportals für Kinder und Jugendhilfe haben davon gerade ausgiebig Gebrauch gemacht.


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4 Responses to LfM-Fake-News Studie: Fachkräfteportal für Kinder- und Jugendhilfe verbreitet Falschnachrichten

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  2. heter says:

    Wenn man nicht gerade ein Eremitendasein führt ist man doch zu 99% schonmal mit FakeNews in Kontakt gekommen. Wenn man zusätlich zu seinem normalen sozialen Leben noch Tagesschau guckt oder auf Facebook Inhalte sieht,die einer seiner 1000 Freunde mit gefällt mir markiert hat, dann kommt man tagtäglich mit FakeNews in Kontakt. Die Umfrage, welche eher interessant wäre, zumindest für micht,hätte zum Inhalt ob es den Leuten auffällt. Wenn man den Strom an News und Clickbait, welcher den ganzen Tag auf einen einprasselt so betrachtet, müsste man sich zudem die Frage stellen, ganz unabhängig ob fake oder nicht, wie viel seiner Lebenszeit man mit “News” verschwendet. Auf das eigene Leben hat das wohl in der Regel gar keinen Einfluss. Zumindest mich interessiert es dann überhaupt nicht ob news wahr oder falsch sind, denn in jedem Fall sind sie völlig irrelevant. Und Hintergrund Artikel, welche wirklich ausgearbeitet sind, enthalten doch wirklich schwerwiegende Fehler wie ihr hier immer wieder zeigt. Auch wenn diese die Mehrheit der Bevölkerung möglicherweise gar nicht erreichen, finde ich es an dieser Stelle irgendwie schlimmer, als bei irgendwelchen Beiträgen auf Facebook, welche offensichtlich kompletter Unfug sind.

  3. Pingback: LfM-Fake-News Studie: Fachkräfteportal für Kinder- und Jugendhilfe verbreitet Falschnachrichten – MoshPit's Corner

  4. he says:

    Man kann dem Fachkräfteportal seine Meldung gar nicht so übel nehmen, denn es bezieht sich offenkundig auf eine Pressemeldung der LfM selbst (vom 19.06.) „Neue LfM-Studie zu Fake News: Mehr als die Hälfte der Onlinenutzer hat Erfahrung damit“. Von hier stammt auch das „in der Mitte der Gesellschaft angekommen“. („Neben der Hassrede im Netz, deren steigende Brisanz erst vor zwei Wochen durch eine Studie der LfM belegt wurde, ist auch das Thema der verfälschten Information, der sogenannten Fake News oder auch ‚alternativen Wahrheit‘ inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen … Damit liegen erstmals valide Daten zu Fake News und ihrer Wahrnehmung vor.“)

    Landesmedienanstalten sind eigentlich Experten für Medien und Medienforschung. Wenn sie etwas vermelden (oder überhaupt: Personen, Unternehmen, Organisationen, die als kompetent gelten), wird das eben von vielen Stellen schonungslos mit Punkt und Komma abgeschrieben, auch und gerade den diversen Medien, zumal wenn es ein bisschen aufregend-katastrophal klingt und dann noch gar die ominöse Mitte der Gesellschaft tangiert.

    Leider pflegen in der heutigen Zeit auch die Auftraggeber von Studien nicht mehr immer genau hinzusehen, was eigentlich erhoben wurde, wie Begriffe definiert werden und wie die Ergebnisse ggf. zu interpretieren sind, falls eine Interpretation ihnen plausibel oder hilfreich erscheint – bzw. auch die eigene Existenzberechtigung und um sich greifende neuzeitliche Sorgen der Gesamtgesellschaft untermauert. Nachweisbare gesellschaftliche Fehlentwicklungen von größerem Ausmaß erfordern eben auch immer viele Aktivitäten, um den Fehlentwicklungen entgegenzuwirken.

    Bei der modernen Konzentration auf Hassreden und Fake News gerät dabei allerdings leicht aus dem Blick, dass beides, in der Theorie natürlich etwas Schlimmes und Unakzeptables, in praxi gar nicht immer so leicht und eindeutig zu erkennen ist. Weswegen sich wohl auch 42 Prozent der Befragten zugegebenermaßen überfordert fühlen, Fake News zu identifizieren (der Rest kann’s?). Da ist dann auch die Ansicht der großen Mehrheit, es solle „einfacher für Nutzer sein, Fake News zu kennzeichnen“ ein bisschen für die Katz. Man kann schlecht etwas kennzeichnen, das man nicht (immer) erkennt.

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