Wissen ist Macht, Nichtwissen macht … abhängig, manipulierbar

Eine These, die man gewagt nennen kann, oder auch nicht, besagt, dass die Entwertung von Wissen durch den post-rationalen Konstruktivismus in den Gesellschaften, die sich für modern halten, die Demontage von Wissenschaft durch Infiltration mit allerlei Trash Fächern, der Versuch, Informationsmärkte, die nicht staatlich kontrolliert sind bzw. kontrollierbar sind, zu diskreditieren (durch den Vorwurf von Hate Speech oder Fake News oder was auch immer) dem Ziel dient, Unsicherheit zu verbreiten, weil Unsicherheit dazu führt, dass Menschen nach Bindung suchen, Bindung an andere, so dass – wie man weiter spekulieren kann – derjenige, der die eigene Meinung als Mehrheitsmeinung ausgeben kann, z.B. durch die Kontrolle von Staatsmedien, leichtes Spiel damit hat, seine Interessen in einer Gesellschaft durchzusetzen, denn die nach sicherer Bindung Suchenden, das ist bekannt, finden gerne Schutz und Sicherheit in der Mehrheit.

Szenenwechsel.

Aus einem Buch, das 1651 veröffentlicht wurde:

„Das Fehlen von Wissenschaft, das heißt Unkenntnis von Ursachen, macht dazu geneigt, ober besser, zwingt dazu, sich auf den Rat und die Autorität anderer zu verlassen. Denn jeder, für den die Wahrheit wichtig ist, muss sich, wenn er sich nicht auf seine eigene Meinung verlässt, auf eines anderen stützen, den er für klüger als sich selbst hält und bei dem kein Grund ersichtlich ist, weshalb dieser ihn täuschen sollte.

Unkenntnis der Bedeutung von Wörtern, das heißt fehlendes Verstehen, führt dazu, gutgläubig nicht nur die Wahrheit, die man nicht kennt, sondern auch die Irrtümer, und was noch schlimmer ist, allen Unsinn derer zu übernehmen, denen man vertraut. Denn weder Irrtum noch Unsinn können ohne ein vollkommenes Verstehen von Wörtern entdeckt werden.
Daher kommt es auch, dass die Menschen auf Grund ihrer verschiedenartigen Leidenschaften ein- und demselben Ding verschiedene Namen geben. So nennen z.B. diejenigen, welche eine Privatmeinung billigen, diese ‚Meinung‘, diejenigen aber, die sie nicht billigen, ‚Häresie‘. Und dabei bedeutet Häresie nichts anderes als ‚Privatmeinung‘, sondern hat nur einen stärkeren Beigeschmack von Zorn.

Daraus ergibt sich ferner, dass die Menschen ohne geistige Anstrengungen und klares Verstehen nicht zwischen einer Handlung vieler Menschen und vielen Handlungen einer Menge unterscheiden können, wie zum Beispiel zwischen der einen Handlung aller römischen Senatoren bei der Tötung Catilinas und den vielen Handlungen einer Anzahl von Senatoren bei der Tötung Caesars. Und deshalb sind sie auch leicht geneigt, das für eine Handlung des Volkes zu handel, was eine Vielzahl von Handlungen einer Vielzahl von Personen ist, die vielleicht durch die Überredung eines einzelnen dazu gebracht wurden.

Unkenntnis der Gründe und ursprünglichen Einsetzung von Recht, Billigkeit, Gesetz und Gerechtigkeit führt die Menschen dazu, Gewohnheit und Beispiele zur Richtschnur ihrer Handlungen zu machen. So halte sie z.B. das für ungerecht, was gewöhnlich bestraft wurde, und für gerecht, für dessen Straflosigkeit und Billigung sie ein Beispiel oder einen Präzedenzfall anführen können, wie dies die Richter barbarischerweise nennen, die ausschließlich dieses falsche Maß der Gerechtigkeit anwenden. Sie gleichen dabei kleinen Kindern, die keinen anderen Maßstab für gute und schlechte Sitten haben als die Zurechtweisungen ihrer Eltern und Lehrer – außer, dass Kinder ständig an diesem Maßstab festhalten, die Erwachsenen aber nicht. Denn alt und halsstarrig geworden, berufen sie sich von der Gewohnheit auf die Vernunft und von der Vernunft auf die Gewohnheit, wie es ihnen gerade passt, wobei sie von der Gewohnheit abweichen, wenn es ihre Interessen erfordern und sich der Vernunft widersetzen, so oft sie gegen sie spricht. Das ist der Grund, weshalb die Lehre von Recht und Unrecht mit Feder und Schwert ständig umstritten wird, während dies bei der Lehre von den Linien und Figuren nicht der Fall ist. Denn bei diesem Gegenstand kümmern sich die Leute nicht um die Wahrheit, da es sich um etwas handelt, das niemandens Ehrgeiz, Profit oder Lust beeinträchtigt. Wäre der Satz: Die drei Winkel eines Dreiecks sind gleich den zwei rechten Winkeln eines Quadrats dem Herrschaftsrecht irgendeines Menschen oder den Interessen deren, die Herrschaft innehaben, zuwidergelaufen, ich zweifle nicht daran, dass diese Lehre wenn nicht bestritten, so doch durch Verbrennung aller Lehrbücher der Geometrie unterdrückt worden wäre, soweit die Betroffenen dazu in der Lage gewesen wären.

[…]

Und diejenigen, welche die natürlichen Ursachen der Dinge wenig oder überhaupt nicht untersuchen, neigen doch dazu, verschiedene Arten von unsichtbaren Mächten anzunehmen und sich selbst zu erdichten. Dies geschieht aus der Furcht, die von der Unkenntnis dessen kommt, was die Macht besitzt, ihnen große Wohltaten zu erweisen oder großen Schaden zuzufügen. Auch fürchten sie ihre eigenen Einbildungen, rufen sie in Notzeiten an und danken ihnen, wenn sich ein erwarteter guter Erfolg einstellt. Dadurch machen sie die Geschöpfe ihrer eigenen Phantasie zu ihren Göttern. Daher kam es auch, dass die Menschen auf Grund der unzählbaren Vielfalt der Vorstellungen in der Welt unzählbare Arten von Göttern geschaffen haben. Und diese Furcht vor unsichtbaren Dingen ist der natürliche Keim dessen, was jedermann bei sich selbst Religion nennt, bei den anderen aber, die diese Macht auf andere Art verehren oder fürchten, Aberglauben.
Und da dieser Keim der Religion von vielen bemerkt wurde, kamen einige von ihnen auf den Gedanken, ihn zu nähren, zurechtzubiegen, in Gesetze zu verwandeln und schließlich irgendeine Meinung von den Ursachen zukünftiger Ereignisse hinzuzuerfinden, die ihnen, wie sie dachten, am meisten ermöglichte, andere zu regieren und deren Macht am gründlichsten für selbst auszunützen“.

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11 Responses to Wissen ist Macht, Nichtwissen macht … abhängig, manipulierbar

  1. jens prager says:

    Wie heißt das Bujch?

    • Michael Klein says:

      Hmmmm, es mag ein Zusammenhang zwischen dem zitierten Text und dem Buchcover im Text bestehen …:))

  2. corusalbusberlin says:

    Heißt es nicht irgenwo?: “Wer wenig weiß, muß viel glauben.”

    • Marbald says:

      “Wer nichts weiß, muss alles glauben” – Marie von Ebner-Eschenbach, Aphorismen. Aus: Schriften. Bd. 1, Berlin: Paetel. 1893. S. 21

  3. Frieder Lehmann says:

    Hab’ mich mit Montaigne nie beschäftigt – ist das von ihm ?

  4. vem says:

    Ja, stimmt alles. Die größte aller Wissenschaften liegt aber im Menschen selber. Die gilt es zu entfalten.

  5. Hajo says:

    Schön. Das zeigt mal wieder dass es gute Denker zu praktisch allen zeiten gab, und wie wertvoll es ist, sich in den alten Schriften auszukennen. So viele gute Gedanken sind schon gedacht und niedergeschrieben worden, und wären für jeden verfügbar, aber dennoch scheint die Unwissenheit oder Ignoranz sogar eher zuzunehmen.

    • Marbald says:

      Tatsächlich wird vermutet, dass der durchschnittliche IQ seit geraumer Zeit abnimmt, da diesbezüglich kaum noch Selektionsdruck besteht, bzw. in Deutschland ja sogar eine negative Selektion stattfindet – die unteren Schichten mit tendenziell niedrigerem IQ reproduzieren sich stärker als die Akademiker.
      Entsprechend gibt es Hypothesen, dass ein durchschnittlicher Bürger in der Antike deutlich intelligenter war als ein durchschnittlicher Bürger heute.

      Ganz so einfach ist es natürlich nicht, da der IQ keine rein genetisch bedingte Konstante ist, sondern ein dynamischer Wert, der sich im Laufe eines Lebens verändern kann, somit auch durch die Erziehung bzw. Freizeitbeschäftigung des Kindes beeinflussbar ist.
      Trotzdem spricht einiges dafür, dass sich die Reproduktion der nicht-intelligentesten langfristig auch auf das Gesamtniveau auswirkt.

      Auf ähnliche Weise sind Kaiserschnitte ein Grund dafür, dass mehr Kaiserschnitte notwendig werden. Während Frauen mit zu schmalem Becken früher bei der Geburt oft mit dem Kind gestorben sind, können sie heute gesunde Nachkommen zur Welt bringen.
      Dadurch gibt es aber immer mehr Frauen mit schmalem Becken, die nur noch per Kaiserschnitt gebären können. (Das ist eine Beschreibung des Mechanismus und soll nicht als Kritik gelten).

      • Hajo says:

        Raben sind relativ intelligente Vögel. Vor allem sind sie Diebe und Schwindler … und in einer Gesellschaft von Dieben und Tricksern ist Intelligenz ein starker Vorteil. Es ist also zu erwarten, dass Raben eher schlauer werden als dümmer.

        Ich vermute, ähnliches galt für das Leben in der Antike. Da war noch nicht so viel geregelt und sozalstaat gab es (fast) nicht, d.h. wer zu blöd war auf sich aufzupassen und für sich zu sorgen, der wurde eben aussortiert. Galt für noch frühere Geselllschaften vermutlich eher noch stärker.

        Interessant, das mit dem Kaiserschnitt. Passt aber zu dem was in vielen Sci-Fi Romanen beschrieben ist, dass die Menschheit in Zukunft die Fähigkleit zur nätürlichen reproduktion anhanden kommt und durch Technik ersetzt wird. Ich zähle den Kaiserwschnitt jetzt schon mal zur Technik, auch wenn nur der letzte Schritt der Geburt “technisch” erfolgt, und die Entwicklung des Fötus natürlich.

      • dralexisco says:

        @Marbald
        Der von Ihnen am Beispiel des über Generationen praktizierten Kaiserschnittes korrekt beschriebene Mechanismus gilt aber nicht nur dort, sondern für weite Bereiche der Medizin und mündet in ein ethisches Dilemma: dem einzelnen Patienten wird geholfen (und das etwa nicht zu tun ist mit unserem humanistischen Menschenbild und den entsprechenden Moralvorstellungen nicht kompatibel), doch pfuscht man damit der natürlichen Evolution ins Handwerk, indem die oft als grausam empfundenen Selektionsprozesse ausgehebelt und unterlaufen werden. Das muß auf lange Sicht problematische, ungünstige Effekte auf den Genpool haben, die jedoch unvermeidlich scheinen – jedenfalls haben wir derzeit keine ethisch vertretbaren Strategien zu deren Vermeidung, es sieht so aus, daß die Anwendung von Medizin dazu führt, daß die Menschheit von Medizin immer abhängiger wird. Bei diesem Thema ist man aber gedanklich schnell in der Nähe der Fragestellungen der Eugenik, die zwar keine deutsche Spezialität ist, doch historisch bei uns schwer vermintes Gelände darstellt.

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