Minimal-Demokratie: „Eliten“ als Sachwalter der Demokratie?

Teil 3 der Serie „Populismus, Elitismus und das Ringen um Demokratie“

Im ersten Teil der Serie wurde gezeigt, dass der „Populismus“-Begriff sowohl gemäß seiner etymologischen Herkunft als auch gemäß seiner historischen Verwendung auf die Bevölkerung bzw. die Bürger als letztlichen Souverän in der politischen Verfasstheit einer Gesellschaft verweist bzw. auf die Forderung nach mehr Demokratie. Er bezeichnet insofern nichts anderes als die ideelle Grundlage der Demokratie, nämlich die Herrschaft der Bevölkerung oder Bürger bzw. „popular sovereignty“, wie Sartori (1978: 59 ) schreibt. (Sartori gesellt der Herrschaft der Bürger Gleichheit und Autonomie als ideelle Grundlagen der Demokratie hinzu; s. Sartori 1978: 59.)

Im zweiten Teil wurde betrachtet, wie manche Autoren „Populismus“ als eine Gefahr für Demokratie konstruieren, und diese Konstruktionen wurden als unplausibel und empirisch unbegründet identifiziert. Dabei ist erkennbar geworden sein, dass der Konstruktion von „Populismus“ als einer Gefahr für die Demokratie ein Misstrauen gegenüber oder gar eine Verachtung der Bürger zugrundeliegt bzw. – umgekehrt formuliert – ein Elitismus, dem gemäß eine Elite als Sachwalter der Demokratie fungieren soll oder gar muss.

Der Elitismus, der der Rede von Populismus als einer Gefahr für Demokratie zugrundeliegt, beschäftigt uns in diesem dritten Teil der Serie (und wird uns weiter in Teil 4 der Serie beschäftigen).

Betrachten wir zunächst den Begriff „Elite“ als solchen.

„Elite“ in der statistischen Normalverteilung: Quantitativ und qualitativ problematisch

Das allgemeine (Vor-/)Verständnis von „Elite“ dürfte etwa das folgende sein: „Elite“ bezeichnet eine Gruppe von Menschen, von denen angenommen wird, dass sie anderen Menschen (überhaupt oder in bestimmten Hinsichten) überlegen sind. Worin genau eine Elite anderen Menschen überlegen sein soll, ist variabel; es kann sich im Prinzip um jedes erdenkliche Merkmal handeln, so z.B. um Bildung, um Fleiß, um biologische Abstammung, um Reichtum, um Schönheit.

Formal entspricht eine Elite dann dem rechten Rand einer Normalverteilung; sie umfasst die Besten im Hinblick auf ein bestimmtes Merkmal oder auf einem bestimmten Gebiet.

Mit dem Verweis auf die Normalverteilung ist ein erstes grundlegendes Problem angesprochen, nämlich das der Bestimmung der Spannweite bzw. Breite des rechten Randes in einer Normalverteilung, in die Personen fallen sollen, die als „Elite“ definiert werden sollen. Theoretisch kann der rechte Rand einer Normalverteilung rechts vom Mittelpunkt der Verteilung beginnen; eine Position knapp rechts vom Mittelpunkt einer Verteilung dürfte aber nicht das sein, was wir mit dem Begriff „Elite“ verbinden. Man kann aber auch „Elite“ im strengen Sinn verstehen, was bedeutet, dass „Elite“ immer nur ein einzelner sein kann, nämlich der Beste im Hinblick auf eine Sache; es gibt nur einen Eliud Kipchoge, der derzeit (genau: seit dem 25. September 2022) den Weltrekord im Marathon der Männer (mit zwei Stunden, einer Minute und neun Sekunden) hält. Er ist diesbezüglich zweifellos „Elite“, nämlich der Beste; alle anderen sind weniger gut, also nicht „die Besten“, sondern die Zweit-, Dritt-, Viert- etc. -besten. Sie sind „Elite“ relativ zu denjenigen, die länger brauchen, um einen Marathon-Lauf zu Ende zu bringen, aber keine „Elite“ relativ zu Eliud Kipchoge.

Tatsächlich ist deshalb schon der Ausdruck „die Besten“ – im Plural – unlogisch; es wäre zwar vorstellbar, dass vier Leute außer Kipchoge den Marathon in genau zwei Stunden, einer Minute und neun Sekunden absolviert haben – dann wäre es sinnvoll von den fünf Besten, die zusammen die Elite bilden, zu sprechen –, aber man könnte argumentieren, dass die fünf nicht tatsächlich genau dieselbe Zeit gebraucht haben, dass das Messen in Sekunden nicht hinreichend genau ist und eben doch einer der Schnellste, eben der Beste in dieser Hinsicht, ist.

Immerhin kann man im obigen Beispiel mit dem Begriff „Elite“ etwas einigermaßen klar Messbares verbinden. Wie verhält es sich aber z.B. mit der Rede von der finanziellen Elite?

Kann man finanziellen Reichtum direkt messen?
Nein. Auch „Reichtum“ ist ein Konstrukt, das eine Operationalisierung erfordert, um es in der Realität beobachtbar zu machen. Gehört z.B. jemand, dessen Jahreseinkommen ein Achtel über dem durchschnittlichen Jahreseinkommen in der Bevölkerung liegt, zur finanziellen Elite des Landes? Oder muss jemand Milliardär sein, um zur finanziellen Elite gezählt werden zu können? Oder gehört zur finanziellen Elite, wer mindestens eine Yacht in einem Hafen im Mittelmeer liegen hat, die er sein Eigentum nennen kann? Oder gehört zur finanziellen Elite, wer den größtmöglichen Schuldenberg angehäuft hat, weil er ja, um dies tun zu können, als zuverlässig zahlungsfähig gelten muss?

Aber das Problem ist nicht nur, dass man bestimmen muss, ab welchem Punkt genau in der Normalverteilung eine Person der Elite zugeschlagen werden soll. Das Problem ist nicht nur ein quantitatives, sondern auch ein qualitatives: Genügt ein Abitur, um zur Bildungselite zu gehören? Oder muss eine Person an einer Universität habilitiert sein, um zur Bildungselite zu gehören? Oder gehört zur Bildungselite, wer in einem Ratespiel alle Fragen, die ihm zu seinem Spezialgebiet gestellt werden, korrekt beantworten kann? Oder ist es jemand, der in einem Ratespiel allen Frage zu allen möglichen Gebieten korrekt beantworten kann?

„Elite“ gibt es also nicht einfach, ist nicht direkt feststell- oder benennbar, sondern muss aus einer vorher festzulegenden Menge von Menschen ausgewählt werden. Aber diesem Auswahlprozess geht schon ein anderer Auswahlprozess voraus, denn es muss ein Kriterium ausgewählt werden, nach dem jemand prinzipiell Anwärterstatus auf Eliten-Mitgliedschaft haben kann.

Das lateinische Wort „eligere“, von dem sowohl das Wort „Elite“ als auch das englische Wort „election“ für „Wahl“ abgeleitet ist, bedeutet „auswählen“, womit schon das Wort „Elite“ selbst nicht auf Gegebenes, sondern auf durch einen Auswahlprozess zu Schaffendes, verweist; „Elite“ bedeutet etymologisch betrachtet nicht so etwas wie „überlegene Personen“ oder “die Besten”, sondern „(von anderen Personen) ausgewählte Personen“. (Wenn im Folgenden “Elite” ohne Anführungszeichen steht, erfolgt das der Einfachheit halber; dass es sich um ein Konstrukt ohne reale Existenz handelt, sollte klar sein.)

Wenn die Mehrheit der Menschen ein Kriterium nicht anerkennt oder seine Tauglichkeit zunehmend in Zweifel zieht, oder wenn sie nicht erkennen kann, dass jemand, der zur Elite zählen will oder soll, diesem Kriterium genügt, ist die Existenz einer Elite nicht mehr als die Eigenzuschreibung einer ihre Dünkel pflegenden Clique. Soziologisch betrachtet kommt daher ein (impliziter) Mehrheitsentscheid immer vor der „Elite“. Eine Elite existiert nur so lange, wie die Mehrheit der Menschen sie als solche anerkennt bzw. sich nicht an ihr stört, die Elite also nicht (zu) übergriffig wird.

Was bedeutet das für die Frage nach politischen Eliten bzw. Eliten als Sachwalter der Demokratie? Es bedeutet u.a., aber vor allem, dass wir erstens über klare – und geteilte, möglichst von allen anerkannte! – Kriterien verfügen müssten, die angeben, welche Merkmale genau jemanden zum Sachwalter der Demokratie qualifizieren, und zweitens über effiziente Auswahlprozesse verfügen müssten, um Personen mit diesen Eigenschaften auszuwählen und in Regierungsverantwortung zu bringen.

Beides ist – zumindest derzeit – nicht der Fall (was nicht bedeutet, dass eine solche Situation prinzipiell nicht herstellbar wäre).

Wählen Sie die Elite der Denkbehinderten, die Inkompetenzia

Gemäß des oben Argumentierten könnte man auch fragen, ob nicht bereits das Ziel, die Besten – im Plural – als Sachwalter der Demokratie einzusetzen, ein logisches Unding ist, oder warum man nicht den Besten – im Singular – als Herrscher einsetzen sollte. Wenn der Beste der Beste ist, dann würden seine Entscheidungen logisch betrachtet durch den Zweit-, Dritt-, Viert- etc. -Besten ohnehin nur verschlechtert werden können. Auch praktische Gründe würden dafür sprechen, es bei dem Beste sein Bewendung haben zu lassen, u.a. deshalb, weil das für den Steuerzahler die deutlich günstigere Alternative wäre gegenüber der Aushaltung eines breiteren rechten Randes von Leuten, die alle irgendwie noch zur Elite zählen sollen/wollen. Warum also nicht den Besten oder genauer: den von der Mehrheit der Bevölkerung für den Besten Gehaltenen in der Gesellschaft zum (Allein-/)Herrscher erklären, also sozusagen den Sommerkönig wählen?!

Weil damit Demokratie als solche ad absurdum geführt wäre. Wenn eine Bevölkerung abgesehen von der Wahl des Herrschers keinerlei Mitsprache hätte und sie keine Mittel hätte, den Herrscher (bis zur nächsten Wahl, die der Herrscher im übrigen aussetzen könnte,) zur Responsivität zu zwingen, kännte man schwerlich davon sprechen, dass die Bevölkerung der Souveränsei, denn es gäbe – außer, wenn es dem Herrscher gefallen sollte, seine Untertanen über irgendetwas zu befragen, – keinerlei Einfluss der Bürger auf die Formulierung und die Art der Durchsetzung des politischen Willens.

Aus den genannten Gründen ist die Diskussion über Eliten als Sachwalter der Demokratie für mich persönlich an diesem Punkt beendet: Erstens haben wir derzeit keine klaren Kriterien, die angeben, welche Voraussetzungen genau jemand erfüllen muss, um sich prinzipiell zum Sachwalter der Demokratie zu qualifizieren, zweitens verfügen wir derzeit über keine effizienten Auswahlprozesse, um Personen mit diesen Eigenschaften auszuwählen und in Regierungsverantwortung zu bringen. Drittens ist Demokratie von der Existenz oder Nicht-Existenz einer Elite – definiert als Personengruppe mit besonderen Fähigkeiten oder zumindest einer besonderen Fähigkeit – unabhängig insofern Demokratie ohne systematischen, institutionell garantierten bzw. einklagbaren Einfluss der Bürger (sei es durch Petitionen, durch Demonstationen, Bürgerräte, direkte Wahl von Abgeordneten statt Parteilisten u.ä.m. bis hin zu Volksabstimmungen in wichtigen Fragen, die alle Bürger betreffen,) und ohne Responsivität derjenigen in politischer Verantwortung gegenüber ihrem Souverän, nämlich der Bevölkerung, keine Demokratie ist. Bzw. trägt sie die Bezeichnung, „Demokratie“ dann zu Unrecht:

“The plain fact is that the ‘ideals’ of democracy – popular sovereignty, equality and self-government – have remained very much what they were in the fourth century BC. And if the ideals of democracy are still, in the main, its Greek ideals, this means that they refer to a direct, not a representative democracy” (Bachrach 1967: 59-60),

d.h.

Die einfach Tatsache ist die, dass die ‘Ideale’ der Demokratie – Souveränität der Bevölkerung, Gleichheit und Selbstverwaltung – im Wesentlichen das geblieben sind, was sie im vierten Jahrhundert vor Christus waren. Und wenn die Ideale der Demokratie im Wesentlichen immer noch ihre [alt-]griechischen Ideale sind, bedeutet dies, dass sie sich auf eine direkte und nicht auf eine repräsentative Demokratie beziehen” (Bachrach 1967: 59-60).

Dennoch erfreut sich die Vorstellung, dass eine Demokratie eine Elitendemokratie sein könne, sein solle oder sogar sein müsse, dass man Demokratie jedenfalls nicht uneingeschränkt dem vermeintlichen Souverän in der Demokratie, nämlich den Bürgern, überlassen könne, nach wie vor – oder vielleicht treffender: wieder – einiger Beliebtheit.

Bedauerlicherweise haben deutschsprachige Autoren – weit über die Grenzen Deutschlands hinaus – dabei eine sehr unglückliche Rolle gespielt, allen voran Jürgen Habermas und Joseph Schumpeter.

Habermas‘ „deliberative Demokratie“: Die schwätzende Klasse als Machtelite

Jürgen Habermas hat der Vorstellung von Demokratie, die die meisten Bürger nach wie vor haben dürften, nämlich der Vorstellung von Demokratie nach klassischem Vorbild, bei der die Bürger durch Gremien und vor allem durch ihre Wahlstimme ihren Interessen, Bedürfnissen und Wünschen Ausdruck verleihen – in der Literatur auch „Aggregatdemokratie“ genannt – eine Absage erteilt und an ihre Stelle die Vorstellung von Demokratie als „deliberativer Demokratie“ gesetzt. In der Zusammenfassung durch Albrecht (2010: 36-37; 38) wird dies so beschrieben:

„Die Theorie der deliberativen Demokratie ist … als Gegenmodell zum liberalen und republikanischen Modell der Demokratie zu sehen. Dem liberalen Verständnis stellt sich die Gesellschaft als eine Aggregation von individuellen Akteuren dar, die ihre Interessen verfolgen, … Der Staat tritt der Gesellschaft in dieser Perspektive entgegen als etwas Äußeres, er muss sich für alle Eingriffe in die Gesellschaft rechtfertigen und kann dies nur insoweit[…] als er dafür die Zustimmung der Bürger erhält.

Im republikanischen Modell ist die Konstitution des Politischen dagegen eine unmittelbare Leistung der Gesellschaft, der Staat ist nur Ausdruck des allgemeinen Willens [gemeint dürfte sein: des Mehrheitswillens] des Volkes und geht in diesem auf. Auch in diesem Modell ist der Staat insofern eng an die gesellschaftliche Sphäre gekoppelt[…] als er nur legitime Macht beanspruchen kann, wenn er sich als Ausdruck des allgemeinen Willens [s.o.] offenbart [?!] und diesem in seinen Entscheidungen zur Durchsetzung verhilft … […]

Quelle: Bundesarchiv Eine Form der deliberativen Demokratie: Call and Response

[D]ie deliberative Theorie [stellt] den Staat als politisches System vor, das in seinem Kern einer eigenen Logik folgt und relativ autonom von der Gesellschaft ist, was sich etwa im Modus der Entscheidung zeigt, die im politischen System getroffen wird, aber weit darüber hinaus Geltung erlangt. Zugleich ist der Staat, sind politische Entscheidungen aber inhaltlich bzw. programmatisch insofern an die Gesellschaft rückgebunden[…] als sie nur die Institutionalisierung von Formen der politischen Meinungs- und Willensbildung darstellen, die grundlegend in der Gesellschaft verankert sind [wie z.B. Gewerkschaften, Parteien u.ä.] … Die Rolle des Staates ist die Umwandlung der kommunikativ erzeugten Macht der Öffentlichkeit in administrative Macht“.

Albrecht zieht es auf diese Darstellung hin vor, „… an dieser Stelle …“ „[d]ie Implikationen des deliberativen Modells im Einzelnen … nicht weiter [zu] verfolg[en] …“ (Albrecht 2010: 39). Das ist aber auch nicht notwendig, denn es dürfte nicht schwierig sein, zu erkennen, was diese „Implikationen“ sind: Es sind die Meinungen und Willen des institutionell organisierten, „verankerten“, Teils der Gesellschaft, die „kommunikativ“ „Macht“ erzeugen, denen der Staat Ausdruck verleihen soll. D.h. das organisierte „establishment“ bzw. solche Gruppen, die seine Unterstützung erhalten, hat/haben eine Chance, seine/ihre Interessen – vermeintlich legitimiert durch Kommunikationshoheit (und erreicht durch systematische Setzung von Themen als relevant, den Einsatz von Persuasionstechniken, die Setzung von Sprachregeln und neuerdings offene Zensur) – durch die staatliche Verwaltung durchgesetzt zu sehen, während die Mehrheit der nicht-organisierten Bevölkerung in der „deliberativen Demokratie“ im eigentlichen Sinn keine (hörbare) Stimme hat. Oder anders ausgedrückt: es ist die schwätzende Klasse, die Zeit und Muße hat, sich in Schwätzrunden zusammenzutun, die sich sozuagen den Staat bzw. die staatliche Verwaltung zu ihren Zwecken aneignen kann.

Die – nicht klar als solche benannte – Elite in Habermas‘ deliberativem Modell ist eine „Elite“ im Schwätzen und insofern eine Macht-Elite als sie ihren Organisationsgrad, ihre institutionelle Verankerung in der Gesellschaft und ihre Möglichkeiten, Kommunikationshoheit zu erlangen – sei es von Universitäten, von Gewerkschaften oder von Zeitungen und Fernsehen aus – , dazu benutzt, um ihre Interessen und Anliegen durch staatliche Verwaltung vertreten und durchgesetzt zu sehen. „Deliberative Demokratie“ kann daher als Variante von Prozessen angesehen werden, durch die der Staat zur Beute partikularer Interessen wird (vgl. Arnim 1993). (Und Gramsci hätte diesbezüglich unter Verweis auf kulturelle Hegemonie sicherlich einiges zu kritisieren; offensichtlich war Habermas trotz (oder wegen?) politischer Linksorientierung kein Freund von Gramsci.)

Beim besten Willen kann von deliberativer Demokratie daher nicht behauptet werden, dass in ihr „das Volk“, die Gesamtheit der Bürger der Souverän sei. Und wenn „Demokratie“ bedeutet, dass die Bürger der Souverän sind, dann ist die Bezeichnung „deliberative Demokratie“ eine Täuschung, denn dann stellt die „deliberative Demokratie“ keine Demokratie dar.

Die Menschenverachtung, die dem Entwurf der „deliberativen Demokratie“ durch Habermas zugrunde liegt, wird in vielerlei Hinsicht deutlich, und oft genug lässt sie sich im von Habermas Geschriebenen direkt beobachten, z.B. wenn Habermas meint, dass trotz der kommunikativen Hoheit, die Massenmedien beanspruchen und systematisch ausbauen, trotz der sozialen Kontrolle, der sie Sprache und Rede zu unterwerfen versuchen,

„… in die Kommunikationsstrukturen selber das Gegengewicht eines emanzipatorischen Potentials eingebaut ist … [denn] auch die [durch die Massenmedien] abstrahierten und gebündelten Kommunikationen können nicht zuverlässig gegen die Widerspruchsmöglichkeiten zurechnungsfähiger Aktoren abgeschirmt werden“ (Habermas 1981: 573).

Dabei sind „zurechnungsfähige“ Akteure nicht als handelnde Menschen aufzufassen, sondern als „meinungsbildende Assoziationen“ (Habermas 1992: 366).

Auch die Qualität der durch „meinungsbildende Assoziationen“ und Massenmedien inszenierten öffentlichen Diskussion bereitet Habermas keine Sorgen, obwohl ein inszenierter öffentlicher Diskurs lediglich eine „kontrahierte Öffentlichkeit ohne diskursives Potenzial zurück[läßt]“ (Klingen 2008: 160; Hervorhebung i.O.)

Festgehalten werden kann also, dass der Entwurf einer „deliberativen Demokratie“ der Verachtung des individuellen Menschen geschuldet ist, dem Wert und Bedeutung (an sich?, aber jedenfalls) für die Gesellschaft schlichtweg abgesprochen wird. Gesellschaft besteht für Habermas nämlich nicht aus Menschen, sondern aus „… systematisch stabilisierte[n] Handlungszusammenhänge[n] sozial integrierter Gruppen …“  (Habermas 1981: 228; Hervorhebung im Original).

Der Entwurf einer „deliberativen Demokratie“ ist ein durch und durch kollektivistischer bzw. anti-individualistischer Entwurf, in dem die Interessen und Anliegen bestenfalls dann einen Platz haben, wenn sie in „meinungsbildenden Assoziationen“ aufgehen und eben deshalb eine qualitative Veränderung erfahren.

Schumpeters minimal-demokratisches Regime: urteilsunfähige Bürger wählen zwischen urteilsfähigen konkurrierenden Eliten?!

Als der deutschsprachige Theoretiker der Elitendemokratie gilt der m.E. als Ökonom (!) schätzenswerte Joseph Schumpeter. Er hat in seinem Versuch über „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ aus dem Jahr 1942 für ein „minimal-demokratisches Regime“ bzw. eine „electoral democracy“ (Beichelt 2001: 34), argumentiert, bei der dem/der „[d]ie Demokratie … die Herrschaft des Politikers …“ (Schumpeter 2020[1942]: 376) ist und sein muss, weil nach Schumpeters Auffassung Bürger unmündig sind bzw. zu ungebildet, irrational, beeinflussbar und eigeninteressiert sind, (Schumpeter 2020[1942]: 344-345), um – im Anschluss an die klassische Demokratietheorie – Demokratie als eine Form der Lebensführung praktizieren zu können.

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Schumpeter hat ein negatives Menschenbild insofern er der Masse der Bürger nicht das Potential zum aktiven, informierten Entscheiden und Handeln zugesteht, den gesamten Entwurf des mündigen Bürgers verwirft, und er dementsprechend meint, es gebe keinen „Volks- [Mehrheits-?]willen“, der das Ergebnis informierter Entscheidungen von Bürgern sei, sondern nur einen von „von außen“ durch Beeinflussung oder Überredung oder Appell an eigennützige Instinkte geschaffenen (s. hierzu Held 1987: 180).

Schumpeters Demokratie ist eine minimale Demokratie insofern als sie sich im Wahlgang der Bürger erschöpft, die unter konkurrierenden Eliten (zu übersetzen mit: Parteien?) das politische Führungspersonal auswählen, das dann – bis zur nächsten Wahl – von Bürgereinmischung unbehelligt regiert; andere Formen der Bürgerbeteiligung sind bei Schumpeter nicht vorgesehen.

Davon abgesehen, dass ein solcher Entwurf voraussetzt, dass es Konkurrenz zwischen politischen Eliten gibt – und Schumpeter selbst war sich bewusst, dass sich Parteiensysteme schnell in Oligarchien entwickeln können, was seinen Entwurf um so merkwürdiger macht, – ist der Entwurf in sich widersprüchlich: Wenn es der Masse der Bürger an Bildung, Rationalität und allgemein: Urteilsvermögen in politischen Fragen mangelt, wie kann man dann von ihr erwarten, dass eine Mehrheit der Bürger die besten Bewerber unter den – hoffentlich – konkurrierenden Eliten identifizieren und ihnen die Wahlstimme geben kann?! (Vgl. hierzu Miller 1983; Santoro 1993)

Miller gibt probeweise die folgende Antwort bzw. rekonstruiert Schumpeters implizit bleibende Antwort wie folgt:

„Schumpeter’s solution, reduced to its essentials, is that a lesser degree of rationality is required to choose a team of leaders than is required to decide directly on policy” (Miller 1983: 141),

d.h.

„Schumpeters Lösung, auf das Wesentliche reduziert, besteht darin, dass für die Auswahl eines Teams von Führungskräften ein geringeres Maß an Rationalität erforderlich ist als für die direkte Entscheidung über Politik(-/en)“.

Miller findet diese Lösung allerdings selbst nicht überzeugend, denn wenn man die Masse der Bürger für nicht oder wenig urteilskräftig in Fragen der Politiken hält, dann stellt sich die Frage auch in Bezug auf die Summe der Politiken, die verschiedene poilitische Parteien vertreten oder versprechen:

„How can the people at large make an adequate assessment of the competing parties at election time?” (Miller 1983: 141),

d.h.

“Wie können die Bürger die konkurrierenden Parteien angemessen beurteilen, wenn der Zeitpunkt der Wahl da ist?

Das ist eine rhetorische Frage, denn die Antwort ist offensichtlich: Wenn Schumpeter mit seinem negativen Menschenbild Recht hätte, könnten Bürger die konkurrierenden Parteien überhaupt nicht angemessen beurteilen, denn die Politiken oder Leistungen einzelner Parteien als Ganze zu beurteilen und das Ergebnis der jeweiligen Beurteilung gegen die Ergebnisse aller anderen Beurteilungen der Politiken oder Leistungen der anderen Parteien abzuwägen, ist ein kognitiv anspruchsvollerer Prozess als „bloß“ die Beurteilung einzelner Politiken, zu der Schumpeter die Bürger ja unfähig erklärt.

Weder Habermas noch Schumpeter geben an, was Eliten zu Eliten macht, d.h. wodurch genau sich Eliten positiv gegenüber der Masse der Bürger auszeichnen sollen. Oder anders gesagt: sie können oder wollen beide keine positive Definition von „Elite“ geben. Und damit sind sie nicht allein; fast die gesamte demokratietheoretische Literatur, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erschienen ist, drückt sich systematisch um die Frage, was eine politische Elite zu derselben machen soll oder wodurch sie sich auszeichnen soll, herum, unabhängig davon, welche Rolle sie einer Elite jeweils zuweist. Was wir in dieser Literatur statt dessen finden, ist die Behauptung bestimmter negativer Eigenschaften oder Mängel auf Seiten der Nicht-Elite(n).

Im bald folgenden Teil 4 der Serie wird die Frage behandelt, warum das so ist, und was es vor diesem Hintergrund bedeutet, wenn „Populismus“ standardmäßig hauptsächlich (oder zumnindest: auch) dadurch definiert wird, dass er anti-elitistisch sei.


Literatur

Albrecht, Steffen, 2010: Reflexionsspiele: Deliberative Demokratie und die Wirklichkeit politischer Diskurse im Internet. Bielefeld: Transcript.

Arnim, Hans Herbert von, 1993: Der Staat als Beute: Wie Politiker in eigener Sache Gesetze machen. München: Knaur.

Bachrach, Peter, 1967: The Theory of Democratic Eltitism: A Critique. Boston: Little, Brown & Co.

Beichelt, Timm, 2001: Demokratische Konsolidierung im postsozialistischen Europa: Die Rolle der politischen Institutionen. Wiesbaden: Springer.

Habermas, Jürgen, 1992: Faktizität und Geltung: Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats. Frankfurt: Suhrkamp.

Habermas, Jürgen, 1981: Theorie des kommunikativen Handelns. Band 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Held, David, 1987: Models of Democracy. Stanford: Stanford University Press.

Klingen, Henning, 2008: “Gefährdete Öffentlichkeit”: zu einer Leerstelle politisch-theologischer Gesellschaftskritik, S. 156-181 in: Manemann, Jürgen, & Wacker, Bernd (Hrsg.): Politische Theologie – gegengelesen. (Jahrbuch Politische Theologie, Band 5.) Münster: LIT.

Miller, David, 1983: The Competitive Model of Democracy, pp. 133-155 in: Duncan, Graeme Campbell, (Hrsg.): Democratic Theory and Practice. Cambridge: Cambridge University Press.

Santoro, Emilio, 1993: Democratic Theory and Individual Autonomy: An Interpretation of Schumpeter’s Doctrine of Democracy. European Journal of Political Research 23(2): 121-143.

Sartori, Giovanni, 1978: Anti-Elitism Revisited. Government and Opposition 13(1): 58-80.

Schumpeter, Joseph A., 2020[1942]: Kapitalismus, Sozialismus, Demokratie. (utb 172). Tübingen: Narr Francke Attempto.


Die bisherigen Teile der Serie zu Populismu sund Elitismus:



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