LINKE Männerpolitik!?

Auch im fortgeschrittenen Alter ist es noch möglich, Überraschungen zu erleben. So hat sich erhebliche Überraschung bei mir eingestellt, als ich eine Kleine Anfrage der LINKE(n) vom 8. November 2011 gelesen habe. Darin versucht sich die LINKE in Männerpolitik, nicht wirklich Männerpolitik, aber erste wacklige Gehversuche auf dem Weg zum Verstehen der Nachteile von Jungen und Männern sind ersichtlich. Zwar hat mich die Tatsache, dass die LINKE die Definition von Männlichkeit bei der Bundesregierung nachfragen muss, etwas entmutigt, aber der Gedanke, dass nun ein armer Sachbearbeiter auf dem Bleistift kaut, um sich zu überlegen, was männlich gleich noch einmal war und wie man es definiert, verursacht mir doch eine gewisse Befriedigung.

Wer den Antrag den Dr. Gregor Gysi und die Fraktion unterzeichnet haben (klingt irgenwie nach Cool and the Gang), liest, merkt wie holprig die LINKE auf dem Gebiet der Männerpolitik unterwegs ist. Dass sich die Männerrolle gewandelt habe, neue Beziehungsformen entstanden seien und Frauen von Männern Gleichberechtigung fordern würden, liest man im ersten Absatz und fragt sich, ob Gregor Gysi wirklich der Ansicht ist, homosexuelle Beziehungen seien eine Erfindung der Moderne, die Forderung nach Gleichberechtigung erst nach 1960 oder 1970 aus dem heiteren Himmel auf uns nieder gekommen, und die Ernährerrolle für Männer eine so fixe Rollenvorstellung, dass schon im Neanderthal Männer als Alleinernährer durch die Wälder gestreift sind, während Frauen zu Höhle auf Feuer und Nachwuchs aufgepasst haben. Zur Lektüre sei Dr. Gysi zum einen George Bernhard Shaw empfohlen, der die Homosexualität bereits vor der Moderne entdeckt hat (oder die alten Griechen, die in dieser Hinsicht auch nicht hinterm Mond gelebt haben), es sei die Lektüre von Max Horkheimers (1987 [1936]) “Theoretische Entwürfe über Autorität und Familie” empfohlen und im Hinblick auf die Frage, wer die Beeren pflückt und wer den Waldducker jagd, ist ein Artikel von Barry S. Hewlett (1997) zum Thema “Die Reziprozität der Ehepartner und die Vater-Kind-Beziehung bei den Aka-Pygmäen” besonders aufschlussreich.

“Jungen haben im Vergleich zu Mädchen niedrigere Bildungsabschlüsse und vor allem eine Leseschwäche so die gängige Wahrnehmung.” Mit dieser Aussage beginnt der zweite Absatz, und diese Aussage ist falsch, denn es ist keine gängige Wahrnehmung, dass Jungen im Bildungssystem deutliche Nachteile gegenüber Mädchen haben, nein, das ist so. Es ist eine empirische belegte Tatsache. Um dies zu sehen, muss man auch nicht bei der OECD nachlesen, wie Dr. Gysis Anfragenschreiber das getan hat, es reicht, beim Statistischen Bundesamt nachzufragen oder auf diesem Blog zu lesen. Auch dass die LINKE  Rieskes Unsinn aus der unsäglichen GEW-Studie nacherzählt, hat mich persönlich geärgert. Dass sich diese Studie zu allem eignet, vom Papierflieger basteln bis zum Stabilisieren eines wackeligen Tisches, aber eben nicht dazu, Aufschluss über die Bildungsnachteile von Jungen zu geben, habe ich in diesem Blog ausführlich argumentiert, es war Gegenstand einer sehr eindeutigen Stellungnahme von Dr. habil. Heike Diefenbach und hat Anlass zu einem offenen Brief einer Reihe angesehener Wissenschaftler gegeben, in dem die GEW aufgefordert wurde, das “Rieske-Werk” aus dem Verkehr zu ziehen.

An der LINKE ist das alles spurlos vorbeigegangen. Doch das sind die Kosten, die man immer wieder hat, wenn man sich mit einem Thema beschäftigt, das einem weitgehend fremd  ist und wenn die Informationen von Referenten sammeln lässt, die sich auch nicht besser auskennen. Beim nächsten Antrag wird alles besser und informierter.

Aber ich will nicht zu kritisch mit dem Antrag sein, denn ein weiteres Thema, das auf diesem Blog bereits mehrfach behandelt wurde und zu dessen Anlass mehrere nichtsagende Emails aus dem Bundesministerium für alles eingegangen sind, ist auch Gegenstand der Kleinen Anfrage der LINKE(n). Und es freut mich besonders, dass nun vielleicht doch noch Licht in das Dunkel des Jungenbeirats kommt. Ich hätte mir zwar gewünscht, dass noch ein paar mehr Fragen zum Jungenbeirat in die Kleine Anfrage Eingang finden, aber ein Anfang ist gemacht. Die Geheimnistuerei im BMFSFJ, wo man nichts dabei findet, mit Steuerzahlers Geld Beiräte einzurichten, aber Steuerzahlern keine Auskunft über so wesentliche Dinge wie die Kriterien der Auswahl der “Experten”, die Ziele und Inhalte usw. zu geben, ist somit einer neuen Offenheitsinitiative ausgesetzt, und zwar durch die Fragen 3. und 4. der Kleinen Anfrage:

“3. Welche Personen sind Mitglied des Beirats “Jungenpolitik” (unter Nennung ihrer Qualifikation und ihres institutionellen oder organisatorischen Hintergrunds)?

4. Welche programmatischen Ziele verfolgt der Beirat, welche Kosten verursacht der Beirat und aus welchen Haushaltsbereichen werden diese finanziert?”

Es wird spannend sein zu sehen, ob eine Fraktion genauere Auskunft erhält als ein Blogbetreiber und Normalbürger (also der, der von Politikern so gerne für sich bemüht wird), und wenn dem so ist, wird es spannend sein die Antwort auf die Frage zu hören, warum die LINKE genauere Auskunft erhalten hat als ich, denn diese Frage werde ich dann stellen.

Hewlett, Barry S. (1997). Die Reziprozität der Ehepartner und die Vater-Kind-Beziehung bei den Aka-Pygmäen. In: Nauck, Bernhard & Schönpflug, Ute (Hrsg.). Familien in verschiedenen Kulturen. Stuttgart: Enke, S.105-124.

Horkheimer, Max (1987 [1936]) Theoretische Entwürfe über Autorität und Familie. Allgemeiner Teil. In: Horkheimer, Max, Fromm, Erich & Marcuse, Herbert (Hrsg.): Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung. Lüneburg: Dietrich zu Klampen Verlag, S.3-76.

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7 Responses to LINKE Männerpolitik!?

  1. M. says:

    Könnte man das BMFSFJ wegen Diskriminierung verklagen, wenn es der Linken eine genauere Auskunft erhält als der Normalbürger?!

    • Zumindest werde ich dem BMFSFJ einige unangenehme Fragen stellen, und eine Prüfung auf Diskriminierung durch die Antidiskriminierungsstelle, einen Satelliten des BMFSFJ hat natürlich auch Ihren Reiz!

      • M. says:

        Vielleicht sollten Sie ihre Fragen nochmal an das BMFSFJ schicken, damit die sich dann nicht rausreden können, dass zum Zeitpunkt Ihrer Anfrage noch keine genaueren Informationen vorlagen.

  2. weingeist says:

    Die Anfrage in Ehren, aber das dahintersteckende politische Ziel könnte auch eine Abschaffung des Jungenbeirats sein. Was die Stringenz der LINKEN “Männerpolitik” wieder herstellen würde.

    • Hallo Weingeist,

      man soll nicht gleich jeden zahrten Spross zertreten, und wer sagt, dass nicht auch Linke zuweilen von Räson gepackt werden. Wenn man die komplette Anfrage liest, dann wird es ziemlich offensichtlich, dass es darum geht, die vielen kleinen Töpfe, die beim BMFSFJ eröffnet wurden, um die feministische Klientel zu bedienen, hinterfragt werden. Warum das der Fall ist – ob LINKE auch etwas vom Kuchen abhaben wollen oder ob dahinter ein generisches Interesse daran steckt, Männerpolitik zu betreiben – who knows. Ich halte das auch für unwichtig. Fakt ist, dass sich das BMFSFJ trotz aller Windungen in der Vergangenheit gegenüber z.B. meinen Anfragen nunmehr einer parlamentarischen Kontrolle ausgesetzt sieht, die identische Fragen stellt.

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