Wortmagie: Nasenringe und Manegen

Trommelwirbel!
Hokuspokus: Repräsentativ!

In einer groß angelegten, repräsentativen Umfrage hat das Meinungsforschungsinstitut FORSA im Auftrag der Initiative Dialog Milch die Wahrnehmung und das Ansehen der deutschen Milchwirtschaft in den Augen der deutschen Verbraucher untersuchen lassen.“

Europe According to Germany

Alphadesigner’s Mapping Stereotypes Project

Wie groß angelegt die Untersuchung war, niemand weiß es. Die Ergebnisse gibt es ausschließlich in Prozentwerten. Macht alles nichts. Hokuspokus: repräsentative Umfrage!

In der Schweiz wird Jugendverbänden die Unterstützung gekürzt: „Nun zeigt die gfs-Umfrage, dass die Argumentation des Bundesamtes wenig mit der Meinung der Bevölkerung zu tun hat. Kinder- und Jugendlager sind weitherum beliebt, gerade auch solche mit christlichen Inhalten. Die repräsentative Umfrage wurde vom gfs-zürich im Auftrag der Schweizerischen Evangelischen Allianz SEA im letzten Herbst durchgeführt.“

Es folgen Prozentwerte, repräsentative natürlich. Das überzeugt und ersetzt jedes Argument.

Wussten Sie schon: Die 1980er Jahre sind das Lieblingsjahrzehnt der Deutschen! „Repräsentative Umfrage: Von Aids bis Tschernobyl – das Lieblingsjahrzehnt der Deutschen

Nun wissen wir es: 1980er! Repräsentativ, repräsentative Prozentwerte natürlich. Widerspruch zwecklos und nicht repräsentativ.

Dafür: Politik – repräsentativ:

Mehrheit der Deutschen für Grenzschließungen: „In einer repräsentativen N24-Emnid-Umfrage fordert eine große Mehrheit der Befragten eine Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik“.

europe-according-to-luxembourg.pngBefrage 1000 und spreche für die Mehrheit der Deutschen. Hokuspokus: repräsentativ.

Nachhaltige Geldanlagen – repräsentativ:

„REPRÄSENTATIVE UMFRAGE ZU NACHHALTIGEN GELDANLAGEN: Verbraucher sind grundsätzlich bereit, viele Milliarden Euro in nachhaltige Geldanlagen zu investieren …“

Nachhaltige Verbraucher gibt es nur in Prozentwerten, aber: repräsentativ, jeder für sich – zumindest.

Weiter geht’s: Waschmaschinen leihen – repräsentativ.

„Immer mehr Deutsche können sich vorstellen, teure Produkte wie ein Auto, eine Waschmaschine oder einen Trockner künftig nicht mehr zu kaufen – sofern es eine bequeme und sichere Möglichkeit gibt, die Dinge stattdessen gehen eine Leihgebühr anlassbezogen zu nutzen. Das ergibt eine neue repräsentative Umfrage unter 1000 erwachsenen Deutschen im Auftrag des US-Softwarehauses Zuora, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt.“

Zwar wurden nicht „immer mehr Deutsche“ befragt, sondern nur 1000 und nur zu einem Zeitpunkt, aber natürlich: repräsentativ und in Prozentwerten und als Fehlschluss der unzulässigen Verallgemeinerung.

Hasspost online – repräsentativ.

Fast ein Drittel der 14-35-Jährigen hat in den vergangenen drei Monaten in Sozialen Netzwerken Postings von Freunden bemerkt, in denen gehetzt wurde. Das geht aus einer Umfrage von Statista und appinio hervor. Gemeinsam wurden über die Umfrage-App 1.000 Personen zwischen 14 und 35 Jahren befragt.“

europe-in-2009-mapVermissen Sie was?
Kein Problem:

„Weniger als die Hälfte, genau 47 Prozent, gaben in der repräsentativen Umfrage, in der Mehrfachnennungen möglich waren, an, dass sie nicht in Sozialen Medien aktiv seien oder keine der zuvor genannten Aussagen auf sie zutreffe. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass rund die Hälfte der 14-35-Jährigen seit November über ihre Kontakte in Sozialen Medien in einer Form in Kontakt mit hetzerischen oder unseriösen Postings oder Beiträgen gekommen sind.“

Natürlich bedeutet es das nicht, bestenfalls, dass ein Drittel der Befragten mit Inhalten in Kontakt gekommen ist, die sie für hetzerisch oder unseriös halten. Wir zum Beispiel, wir halten diesen Beitrag von statista für hetzerisch oder unseriös [Unzutreffendes bitte streichen] – aber wir sind auch schon älter.

Noch einer: Flughafenausbau – repräsentativ.

Knapp 24 Jahre nach der Eröffnung des Münchner Flughafens wird die Ansiedlung des Airports von den weitaus meisten Bewohnern der Flughafenregion positiv bewertet. Das ist eines der Ergebnisse einer neuen repräsentativen Befragung, die Flughafenchef Dr. Michael Kerkloh heute gemeinsam mit dem Beauftragten für die Flughafenregion, Rudolf Strehle, am Münchner Airport den Bürgermeistern und politischen Mandatsträgern aus der Region vorstellte.“

Gut für den Flughafenchef, dass herauskommt, was er gerne hört, repräsentative Ergebnisse die gefallen.

Mehr davon:

Repräsentative Stromerzeugung – zuhause.

Für 26 Prozent der Deutschen ist eine Solaranlage auf dem Dach – überwiegend in Kombination mit einem Stromspeicher im Keller – ein wesentliches Entscheidungskriterium bei Kauf oder Anmietung einer Immobilie. Ansonsten hat die Bedeutung von Energiethemen bei der Wohnungs- und Haussuche im Vergleich zum Vorjahr jedoch abgenommen. Zu diesem Ergebnis kommt die fünfte repräsentative Immobilien-Umfrage von LichtBlick. Für die Umfrage hat das Marktforschungsinstitut YouGov im Auftrag des IT- und Energieanbieters 2.034 Bundesbürger ab 18 Jahren in einer repräsentativen Untersuchung online befragt.“

Wie gut, dass die vom IT- und Energieanbieter über YouGov Befragten sich ihre (Miets-)Wohnung aussuchen konnten – von wegen Wohnungsknappheit…

Gestern im Aufzug:
Fahrgast 1: „Wir haben eine Studie gemacht, die hat interessante Ergebnisse erbracht.“
Fahrgast 2: „Ist die auch repräsentativ?“
Fahrgast 1: „Ja, sicher.“

europe-according-to-the-future-2022Sie haben eine Umfrage mit dubiosen Ergebnisse? Macht nichts: Minimum 1000 Befragte und das Wörtchen „repräsentativ“ und schon ist die Umfrage nicht dubios, sondern aussagekräftig, für alle Deutsche, alle Mieter, alle Anwohner des Münchner Flughafens, alle Milchtrinker … alle, die man gerade brauchen kann oder benutzen will.

Das Schöne an Repräsentativität ist: Jeder kennt sie, jeder führt sie im Munde und kaum jemand weiß, was es ist. Aber das macht nichts, denn das beste Kampfmittel ist der geruchslose Agent: „Ihre Befragung ist ja gar nicht repräsentativ!“, das ist das Sarin der öffentlichen Diskussion, soll zerstören, was nicht gefällt, nicht passt oder nicht zugelassen werden soll.

Andererseits ist nichts einfacher, als leichtgläubige Gemüter am Nasenring der Repräsentativität durch die Manege zu führen und ihnen so ziemlich alles als ihre Meinung unterzuschieben, in diesem Land, in dem die Zustimmung zur Mehrheitsmeinung, zur repräsentativen Mehrheitsmeinung so wichtig ist und in dem sich die Wichtigtuer mit dem Verweis auf die Repräsentativität, jene Schachtel ohne für sie verstehbaren Inhalt, die Klinke der Subordination in die Hand geben.

Was es mit den Prozentzahlen auf sich hat, kann hier nachgelesen werden.

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3 Responses to Wortmagie: Nasenringe und Manegen

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  2. rote_pille sagt:

    Wenn ich irgendwo das Wort „Hetze“ lese, weiß ich schon, dass es Zeit ist den Closebutton zu drücken. Die Blacklist ist schon ziemlich lang geworden.

  3. Heiner sagt:

    In einer repräsentativen, multizentrischen Befragung unter amtierenden Bundeskanzlerinnen wurde festgestellt, daß diese zu 100 % der Meinung sind, daß ihre Politik zu 100 % alternativlos ist.🙂

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