Wahltheater Teil II: Die AfD herunterrechnen

Bei der WELT wird derzeit die journalistische Lauterkeit durchgereicht – oder die Überparteilichkeit, je nach Sichtweise.

Am 16. Februar wurde in der WELT noch ein Allzeithoch für die FDP verkündet. Ausgangspunkt des Allzeithochs war der Meinungstrend von INSA-Consulere. Dort hat man für die FDP einen Wähleranteil von 7% errechnet, nach 6% in der Vorwoche ein Allzeithoch für die WELT, bei der man zudem erkannt hat, dass die AfD, mit einem Zugewinn von 0,5%, von 12% in der Vorwoche auf 12,5%, „kaum Profit“ aus der Schwäche der CDU/CSU schlagen könne.

Welt ForsaEin neuer Tag, eine neue Umfrage. Dieses Mal handelt es sich um den aktuellen stern-RTL-Wahltrend, der von Forsa zusammentelefoniert wird. Bei Forsa verbessern sich Grüne und LINKE, und die FDP erreicht ein Vor-Allzeithoch von 6%, während die AfD von einem „Sympathierückgang“ ereilt wird, der sie von 10% auf 9% absacken sieht.

Die AfD, sie hat alle Wähler abgeschöpft, die „für ein rechtsradikales Gedankengut anfällig sind“, weiß Manfred Güllner, SPD-Mitglied und Chef von Forsa und daneben noch Gedankenleser, und bei der WELT berichtet man brav und treu, dass die Zeit der AfD vorbei ist, weil die AfD nämlich „durchgereicht“ wird.

Die Zeiten, zu denen wir an der Intelligenz mancher Journalisten, oder Möchtegern-Manipulateuren gezweifelt haben, sie sind vorbei. Wir wissen mittlerweile, dass man, um Journalist zu werden, wohl dümmer als der Normalbürger sein kann oder muss, denn nur wer dümmer als der Normalbürger ist, glaubt im selben Atemzug, er könne seine Leser manipulieren und die entsprechenden Leser wüssten heute nicht mehr, was gestern in der Zeitung stand.

Gestern stand in der WELT, dass die FDP ein Allzeithoch hat: 7% bei INSAs Meinungstrend, plus 1% im Vergleich zur Vorwoche.

Heute ist die FDP bei Forsa wieder im Vorstadium zum Allzeithoch, bei 6%, abermals plus 1% im Vergleich zur Vorwoche.

Gestern haben 16 Befragte bei INSA das Allzeithoch der FDP ausgelöst, denn es waren nicht mehr als 16 Befragte, die die Veränderung der FDP von 6% auf 7% zu verantworten haben. Heute wird die AfD durchgereicht, was die Frage nahelegt, wie viele AfDflüchtige Befragte es dieses Mal sind, die den Erdrutsch bewirken.

Forsa hat nach eigenen Angaben 2501 Bundesbürger befragt. Hoffen wir, dass die Bundesbürger alle volljährig und wahlberechtigt waren. Auf die Frage, welche Partei sie am nächsten Sonntag wählen würden, wenn sie müssten, sagen 35%, dass sie keine Partei wählen würden oder nicht wissen, welche Partei sie wählen würden.

35% von 2501 sind 875 Befragte.
Neben den Unentschlossenen und den Nichtwählern gibt es regelmäßig Befragte, die die Aussage auf die Sonntagsfrage verweigern. Nehmen wir an, es sind nicht mehr als 1,05%, also 26 Befragte, was eine nette Schätzung zu Gunsten von Forsa ist, dann haben wir 901 Befragte, die keine Angabe zu einer Partei gemacht haben.

2501 Befragte minus 901, die keine Partei angegeben haben, ergibt 1.600 Befragte als Grundlage der Prozentwerte, die für die Parteien ausgewiesen werden. Von diesen 1.600 Befragten haben 9% gesagt, sie würden die AfD wählen, also 144 Befragte. Nehmen wir wieder zu Gunsten von Forsa an, dass der letzte stern-RTL-Wahltrend ebenfalls 1.600 Befragte, die eine Angabe zu einer Partei gemacht haben, zusammenbekommen hat, dann entsprechen die damaligen 10% AfD-Wähler 160 Befragten.

Der Erdrutsch, der die AfD erfasst hat und dafür sorgt, dass die Partei durchgereicht wird, er basiert somit auf 16 Befragten.

Die magische 16 könnte man sagen, denn das Allzeithoch der FDP, das man bei der Welt gestern verkündet hat, es wurde ebenfalls von 16 Wählern ausgelöst.

Mit seriöser Meinungsforschung hat das alles nichts zu tun. INSA oder Forsa sind nicht daran interessiert, wissenschaftliche Beiträge zu einem öffentlichen Diskurs zu leisten, sondern daran, Meinung zu manipulieren und ihre Witzveränderungen, die regelmäßig von einem menschlichen Tsunami, der 16 Hanseln umfasst, ausgelöst wird, als Untergang der einen Partei oder Wiederauferstehung einer anderen Partei zu verkaufen.

Forsa behauptet, der statistische Fehler, der in den Berechnungen enthalten sei, betrage 2,5%. 2,5% der Befragten sind 63 Befragte. Um auszuschließen, dass Angaben nicht durch den statistischen Fehler verzerrt werden, müssen sie also auf mehr als 63 Befragten basieren. 16 ist aber weniger als 63, und deshalb ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass der berechnete Tsunami, der zum Durchreichen der AfD geführt haben soll, nichts anderes ist, als die Hoffnung oder Phantasie oder Missgunst von Journalisten und Meinungsforschern. Die Wahrscheinlichkeit, dass dem so ist, sie ist in jedem Fall höher als die Wahrscheinlichkeit, dass dem nicht so ist.

Wer die Seiten von INSA oder Forsa im Internet aufruft, liest dort regelmäßig über wissenschaftliche Standards und Methoden. Vermutlich sind die entsprechenden Hinweise als Witz gemeint, denn mit Wissenschaft haben die derzeitigen Versuche, die öffentliche Meinung mit einer Form demoskopischer Taschenspielertricks zu beeinflussen, bei der jeder Falschspieler vor Scham im Boden versinken würde, nichts zu tun. Es sind ideologische Spiele, die insofern amüsant sind, als die daran Beteiligten nicht einmal einen Tag lang die Lügen des Vortages erinnern können.

 

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2 Responses to Wahltheater Teil II: Die AfD herunterrechnen

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