Lauterbachs Märchen: Wer COVID-19 überlebt hat, altert schneller – aus der Reihe Dunning-Kruger

Wie oft war Karl Lauterbach auf ScienceFiles bereits Thema, weil er in der Öffentlichkeit Dinge behauptet, die sich als falsch erweisen, weil er sich zu Dingen äußert, von denen er keine Ahnung hat, weil er in einer Weise versucht, COVID-19-Hysterie zu schüren, die man nicht mehr anders als als Fanatismus bezeichnen kann.

Grundsätzlich kann man in Lauterbach das wirken sehen, was nach David Dunning und Justin Kruger als Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet wird: Je weniger eine Person von etwas versteht, je weniger kompetent sie in einem Feld ist, desto mehr fühlt sich sie dazu berufen, als über dieses Feld informiert zu erscheinen und andere zu belehren.

Das Phänomen ist lange bekannt, und Leute, die es zur Schau stellen, zeichnen sich nach unserer Ansicht durch ein Überzeugungssystem aus, das man als irgendwo zwischen Fundamentalismus und Fanatismus angesiedelt ansehen muss. Der Grund für diese Hypothese ist die einfache Wahrheit, dass jemand, der sich voller Selbstsicherheit, vielleicht auch Überheblichkeit einer narzisstischen Persönlichkeit, in einem Feld inkompetent äußert, und dabei offenkundig nicht merkt, dass er sich inkompetent äußert, nicht in der Lage ist, seine Inkompetenz und die daraus resultierenden Fehler zu revidieren, denn wäre er dazu in der Lage, wüsste er um seine Inkompetenz und würde sich folgerichtig nicht zu Themen äußern, zu denen er sich nicht äußern kann, weil ihm eben die Kompetenz dazu fehlt.

Das dem so ist, das zeigen Reihe von Experimenten, die Dunning et al. in einem mittlerweile klassischen Beitrag aus dem Jahre 2003 publiziert haben: Um Beschränkungen der eigenen Kompetenz zu überwinden, müssten diejenigen, die den entsprechenden Beschränkungen unterliegen, die entsprechenden Beschränkungen kennen. Würden sie die entsprechenden Beschränkungen aber kennen, würden sie sich nicht inkompetent äußern:

“The skills needed to produce logically sound arguments, for instance, are the same skills that are necessary to recognize when a logically sound argument has been made” (Dunning et al., 2003, S.85).

Karl Lauterbach ist eine tägliche Fallstudie dessen, was Dunning und Kruger beschreiben. Die Fehler und Falschaussagen, die wir auf ScienceFiles dokumentiert haben, ein Bruchteil dessen, was Lauterbach so von sich gibt, belegen diese Ansicht. Aber damit ist die sozialpsychologische Analyse nicht am Ende, denn Lauterbach produziert Fehler und Falschaussagen, die immer in dieselbe Richtung weisen: Redet er von COVID-19 oder SARS-CoV-2, dann haben seine Aussagen gemeinsam, dass sie Gefahr, Konsequenzen oder Prävalenz von COVID-19, SARS-CoV-2 oder damit assoziierter Befunde übertreiben, verzerren und generell so darstellen, dass harte Restriktionen und umfassende Eingriffe von Regierungen in die Freiheitsrechte von Bürgern legitimiert werden. In dieser Hinsicht muss man Karl Lauterbach als einen religiösen Fundamentalisten bezeichnen, einen, dessen Überzeugungssystem so hermetisch gegen falsifizierende Daten abgeschlossen ist, dass er sich in der Gewissheit wiegt, immer und überall Recht zu haben. Diese Gewissheit äußert sich bei Lauterbach in einem missionarischen Zug, der derzeit noch im Stadium eines aktiven Fundamentalismus verharrt, also in dem Stadium, in dem die Durchsetzung der eigenen Gewissheit dadurch von statten gehen soll, dass Zwang auf andere ausgeübt wird. Das nächste Stadium nach aktivem Fundamentalismus, der bereits mit einer religiösen Verklärung der eigenen Gruppe und zwangsläufig einer Anfeindung von Fremdgruppen einhergeht, ist übrigens Terrorismus. Wer sich für die Theorie des Fundamentalismus interessiert, die wir hier anwenden, wir haben sie hier beschrieben.

Da Terrorismus mit Fanatismus einhergeht, haben wir oben die Annahme formuliert, dass man Lauterbach irgendwo im Graubereich zwischen Fundamentalismus und Fanatismus verorten muss. Bislang fehlen ihm Mut und Mittel, seinen Fundamentalismus richtig auszuleben.

Die neueste Fake News, die neuste Lüge, die Lauterbach verbreitet, zielt auf von COVID-19 Genesene. Wer COVID-19 hinter sich hat, so behauptet Lauterbach, der altere schneller und sei gegen chronische Krankheiten anfälliger.

Um seine Behauptung zu belegen, verlinkt er die Studie von Alessia Mongelli et al. (2021), die bereits im Juni online im International Journal of Molecular Science erschienen ist, und zwar unter dem Titel “Evidence for Biological Age Acceleration and Telomere Shortening in COVID-19 Survivors”. Das ist nur eine Studie und nicht Studien, und es ist vor allem eine Studie, die das, was Lauterbach behauptet, nicht zeigt, nicht einmal entfernt.

Die vielen Autoren um Mongelli interessieren sich für den Zusammenhang zwischen hypothetischen Variablen, nämlich dem biologischen Alter, dem chronologische Alter und dem, was sie Delta-Alter nennen, der Differenz zwischen chronologischem und biologischen Alter. Das Paper ist somit eine Übung in der Korrelation hypothetischer Konzepte, die alle darauf beruhen, dass andere Wissenschaftler einst eine Korrelation zwischen Variablen und Alter gefunden haben. Und wie immer steht und fällt alles mit der Definition.

  • Chronologisches Alter wird über biologische Marker bestimmt. In der vorliegenden Arbeit ist das die Länge von Telomeren. Telomere stellen eine sich wiederholende Sequenz von Nukleotiden am Ende von Chromosomen dar, die keinen Code enthalten. Von Telomeren wird angenommen, dass sie zum Schutz von Chromosomen vorhanden sind. Mit jeder Zellteilung werden Telomere kürzer, woraus die Idee entspringt, dass die Länge von Telomeren auf das Chronologische Alter schließen lasse.
  • Biologisches Alter wird eine CpGs bestimmt, also über die Abfolge von Cytosine Nukleotiden und Guanine Nukleotiden, die Bekaert et al. 2015 genutzt haben, um biologisches Alter vorherzusagen. Der Algorithmus, den Bekaert et al. entwickelt haben, hat nur für ältere Menschen ab 60 Jahren und selbst für sie nur mit einem Fehlerbereicht von ±5,2 Jahren eine annähernd sinnvolles Ergebnis erbracht. Wenn man bedenkt, dass ein Mensch von 60 Jahren in Deutschland eine Lebenserwartung von weiteren 23 Jahren (Männer) bzw. 28 Jahren (Frauen) hat, dann ist ein Fehlerterm von mindestens einem Viertel eigentlich Grund genug, den Algorithmus zu verschrotten.
  • Weil der Algorithmus von Bekaert et al. nur dann von der Anordnung der CpGs in bestimmten Bereichen der DNA auf das biologische Alter schließen lässt, deshalb sind in der Studie von Mongelli et al. (2021) nur Personen mit einem Lebensalter von mindestens 60 Jahren berücksichtigt. 144 in der Kontrollgruppe derjenigen, die keine COVID-19 Erkrankung durchlebt haben, 117 in der Gruppe derer, die eine schwere COVID-19 Erkrankung hinter sich gebracht haben.

Die Studie ist also eine Übung in: Wir korrelieren etwas, von dem wir annehmen, dass es mit CA korreliert, mit etwas, von dem wir annehmen, dass es mit BA korreliert und vergleichen das Ergebnis für zwei Gruppen von Probanden. Was man aus solchen Übungen an Erkenntnis ableiten kann, ist uns nicht so wirklich klar. Aber wir haben ja Karl Lauterbach.

Er leitet ab, dass die Studie von Mongelli gezeigt habe, dass man nach einer COVID-19 Erkrankung schneller altern würde.

Blöder geht es nun wirklich nicht mehr.

  • Die Studie von Mongelli et al. basiert auf Menschen mit einem Lebensalter von mindestens 60 Jahren, nicht generell auf Personen, die an COVID-19 erkrankt sind. Alle Probanden in der COVID-19 Gruppe haben zudem nicht irgendeine Erkrankung an COVID-19 von kaum vorhanden über leicht bis schwer hinter sich, sie alle haben eine schwere Erkrankung, die in der Regel einen Aufenthalt auf der Intensivstation notwendig gemacht hat, überlebt, weshalb im Text von “COVID-19 Survivors” die Rede ist.
  • Die Studie von Mongelli et al. untersucht im besten Fall, wie sich Probanden, die eine schwere Erkrankung an COVID-19 hinter sich haben im Hinblick auf die hypothetischen Maße von chronologischem Alter (bestimmt über die Länge der Telomere) und biologischem Alter (bestimmt über CpGs) von Probanden unterscheiden, die nicht an COVID-19 erkrankt sind.
  • Die Studie macht KEINERLEI Aussage über einen Alterungsprozess, was aufgrund der Anlage der Studie auch überhaupt nicht möglich ist, denn hier werden keine Probanden über Zeit verfolgt, sie werden im Hinblick auf bestimmte ZU EINEM ZEITPUNKT gemessene Indikatoren miteinander verglichen. Aus einer solchen Studienanlage schafft es nur die Phantasie oder das, was man im englischen malicious intent nennt, von Karl Lauterbach, eine Aussage über alle jemals an COVID-19 Erkrankte und deren Alterung, also Lebenserwartung zu machen. Malicious intent kann man nicht wirklich übersetzen, vielleicht am nähesten kommt kriminelle/böswillige Absicht.

Als Ergebnis ihrer Übung in Korrelation hypothetischer Variablen kommen die Autoren um Mongelli zu dem Schluss, dass diejenigen, die eine schwere Erkrankung an COVID-19 hinter sich haben, chronologisch und biologisch älter sind als diejenigen, die nicht an COVID-19 erkrankt waren. Wenig verwunderlich, wenn man bedenkt, dass eine schwere Erkrankung Stress für einen Organismus bedeutet und als Folge dieses Stresses dann bestimmte Werte, die man als Indikatoren nutzen kann, in ihrem Niveau absinken, während andere erhöht sind. Ob das dauerhaft ist, bb man daraus schließen kann, dass die Unterschiede in den Werten, die sich zwischen 144 Probanden ergeben, die nicht an COVID-19 erkrankt sind und 117, die eine schwere Erkrankung an COVID-19 hinter sich haben, Unterschied im biologischen und chronologischen Alter darstellen, ist eine offene Frage, selbst für die Autoren ist das eine offene Frage, oder in ihren Worten: “This study has many significant limitations…”.

Dem können wir uns nur anschließen und anfügen, auch Karl Lauterbach hat “many significant limitations”. Das Problem bei ihm: Er ist sich dessen nicht bewusst.


Lauterbachs COVID-Märchen. Die Bände 1 bis 10:


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