Nazi! Hoch-Zeit für ewiggestrige Beleidiger

Man könnte fast denken, Deutsche wären rückwärtsgewandt, lebten in der Vergangenheit, seien nie so richtig über das tausendjährige Reich hinweggekommen. Jedenfalls legt die Blüte des Begriffs „Nazi“, der sich auch im Jahre 71 nach dem Ende des Dritten Reiches in voller Blüte befindet, diesen Schluss nahe.

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Warum ist dem so?

Versuchen wir eine wissenschaftliche Erklärung, die auf den Ergebnissen von sozialpsychologischer, soziologischer und politikwissenschaftlicher Forschung basiert.

Zunächst fällt bei der Verwendung des Begriffs „Nazi“ auf, dass er undifferenziert verwendet wird. Jeder kann sich heute als Nazi qualifizieren. Für manche Schwule sind die, die Homosexuelle nicht mögen, Nazis. Nazis sind alle, die gegen die weitere Aufnahme von Flüchtlingen sind. Die NPD, das sind Nazis. Nazis sind welche, die Springerstiefel tragen. Nazis sind Antisemiten. Wer den Genderismus als großangelegten Versuch der Nutznießung entlarvt, hat gute Chancen, als Nazi, weißer, männlicher Nazi bezeichnet zu werden.

Nazi als Bezeichnung ist ein Sammelbegriff, ein Catch-all Begriff, der je nach Bedarf verwendet werden kann und verwendet wird. Trotz dieser vielen Verwendungen, die der Begriff „Nazi“ erfährt, haben alle Verwender eines gemeinsam: Sie wollen denjenigen oder diejenigen, die sie als Nazi oder Nazis bezeichnen, abwerten, beleidigen oder als Bodensatz der Menschheit disqualifizieren, mit dem sich richtige Menschen nicht abgeben.

Warum wollen sie das?

netz-gegen-nazis_largeUm diese Frage zu beantworten, ist es wichtig, die Einsamkeit des Begriffs „Nazi“ in Rechnung zu stellen. Manche wollen „Nazis auf die Fresse“ geben. Andere „Nazis keine Chance“ geben, wieder andere betreiben ein „Netz gegen Nazis“, und alle stellen sie Behauptungen darüber auf, dass sich bestimmte Personen als Nazis qualifizieren, sagen aber nicht, warum. Der Nazi er kommt ohne Begründung. Warum jemand ein Nazi ist, welche Handlungen er ausgeführt hat, um sich als Nazi zu qualifizieren, was er gesagt oder geäußert hat, es wird nicht im Hinblick auf eine genaue Bestimmung von Nazi bewertet, sondern an sich als Handeln eines „Nazi“ oder als Aussage eines „Nazi“ deklariert. Anders formuliert: Die meisten, die den Begriff Nazi benutzen, können nicht kognitiv begründen, warum sie ihn benutzen, noch weniger können sie z.B. begründen, warum das, was einer sagt, den sie als Nazi qualifizieren, falsch sein soll. Die Beschimpfung, sie scheint die Ersatzhandlung für nicht vorhandene kognitive Fähigkeiten zu sein.

Die meisten, die den Begriff „Nazi“ benutzen, können ihn nur affektiv begründen, denn sie haben eigentlich gar keine Ahnung, warum sie den Begriff benutzen.

Worin besteht dann der Wert der Benutzung des Begriffs „Nazi“?

Das Problem, vor dem Personen stehen, die es nicht schaffen, sich und ihre Einstellungen positiv zu definieren, also mittels einer Begründung, die z.B. in Werten basiert, ist: Sie haben keine Ahnung, warum sie das, was sie behaupten, behaupten, das was sie für richtig halten, für richtig halten, das, was sie tun, tun. Sie sind ein Identitätsvakuum. Ihre Existenz erfährt keine positive Begründung, denn eine positive Begründung setzt einen kognitiven Akt, eine Überlegung voraus.

Diejenigen, die den Begriff „Nazi“ in derogativer Absicht benutzen, sind häufig nicht in der Lage, jenen kognitiven Akt auszuführen, was leicht daran erkennbar ist, dass sie die Verwendung von „Nazi“ nicht begründen können. Diese Unfähigkeit macht es notwendig, die eigene Positionsbestimmung in Abgrenzung zu anderen vorzunehmen. Nicht: ich bin, sondern: ich bin nicht. Da die kognitiven Fähigkeiten nicht ausreichen, um dieses „ich bin nicht“ rational zu begründen, bleibt nur eine affektive Begründung, eine Zuordnung zu einer Gefühlsgemeinschaft, deren Mitglieder sich durch ein affektives „ich bin gegen“ verbunden sehen.

Und hier kommt der Begriff „Nazi“ ins Spiel.

Kaum ein Begriff hat eine derart eindeutige und weit geteilte, negative Konnotation wie Nazi. Selbst Hitler hat dies so gesehen und den Begriff gehasst (dazu unten mehr). Kaum ein Begriff bietet durch seine Verwendung bzw. Anwendung auf andere die Möglichkeit, sich selbst als Anti-Nazi und somit als Guter von anderen, den Bösen, den Nazis abzugrenzen und ein positives Wir-Gefühl unter den Anti-Nazis herzustellen, die zwar immer noch nicht wissen, warum sie Anti-Nazis sind, aber nun in der Lage sind, sich affektiv zugehörig zu fühlen. Sie sind die da, die, die gegen Nazis sind. Und weil Nazis schlecht sind, müssen diejenigen, die gegen Nazis sind, nicht nur gut sein, sondern auch in allem, was sie behaupten, aussagen und tun, gut sein.

Derartige logische Kurzschlüsse erklären einen Teil der Popularität von „Nazi“, aber sie erklären nur den nicht-kognitiven, den kognitiv armseligen, den affektiven Teil seiner Verwendung.

Opportunismus erklärt den Rest.

Nichts ist einfacher als Gläubige zu instrumentalisieren, vor allem dann, wenn am Glauben die ganze Person hängt, so wie das bei den nicht-kognitiven Verwendern des Begriffs „Nazi“ der Fall ist. Nimm‘ Ihnen den Begriff, konnotiere ihn positiv und sie verschwinden als Person, hören schlicht auf, sozial zu existieren, sind nun die kognitiven Vakuums in Realität und Vorstellung, die sie vorher nur in der Realität waren.

AntifaEntsprechend ist es wichtig, Nazis und ihre Verderbtheit, vorrätig zu halten, denn gäbe es keine Nazis, die der eigenen eingebildeten Persönlichkeit Existenz verleihen, sie wäre in Gefahr. Das machen sich Opportunisten vom Typ 1 zunutze, indem sie die Werbetrommel für den Kampf gegen Nazis rühren und einerseits mit Verweis auf die vielen Anti-Nazis, denen mindestens ebenso viele Nazis gegenüberstehen müssen, die eigenen Taschen mit Steuermitteln für Projekte und Workshops und allerlei unnötigen Firlefanz füllen, andererseits durch ihre Betonung von Nazis und der Gefahr, die von Nazis ausgeht, nicht nur dafür sorgen, dass der kleine Haufen von Rechten zu einem Millionenheer der Nazis aufgeblasen wird, sie sorgen auch dafür, dass es für Personen, die sich negativ von anderen absetzen und daraus ihre Persönlichkeit gewinnen wollen, schick wird, sich als Nazi zu gerieren.

Mit anderen Worten, diese Opportunisten schaffen und vermehren, was sie vorgeblich bekämpfen und beseitigen wollen, und sie tragen eine nicht geringe Mitschuld daran, dass öffentlicher Diskurs und öffentlicher Umgang miteinander fast schon unmöglich geworden ist.

Schließlich gibt es noch die Opportunisten vom Typ II, die versuchen, politisches Kapital daraus zu schlagen, das sie den nicht-kognitiven Anti-Nazis anbieten, politische Legitimation für ihren Kampf gegen Nazis zu verschaffen. Damit geht das Versprechen einher, den Kampf gegen Nazis auf eine gesellschaftlich beachtete und mit Status versehene Position zu stellen und alle, die gegen Nazis kämpfen, nicht nur der Existenz der Nazis und der Berechtigung des Kampfes zu versichern, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, sich als besonders wertvolle Mitglieder der Gesellschaft zu fühlen.

Das ist schon ein Angebot, vom kognitiven Vakuum zum Vorkämpfer einer friedlichen, demokratischen oder wie auch immer die Begriffe, mit denen man sie fängt, lauten mögen, befördert zu werden, und all dies ohne Anstrengung und ohne die Notwendigkeit, sich zu überlegen, warum man eine Meinung für falsch ansieht, warum man die Meinung hat, die man hat, sofern man eine hat, warum man der Mensch ist, der man ist. Es reicht, andere als Nazi zu bezeichnen, auf die affektive Ladung, die mit dem Begriff transportiert werden soll, zu vertrauen und sich geadelt zu fühlen.

Der Begriff „Nazi“ unbegründet und in derogativer Absicht verwendet, er ist deshalb so beliebt, weil er die Einbildung einer Persönlichkeit ermöglicht, weil er sich eignet, um Steuergelder einzuheimsen und weil man politisches Kapital daraus schlagen kann.

GegenNazis„Nazi“ ist übrigens ein Begriff, der lange vor es die Nationalsozialisten gab, genutzt wurde, um eine bäuerliche Rückständigkeit in derogativer Weise zu beschreiben. Vorbild waren die bayerischen Ignatiuse. Nazi ist die Kurzform von Ignatius und meinte: Du bist ein rückständiger bayerischer Bauer! Mit dem Aufkommen der Nationalsozialisten wurde Nazi auf die Mitglieder der NSDAP übertragen, um deren Rückständigkeit deutlich zu machen (u.a. deshalb hat Hitler den Begriff gehasst). Und er hat sich gehalten, der Begriff, bis heute, allerdings unter Verlust seiner kognitiven und Reduzierung auf seine affektiven Komponenten.

Es ist diese inhaltliche Leere vereint mit einer großen negativen affektiven Ladung, die den Begriff „Nazi“ so geeignet macht, um als Kampfmittel im politischen Prozess und aus den oben genannten Motiven eingesetzt und genutzt zu werden. Der Erfolg, der damit einhergeht, macht Liberale wie uns nachdenklich, und zwar deshalb, weil wir annehmen, dass Menschen mit einem eigenen Willen ausgestattete Wesen sind,  deren kognitive Fähigkeiten es ihnen erlauben, eigene Entscheidungen zu treffen. Viele Verwender des Begriffs Nazi bleiben deutlich hinter dieser Annahme zurück.

 
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4 Responses to Nazi! Hoch-Zeit für ewiggestrige Beleidiger

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Nazi! Hoch-Zeit für ewiggestrige Beleidiger

  2. Werner Krankenberg sagt:

    Zu: Nazi! Hochzeit für ewiggestrige Beleidiger.
    Hierzu möchte ich aus alter Literatur über Heilige zitieren :
    Der heilige Ignatius von Loyola ist der Gründer des Jesuitenordens- der Gesellschaft Jesu. Geboren 31.März 1491, gestorben 31.Juli 1556, getauft wurde er auf den Namen Inigo, den er später in Ignazio umwandelte. Der heilige Ignatius ist seit 1922 Schutzheiliger u.a. der Kinder; der Krieger; der Jesuiten.
    Name: Ignatius = lat. für feurig, glühend
    Kurzform: Ignatz
    Koseform: Nazi. Zitat Ende
    In englischer-, nieder Deutscher-, auch alt bayricher Literatur findet man den Kosenamen Nazi in der Bedeutung von einer Person, die Überhitzt, Fanatisch, Irre, handelt, auch in Glaubensfragen. Der Heilige Ignatius und seine ersten Anhänger waren Soldaten, die fanatisch ihre Ansichten vertreten haben und so fand das Wort Nazi seinen Platz in alter Literatur. Als die Nationalsozialisten immer mehr als fanatische Krieger und Ideologen erkannt wurden, tauchte in der englischen Presse im Zusammenhang mit den Nationalsozialisten auch der Kosename Nazi auf. Da die Jesuiten Heute noch enorme politische Bedeutung haben, ist der Kosename Nazi, eigentlich keine Beleidigung bzw. das falsche Wort für eine Beleidigung. Wer Nationalsozialist meint, sollte auch Nationalsozialist sagen.

  3. Dr.iur. Heinz Raschein sagt:

    Bitte halten Sie „Begriffe“ und blosse „Worte“ auseinander (s. Goethe, Mephistopheles, Schulstunde). Sonst arbeiten Sie nicht wissenschaftlich.

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