SARS-CoV-2: Viel ansteckender als gedacht und besorgniserregende Entwicklung in Japan

ScienceFiles-Update zu SARS-CoV-2

Durch die deutsche Presse geht derzeit u.a. die Meldung, dass der Krisenstab, der seine Arbeit aufgenommen hat, u.a. darum bemüht ist, rund 300 Besuchern einer Karnevalveranstaltung, die auch von einem der neu an COVID-19 Erkrankten besucht wurde, habhaft zu werden. Der Grund: Die 300 sind potentielle Träger des Virus und können es verbreiten.

Damit man die Gefahr, die von einem Infizierten ausgeht, einschätzen kann, bemühen sich Epidemiologen, ein so genanntes R0 (R naught) zu berechnen. Dabei handelt es sich um eine Zahl die angibt, wie viele Menschen ein Infizierter IM DURCHSCHNITT infiziert. Die bisherigen Schätzungen gehen von 2,6 aus, d.h. ein Infizierter infiziert im Durchschnitt 2,6 weitere Personen, das bedeutet, dass sich die Anzahl der Infizierten nach jeweils rund 6 bis 7 Tagen verdoppelt.



Bei den Daten handelt es sich um Durchschnittswerte, die nicht ausschließen, dass es Ausreißerwerte gibt. So ist aus Südkorea bekannt, dass ein so genannter Super-Spreader als Besucher einer religiösen Veranstaltung der Shincheonji Sekte mehrere Hundert Menschen infiziert hat. Dessen ungeachtet geben Durchschnittswerte einen Anhaltspunkt dafür, wie groß die Bedrohung ist, die von einem Virus ausgeht.

Und dazu gibt es schlechte Nachrichten aus Los Alamos.

Eine Forschergruppe um Steven Sanche hat am 7. Februar Ergebnisse von Modellrechnungen veröffentlicht, die zu einer deutlich höheren Übertragungsrate kommen als bislang angenommen. Das bBesondere an dieser Studie ist, dass die Autoren auf Basis von Fallstudien die Reisebewegungen von 140 Individuen, die Mitte Januar aus Wuhan in andere chinesische Provinzen gereist sind, nachgezeichnet haben und die Ergebnisse zur Grundlage ihrer Berechnungen gemacht haben, in die die Reisebewegungen von je nach Ziel zwischen 40.000 und 140.000 Chinesen eingegangen sind, die aus Wuhan, bevor die Stadt abgeriegelt wurde, abgereist sind. Die Daten zur Verbreitung des Virus, die als Grundlage der Berechnungen dienen, umfassen den Zeitraum bis zum 5. Februar, also rund 24.000 Infizierte und 494 Tote. Die Daten spiegeln somit eine Situation wieder, wie sie sich zu einem frühen Zeitpunkt der Epidemie in China abgezeichnet hat, etwa der Situation vergleichbar, die sich derzeit in Italien, Südkorea und im Iran anbahnt.

Nach den Berechnungen der Autoren vergehen

  • zwischen 3.5 und 5.1 Tage zwischen Infektion und ersten Symptomen;
  • zwischen 4.6 und 6.6 Tage zwischen den ersten Symptomen und einer stationären Aufnahme ins Krankenhaus;
  • zwischen 8 und 17.3 Tage zwischen der Aufnahme und der Entlassung als geheilt bzw. zwischen 8.7 und 14.9 Tage zwischen der stationären Aufnahme und dem Tod des Patienten;
  • Zwischen Inkubation und Heilung bzw. Tod vergehen somit zwischen 16.1 und 29 Tage.


Ausgehend von diesen Parametern kommen die Autoren auf ein viel höheres R0 als bislang angenommen. Es beträgt nicht 2.6, sondern 6.4, d.h. ein Infizierter steckt im Durchschnitt mindestens 6 Menschen an. Die Zahl der Infizierten verdoppelt sich nach 2.4 Tagen und nicht nach 6 bis 7 Tagen. Das ist ein erschreckendes Ergebnis, denn R0 ist die Grundlage, auf der berechnet wird, wie deutlich die Rate der Neuansteckungen sinken muss, damit das Virus eliminiert werden kann. Bei einem R0 von 2.6 reicht es, die Zahl der Neuansteckungen um regelmäßig 55% zu reduzieren, bei einem R0 von 6.4 wird die Aufgabe ungleich schwieriger, denn die Rate der Neuansteckungen muss nun um 85% gesenkt werden. In diesem Fall und unter der Annahme, dass 20% der Infizierten asymptomatisch sind, also keine Symptome einer Erkrankung zeigen, reicht nicht einmal eine Quarantäne, die 95% aller Bewegungen der davon Betroffenen unterbindet, aus, um die weitere Verbreitung des Virus zu stoppen.


Sanche, Steven, Lin, Yen Ting, Xu, Chonggang, Romero-Severson, Ethan, Hengartner, Nick & Ke, Ruian (2020). The Novel Coronavirus, 2019-nCoV, is Highly Contagious and More Infectious Than Initially Estimated.


SARS-CoV-2 erweist sich als nicht nur neues Coronavirus, es erweist sich als besonders fieses Coronavirus. Das zeigt auch eine Meldung aus Japan, die man nicht anders als als erschreckend bezeichnen kann.

“The woman, a resident of Osaka, in western Japan, tested positive on Wednesday after developing a sore throat and chest pains, the prefectural government said in a statement, describing her as being in her forties. She first tested positive in late January and was discharged from hospital after recovering on Feb. 1, according to the statement.”

In Japan gibt es somit den ersten Fall einer Wiederansteckung. Das berichtet Reuters. Eine der Fragen, die bislang nicht beantwortet wurden, lautet: Wenn ein Patient von COVID-19 genesen ist, ist er dann immun gegen SARS-CoV-2? Der Fall aus Japan legt den Schluss nahe, dass – im Gegensatz zu anderen Coronaviren – die im menschlichen Organismus gebildeten Antikörper keine Gewähr gegen eine Neuinfektion mit SARS-CoV-2 bieten. Es besteht immer die Hoffnung, dass die erste Infektion der Frau aus Osaka ein sogenannter false positiv ist, also der Test eine Infektion ausgewiesen hat, die gar nicht vorhanden war. Um zu beurteilen, wie wahrscheinlich dies ist, wäre es hilfreich Informationen darüber zu haben, ob sonstige Symptome, Infektion der Lunge, Fieber usw. bei der Erstinfektion der Frau vorhanden waren. Wir versuchen, entsprechende Informationen zu beschaffen. 


Zum Schluss noch ein paar gute Nachrichten. Eine Untersuchung, die am 17. Februar veröffentlicht und von einer Forschergruppe um Xing Wang durchgeführt wurde, kommt zu dem folgenden Ergebnis:

“Based on public available daily data, we found that the CFR of COVID-19 were 7.24% (95% CI: 6.61%-8.01%) in Hubei province, including Wuhan, the epicenter, and 1.00% (95% CI: 0.87%-1.18%) in other areas of China, respectively.”

Wang, Xing et al. (2020). Estimating the case fatality ratio of the COVID-19 epidemic in China.


CFR ist die Todesrate, die Case Fatality Rate. In Wuhan/Hubei sind demnach 7,24% der Infizierten gestorben, außerhalb waren es 1% der Infizierten. Die Ergebnisse basieren auf Daten für 44.653 an COVID-19 Erkrankten und 1.114 daran Verstorbenen. Im Wesentlichen zeigen die Ergebnisse von Wang et al. dass es durch drakonische Maßnahmen, also die Abriegelung einer ganzen Stadt von rund 11 Millionen Einwohnern, möglich ist, nicht nur die Verbreitung von SARS-CoV-2 zu behindern, sondern auch die Sterberate zu verringern. Daraus kann man die Folgerung ziehen, dass je nach Intensität und Dringlichkeit der Gegenmaßnahmen die Sterberate zwischen 1% und 7.24% liegt. Die Ergebnisse von Sanche et al. legen zudem den Schluss nahe, dass die Entwicklung der Sterberate nicht linear verläuft, sondern negativ logarithmisch in Abhängigkeit von der Intensität von Quarantänemaßnahmen.

Alle, die für die Durchsetzung von Schutzmaßnahmen gegen die Verbreitung von SARS-CoV-2 Verantwortung tragen, entscheiden damit täglich über Leben und Tod.

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