Aktuelle Daten zur Grippesaison 2019/2020 zeigen: COVID-19 tötet in einer anderen Klasse

Liebe Leser, wir wollen all denen, die sich darüber entzweien, ob die Grippe schlimmer ist als COVID-19 und all denen, die denken, es sei eine von grauen, dunklen, bis unbekannten Mächten eingefädelte Finte, um Bürgerrecht zu kassieren, ein paar Dinge zu bedenken geben. In diesem Post beginnen wir mit der Grippe, auf deren höherer Letalität eine Reihe nicht nur von Kommentatoren so hartnäckig beharren.

Um einmal ein Bild zu benutzen, das wir sehr passend finden: Diejenigen, die jetzt der Ansicht sind, eine Grippe sei schlimmer als COVID-19, die sind wie diejenigen, die am Hang stehen und ein Schneebrett lostreten: Ist ja nur ein Schneebrett. Das es ein paar Meter weiter zur Lawine geworden ist, das wollen sie nicht wissen.



Die Beobachtung von Influenza A und B gibt es seit Jahrzehnten. Die Grippesaison gibt es wohl seit es Menschen gibt, und seit es Menschen gibt, sind sie an Influenza gestorben. Bringen wir doch einmal ein paar Fakten ins Spiel. Das macht die Diskussion nicht nur einfacher, sondern auch informierter.

Das Robert-Koch-Institut, das dann, wenn es zeitnah reagieren soll, erhebliche Schwächen aufweist, ist dann, wenn man Daten aus der Vergangenheit sucht, noch dazu Daten, die an das RKI gemeldet werden müssen, eine gute Adresse, um einen Überblick über die Gefahr zu erhalten, die von einer “Grippe” ausgeht. Schon von einer Grippe zu sprechen, ist eigentlich falsch, denn “die Grippe” gibt es nicht:

“Seit der 40. KW 2019 wurden im Rahmen der virologischen Sentinelsurveillance der Arbeitsgemeinschaft Influenza des Robert Koch-Instituts 783 Influenzaviren identifiziert, darunter 338 (43 %) Influenza A(H1N1)pdm09- und 343 (44 %) Influenza A(H3N2)- sowie 102(13 %) Influenza B-Viren.”

Aber das nur am Rande. Die diesjährige “Grippe-Saison” hat in der 40. Kalenderwoche 2019 begonnen und geht so langsam ihrem Ende zu. Die Daten, die wir nun präsentieren, entstammen dem neuesten Influenza-Wochenbericht des RKI.



Demnach sind in Deutschland vom 4. Oktober 2019 bis zum 6. März 2020 rund 3,2 Millionen Arztbesuche wegen Symptomen, die einer Influenza zugeordnet werden, erfolgt. Für diesen Zeitraum gibt es 145.258 nachgewiesene Influenzafälle, in 23.276 Fällen war eine stationäre Behandlung notwendig, seit dem 4. Oktober 2019 sind 247 Menschen an Influenza verstorben.
In Prozentwerten: 4,5% nachgewiesene Influenzafälle unter allen Arztbesuchen, in 0,7% der Fälle war eine Hospitalisierung notwendig, die Sterblichkeit beträgt 0,008% an allen Verdachtsfällen, 0,17% an allen nachgewiesenen Influenzafällen und 1,1% an allen hospitalisierten Fällen.

Die 23.276 Influenza-Fälle, für die eine stationäre Behandlung notwendig wurde, verteilen sich über 23 Wochen à 7 Tage. Das macht insgesamt 145 Aufnahmen Krankenhäuser bundesweit und per Tag. Damit kommt ein Gesundheitssystem sehr gut zurecht, schon deshalb, weil Komplikationen in genau 1,1% der Fälle zu erwarten sind.

Bei SARS-CoV-2 ergibt sich ein vollkommen anderes Bild. Nicht nur die italienischen, auch die spanischen, die chinesische, von den iranischen wollen wir gar nicht reden, Krankenhäuser sind von der schieren Masse der Patienten, die intensive Behandlungsmethoden benötigen, überwältigt worden. Das, was man in letzter Zeit als “flatten the curve” hört, ist der Versuch, die Anzahl der Patienten, die zeitgleich in Krankenhäuser aufgenommen werden müssen, über Zeit zu strecken, damit nicht alle Betten in einem Krankenhaus und vor allem auf einer Intensivstation gleich überbelegt sind und Triage notwendig wird, also die Entscheidung eines Arztes, welchem Patienten eine Überlebenswahrscheinlichkeit zugeschrieben wird und welchem nicht. SARS-CoV-2 ist auch in anderer Hinsicht ein fieseres Virus als Influenza, wie wir hier beschrieben haben, und wie sich leicht daran ablesen lässt, dass COVID-19, die Krankheit, die aus SARS-CoV-2 resultiert, zwischen zehnmal im besten und achtzigmal im schlechtesten Fall tödlicher verläuft als eine Influenza.

Nun wird es welche geben, die die Zahlen vom RKI bestreiten und behaupten, dass die Influenza viel tödlicher ist als hier dargestellt. Es herrscht, wie wir einmal zurückgeben wollen, eine morbide Lust am Tod anderer, je mehr sterben, um so besser und wir betrachten das Quartettspiel, in dem die Karte mit den meisten Toten jeweils die niedrigere schlägt, mit einer Mischung aus Amusement und Entsetzen.

Wie dem auch sei, die Zahlen, die so gerne ins Feld geführt werden, um die Tödlichkeit von Influenza zu demonstrieren, sind keine REALEN Zahlen, es sind SCHÄTZUNGEN, Ergebnisse aus – witzigerweise – mathematischen Modellen, die in ihrer Art und Funktionsweise sehr an die Modelle erinnern, mit denen der Klimawandel vorhergesagt werden soll und deren Ziel darin besteht, Exzess-Mortalität zu berechnen, also Tote, die es in einem Jahr mehr gegeben haben soll als es sie in einem idealen Jahr gegeben hätte, wobei das ideale Jahr als eines definiert ist, in dem es keine Exzess-Influenza gab (und NUR keine Exzess-Influenza).

Bei solchen Berechnungen kommen dann Tabellen wie diese heraus:

Die Tabelle enthält KEINE realen Zahlen, sie enthält Schätzungen aus einem Modell, in das wiederum Schätzungen eingehen, nämlich die Schätzung der Exzess-Arztkonsultationen, der Exzess-Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und der Exzess-Hospitalisierungen. Verührt man die ganzen Schätzungen zu einem Einheitsbrei, dann kommen dabei Mortailitätsschätzungen heraus, die so sehr schwanken, dass es nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, ob die Daten überhaupt einen Sinn machen. Grippesaisons, wie die von 2009/2010, in denen es keine Exzess-Mortalität gegeben hat, stehen dann Grippesaisons gegenüber, wie der von 2012/2013, in der irgendwo zwischen 20.600 und 28.900 mehr Menschen an Influenza gestorben sein sollen als in einem idealen Jahr, in dem es keine Exzess-Mortalität gegeben haben soll (wem diese Vorgehensweise gefährlich nahe an Tautologie reicht, der hat einen Riecher für Logik). So schreibt selbst das RKI in einer seiner Publikationen:

“Die während einer Influenzasaison geschätzte Exzessmortalität unterliegt starken Schwankungen. Die Schätzungen reichen von 0,1 Todesfällen pro 100.000 Einwohner in der Saison 2000/01 bis zu 38 Todesfällen pro 100.000 Einwohner in der Saison 1995/96. Die Höhe der Exzessmortalität ist abhängig vom zirkulierenden Subtyp. Seit 1984/85 ist eine Saison, in der mehr als 50 % der am NRZ typisierten Isolate zum Subtyp A/H1N1 gehörten, mit einer eher geringen Übersterblichkeit assoziiert. Eine Influenzasaison mit einer geschätzten Exzesstodesfallzahl von über 20.000 wurde bis auf eine Ausnahme in den Jahren geschätzt, bei denen der Subtyp A/H3N2 dominierte (> 50%).”

Nimmt man das alles einmal hin und beharrt, wie all diejenigen, die partout mehr Leute an Grippe sterben sehen wollen als an SARS-CoV-2, auf den Ergebnissen, dann stellt sich die Frage nach der Grundlage der Schätzungen von Exzess-Konsultationen und Exzess-Hospitalisierungen. Nun, die Grundlage sind genau die Daten, die im Influenza Wochenbericht des RKI veröffentlicht werden, für die aktuelle Saison sind das 247 an der Influenza in Deutschland Gestorbene.

Die SARS-CoV-2-Saison hat gerade erst begonnen und in ein paar Tagen wird man sich wünschen, die 247 Toten wären wirklich das Limit gewesen, das diesem Coronavirus gesetzt ist. Wie die italienischen Zahlen zeigen, ist es das aber mitnichten. Kurz: Leute, wacht auf! SARS-CoV-2 ist eine ernste Gefahr, und es hilft nichts, den Kopf in den Sand zu stecken und sich mit absurden Theorien oder der Behauptung, die Grippe sei schlimmer, Mut zu machen, schon weil Influenza-Viren an die Grenze von Immunität stoßen, die ihre Ausbreitung verhindert, während SARS-CoV-2 keine solche Grenze hat, denn es gibt keine Menschen, die bislang Immunität gegen SARS-CoV-2 entwickelt hätten. Einer exponentiellen Ausbreitung steht damit nichts im Wege.



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