2 Meter Abstand bzw. ein Meter Abstand zu anderen, wenn man der WHO Glauben schenkt (es soll ja immer noch welche geben, die das tun), sollen ausreichen, um vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 sicher zu sein. Die zwei Meter Regel hat sich so sehr durchgesetzt, dass man beim Einkaufen bei Tesco z.B. mit Trennstrichen auf dem Boden konfrontiert ist, die im Abstand von zwei Meter anzeigen, wo man als Kunde darauf warten muss, in den Laden gelassen zu werden. Das Ganze wirkt etwas surreal und übertrieben, vor allem wenn man dann im Laden auf andere Kunden „auffährt“. But here we are. Zwei Meter Abstand müssen schon sein.
Die zwei Meter Abstand sind das Ergebnis alter Theorien darüber, wie Atemwegserkrankungen von Mensch zu Mensch übertragen werden.
Der deutsche Hygeniker Carl Flügge (1847 – 1923) ist wohl der erste, der Erreger in Tröpfchen nachgewiesen hat, die groß genug waren, um den Erreger einzuschließen. Als Folge wurde angenommen, dass die Übertragung von Erregern wie z.B. N1H1 (Influenza A Subtyp) über Tröpfen erfolgt, die von einem Infizierten z.B. ausgehustet und von einem nicht Infizierten aufgenommen werden.
Die Unterscheidung in große Tröpfchen und kleine Tröpfchen, also Aerosole wird bis heute z.B. von der WHO benutzt, um die Distanz zu bestimmen, die notwendig ist, um einer Ansteckung zu entgehen. Dabei wird die Frage, wo die Grenze zwischen einem großen und einem kleinen Tröpfchen verläuft, eher willkürlich beantwortet, zumeist mit der Unterscheidung von Tröpfchen-Durchmessern (z.B. 5μm vs. 10μm).
Alles, was derzeit an Vorsichtsmaßnahmen und Empfehlungen dazu, wie viel Abstand man halten muss, um vor einer Ansteckung mit Influenza oder SARS-CoV-2 sicher zu sein, im Umlauf ist, basiert auf dem Beschriebenen. Man kann es bei Lydia Bourouiba nachlesen, die gerade einen Beitrag im JAMA (Journal if the American Medical Association) veröffentlicht hat, der Vorsichtsmaßnahmen und Empfehlungen, wie sie derzeit praktiziert und gegeben werden, mit einem Schlag vom Tisch wischen könnte – weil sie der Realität nicht ansatzweise gerecht werden.
Was hier zu sehen ist, nennt Bouroubia eine multiphasen turbulente Gaswolke. Eine solche Wolke entsteht z.B. wenn ein Mensch niest oder hustet. Das besondere an dieser Wolke: Sie umschließt und transportiert Tröpfchen in aller Größe und in diesen Tröpfchen Erreger. Umgeben von dieser Gaswolke können Tröpfchen jeder Größe länger überleben und weiter transportiert werden, als bislang angenommen. Nicht nur, dass kleine und große Tröpfchen Entfernungen von bis zu 8 Metern überbrücken können, ihre Überlebensfähigkeit wird auch bis zum 1000fachen erhöht. Die Entfernung, die Tröpfchen innerhalb einer Gaswolke zurücklegen können, hängt auch von der Intensität, mit der sie ausgehustet oder ausgeniest werden, ab. Da SARS-CoV-2 einen besonders heftigen Husten mit sich bringt, könnte dies eine Erklärung für die hohe Übertragbarkeit des Virus sein. Eine feucht-warme Umgebung wirkt sich positiv auf Überlebensfähigkeit und die Distanz, die Tröpfchen innerhalb der Gaswolke zurücklegen können, aus. Für große Tröpfchen bedeutet dies, dass sie über die unmittelbare Umgebung des Niesers hinaus, Oberflächen mit Erregern kontaminieren können. Für Aerosole bedeutet dies, dass sie stundenlang in der Luft verbleiben können, insbesondere wenn Klimaanlagen oder andere Formen der künstlichen Ventilation vorhanden sind. Die Tatsache, dass man in der Ventilation der Zimmer von COVID-19 Patienten SARS-CoV-2 gefunden hat, wird durch diese neue Beschreibung der Verbreitung von Viren und anderen Erregern erklärt.
Hier findet sich ein Video, das zeigt, wie sich eine multiphasen turbulente Gaswolke verbreitet, nachdem sie ausgeniest wurde.
Die Abstandsregeln, die derzeit in den meisten Ländern praktiziert werden, sind, wenn richtig ist, was Bourouiba schreibt, nicht ansatzweise ausreichend.
Wie schützt man sich: Mit Masken. Masken verhindern, dass Infizierte die Umgebung mit SARS-CoV-2 im wahrsten Sinne des Wortes einnebeln. Und sie bieten einen gewissen Schutz vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 über Mund und Nase. Weiter ungeschützt lassen Masken die Augen, weshalb es für Ärzte und Pfleger unerlässlich ist, auch einen Augenschutz zu tragen.
Die Ergebnisse von Bourouiba passen im Übrigen zu der Studie aus China, die wir hier besprochen haben. Forscher um Hu Shixiong konnten zeigen, dass ein Infizierter, der eine Busreise angetreten hat, 8 Mitreisende, die zum Teil bis zu 4,5 Meter von ihm entfernt saßen, angesteckt hat. Ein neunter Reisender hat sich im selben Bus infiziert, 30 Minuten nachdem Patient Zero den Bus verlassen hatte. Die Langlebigkeit von Aerosolen und die weite Verbreitung von Tröpfchen innerhalb einer multiphasen turbulenten Gaswolke kann die Ergebnisse von Shixiong sehr gut erklären.
Bourouiba, Lydia (2020). Turblent Gas Clouds and Respiratory Pathogen Emissions. Potential Implications for Reducing Transmission of COVID-19. JAMA.
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