Sterben die Italiener an Luftverschmutzung und nicht an COVID-19? Ad-hoc-Behauptungs-Galore

Das Spannende an Krisen wie der derzeitigen COVID-19 Krise ist u.a. das urplötzlich Experten, von denen man all die Jahre nichts gehört hat, aus dem Off einfallen und ihre ad-hoc-Hypothesen äußern, was eine ohnehin schon problematische Situation nicht einfacher macht.

Um ein wenig Methode voranzustellen – eine ad-hoc-Hypothese zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine Beobachtung durch die Herstellung einer Assoziation erklären will. Z.B.: Wenn es blitzt, dann ist Zeus ärgerlich. Ad-hoc-Hypothesen sind nicht an sich ein Problem, sie werden zu einem Problem, wenn man sie a) nicht prüfen kann oder b) obwohl man sie prüfen kann, nicht prüft.



Und so gibt es einerseits eine große Zahl von Wissenschaftlern, die sich in ihren Labors bemühen, Eigenschaften von SARS-CoV-2 zu beschreiben und herauszufinden, was dieses neue Virus so leicht übertragbar und damit gefährlich macht. Sie führen Experimente unter kontrollierten Bedingungen durch, testen Hypothesen, verwerfen Hypothesen und publizieren die bestätigten Hypothesen. Andere sammeln sich mühsam Daten zusammen und suchen nach Regelmäßigkeiten in diesen Daten, die einen Zusammenhang, eine Korrelation mit der Häufigkeit oder Leichtigkeit der Übertragung von SARS-CoV-2 oder der Schwere einer Erkrankung an COVID-19 aufweisen.

Und dann gibt es das, was man früher “arm-chair scientist”, manche auch derber Afterwissenschaftler genannt hat, Personen, die die Stirn in tiefe Falten legen, intellektuell tun, die vermeintliche Intellektualität durch ein paar Anekdoten würzen, um Erfahrung zu gaukeln und auf dieser Grundlage ad-hoc-Hypothesen aufstellen, zumeist in Form von Zusammenhangsbehauptungen. Dies an sich wäre – wie gesagt – nicht problematisch, hätte es damit nicht sein Bewenden: Der angebliche Wissenschaftler wirft mit gerunzelter Stirn seine Bedenken in den Ring, verkündet gestützt durch bestenfalls Plausibilitäten, was er sich gerade ausgedacht hat, und das war es. Er versucht, seine ad-hoc-Hypothese nicht zu testen, nicht zu falsifizieren, er verkündet sie, als wäre sie eine Selbstverständlichkeit, verpackt sie in Kritik an der bisherigen Erklärung und fischt auf diese Weise all die einfachen Gemüter ab, die man mit ad-hoc fabulierten und in keiner Weise geprüften, rein auf Plausibilität (oder eben nicht) basierenden ad-hoc-Behauptungen abfischen kann, weil sie nur darauf gewartet haben, etwas Entsprechendes präsentiert zu bekommen.

Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wordag, der seine offensichtlich unbefriedigende Karriere beim Gesundheitsamt Flensburg für ein Bundestagsmandat aufgegeben hat, ist ein solcher Fall. Er verkündet munter seine Assoziationen und macht keinerlei Anstalten, diese Assoziationen zu prüfen. Aber das muss er auch nicht, denn die Menge derer, die willig aufnehmen, was er verbreitet, ist groß, so dass er – getragen vom Enthusiasmus seiner Gefolgsleute -, bislang um die Notwendigkeit, seine ad-hoc-Behauptung anhand von Daten zu prüfen und zu belegen, herumgekommen ist.


 

Auch die neueste ad-hoc-Behauptung, die man schon am 19. März in der Alpenprawda bewundert konnte und die wohl auf den Mainzer Arzt Sucharit Bhakdi zurückgeht, gehört in diese Klasse. Die vielen Toten in Italien, die seien auf Luftverschmutzung zurückzuführen, verkündet er und verweist ausgerechnet auf Japan, weil dort mit die frühesten Fälle von COVID-19 außerhalb von China zu verzeichnen waren, aber bislang kein exponentieller Anstieg bei COVID-19 Erkrankungen zu beobachten ist. Eindimensionale Erklärungen wie diese haben gemeinhin das Problem, das sie dann, wenn man eine zweite Variable hinzuzieht, in sich zusammenbrechen. Das ist in diesem Fall gar nicht notwendig, denn die Luft in Japan ist hoch belastet (und nicht etwa sauber), verschmutzt, wie das eben in urban geprägten Ländern der Fall ist. Die Science Times hat die Luftverschmutzung in Japan erst letztes Jahr zum Anlass für einen ausführlichen Beitrag genommen.

Die aktuellen Daten der OECD, die wir uns zu diesem Zweck besorgt haben, zeigen das folgende Bild. Dargestellt ist die Exzess-Mortalität, die auf Luftverschmutzung zurückgeführt werden soll (wir haben mit solchen Berechnungen, wie wir hier dargestellt haben, unsere Probleme, aber für das vorliegende Argument ist das unerheblich, denn das Argument “Luftverschmutzung”, so es denn eines ist, basiert auf einer Assoziation mit eben diesen Daten).

Das Bild, das die Daten der OECD zeichnen, ist das, was man eine Falsifikation nennt. Die ad-hoc-Hypothese aus Mainz ist gerade in sich zusammengefallen:

Quelle: OECD

In Europa gibt es derzeit zwei Länder, die man als Hot-Spot von COVID-19 bezeichnen kann: Spanien und Italien und ein Land, das man als Mysterium bezeichnen muss: Deutschland. Während in Spanien und Italien Menschen wie die Fliegen an COVID-19 sterben, derzeit steht die Zählung bei 1.725 Toten in Spanien und 4.825 in Italien, auch in Frankreich (562 Tote) und dem Vereinigten Königreich (240 Tote) ist COVID-19 intensiv am Werk, ist in Deutschland die Zahl der Toten mit 93 sehr gering, steht in keinem Verhältnis zur Anzahl derjenigen, die positiv auf COVID-19 getestet wurden.

Aber gut, lassen wir das so stehen. Luftverschmutzung, so zeigt die Abbildung oben, ist in Deutschland schlimmer als in Italien, fordert, gerechnet auf 1.000.000 Einwohner, in Deutschland mehr Tote, deutlich mehr als in Japan, Spanien, dem Vereinigten Königreich oder Frankreich. Und doch ist COVID-19 in Deutschland viel zurückhaltender als in den anderen Ländern, mit anderen Worten, die oben dargestellten Daten zeigen für Deutschland das Gegenteil dessen, was behauptet wird: Mehr Luftverschmutzung ist mit weniger Toten assoziiert, anders als dies in Italien, Spanien, Frankreich, Japan, oder im Vereinigten Königreich der Fall ist.



EUROSTAT erfasst die Sterblichkeit in den Mitgliedsstaten der EU auf Grund von Atemwegserkrankungen. Luftverschmutzung sollte Erkrankungen der Atemwege als Todesursache prominenter machen.

Ein Blick in die sechste Spalte, in der auf 1.000.000 Einwohner standardisierte Sterbeziffern dargestellt sind, zeigt, dass – einmal mehr – Deutschland vor Italien liegt: Während pro 1.000.000 Einwohner in Deutschland 71 Menschen an einer Erkrankung der Atemwege sterben, sind es in Italien 62, in Spanien 93, in Frankreich 57 und im Vereinigten Königreich 136. Bestünde ein Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung, Erkrankung der Atemwege und COVID-19 Toten, dann müsste das Vereinigte Königreich die Liste anführen, gefolgt von Spanien, Deutschland, dann erst Italien und Frankreich. Abermals entspricht dies nicht der Reihenfolge die sich bei COVID-19-Toten einstellt. 

Nun ist COVID-19 ein Prozess, der in den genannten Ländern zu unterschiedlichen Zeiten begonnen hat, was bedeuten kann, dass sich die Anzahl der Toten in Italien und Deutschland annähern könnte. Sollte ein Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung, Atemwegserkrankungen und COVID-19 bestehen, dann wäre das jedoch eine schlechte Nachricht für Deutschland, denn als Folge davon, müsste man für Deutschland weit mehr Tote prognostizieren, als es in Italien bislang schon gibt. Das ist sicher nicht die Intention derer, die diese neue ad-hoc-Hypothese aufgebracht haben, um Italien zum Sonderfall zu erklären, der mit Deutschland nichts gemein habe. Wenn der Zusammenhang mit Luftverschmutzung wie behauptet besteht, dann ist Italien kein Sonderfall, sondern ein Indikator für das, was Deutschland noch bevorsteht. 

Gut, dass die Daten der OECD die Behauptung, dass es einen Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und den vielen Toten in Italien gibt, erst einmal falsifizieren. Aber natürlich sind Menschen mit Atemwegserkrankungen, wie auch immer sie zu diesen gekommen sind, in höherem Maße durch COVID-19 gefährdet als Menschen, die keine Atemwegserkrankungen haben. Da sich COVID-19 zunächst im Rachen und später in der Lunge einnistet, sind Menschen, die eine Vorerkrankung der Atemwege mitbringen, in größerer Gefahr, an COVID-19 zu sterben. Das ist die eigentlich schlechte Nachricht, denn die Anzahl derjenigen, die an Atemwegserkrankungen leiden, folgt dieser Reihenfolge:

  • Vereinigtes Königreich;
  • Spanien
  • Deutschland
  • Italien
  • Frankreich

Wenn Italien der Maßstab für die anderen Länder sein sollte, dann wäre das eine Katastrophe. 

Abschließend noch ein Wort zur Kausalität. Wenn ein Mensch an COVID-19 stirbt, also an Herz- oder Nierenversagen stirbt, an einem septischen Schock zugrunde geht oder schlicht erstickt, dann ist COVID-19 die Ursache des Todes. Wenn dieser Mensch eine Vorerkrankung der Atemwege mitgebracht hat, dann ist dessen ungeachtet COVID-19 die Ursache seines Todes, denn er wäre nicht zum Zeitpunkt, zu dem er gestorben ist, gestorben, wenn die Erkrankung an COVID-19 nicht hinzugekommen wäre. 

Es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass COVID-19 ein Killer ist, der Schwachstellen im menschlichen Immunsystem ausnutzt, um seinen Wirtskörper zu zerstören. Ehrlich gesagt ist uns auch nicht nachvollziehbar, warum man diese Offensichtlichkeit bestreiten wollte. Wem dies ein so großes Bedürfnis ist, der sollte sich einmal fragen, warum ihm das ein so großes Bedürfnis ist und vielleicht professionellen Rat in den auf Fragen der Psyche spezialisierten Berufen nachfragen. 



Fakten zu SARS-CoV-2/COVID-19:




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