Ist die SARS-CoV-2 Epidemie in Deutschland beendet?

Die Infektionswelle ist vorbei.” Auf der Achse des Guten hat Gunter Frank ihr Ende verkündet. Wollen wir hoffen, dass sich SARS-CoV-2 auch an das Franksche Verdikt hält.
Frank weiter:

“Die neuesten Zahlen bestätigen ziemlich eindeutig die These, dass wir es auch dieses Jahr mit einer Winterepidemie zu tun hatten, die im April ausläuft. In einigen Ländern hat sie mehr Opfer gefordert als die Influenza 2018, in anderen weniger, so wie es auch 2018 Länder gab mit seinerzeit besonders vielen Opfern, wie in Deutschland, oder weniger, wie in Schweden. Die Epidemie ist vorbei – schon lange. Was wir derzeit noch messen, ist nichts anderes als das Grundschwirren eines jeden Virustests zu jeder Zeit.”

Der Ausbruch von SARS-CoV-2 war nichts weiter als eine Winterepidemie, die im April ausläuft und nicht schlimmer ist, als eine Influenza oder vielleicht mäßig schlimmer.

Eine erstaunliche Feststellung von einem Dr. med.



Beginnen wir bei der Influenza. Influenza hat die Angewohnheit, unter jungen Menschen eine weit höhere Zahl an Infizierten zu fordern als unter alten. Bei SARS-CoV-2 ist das bislang umgekehrt. Das macht beide nicht vergleichbar.

Eine normale Influenza-Saison wird nicht zur Pandemie. SARS-CoV-2 ist eine Pandemie, nach wie vor. Das macht Influenza und SARS-CoV-2 ein weiteres Mal nicht vergleichbar.

Die letzte Influenza Pandemie gab es im Jahre 2009. Verursacher war H1N1pdm09, besser bekannt als Schweinegrippe. Weltweit hat H1N1pdm09 rund ein Viertel der Weltbevölkerung heimgesucht. Zum Glück hat sich das 2009 zuerst in Mexiko aufgetauchte Influenza-Virus als recht harmlos herausgestellt, soweit man bei 284.500 Toten weltweit von harmlos sprechen kann. Die 284.500 Toten gab es in der Zeit vom April 2009 bis zum August 2010. H1N1pdm09 war insofern ein interessantes Virus als es auf keinerlei Immunität bei Kindern, aber auf eine vorhandene bei älteren Menschen getroffen ist.

Eine sehr gut gemachte Studie von Dawood et al. (2012), die im Lancet veröffentlicht wurde, hat die, weit höhere Anzahl von Toten als damals von der WHO gemeldet (die WHO ist von 18.500 Toten ausgegangen) errechnet. Für Deutschland wurde eine Mortalität von weniger als 0.05% errechnet. 80% der Verstorbenen waren jünger als 65 Jahre, eine Umkehrung der Verhältnisse, die SARS-CoV-2 geschaffen hat. Die meisten Toten waren in Asien und Afrika zu verzeichnen, weil dort die medizinische Versorgung nicht auf dem Niveau vorhanden ist, wie sie in Europa und Nordamerika zu finden ist.

H1N1pdm09 ist nach dem August 2010 nicht verschwunden. Wenn Sie im Winter an einer Influenza erkranken, dann haben Sie eine hohe Wahrscheinlichkeit, an H1N1pdm09 erkrankt zu sein. Die Pandemie aus dem Jahre 2009 ist also immer noch nicht zuende, im Gegenteil: Sie kommt regelmäßig wieder. Aber H1N1pdm09 ist relativ harmlos und es gibt Medikamente, die gegen H1N1pdm09 geholfen haben und mittlerweile einen Impfstoff, deshalb hört man nichts mehr von der Schweinegrippe.

H1N1pdm09 vereint wie alle Influenzaviren eine hohe Viralität (man kann sich leicht anstecken) mit einer sehr geringen Mortalität (nur wenige sterben daran).

SARS-CoV-2 vereint eine hohe Viralität mit einer Mortalität, die – wenn auch nach wie vor nicht bekannt ist, wie hoch sie tatsächlich ist – doch deutlich höher ist als die von H1N1pdm09 oder anderen Influenzaviren.

Und die SARS-CoV-2 Pandemie ist mitnichten zuende, wie Frank behauptet. Im Gegenteil, die Anzahl der Infizierten ist weltweit in den letzten Wochen stetig gestiegen:


Ein Virus hält sich bekanntermaßen nicht an Grenzen, was einmal unbemerkt einreisen konnte, kann es auch ein zweites Mal. Was einmal den Weg aus einem Land in ein anderes Land gefunden hat, findet diesen Weg auch ein zweites Mal. Angesichts von täglich mehr als 100.000 neuen Infektionen und mehr als 3.000 täglich an COVID-19 Sterbenden, von einem Ende der Pandemie zu sprechen, das geht nur, wenn man mit seiner Weitsicht genau da endet, wo die Grenze eines anderen Landes anfängt. Früher hat man einen solchen Kirchturmblick als problematisch angesehen, weil er verhindert, dass man Gefahren, die einem jenseits der selbst gesetzten Sichtgrenze drohen, nicht zur Kenntnis nimmt. Heute ist es wohl schick, derartige Selbstbeschränkungen vorzunehmen, vorausgesetzt, sie passen zur Ideologie. SARS-COV-2 hat übrigens in den knapp drei Monaten, die die Pandemie andauert, schon mehr Menschen getötet, als im Zuge von H1N1pdm09, eine Influenza-Pandemie, die man als mittelschwer bezeichnen kann, verstorben sind. Das ist ein guter Schnitt.

Aber die Pandemie ist ja vorbei, denn, so Frank, SARS-CoV-2 halte sich an die Jahreszeiten. Grippesaison ist immer im Winter, von Mitte/Ende Oktober bis Mitte/Ende April. Wir sind im Juni. Die Saison für SARS-CoV-2 ist vorbei. Diese Aussage von Frank ist besonders seltsam, denn die Grippesaison ist natürlich an die kalte Jahreszeit und die erhöhte Anfälligkeit für Viren geknüpft und daran, das Influenza-Viren es im Sommer schwieriger haben, sich zu verbreiten.

In Brasilien ist es derzeit Herbst. Es geht in den Brasilianischen Winter, der sich darin vom Sommer unterscheidet, dass es im Durchschnitt nur noch 25 Grad Celsius anstelle von 27-30 Grad Celsius warm wird und weniger regnet. SARS-CoV-2 ist davon unbeeindruckt, wie die folgende Abbildung zeigt:

Man muss aus dieser Abbildung den Schluss ziehen, dass SARS-CoV-2 nicht empfindlich für warme Temperaturen ist, sich also nicht an die Saisonalität hält, die Influenza-Viren auszeichnet. Warum Frank dennoch meint, die entsprechende Behauptung für SARS-CoV-2 aufstellen zu können, ist uns ein Rätsel.



Wem Brasilien zu groß und damit klimatisch zu variabel ist, für den haben wir Peru, einen weiteren der südamerikanischen Hotspots. Auch in Peru ist Herbst, also weniger Regen und etwas weniger heiß, auch in Peru steigen die Fallzahlen.

Die Behauptung, SARS-CoV-2 sei ein saisonales Virus, das sich an die Grippesaison halte, kann letztlich dahingehend operationalisiert werden, dass die Virulenz von Infektionen in der nördlichen und südlichen Hemisphäre verschieden sind. Das sind sie aber nicht. In Südamerika gibt es dasselbe Problem mit SARS-CoV-2, das es auch in Nordamerika gibt. Temperatur spielt offenkundig für die Verbreitung des Virus nur eine untergeordnete Rolle. Kurz: SARS-COV-2 ist nicht saisonal. Es besteht daher eine erhebliche Gefahr für eine zweite Welle, zumal es schon Länder gibt, die ihre zweite Welle erleben. Der Iran gehörte zu den ersten Ländern, die stark von SARS-CoV-2 betroffen waren. Die Pandemie hat dort im Winter begonnen und sie verstärkt sich nun, da es in den Sommer geht, wieder zur zweiten Welle:

Wenn jemand noch einen Beleg dafür benötigt, dass SARS-CoV-2 keinerlei Saisonalität kennt, die Abbildung oben liefert ihn.

Wenn man die Epidemie für Deutschland, für beendet erklären will, dann muss man also seine Wahrnehmung auf

  • Deutschland beschränken,
  • verordnen, dass für Viren nach dem Mai 2020 keinerlei Einlass nach Deutschland mehr gewährt wird,
  • das gerade wieder vieldiskutierte Problem asymptomatischer Infizierter vollkommen ignorieren,
  • alle Indizien, die gegen die Annahmen einer Saisonalität sprechen, ignorieren,
  • jede Wahrscheinlichkeit für eine zweite Welle leugnen,
  • und eine Möglichkeit finden, die positiven Tests, die es nach wie vor gibt, zu diskreditieren,

Der Versuch zu Letzterem nimmt bei Frank die folgende Form an:

Aufmerksame Leser haben den kleinen Taschenspielertrick, den Frank hier anwendet, natürlich bemerkt. Die Prozentangaben, die Frank für Tests ausgebuddelt hat, die ein falsches positives Ergebnis erbringen, beziehen sich natürlich auf alle Tests, die in einem Zeitraum ein positives Ergebnis erbracht haben. Das ist offenkundig, denn dass ein Test ein falsches positives Ergebnis erbracht hat, das kann man nur wissen, wenn ein Test gemacht wurde und ein positives Ergebnis erbracht hat. 1,4% falscher positiver Tests bezieht sich also auf die Gesamtzahl positiver Tests, 1,4% von 1,7%, das sind 0,024% (für die 9,8% gilt dies entsprechend, so dass insgesamt 11,2% der positiven Tests ein falsches Ergebnis erbringen). Dagegen beziehen sich die 1,7 Prozent positiver Testergebnisse auf ALLE TESTS die ausgeführt wurden, 0,187% davon erbrachten ein falsches positives Ergebnis.

Die beiden Prozentzahlen haben eine andere Basis.
Sie sind nicht miteinander vergleichbar.
Frank vergleich sie dennoch.
Warum?

Die Antwort auf diese Frage findet man vielleicht dann, wenn man die Antwort auf die Frage findet, warum Frank nicht seinen Lesern nicht erzählt, dass die Ergebnisse, die er berichtet, aus einem INSTAND-Ringversuch stammen, bei dem 7 verschiedene Proben an Labore verschickt wurden, die sich Tests auf SARS-CoV-2 ausführen und dazu die Tests unterschiedlicher Hersteller verwenden. Ziel des Ringversuchs war es, die besten Hersteller von RT-PCR Tests zu identifizieren und zu zertifizieren. Die Ergebnisse, die in der folgenden Tabelle dargestellt sind, beziehen sich auf die Ergebnisse, die aus 463 teilnehmenden Laboren für die versandten Proben zurückgeschickt wurden. In der Tabelle sind unterschiedliche Testmethoden dargestellt. Die Ergebnisse für die unterschiedlichen Anbieter finden sich im weiteren Verlauf der Publikation, die man hier nachlesen kann. Was in der Tabelle dargestellt ist, sind die Erfolgsraten unterschiedlicher Testorte für unterschiedliche Anbieter von RT-PCR-Tests. Ein Zertifikat erhält nur ein Anbieter, der durchweg eine 1000%ige Erfolgsquote mit seinem Test aufweisen kann. Jenseits davon zeigt diese Tabelle eindeutig, dass Frank seinen Lesern Prozentwerte unterjubeln will, die sich auf eine ganz andere Grundgesamtheit beziehen, sie beziehen sich auf sieben Testproben, die von 463 Laboren mit verschiedenen RT-PCR-Tests unterschiedlicher Hersteller untersucht worden. Die Grundgesamtheit ist die Menge der positiven Tests, nicht die Menge der durchgeführten Tests.

Wie man der Tabelle entnehmen kann, sind 92,8% ALLER POSITIVEN TESTS korrekt. Übertragen auf die 1,7% positiv Getesteter bei Frank bedeutet dies, dass sich darunter 0,1224% falsche Tests befinden. 

Für die, die es interessiert: Hier die Charakteristika der sieben Proben, die verschickt wurden:

Warum Frank derartige Fake News verbreitet, wie er es in seinem zitierten Beitrag tut?

Your Guess.

Nur der Vollständigkeit halber, wo es false positiv Tests gibt, gibt es natürlich auch false negative Tests. Die Wahrscheinlichkeit für Letztere ist etwas höher als für Erstere, weil die Zuverlässigkeit der Tests mit der Virenlast zusammenhängt. Wer wenig SARS-CoV-2 zum Zeitpunkt des Tests mit sich herumschleppt, hat eine geringere Wahrscheinlichkeit, positiv getestet zu werden, obwohl er Träger des Virus ist. Wer eine Pandemie für beendet erklären will, sollte auch diese Wahrscheinlichkeit in Rechnung stellen und nicht nur die, die seiner Behauptung zuträglich ist.




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