Blacklist: Männerdiskriminierung an Hochschulen (#MenDiscrimination)

ProfessorrinnenprogrammWir haben wiederholt davon berichtet, dass männliche Bewerber auf Positionen an Universitäten derzeit offen diskriminiert werden. Die Diskriminierung ist dabei regelmäßig das Resultat eines Landesprogramms zur  Förderung von z.B. einer “geschlechtergerechten Hochschule” oder des vom BMBF koordinierten Professorinnenprogramms. In jedem Fall ist das Ergebnis der entsprechenden Programme eine offene Diskrminierung männlicher Bewerber, was bedeutet, dass z.B. das Landesprogramm “geschlechtergerechte Hochschule” des Ministeriums für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes NRW “Geschlechtergerechtigkeit” dann verwirklicht sieht, wenn männliche Bewerber auf Lehrstühle oder Mitarbeiterstellen offen diskriminiert werden.

Ausgewählte Beiträge zur Diskriminierung von Männern an deutschen Hochschulen:

Innovation in NRWWie man sieht, leben wir in einer Zeit hochgradiger geistiger Verwirrung, in der versucht wird, durch Ungerechtigkeit, Gerechtigkeit herzustellen. Dass diese geistige Verwirrung (auch) an Universitäten ausgelebt wird, ist nicht nur alarmierend und erschreckend, es gefährdet nicht nur die Grundlagen der Gewinnung von Erkenntnis und somit von Kreativität, Innovation, Fortschritt und letztlich Wohlstand, es ist auch ein Ausverkauf von Bildung und ein krasser Bruch mit dem meritokratischen Prinzips, das erst die Fortrschritte in Kenntnis und Technologie, wie sie die letzten Jahrtausende gesehen haben, möglich gemacht hat.

Die entsprechenden Programme und die Versuche, Universitäten zu Satelliten der staatsfeministischen Ideologie zu machen, sind eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden, sie torpedieren wirtschaftlichen Fortschritt, sie zerstören die Bildung, die den Wohlstand westlicher Staaten erst möglich gemacht hat, und sie diskriminieren Individuen aufgrund willkürlicher Merkmale, in diesem Fall aufgrund von “Geschlechtszugehörigkeit”, zerstören deren Motivation und Lebenschancen.

Decision makingIn einer Zivilgesellschaft ist es für Individuen wichtig, ihre Entscheidungen informiert zu treffen. Wer an einer Hochschule studieren will, muss wissen, ob er Wissen oder Ideologie vermittelt bekommt. Er muss wissen, ob die Lehrstühle an seiner Hochschule von Personen besetzt sind, die sich aktiv an der Diskriminierung von Individuen beteiligen und sich entsprechend als Feinde der Meritokratie zu erkennen geben. Dies ist wichtig, denn die entsprechenden Professoren werden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die Qualität der Leistung von Studenten, sondern die Konkruenz der erbrachten Leistung mit ihrer Ideologie bewerten. Sie sind Feinde des wissenschaftlichen Fortschritts. Wer sich nach Abschluss seines Studiums mit dem Gedanken trägt, an der Universität zu bleiben, muss seine Entscheidung, sich auf eine Stelle zu bewerben, informiert treffen und z.B. wissen, ob die Universität oder Hochschule, an der er sich bewerben will, nach Geschlecht diskriminiert. Hochschulen, die z.B. Bewerber wegen ihres Geschlechts diskriminieren, sind keine Stätten der Bildung und des Wissens, sie sind Stätten der Ideologie an denen keine autonomen Denker, sondern abhängige Vasallen der herrschenden Ideologie zu finden sind.

Die vorliegende Blacklist dient dazu, Informationen, die notwendig sind, um eine informierte Studier- und Bewerbungsentscheidung zu treffen, breitzustellen und die Universitäten, die Bewerber aufgrund ihres Geschlechts diskriminieren, zu nennen, die für die Diskriminierung Verantwortlichen anzugeben und die Folgen und Günstlinge der Diskriminierung zu berichten.

Um die Blacklist auf aktuellem Stand halten zu können, sind wir auf die Mithilfe der Leser dieses blogs angewiesen. Wenn Sie auf Ausschreibungen an Hochschulen stoßen, die offen gegen männliche Bewerber diskrminieren, schicken Sie uns eine Email mit einem Link, und wir nehmen die entsprechende Hochschule in unsere Liste auf. Die im folgenden genannten Hochschulen sind bereits das Ergebnis entsprechender Hinweise, für die wir uns an dieser Stelle bedanken.

Wir haben zudem einen Hashtag (#MenDiscrimination) eingerichtet. Alle die eine Ausschreibung finden, die Männer diskriminiert, können die Ausschreibung per Hashtag (#MenDiscrinimation) über Twitter verbreiten bzw. uns mitteilen.

Hochschule Ausgeschriebene Stelle Verantwortlicher Günstling
Beuth Hochschule für Technik Berlin Professur für Systemprogrammierung und Verteilte Systeme Eine Förderung aus dem Professorinnenprogramm ist scheinheilig “vorgesehen”, bei einer solchen Förderung sind Bewerbungen männlicher Aspiranten Makulatur. Prof. Dr. Heike Ripphausen-Lipa noch nicht besetzt
Beuth Hochschule für Technik Berlin Professur für Sanitärtechnik Eine Förderung aus dem Professorinnenprogramm ist scheinheilig “vorgesehen”, bei einer solchen Förderung sind Bewerbungen männlicher Aspiranten Makulatur. Prodekan Professor Thomas Kretschmer noch nicht besetzt
Universität Bielefeld W3-Professur für Allgemeine Literaturwissenschaft/Neuere Deutsche Literatur im transnationalen Kontext – Die Stelle ist als Förderprofessur im Rahmen des Professorinnenprogramm ausgeschrieben. Gefördert werden ausschließlich weibliche Professoren, entsprechend kann die Professur nicht an männliche Bewerber vergeben werden. Dekan der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft, Prof. Dr. Kai Kaufmann derzeit noch unbesetzt
Universität Bielefeld W3-Professur für Allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Frühen Neuzeit – Die Stelle ist als Förderprofessur im Rahmen des Professorinnenprogramm ausgeschrieben. Gefördert werden ausschließlich weibliche Professoren, entsprechend kann die Professur nicht an männliche Bewerber vergeben werden. Dekan der Fakultät für Geschichtswissenschaften, Philosophie und Theologie, Prof. Dr. Angelika Epple derzeit noch unbesetzt
Hochschule der Künste Bremen W3-Professur für Figurative Malerei (befristet auf 3 Jahre) – Auch an der Hochschule der Künste Bremen ist nicht Leistung, sondern Geschlecht entscheidend: “Die Hochschule für KÜnste … wird im Rahmen des vom BMBF ausgeschriebenen Professorinnenprogramms gefördert und fordert Künstlerinnen/Wissenschaftlerinnen nachdrücklich auf, sich zu bewerben.” “Dezernat Personal” – endlich einmal eine Hochschule, die zugibt, dass Personalentscheidungen in der Verwaltung und nicht im Fachbereich/der Fakultät getroffen werden. Ausschreibung aus Oktober 2012. Wir recherchieren derzeit den Günstling
Universität Bremen Professur für den Aufgabenbereich Computational Data Analysis – je nach Qualität der Bewerberin als W1, W2 oder W3-Professur ausgeschrieben (Man ist nicht wählerisch an der Universität Bremen). Die Ausschreibung lässt an Deutlichkeit nichts, wohl aber sprachlich viel zu wünschen übrig: “Mit der Maßnahme Professorinnenprogramm des Zukunftskonzepts werden Professuren aus Exzellenzmitteln finanziert, die mit Professorinnen besetzt werden. Prodekan des Fachbereichs 3, Prof. Dr. Alfred Schmidt Ende der Ausschreibung war der 18. Januar 2013 – wir recherchieren derzeit den Günstling
Hochschule Fulda – University of Applied Sciences W2-Professur für Diätetik – Die Stelle ist als Förderprofessur im Rahmen des Professorinnenprogramm ausgeschrieben. Gefördert werden ausschließlich weibliche Professoren, entsprechend kann die Professur nicht an männliche Bewerber vergeben werden Prof. Dr. Karim Khakzar Präsident der Hochschule Fulda derzeit noch unbesetzt
Medizinische Hochschule Hannover Ausgeschrieben sind: Universitätsprofessur für Psychosomatik mit Schwerpunkt Transplantationsmedizin und Onkologie, Universitätsprofessur für Infektionsbiologie des Gentransfers, Universitätsprofessur für funktionelle Genomik. Alle drei Stellen sind explizit im “Rahmen des Professorinnenprogramms II” ausgeschrieben. Obwohl die Stellen nur mit weiblichen Bewerbern besetzt werden können, richten sich die Ausschreibungen auch an männliche Bewerber. Männliche Bewerber werden arglistig getäuscht. Präsident der Medizinischen Hochschule Hannover: Dr. med. Christopher Baum derzeit nicht besetzt
Christian-Albrechts-Universität Kiel Ausgeschrieben ist eine Vorgriffsprofessur für Prävention und Versorgung in der Zahlheilkunde, die zusätzlich für eine bestehende Professur geschaffen wird und im Rahmen des Professorinnenprogramms ausschließlich an weibliche Bewerber vergeben wird. Dekan der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität Kiel, Prof. Dr. Ulrich Stephani noch nicht besetzt
Christian-Albrechts-Universität Kiel Ausgeschrieben ist eine Vorgriffsprofessur für Informationssysteme, also eine Doppelbesetzung einer bereits vorhandenen Professur, die durch das Professorinnenprogramm gefördert wird und entsprechend nur weiblichen Bewerbern zugänglich ist. Dekan der Technischen Fakultät, Prof. Dr. Wilhelm Hasselbrink derzeit noch unbesetzt
Hochschule Koblenz Ausgeschrieben ist eine W2-Professur für Mathematik und Physik für Ingenieure, die bereits durch das Professorinnenprogramm gefördert wird. Eine Berufung männlicher Bewerber auf diese Stelle ist somit ausgeschlossen. Der Vorsitzende der Berufungskommission der Hochschule Koblenz, Prof. Dr. Andreas Huster derzeit noch unbesetzt
Universität Mannheim W3-Professur für anglistische Literatur- und Kulturwissenschaft. Die Ausschreibung erfolgt unter der folgenden Maßgabe: “Eine Förderung aus Mitteln des Professorinnenprogramms ist angestrebt”. Zu Deutsch: die Stelle wird nur an weibliche Bewerber vergeben. Dekan der philosophischen Fakultät Prof. Dr. Matthias Kohring derzeit noch unbesetzt
Ludwig-Maximilians-Universität München Die LMU zahlt eine Kopfprämie von 25.000 Euro für die Berufung weiblicher Beweber auf W1, W2 und W3 Professuren. Ein so genannter Gleichstellungsausschuss unter Vorsitz des Präsidenten der LMU, Prof. Dr. Bernd Huber. 10. Senatsbericht, S.24 derzeit in Bearbeitung
Westfälische Wilhelms-Universität Münster W3-Professur für Sprachdidaktik/Sprachwissenschaft des Deutschen – Die Stelle ist als Förderprofessur im Rahmen des Professorinnenprogramm ausgeschrieben. Gefördert werden ausschließlich weibliche Professoren, entsprechend kann die Professur nicht an männliche Bewerber vergeben werden Prof. Dr. Christoph Strosetzki, Dekan des Fachbereichs 09 / Philologie derzeit nicht besetzt
Westfälische Wilhelms-Universität Münster Ausgeschrieben ist eine Vorgriffsprofessur für Kunstgeschichte mit dem Schwerpunkt “Moderne”. Geschaffen wird also eine doppelte Professur, die nur im Rahmen des Professorinnenprogramms möglich und entsprechend nur weiblichen Bewerbern zugänglich ist. Der Dekan des Fachbereichs 8 Geschichte/Philosophie, Prof. Dr. Jürgen Heidrich derzeit noch unbesetzt
Hochschule Ostwestfalen-Lippe W2-Professur für Crossmedia-Journalismus
– Die Ausschreibung erweckt den Eindruck, männliche Bewerber hätten eine faire Chance. Da jedoch “eine Finanzierung aus dem Professorinnenprogramm angestrebt” wird, dienen männliche Bewerber nur als Staffage.
Präsident der Hochschule, Dr. Oliver Herrmann derzeit noch unbesetzt
Hochschule Rhein-Waal Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc) Gender und Ökonomie – Die Stelle ist ausschließlich für weibliche Bewerber ausgeschrieben. Männliche Bewerber werden durch das Landesprogramm “geschlechtergerechte Hochschule” von einer Bewerbung ausgeschlossen. Prof. Dr. Carola Bauschke-Urban, Lehrstuhl für Gesellschaft und Ökonomie. derzeit noch unbesetzt
Universität Tübingen W3-Professur für Medienwissenschaft (Schwerpunkt Medien und Gesellschaft)
Die ausgeschriebene Stelle ist an eine Förderung aus dem Professorinnenprogramm gekoppelt, was eine Besetzung mit einem männlichen Bewerber faktisch ausschließt.
Dekan der Philosophischen Fakultät, Prof. Dr. Jürgen Leonhardt derzeit noch nicht besetzt
Westsächsische Hochschule Zwickau “Professorin für Wirtschatsmathematik, Operations Research, W2. Männliche Bewerber sind von einer Bewerbung auf die entsprechende Stelle ausgeschlossen. Die Finanzierung erfolgt über das Professorinnenprogramm II Rektorat der Westsächsischen Hochschule in Zwickau derzeit noch nicht besetzt

Die Antidiskriminierungsstelle regt sich! Universität Bielefeld und BMBF müssen sich rechtfertigen

Am 22. Mai haben wir auf ScienceFiles die Frage gestellt:

Was macht eigentlich die Antidiskriminierungsstelle?

unibi_logoHintergrund der Frage sind zwei Stellenausschreibungen der Universität Bielefeld, in denen männliche Bewerber offen diskriminiert werden und die entsprechende Diskriminierung mit dem Professorinnenprogramm des BMBF und der Kultusministerien der Länder legitimiert wird.

Die entsprechenden Stellenausschreibungen finden sich hier und hier

Wir haben diesen offenen Bruch mit den Grundsatz der Gleichberechtigung, wie er im Grundgesetz (Artikel 3) formuliert ist, zum Anlass genommen, um an Dr. Alexander Sopp von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) zu schreiben und haben in diesem Schreiben Dr. Sopp und die ADS aufgefordert, tätig zu werden.

Und siehe da, die ADS regt sich, wie die folgende Antwort zeigt:

ADSSehr geehrter Herr Klein,

vielen Dank für Ihre Nachricht an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Wir haben Ihren Hinweis zum Anlass genommen, die Uni Bielefeld auf mögliche Verstöße gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz hinzuweisen und um Stellungnahme zu bitten. Allerdings gibt es keine Möglichkeit, gegen eine Stellenausschreibung vorzugehen. Eine diskriminierende Stellenausschreibung müsste von unterlegenen Bewerbenden in einem (gerichtlichen) Verfahren gerügt werden.

Des Weiteren haben wir das BMBF um Stellungnahme gebeten.

Über den Inhalt beider Stellungnahmen werden wir Sie baldmöglichst in Kenntnis setzen, sofern die Uni Bielefeld bzw. das BMBF einer Weiterleitung an Sie zustimmen.

Mit der Veröffentlichung des Schriftverkehrs mit Ihnen sind wir nicht einverstanden.
Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag
Dr. Sopp
Referent

Immerhin, die ADS ist aktiv geworden, und die Universität Bielefeld sowie das BMBF müssen sich zumindest erklären. Man darf gespannt sein, wie beide die offene Diskriminierung von männlichen Bewerbern rechtfertigen, vermutlich in der Weise, in der ein Fehde-Mörder seinen Mord damit rechtfertigt, dass man morden müsse, um zu sühnen und Recht wiederherzustellen. Wie dem auch sei, es tut sich was, wenngleich, wie man der Antwort von Dr. Sopp entnehmen kann, das, was sich tut, offensichtlich nicht öffentlich getan werden soll.

Wie dieses Post zeigt, habe ich mich nicht an das Veröffentlichungs-nicht-Einverständnis gehalten und dies Dr. Sopp auch, und zwar mit der folgenden Email, mitgeteilt. Die Frage, warum ein Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) nicht-öffentlich behandelt werden soll, kann jeder für sich beantworten. Wir von ScienceFiles sind der Ansicht, dass es keine Rechtfertigung dafür gibt, Rechtsverstöße öffentlicher Institutionen, die aus Steuermitteln finanziert werden, unter Ausschluß der  Öffentlichkeit zu behandeln:

SciencefilesSehr geehrter Herr Dr. Sopp,

vielen Dank für ihr Antwortschreiben auf unsere Email, in der wir Sie auf einen Verstoß gegen das AGG durch die Universität Bielefeld aufmerksam gemacht haben.

Es freut uns zu sehen, dass Sie Ihren Auftrag Ernst nehmen und dass Sie die Universität Bielefeld und das BMBF aufgefordert haben, Stellung zu nehmen.

Ihren Wunsch, den Schriftverkehr nicht zu veröffentlichen, kann ich nicht nachvollziehen. Zum einen ist der Vorgang längst öffentlich, da wir unsere Email an Sie veröffentlicht haben, und ich denke, es ist auch in Ihrem Interesse, wenn die vielen Leser von ScienceFiles erfahren, dass die ADS ihren Auftrag Ernst nimmt – auch mit Blick auf die vielfältige Kritik an der ADS und vor dem Hintergrund, dass mir eine ganze Reihe von Schriftwechseln zwischen Lesern von ScienceFiles und der ADS vorliegen, die den positiven Eindruck, den ich bislang in unserem Schriftwechsel gewonnen habe, nicht unbedingt bestätigen.

Zudem ist mir kein Gesetz bekannt, das die Veröffentlichung nicht vertraulicher Schriftwechsel, deren Inhalt von öffentlichem Interesse ist, untersagt, im Gegenteil: die grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit erfordert es gerade, die zwischen uns ausgetauschten Informationen einer breiten Öffentlichkeit in einer Zivilgesellschaft zugänglich zu machen, damit die Öffentlichkeit ihre zukünftigen Entscheidungen z.B. darüber, die ADS mit eigenen Anliegen zu betrauen, auf einer informierten Grundlage treffen kann.

Es ist im Übrigen sehr überraschend, dass Sie einen Briefwechsel, in dem es darum geht die Frage zu klären, ob öffentliche Ausschreibungen einer öffentlich-finanzierten Universität gegen ein Bundesgesetz verstoßen und ob ein Förderprogramm eines Bundesministeriums ebenfalls den Grundsätzen von Gerechtigkeit und Chancengleichheit nicht entspricht, vertraulich behandeln wollen. Auf diese Weise könnte die Öffentlichkeit den Eindruck gewinnen, dass hier etwas unter den Teppich gekehrt werden soll und gerade bei so sensiblen Gegenständen wie der Chancengleichheit wäre dies sicher nicht förderlich. Und sofern sich ein abgelehnter Bewerber auf eine der beiden Stellenausschreibungen der Universität Bielefeld zu einer Klage entschließt (eine nicht fernliegende Möglichkeit), wäre die fehlende Öffentlichkeit hier sicher ein Punkt, der vom Verwaltungsgericht in Bielefeld negativ gewertet werden würde. (Zudem gibt es ja noch die Möglichkeit an anderer Stelle als einem Verwaltungsgericht juristisch tätig zu werden.)

Schließlich ist es aus meiner Sicht wichtig, den Schriftwechsel öffentlich zu machen, da die Kontrollfunktion der Öffentlichkeit das einzige Instrument ist, mit dem man dem Eindruck von inter-admistrativem “Gemauschel”, der zum Beispiel dadurch entsteht, dass Sie der Universität Bielefeld und dem BMBF die Möglichkeit einräumen, ihre Stellungnahme vertraulich abzugeben, zuvorkommen und die Öffentlichkeit dahingehend versichern kann, dass ihre Institutionen nicht in nepotistischen Strukturen befangen sind.

Wenn die Universität Bielefeld in ihren Ausschreibungen männliche Bewerber diskriminiert und das BMBF die entsprechende Diskriminierung durch sein Professorinnenprogramm und durch partikulare und dem Gemeinwohl schädliche Interessen protegiert, ist die Kenntnis dieses Umstands im öffentlichen Interesse, und ich sehe daher keine Möglichkeit, von einer Veröffentlichung unseres Schriftwechsels abzusehen, vielmehr sehe ich die Notwendigkeit, ihn öffentlich zu machen.

Mit freundlichen Grüßen,
Michael Klein

ScienceFiles.org

Wie die Reaktion aus der ADS zeigt, lohnt es sich, öffentlich Druck zu machen. Deshalb wollen wir diesen Post dazu nutzen, all diejenigen aufzurufen, die zwar kopfschüttelnd am Rand stehen, es bislang aber noch nicht über sich gebracht haben, aktiv zu werden, sich als Unterstützer des Schreibens an die ADS zu melden. Je mehr Unterstützer sich melden, um so geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass hier etwas unter den Teppich gekehrt und “im nicht-öffentlichen Hinterzimmer” verhandelt wird.

Wer in die Liste der Unterstützer eingetragen werden will, möge uns eine Email schreiben.

Herz-Schmerz-Opus: Die ARD verfälscht munter Daten

Armut macht krankHeute findet sich auf Tagesschau.de ein Herz-Schmerz-Opus, in dem sich Sandra Stalinski über die fetten und diabetischen Armen auslässt. Die selbsternannte Reglementiererin der Armen wartet in ihrem Beitrag mit einer Reihe von Behauptungen, Daten und vermeintlichen Erkenntnissen auf, die allesamt eines gemeinsam haben: Sie sind falsch. Einmal mehr zeigt sich, dass Journalismus in Deutschland zum Betroffenheits-Fabulieren selbsternannter Möchtegern-Weltverbesserer geworden ist, einmal mehr zeigt sich, dass es derzeit in bestimmten Kreisen schick zu sein scheint, auf die fetten und rauchenden Unterschichtler zu schimpfen. Das ist natürlich meine deutliche Sprache, im Tagesschau.de geeigneten Deutsch heißt das: “Rauchen und Fettleibigkeit sind inzwischen ein Schichten und Bildungsproblem”, so wird Frank Ulrich Montgomery zitiert, der darüber hinaus alarmiert darüber sein soll, dass die “Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander” gehe, was wie er woher auch immer weiß, dazu führen müsse, dass sich “die Gesundheitsprobleme” [Gesundheitsprobleme halt, arme Unterschichtler werden schon ein Gesundheitsproblem haben, das man vermarkten kann] verschärfen.

Fangen wir damit an, dass “Armut krank macht”, wie der unsinnige Titel des ARD-Beitrags behauptet. Nun ist Armut ein Zustand, der als Zustand nicht krank machen, also einen anderen Zustand herbeiführen kann. Man muss die unsinnige Überschrift also transferieren, etwa in: “Arme sind häufiger krank als Nicht-Arme” oder “Kranke sind häufiger arm als Nicht-Kranke”. Beide Aussagen sind voneinander verschieden, und beide Aussagen geben keine Kausalität an. Genau das behauptet aber die Überschrift: Armut sei kausal für Krankheit. Entsprechend war schon meine Operationalisierung ein Entgegenkommen, denn die im unlogischen Raum frei flottierende Autorin impliziert allen Ernstes, dass wer nicht arm ist, nicht krank werden kann, denn Armut macht krankt, nicht Nicht-Armut.

Da es Kranke gibt, die nicht arm sind, ist diese Aussage offenkundig falsch. Mehr noch: Sie stimmt nicht einmal für Arme, denn, wie das Statistische Bundesamt endgültig festgestellt hat:

„Armut ist eine Situation wirtschaftlichen Mangels, die verhindert, ein angemessenes Leben zu führen. Da das Wohlstandsniveau in Deutschland deutlich über dem physischen Existenzminimum liegt, werden in Deutschland und in der EU meist die ‚relative Armut‘ und die ‚Armutsgefährdung‘ betrachtet“ (Deckl, 2011, S.151). Mit anderen Worten, die Armut, von der Stalinski in der ARD fabuliert, gibt es in Deutschland wenn überhaupt, so nur in verschwindend geringem Ausmaß und weil dem so ist, die Armutsforschung aber einen Gegenstand benötigt, behilft man sich mit dem Konzept der „relativen Armut“. Relativ arm sind diejenigen, die weniger als „60% des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens zur Verfügung haben“ (Deckl, 2011, S.151). Diese “relative Armut” ist der Gegenstand der “zahlreichen Studien” von denen Stalinski im ersten Absatz fabuliert, nicht absolute Armut wie Stalinski suggeriert.

Aber Stalinski beruft sich nicht auf die “zahlreichen Studien” zu relativer Armut: Um ihre unsinnge Behauptung zu stützen, dass nämlich Armut krank macht, missbraucht sie Daten aus der “Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland” (DEGS1), wobei interessanter Weise kein Beleg angegeben ist, damit niemand nachprüft, vermutlich. Hier zunächst, was Stalinski der “soeben veröffentlichten Studie des RKI [Robert Koch Institut] zum Thema [Armut macht krank]” entnommen haben will:

ARD Datenfaelschung“36,2% Prozent der Frauen mit niedrigem sozialen Status [sind] adipös, also fettleibig (Männer 28,8 Prozent), während es bei den Frauen mit höherem soziale Status nur 10,5 Prozent (Männer 15,5 Prozent) sind. Ähnlich verhält es sich bei Diabetes mellitus. 11,8 Prozent der sozial benachteiligten Frauen erkranken daran (Männer: 11 Prozent), während es bei den Frauen mit höherem sozialen Status nur 3,2 Prozent sind (Männer: 6,3 Prozent).” Weitere Ergebnisse finden sich in einer Tabelle, die ich hier als Abbildung eingefügt habe.

Wie gesagt, Frau Stalinski gibt die Quelle ihrer Erkenntnis, die entsprechende Veröffentlichung des RKI, der sie den Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit entnommen haben will, nicht preis. Wer die Reihe DEGS1 des RKI kennt, weiß, dass sie eine Vielzahl von Einzelpublikationen enthält, so dass man das Fehlen eines konkreten Belegs im Beitrag von Frau Stalinski als bewusste Unterschlagung werten muss. Unter diesen Einzelpublikationen findet sich eine Publikation mit dem Titel “Sozioökonomischer Status und Gesundheit”, von T. Lampert et al. und im Bundesgesundheitsblatt 56 (Mai 2013) veröffentlicht. Und es ist auf Seite 816 dieser Publikation, dass die Suche nach dem Ursprung der Daten von Stalinski erfolgreich ist.

Zunächst zum Gegenstand. Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass Lampert et al. ihren Beitrag mit “Sozioökonomischer Status …” überschrieben haben und eben nicht mit “Armut”. Sozioökonomischer Status oder SES wiederum ist aus Veröffentlichungen von WHO und OECD bestens bekannt und wird, wie Lampert et al. in ihrem Beitrag so deutlich schreiben, dass es selbst Frau Stalinski gelesen haben könnte, wie folgt berechnet:

Armut

Armut

“Der sozioökonomische Status wird in DEGS mithilfe eines Index erfasst … Der sog. SES-Index wird auf Basis von Informationen zur schulischen und beruflichen Bildung, zur beruflichen Stellung sowie zum Netto-Äquivalenzeinkommen als mehrdimensionaler Punktsummenscore berechnet. Dabei werden die 3 Ausgangsvariablen zunächst in metrische Skalen überführt, die Werte zwischen 1,0 und 7,0 annehmen können. Da die 3 Dimensionen mit dem gleichen Gewicht in die Berechnung des SES-Index eingehen, reicht der Wertebereich von 3,0 bis 21,0. Ausgehend von dem Index wird für die Analysen eine verteilungsbasierte Abgrenzung von 3 Statusgruppen vorgenommen, wobei die niedrige und hohe Statusgruppe jeweils 20% der Bevölkerung und die mittlere Statuusgruppe 60% der Bevölkerung umfasst” (815) [Hervorhebung von mir].

Es ist eine Eigenart dieser Berechnung, dass eine Hausfrau mit Abitur, die – weil auf Elterngeld und in der Ausbildung – unter 60% des Median-Einkommens liegt, zu den unteren 20% im SES-Index zählt, ebenso wie der Bundeswehrsoldat, der Hauptschulabschluss hat und knapp über der 60%-Grenze des Nettoäquivalenzeinkommens liegt. Auch Studenten, die von Bafög und Gelegenheitsjobs leben, haben eine gute Chance, sich in der niedrigen Kategorie von SES wiederzufinden. Kurz: Ein niedriger sozio-ökonomischer Status hat mit Armut überhaupt nichts zu tun. Man sollte von einer Journalistin erwarten können, dass sie in der Lage ist, diesen Unterschied zu erkennen bzw. erkennen zu wollen. Aber natürlich ist dazu eine Transferleistung vonnöten und wie die PISA-Studien gezeigt haben, hapert es mit Transferleistungen bei deutschen Schülern und offensichtlich, so muss man ergänzen, auch oder gerade bei Journalistinnen.

Nun zu den Daten, die belegen sollen, dass Armut krank macht. Ich bitte die Leser sich noch einmal die Tabelle anzusehen, in der von Frauen und Männern und von sozial benachteiligten Frauen und Männer die Rede ist. Es reicht, die Prozentwerte zum schlechten subjektiven Gesundheitszustand zu berücksichtigen. Dazu heißt es in der Publikation des RKI (Lampert et al., 2013):

“Nach den DEGS1-Daten schätzen 25,3% der 18- bis 79-jährigen Erwachsenen in Deutschland ihren allgemeinen Gesundheitszustand als “mittelmäßig”, “schlecht” oder “sehr schlecht” ein. Auf Frauen trifft dies mit 27,1% häufiger zu als auf Männer mit 23,4%.” Vermutlich sehen sie andere Prozentwerte in der Tabelle von Frau Stalinski – falsche! Denn: “Frauen mit niedrigem SES schätzen zu 43,5% ihren allgemeinen Gesundheitszustand als mittelmäßig bis sehr schlecht ein. In der mittleren und höheren Statusgruppe sind es 26,2% bzw. 11,8%. Bei Männern betragen die Vergleichswerte 36,7% in der niedrigen, 22,3 in der mittleren und 14,2 in der hohen Statusgruppe” (816).

Wie sich zeigt, werden auf Tagesschau.de entweder Daten mutwillig gefälscht oder es werden willkürlich irgendwelche Daten präsentiert, in der Erwartung, dass sie niemand nachprüft. So gibt es im Bericht des RKI keine Daten für “sozial benachteiligte” Männer oder Frauen, es gibt keine Daten für einen schlechten subjektiven Gesundheitszustand. Und die Werte, die in der Tabelle für Männer und Frauen angegeben werden, sind falsch, denn es handelt sich um die Werte für Männer und Frauen in der oberen 20%-SES-Gruppe.

Wer nun denkt, damit wäre die Verbreitung falscher Daten am Ende, der sei an das Zitat aus dem Bericht der ARD erinnert: “nur” 11,8% der sozial benachteiligten Frauen, so heißt es da, erkranten an Diabetes mellitus, nur 3,2 Prozent der Frauen mit hohem sozialen Status und die entsprechenden Zahlen für Männer sind 11 Prozent und 6,3%. Was nun steht im Original? Welche Ergebnisse haben die Forscher des RKI tatsächlich veröffentlicht:

“Die Lebensprävalenz für Diabetes mellitus liegt in der 18- bis 79-jährigen Bevölkerung bei 7,4%, wobei nur geringfügige Unterschiede zwischen Frauen und Männern bestehen (7,5% gegenüber 7,2%). Mit zunehmendem Alter steigt die Verbreitung von Diabetes mellitus deutlich an, bis auf 17,5% bei 65- bis 79-jährigen Frauen und 21,4% bei gleichaltrigen Männern”. Nun der vermeintlich von Stalinski zitierte Teil: “Von den Frauen mit niedrigem SES wurde bei 11,8% schon einmal Diabetes festgestellt. Die Vergleichswerte für Frauen mit mittlerem und hohem SES betragen 7,3% und 3,2%. Bei Männern lässt sich der Einfluss des sozioökonomischen Status an einer erhöhten Betroffenheit der niedrigen Statusgruppe festmachen. Die Prävalenz beträgt in dieser Gruppe 11,0%, während sie bei Männern mit mittlerem und hohem sozioökonomischen Status bei 6,1% bzw. 6,3% liegt” (816).

counterfeiterMan beachte, dass die zitierte Passage die Daten in einen Rahmen einordnet, der keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen zeigt. Man beachte ferner, dass “soziale Benachteiligung” im Text des RKI nicht vorkommt. Beides entstammt der Phantasie von Frau Stalinski, die sich offensichtlich wünscht, dass Frauen stärker betroffen sind als Männer und es gerne sähe, würden Menschen aufgrund ihres sozioökonomischen Status benachteiligt. Außer Frau Stalinski wünscht sich das jedoch (hoffentlich) niemand, und deshalb beschreibt der soziale Status eine Lebenssituation (die sich ändern kann), er beschreibt einen gegenwärtigen Zustand und keine Handlung Dritter, die Inhaber des entsprechenden sozioökonomischen Status’ benachteiligen oder diskriminieren. Wie gesagt dies alles entspringt der erschreckenden Phantasie von Frau Stalinski.

So einfach ist Meinungsmache in Deutschland. Man stellt eine unsinnige Behauptung auf: Armut macht krank, zitiert dazu eine Person, die vielleicht als “kompetent” durchgeht, die etwas behauptet, was irgendwie unter das Rubrum “Armut macht krank” passt. z.B. weil ähnlich klingende Begriffe verwendet werden. Man sucht im nächsten Schritt Daten, die passen könnten, unterschlägt , dass die Daten nicht Armut sondern sozioökonomischen Status messen (oder versteht den Unterschied nicht), unterschlägt weiter, dass nicht “schlechter Gesundheitszustand”, sondern mittelmässig bis sehr schlechter Gesundheitszustand dargestellt wird, macht aus dem Zustand “niedriger SES” eben einmal “sozial benachteiligt” und schon ergibt sich ein veritabler Brei von Unsinn, der zwar nicht der Empirie entspricht, sondern schlicht fabuliert ist, aber der sich trefflich von denen nutzen lässt, die sowieso und ständig auf der Suche nach Munition für ihre ideologischen Schlachten sind.

Öffentliche Medien haben eine Sorgfaltspflicht. Falsche Informationen, Propaganda und ideologische Verfälschungen haben in Medien, die von Gebührenzahlern finanziert sind, keinen Platz, und entsprechend sollte sich die ARD schnellstens daran machen, diesen falschen Bericht richtig zu stellen und Frau Stalinski zu entlassen, denn wer dermaßen unbedarft ans Werk geht, vor dem muss die lesende Welt geschützt werden.

Ich habe meinerseits eine Email an das RKI geschrieben und eine Stellungnahme angefordert. Hier meine Email an den Präsidenten des RKI:

Sehr geehrter Herr Burger,
die heutige Ausgabe von Tagesschau.de enthält einen Text, in dem unter der Überschrift “Armut macht krank” Daten des RKI präsentiert werden. Nahezu alle präsentieren Daten sind falsch bzw. verfälscht, und es wird der Eindruck erweckt, das RKI werde von einer Anzahl methodisch illiterater Forscher bevölkert, die nicht wissen, was Sie erhoben und ausgwertet haben. Der Beitrag ist für das RKI in höchstem Maße rufschädigend, und ich halte es von daher für ratsam, wenn Sie eine Richtigstellung veranlassen.
Hier der ARD-Beitrag:
http://www.tagesschau.de/inland/armutgesundheit100.html
und hier meine Besprechung des ARD-Textes auf dem Wissenschaftsblog ScienceFiles:
http://sciencefiles.org/2013/05/28/herz-schmerz-opus-die-ard-verfalscht-munter-daten/

P.S.

Man kann natürlich auch das RKI nicht ganz ungeschoren davon kommen lassen. Was die Forscher dazu verleitet hat, die Einschätzung der eigenen Gesundheit als “mittelmäßig” mit den Einschätzungen “schlecht” und “sehr schlecht” zu kombinieren, ist ein Frage, deren Antwort zu finden jedem selbst überlassen ist. Methodisch Versierte werden vermutlich vermuten, dass die Mittelkategorie (wie zumeist) “mittelmäßig” deutlich stärker besetzt ist als die beiden Extremkategorien, und falls dies der Fall sein sollte, haben die RKI-Forscher ihren Teil zur Irreführung der Öffentlichkeit beigetragen. Zudem verkaufen uns die Forscher eine Korrelation als Kausalität “Bei Männern lässt sich der Einfluss des sozioökonomischen Status an einer erhöhten Betroffenheit der niedrigen Statusgruppe festmachen.” Das ist ebenfalls ein massiver Verstoß gegen die wissenschaftliche Lauterkeit, aber ich befürchte, es ist heutzutage dem Fehlen einer Methodenausbildung an den meisten Universitäten anzulasten.

Deckl, Silvia (2011). Armutsgefährdung und soziale Ausgrenzung. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg). Datenreport 2011 . Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.

Wahlprüfsteine und Stolpersteine: Das Rollenverständnis des Bundesforum Männer

Bald sind Wahlen, also die Ereignisse, bei denen Stimmzettel in Wahlurnen gesammelt, gezählt und als Legitimation für alles missbraucht werden, was später folgt – im Namen der Wähler versteht sich.  Entsprechend ist die einzige Macht, die ein Wähler tatsächlich hat, die, der Wahl fern zu bleiben. Nur so kann er verhindern, dass nach der Wahl mit seiner (Zu)Stimm(ung)e Schindluder getrieben wird. Aber das nur vorweg.

Wahlen sind nicht nur nekrophile Handlungen an einem morbiden Regierungssystem, ihr Vorfeld ist auch der Anlass dafür, dass eine ganze Reihe von “pressure groups” oder von “single interest groups” versuchen, sich in Szene zu setzen. Eine dieser Gruppen ist das Bundesforum Männer, jene Interessenvertretung für Männer, die am Tropf des Ministeriums für alle außer Männer hängt. (In modernen Zeiten finanzieren die Regierungen Lobby-Gruppen gleich selbst, das hat den Vorteil, dass man nicht mit Ansprüchen konfrontiert wird, mit denen man nicht konfrontiert werden will bzw. nicht schon im Vorfeld gerechnet hat.). Das Bundesforum Männer hat die bevorstehende Bundestagswahl zum Anlass genommen, um Wahlprüfsteine zu veröffentlichen, Wahlprüfsteine, in denen wichtige Themen, die Männer bewegen oder betreffen, angesprochen sein sollen.

ArneWer sich mit “Männerthemen” beschäftigt, dem fallen eine Menge Themen ein, die Männer betreffen. Die Reihe reicht von der im Vergleich zu Frauen niedrigeren Lebenserwartung von Männern über die Nachteile von Jungen im Bildungssystem, das Abschieben von Jungen auf Sonderschulen bis zum Prostatakrebs. dessen Früherkennung immer noch brachialer Fingermethoden bedarf. Es gibt also eine Vielzahl von Themen, die Männer betreffen und von denen man erwarten würde, dass sie eine Organisation, die sich als Interessenvertretung von Männern sieht, aufgreift. Die wohl umfangreichste Zusammenstellung dieser Männerthemen findet sich immer noch in  Arne Hoffmanns Buch “Sind Frauen die besseren Menschen?”

Beim Bundesform ist alles anders. Beim Bundesforum “Männer” interessiert man sich nicht um schnöde Fragen des Lebensalltags von Männern (von dem Monsterproblem “Beschneidung”, über das sogar steuerzahlerfinanzierte Tagungen abgehalten werden müssen, einmal abgesehen), beim Bundesforum Männer interessiert man sich für die Agenda des Staatsfeminismus, macht man sich zur fünften Kolonne des Staatsfeminismus. Dies war die Behauptung, der Beleg folgt auf dem Fuss, und zwar per Dokumentenanalyse.

Die Dokumentenanalyse ist eines der nützlicheren Instrumente qualitativer Sozialforschung, vornehmlich deshalb, weil man prüfen kann, ob eine Interpretation einem Dokument Gewalt antut. Eine ziemlich umfassende und bei umfangreichen Dokumenten unhandliche bis kaum nutzbare Methode, der Dokumentenanalyse wurde von Barney Glaser und Anselm Strauss entwickelt, um, wie man sagen könnte, der theoretischen Basis, dem unausgesprochenen Hintergrund, dem, was eine Gedankenfolge zusammenhält, auf die Spur zu kommen. Man kann die Methode entsprechend nutzen, um dem, was hinter vielen Worten steht, aber nie direkt ausgesprochen wird, auf die Spur zu kommen. Und genau in dieser Weise habe ich die Grounded Theory und im Hinblick auf die Wahlprüfsteine des Bundesforum Männer benutzt.

Grounded TheoryMethodischer Einschub: Grounded Theory ist eine umfangreiche und schnell ausufernde Methode, die Sätze und Aussagen in fünf Elemente zerlegt, nämlich Phänomene (das, was die Aussagen, Sätze verbindet), kausale Zustände (das, was vom Phänomen verursacht wird), den Kontext (das, in dessen Rahmen kausale Zustände nur Sinn machen), Handlungsstrategien (das, was gemacht werden soll, um ein Phänomen zu “bearbeiten”) und intervenierende Zustände (das, was die Bearbeitung des Phänomens erschwert oder vereinfacht). Die so zerlegten Sätze werden dann über stufenweise komplexerwerdende Kodierformen (offen, axial und selektiv) zu einer Geschichte verwoben, die eine Theorie darüber aufstellt, was die analysierte Gedankenwelt im Innersten zusammenhält.

Der Wahlprüfsteine des Bundesforums Männer sind nicht allzu viele, so dass die Grounded Theory angewendet werden kann, ohne dabei den Überblick zu verlieren. Entsprechend habe ich die Gedankenwelt, in der die Mannen des Bundesforums leben, wie folgt und durch axiales Kodieren auf drei Kategorien reduziert:

  1. Traditionale Männerbilder sind schlecht und müssen verändert werden;
  2. Männer wollen Kinder und haben ein Vereinbarkeitsproblem;
  3. Umerziehung ist das Mittel um 1 und 2 umzusetzen, dazu braucht es hauptamtliche “Männerhelfer”;

Dieses “Männerbild” ist – wenig überraschend – dasselbe Männerbild, das vom Bundesministerium für FSFJ, allen Aktivisten der staatsfeministischen Bewegung und allen denjenigen geteilt wird, die sich bei feministischen Netzwerken (diejenigen, die über die öffentliche Finanzierung verfügen) andienen wollen. Das Bundesforum Männer wird hier seiner Stellung als Satellit in finanzieller Umlaufbahn zum BMFSFJ voll und ganz gerecht.

Doch zu den Fundstellen im Einzelnen:

Bundesforum_Maenner_gross1“Jungen, Männer und Väter stehen vor großen Herausforderungen. Traditionelle Rollenmuster passen vielfach nicht mehr zu heutigen Anforderungen und Bedürfnissen [wessen?]. … Eine konsequente Gleichstellungspolitik sollte helfen, eineingende Geschlechterrollen zu überwinden. … setzt voraus, dass sie vielfältige Formen von Männlichkeit erleben können … Das Bundesforum Männer fordert entsprechend geschulte Fachkräfte, die Jungen und ihren Bezugspersonen die Möglichkeit bieten, sich mit tradierten Geschlechtervorstellungen auseinanderzusstzen …, um ihnen neue Perspektiven zu eröffnen. .. Gewalthandeln ist Teil traditioneller Männlichkeitsstrukturen. … Männern muss allgemein zugestanden werden, dass sie verletztbar sind. (…) Nur so können traditionelle Männlichkeitsrollen erweitert, kann erlerntes gewalttätiges Verhalten hin zu einer gewaltfreien Sozial- und Konfliktkompetenz verändert werden. … Väter haben Vereinbarkeitsproblem. Väter wollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. … Dazu gehören verlässliche Betreuungsangebote für Kinder, Arbeitszeitmodelle, die an Phasen und Ereignisse des Lebens orientiert sind… “.

Die Belege für die drei oben genannten Kategorien zeigen nicht nur deutlich, dass es dem Bundesforum Männer nicht um Männer oder Jungen geht, denn dazu müsste man Männer und Jungen als solche Ernst nehmen, sie respektieren, was voraussetzt, dass man auch Männer mit traditionellem Rollenverständnis respektiert, sondern darum, die staatsfeministische Agenda, nach der Männer vom, wie man formulieren könnte, hegemonialen Mannskerl zum devoten Waschlappen, der die einengende Geschlechterrolle traditionaler Männlichkeit, mit der tief in Falten gelegten hohen Stirn und ansonsten angsterfüllter Untätigkeit getauscht hat, transformiert werden. Devote Waschlappen sind für Herrschaftssysteme von allergrößtem Wert, weil von ihnen kein Widerspruch zu erwarten ist, man kann sich ihrer etwa in der Weise sicher sein, wie sich das BMFSFJ sicher sein kann, dass vom Bundesforum Männer nichts kommt, was kritisch oder kontrovers oder der BMFSFJ-Vorgabe widersprechend ist. Soviel zum traditionalen Männerbild.

Obwohl der neue Mann des Bundesforums nicht traditional ist, hat er doch einen massiven “traditionalen Bias” wie man sagen könnte, denn er ist nur als Vater und trotz allem Ausprobierens von verschiedenen Formen der Männlichkeit denkbar. Aber da ein hegemonal männlicher Vater ein bread winner oder main income earner ist, kann der neue Mann, der mit der hohen Stirn und dem verlorengegangenen Lebenssinn, nur einer sein, der sich am Vereinbarkeitsproblem beteiligt, das Frauen seit Jahrzehnten angedichtet wird. Der neue Mann hat den Wunsch zu haben, nicht nur Kinder zu produzieren, sondern sich auch um sie zu kümmern, am besten als halbtagskraft in der “Kita”, damit “absurde” Träume an z.B. ein einsames Haus am See auch gar nicht erst aufkommen und das lebenslange Leben am Tropf der “Gemeinschaft”, als Transfer-Lebensentwurf gewährleistet ist.

chickenelectionUnd wo wir gerade beim Tropf der Gemeinschaft sind: Natürlich braucht der neue Mann Unterstützung und Beratung und Hilfestellung und all das fordert das Bundesforum Männer für seinen “neuen Mann” und legt damit die Grundstruktur erfolgreichen Nutznießens frei: (1) Man erfinde ein Problem, z.B. eines mit hegemonialer Männlichkeit, (2) man mache das Problem bei Politikern populär (denn Politiker glauben bekanntlich jeden Unsinn) und (3) fordere die Einrichtung von Beratungs- oder Hilfestellen, um das gerade erst geschaffene Problem dauerhaft im öffentlichen Diskurs zu verankern und sich selbst eine weitere Einnahmequelle zu verschaffen. Dies Form des Nutznießens ist in “modernen Gesellschaften” endemisch. Das Bundesforum Männer ist nur eine Ausprägung davon.

P.S.

Das Bundesforum Männer behauptet  in seinen “Wahlprüfsteinen”, dass traditionelle Männlichkeit mit Gewalt einhergeht: “Gewalthandeln ist Teil traditioneller Männlichkeitskonstruktionen”. Ich habe im Text darauf verzichtet, diesen staatsfeministischen Unsinn zu thematisieren, will aber an dieser Stelle nicht darauf verzichten, Frauen, die von sich nicht der Ansicht sind, dass sie zu keinerlei körperlicher Form von Gewalt oder Selbstverteidigung fähig und entsprechend friedfertige Dummchen sind, aufrufen, nach Berlin, zum Bundesforum zu fahren, und einem der Anwesenden “neuen Männer” eine Kostprobe weiblicher Gewalt zu geben, etwa in Form einer Ohrfeige. Keine Sorge, eine Anzeige wegen “einfacher Körperverletzung” wird es nicht geben, denn Gewalt ist Teil traditioneller Männlichkeit, und entsprechend kann eine Ohrfeige, von einer Frau an ein Mitglied des Bundesforum verteilt, nur eine Form der Liebkosung oder was auch immer, jedenfalls keine Gewalt sein.

P.P.S.
Dr. habil. Heike Diefenbach, Expertin u.a. in Fragen hegemonialer Männlichkeit, ist nach Lektüre des Textes zum Schluss gelangt, dass es an der Zeit wäre, Männer am Diskurs über Männer zu beteiligen, also nicht Männer, die sich als neue Männer inszenieren, sondern normale Männer (statistisch normal versteht sich), die männliche Lebensentwürfe, z.B. als Dachdecker, Bauarbeiter oder Leiter eines Unternehmens leben. Aber Sie sieht ja auch ein grundsätzliches Demokratiedefizit in der Verfasstheit der Republik.

Mehr vom Bundesforum Männer: Manege frei für das Bundesforum Männer

Alles beim Alten – Entscheidet wirklich Herkunft über Lebenschancen?

In Deutschland gibt es u.a. das folgende Ritual: In regelmäßigen Abständen kehren Themen in der öffentlichen Diskussion wieder, werden dort mehr oder weniger breit getreten und verschwinden nach kurzer oder weniger kurzer Zeit wieder in der Versenkung, aus der sie nach einer gewissen Auszeit wieder auftauchen, um abermals breitgetreten zu werden. Übertragen auf Probleme bedeutet dies die regelmäßige “Sensibilisierung” für bestimmte Probleme und wenn genug sensibilisiert wurde, werden die Probleme wieder ad-acta gelegt (bis zum nächsten Mal) nur eines werden sie nicht: angegangen.

Bildung als PrivilegEin solches “Problem” ist die soziale Ungleichheit im deutschen Bildungssystem. Diese ist sattsam bekannt, wird seit Jahrzehnten diskutiert, regelmäßig von der OECD, der Bundesregierung, der Kultusministerkonferenz, der GEW und vielen anderen  beklagt, meist mit der Forderung, mehr Geld in die Bildung zu stecken oder mehr Lehrer einzustellen, aber angegangen wird die soziale Schiefverteilung im deutschen Bildungssystem nicht. Dazu müsste man nach den Ursachen suchen, und wären diese gefunden, man könnte die Probleme nicht mehr dazu nutzen, um sich zu produzieren oder selbst zu bereichern: Was würde z.B. aus der GEW-Forderung nach mehr Lehrern, wenn die Ursachenforschung zu Tage brächte, dass es nicht die Quantität von Lehrern, sondern die Qualität der Lehrer ist, die den Bildungserfolg von Kindern (u.a. aus der Arbeiterschicht) beeinflusst. Das wäre schlecht für die GEW, und entsprechend ist sie so wenig wie all die anderen Genannten an der Suche nach den Ursachen interessiert.

Zwei neue Untersuchungen haben in trauter Eintracht und erneut gezeigt, dass das deutsche Bildungssystem nach sozialer Herkunft siebt und sich der langen Reihe entsprechender Untersuchungen angefügt. Beide bestätigen scheinbar, was alle wissen, nämlich das bereits die Herkunft über den Bildungserfolg entscheidet.

Über die erste Untersuchung berichtet Daniel D. Schnitzlein im DIW Wochenbericht 4/2013. Ziel seiner Untersuchung ist eine Bestandsaufnahme zur sozialen Ungleichheit in Deutschland. Neu an seiner Studie ist, dass er versucht, soziale Ungleichheit als Transmissionseffekt zwischen Generation und über Geschwisterkorrelationen zu erfassen. Letztlich sind Geschwisterkorrelationen nichts anderes als eine gemessene Ähnlichkeit von Geschwistern im Hinblick auf Bildung, Einkommen, sozialen Status usw. Je stärker die familiäre Herkunft die entsprechenden Lebenschancen beeinflusst, so die damit einhergehende Annahme, desto größer die Geschwisterähnlichkeiten bzw. -korrelationen. Warum dies so sein sollte, das erklärt Herr Schnitzlein leider nicht, aber er berechnet Geschwisterkorrelationen für eine Reihe von Bereichen. Die mit Abstand stärkste Korrelation findet sich für die Schulbildung:

“Für Männer und Frauen liegt der Wert hier deutlich über 0,5 (Männer 0,66, Frauen 0,55), das heißt, über die Hälfte der Variation im formalen Bildungserfolg lässt sich mit familiärem Hintergrund erklären. Um diese Zahlen einzuordnen und bewerten zu können, ist … die Geschwisterkorrelation für die Körpergröße [berechnet worden]… Diese ist mit 0,5 für Brüder und 0,47 für Schwestern klar niedriger als der entsprechende Wert für die Bildung. Bildungserfolg hängt in Deustchland also stärker mit dem Familienhintergrund zusammen als ein weitgehend genetisch determiniertes Merkmal wie die Körpergröße”. (6)

BildungsforschungDamit ist nach Ansicht von Schnitzlein einmal mehr belegt, dass das Elternhaus oder besser: die soziale Schicht, der die Eltern angehören, über den Bildungserfolg in Deutschland bestimmt, und zwar in einem Ausmaß, das kaum anders wäre, würde man Kinder gleich entsprechend ihrer sozialen Schicht verteilen, also Arbeiterkinder auf Hauptschulen und Mittelschichtskinder auf Realschulen und Gymnasien. Wie immer folgt einem solchen Ergebnis die Frage auf dem Fuss, wie man eine solche Determination, die selbst genetische Veranlagung in den Schatten stellt (Körpergröße), erklärt. Leider hat Schnitzlein hier keine Antwort: “Diese Frage ist mit unseren Daten sehr schwer zu beantworten”, so sagt er und verweist auf das “institutionelle Setting” als einen Hauptfaktor. Eine sehr ausweichende Antwort. Warum man also annehmen soll, dass mit dem einen Elternhaus etwas einhergeht, das Kinder dazu befähigt, höhere schulische Weihen zu erreichen, während der Stallgeruch des anderen Elternhauses offensichtlich alle Bildungsbemühungen im Keim erstickt, wird aus der Untersuchung von Schnitzlein nicht deutlich.

Aber Schnitzlein ist nicht der einzige, der im Dunkeln stochert. Auch Eltern und Lehrer stochern im Dunkeln, wenn es darum geht, diese vermeintliche “soziale Vererbung” von Bildungserfolg zu erklären. Das macht eine Umfrage unter Schülern, Eltern und Lehrern deutlich, die das Institut für Demoskopie in Allensbach im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland durchgeführt hat. Die Ergebnisse stehen unter der Überschrift “Hindernis Herkunft”, womit einmal mehr gesagt wäre, was alle zu wissen meinen. Um so überraschender ist, dass sich unter dem Mantel der Einigkeit und bei näherem Hinsehen erhebliche Differenzen und Widersprüche verbergen. Zunächst die Einigkeit:

“Lehrer wie Eltern sind sich weitgehend darin einig, dass die Ursache für die schlechteren Chancen mancher Kinder weit überwiegend im Elternhaus liegen. 84 Prozent der Lehrer, 79 Prozent der Eltern weisen auf das mangelnde Interesse mancher Eltern hin, sich überhaupt mit ihren Kindern zu beschäftigen. Ähnlich viele sehen die Ursache darin, dass manche Kinder von ihren Eltern nicht gelernt haben, gründlich zu arbeiten …”(4)

Das Elternhaus ist also schuld. Diese Zuweisung ist insofern seltsam, als Kinder eigentlich in die Schule gehen, um Lesen und Schreiben und Rechnen zu lernen. Wo hier das Elternhaus ins Spiel kommt, ist mir nicht nachvollziehbar. Wenn Lehrer der Ansicht sind, damit Kinder etwas lernen sei Unterstützung im Elternhaus notwendig, ein parentaler Schreib-, Lese- und Rechendienst, dann sollten sie als Konsequenz Hausunterricht propagieren und öffentliche Schulen schließen. Aber das wäre eine Frage der Übernahme eigener Verantwortlichkeit durch Lehrer, und mit der Übernahme von Verantwortung haben es Lehrer offensichtlich nicht so:

“Lediglich 15 Prozent der Lehrer, aber 48 Prozent der Eltern sind der Ansicht, dass manche Kinder auch deswegen schlechtere Chancen haben, weil sie in der Schule … benachteiligt werden”.(4)

contradicitons-2Der Einigkeit von oben, folgt somit Uneinigkeit und Widerspruch, denn wenn 79% der Eltern die Ursache für schlechtere Bildungschancen in Elternhäusern (natürlich in anderen, nicht dem eigenen) suchen, aber 48% der Eltern der Meinung sind, mache Kinder würden auch benachteiligt, dann widersprechen sich beide Antworten, es sei denn, man löst den Widerspruch dahingehend, dass man sagt, Kinder aus bestimmten Elternhäusern werden in der Schule benachteiligt. Offensichtlich konfundiert hier die mediale Berieselung, der ja auch Eltern ausgesetzt sind und die gemeinhin die Schuld für schlechtes schulisches Abschneiden im Elternhaus sucht, mit den eigenen Erfahrungen von Benachteiligung der eigenen oder anderer Eltern Kinder in der Schule.

Skurril werden die Antworten auf die Fragevorgaben dann, wenn man eine weitere Frage und die Antworten darauf, berücksichtigt. Nachdem große Einigkeit dahingehend berichtet wurde, dass die Qualifikation von Lehrern und Eltern (!sic) für den Schulerfolg von Kindern von großer Bedeutung ist, folgt:

“Eine vergleichbar wichtige Rolle wie … die Qualifikation der Lehrer, spielt aus Sicht von Lehrern und Eltern die individuelle Begabung der Kinder. Große Teile der Lehrer wie der Elternschaft sind aber überzeugt, dass fehlende Begabung durchaus ausgeglichen werden kann. 52 Prozent der Lehrer und 54 Prozent der Eltern sind der Ansicht, dass jeder Schüler, wenn er sich nur genügend anstrengt und gezielt gefördert wird, erfolgreich sein kann”. (7)

Ich finde es immer wieder erstaunlich wie viel kollektive Einigkeit darüber besteht, dass die soziale Ungleichheit, die das deutsche Bildungssystem produziert, darauf zurückzuführen sei, dass individuelle Schüler nicht begabt genug sind oder sich nicht gebührend anstrengen oder im falschen Elternhaus aufwachsen. Schule kann daran offensichtlich nichts ändern, wie die Vielzahl von Kindern zeigt, die z.B. ohne Schulabschluss bleiben und von denen man annehmen muss, dass sie nicht gezielt gefördert wurden. Allerdings unterliegt dieser Vorstellung eine seltsame Sicht auf Schule, die zur interesselosen Anstalt wird, an der Kinder mit mehr oder weniger Befähigung von interesselosen Lehrern auf die für sie vom Schicksal vorgesehenen Karrierewege gebracht werden. Eigentlich hätte ich gedacht, eine solche religiöse Schicksalsgläubigkeit, wäre durch Säkularisierung weitgehend beseitigt worden – aber offensichtlich ist dem nicht so.

ChalkDie Behauptung, dass Kinder aus der Arbeiterschicht entweder zu faul oder wenn nicht zu faul, dann doch zu wenig begabt oder wenn nicht zu faul und nicht zu wenig begabt, so doch von ihren Eltern beim Lernen alleingelassen sind oder wenn nicht zu faul, zu wenig begabt und alleingelassen, so doch zu wenig oder zu ungezielt in der Schule gefördert werden, als dass sie Erfolg in deutschen Bildungsinstitutionen haben könnten, scheint mir daher die Bearbeitung eines Schuldkomplexes zu sein, eines Schuldkomplexes, der sich daraus speist, dass Schulen Institutionen der Mittelschicht sind, in den Lehrer aus der Mittelschicht, Kinder und Eltern an ihren Mittelschichtsmaßstäben messen. Diese Maßstäbe sehen es vor, dass Eltern als Hilfslehrer fungieren, Kinder ihre Begabung dadurch zeigen, dass sie bereits bevor sie in der Schule lesen lernen, lesen können, die Maßstäbe sehen es weiter vor, dass Kinder ihr Interesse an der Schule, ihre Lernwut durch eine Vielzahl Vereins- und sonstiger Aktivitäten, die ein Mittelschichtsleben so ausmachen (z.B. das Erlenen eines Instruments) unter Beweis stellen und zur Belohnung ihrer Konformität erhalten sie dann eine Empfehlung zum Besuch weiterführender Schulen.

Da Kinder aus Arbeiterfamilien in der Regel bei ihren Eltern wenig Verständnis dafür finden, dass sie sich als Hilfslehrer engagieren sollen, was schon daran scheitert, dass die entsprechenden Eltern entweder arbeiten (die Volltagsmama ist eine Erfindung der Mittelschicht) oder selbst nicht über die Bildung verfügen, von der sie hoffen, dass ihre Kinder sie erreichen, fallen sie bereits durch den ersten Filter ihrer Mittelschichtslehrer. Entsprechend wird ein Minus auf ihrem Konto verbucht, das sie nur dadurch wettmachen können, dass sie alle anderen Kinder im Hinblick auf Lerneifer und Begabung in den Schatten stellen, eine Leistung, die die wenigsten von ihnen zu erbringen im Stande sind. Und deshalb enden die meisten Kinder aus der Arbeiterschicht mit Hauptschulabschlüssen, während die Mittelschichtslehrer für die Kinder ihrer Klasse (Fach-)Hochschulreifen reservieren.

Also: Nicht Herkunft entscheidet also über Lebenschancen, vielmehr sprechen die vorliegenden Ergebnisse dafür, dass Lehrer auf Basis der Herkunft der Kinder und den Assoziationen, die dies bei ihnen auslöst, über die Lebenschancen dieser Kindern entscheiden.

Beim Verfassen dieses Beitrags habe ich von einer Diskussion mit Dr. habil. Heike Diefenbach profitiert und natürlich davon, dass ihre wohlgezielten Bemerkungen dazu geführt haben, den Text stringenter zu machen.

Translate »
error: Content is protected !!