Kontakt-Tagebücher – Epidemiologen Wettkampf in Überwachung

Von Kanonen und Spatzen…

JVA Ratingen

Wir haben uns schon vor einiger Zeit darüber gewundert, dass Polit-Darsteller und diejenigen, die sie sich als ihre Berater auserkoren haben, nicht lernfähig zu sein scheinen. Im Frühjahr wurde ein nationaler Lockdown vor allem als Schutz davor verkauft, dass die Intensivbetten in Krankenhäusern überquellen, als Mittel, um Zeit zu gewinnen und sich vorzubereiten.

Ein halbes Jahr ist vergangen und ein Lockdown wird abermals als einzige Möglichkeit beschrieben, um eine drohende Überlastung der Krankenhäuser zu vermeiden.

Was um aller Götter Willen haben die Politdarsteller im letzten halben Jahr getan, wenn sie nun mit der selben Begründung hausieren gehen, mit der sie bereits im Frühjahr unterwegs waren? Manche, wie unser First Minister in Wales, behaupten sogar ganz frech, man benötige einen Lockdown, um die Ansteckungskette zu unterbrechen, die Fallzahl zu reduzieren, um über den Winter zu kommen.

Schon nach dem letzten Lockdown hat sich gezeigt, dass SARS-CoV-2 gerade nicht verschwunden ist. Im Gegenteil: Es gedeiht, mutiert und vermehrt sich wie eh und je. Gleichzeitig scheint SARS-CoV-2 eine Eigenschaft zu zeigen, die die meisten Viren an den Tag legen: Mit der Zeit werden sie für Menschen weniger gefährlich (wohlgemerkt: nicht ungefährlich), schon weil so ein Virus ja seinen Wirtskörper nicht zerstören will. Dies, besser Behandlungsmethoden, die z.B. darin bestehen, dass künstliche Beatmung, die wohl mehr Leute umgebracht als sie geholfen hat, nicht mehr generell eingesetzt wird, um COVID-19 Patienten zu behandeln, Medikamente, die sich als wirksam erwiesen haben, wie z.B. Dexamethasone, das die Sterblichkeit bei schwer erkrankten Patienten reduziert, dies alles sind Faktoren, die dazu beigetragen haben, dass SARS-CoV-2 nicht mehr in dem Maße in eine tödliche COVID-19 Erkrankung mündet, wie dies im Frühjahr der Fall war.



Nur: In der Diskussion in MS-Medien, in den Reden von Politikern, in den gerunzelten Stirnen der derzeitigen Virologen, die trendy sind und herumgereicht werden, schlägt sich das nicht nieder. Sie verbreiten die selbe Erzählung von Doom und Gloom, schreiben die selben Rezepte zur Behandlung der Pandemie und scheinen sich miteinander in einem Wettbewerb darüber zu befinden, wer die Idee vorzubringen im Stande ist, die am meisten in die Privatsphäre von Menschen interveniert.

Eine gute Chance, in der Top-10 der unsinnigsten und übergriffigsten Vorschläge zu landen, hat Hajo Zeeb, ein Epidemiologe aus Bremen, der von sich sagt, dass er sehr genau Buch darüber führt, mit wem er am Tag Kontakt hat. Wenn Sie Herrn Zeeb kennen, seien sie also gewarnt: Sie werden erfasst.

Zeeb ist einer der vielen Avatare, die derzeit ausgegraben werden, um die Lücke zu schließen, die Christian Drosten hinterlassen hat. Und Zeeb gehört zu den Avataren, die diese Lücke mit möglichst abstrusen Ideen schließen wollen:

Hajo Zeeb: “Das Kontakt-Tagebuch soll helfen, mit einer gewissen und bekannten Schwäche unseres Alltagsgedächtnisses umzugehen. Wenn wir selber eine Infektion haben sollten, kommt ja sofort von Gesundheitsämtern, aber auch Ärzten im betrieblichen Bereich die Frage auf, mit wem wir in den vergangenen 14 Tagen Kontakte hatten. Da hilft so ein Tagebuch, die entscheidende Zeit zu rekonstruieren. Die Corona-Warn-App alleine reicht da nicht, da sie ja nur Kontakte derer anonym einfängt, die selbst die App aktiviert haben.”

Zeeb will, dass Sie ein Tagebuch über die Personen führen, mit denen Sie länger als, sagen wir 5 Minuten in weniger als, sagen wir 1,5 Metern Entfernung zugegen waren. Dass es gegen den Datenschutz verstoßen könnte, wenn Person A in ihrem Kontakt-Tagebuch Adressdaten, Telefonnummern und wer weiß was noch von Person B erfasst, um diese dann, bei Bedarf, wie jeder gute Bürger an die Büttel seines Staates auszuhändigen, das kommt weder Hajo Zeeb noch demjenigen in den Sinn, der für die tagesschau ein Interview führt, das man wohl am besten als bizarr bezeichnet.

Ein paar Kostproben:

tagesschau.de: Führen Sie persönlich bereits so ein Tagebuch?

Zeeb: Ich bin jemand, der einen sehr genauen Kalender führt und insofern könnte ich genau sagen, was ich wann wo gemacht habe. Für diejenigen, die einen sehr guten Kalender führen – ob elektronisch oder auf Papier, ist das wahrscheinlich schon ausreichend. Für die anderen gibt es Apps, die man sich dazu runterladen kann – oder man legt sich zuhause ein Büchlein hin und notiert sich immer abends Besonderheiten. Natürlich muss man nicht eintragen, dass man heute wie jeden Morgen mit der Ehefrau oder dem Ehemann gefrühstückt hat – das wird man immer erinnern.

tagesschau.de: Gibt es Kriterien dafür? Man wird ja nicht jede Aufzugfahrt mit Kollegen festhalten können.

Zeeb: Man wird es wie bei der Corona-App halten müssen: Es geht um Kontakte, wo der Abstand nicht eingehalten wird und die etwas länger gedauert haben. An wem man im Flur vorbeigegangen ist, kann man nicht alles aufschreiben, dann wird es verrückt. Man muss das pragmatisch angehen. Es müssen ja nachverfolgbare Kontakte sein – also mit Menschen, die man namentlich kennt oder zumindest klar zuordnen kann. Anders ist es in einem Restaurant. Wenn ich notiere, wo ich wann essen war, kann sich das Gesundheitsamt bei diesem Restaurant melden – und deren Liste erbitten, die die ja auch führen müssen.


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Die Lücke, die Zeebs Vorschlag hinterlässt, ist leicht zu schließen. Und wir warten schon auf den nächsten “Epidemiologen”, der aufgefahren wird, um z.B. vorzuschlagen, dass man in Restaurants und zu Kontrollzwecken, weil man den Betreibern nicht trauen kann, die Menschen am Nebentisch fotographieren kann, Smartphone gehört heute ja dazu, um sie bei Bedarf per Gesichtserkennung einem Namen zuordnen zu können. Die Möglichkeiten, wenn es darum geht, sich als guter Untertan anzudienen und einen Vorschlag zu unterbreiten, der Bürger zu Blockwarten anderer Bürger macht, sind schier endlos.

Man kann derartige Festivals in Absurdität, die wohl eine Form der Manie darstellen, in deren Verlauf interessierte Personen sich immer groteskere Formen der Kontrolle und Überwachung anderer einfallen lassen, einerseits als Ausdruck der Not, sich als Epidemiologe von der Konkurrenz zu differenzieren, ansehen, andererseits kommt darin eine staatsbürgerliche Emsigkeit zum Ausdruck, die auf ein grundlegendes Problem der jeweiligen Persönlichkeit verweist, in deren Hirn offenkundig die Idee, dass Bürger nicht Kontrolleure anderer Bürger und für ihren Staat sind, sondern Kontrolleure des Staats gemeinsam mit anderen Bürgern, nicht vorhanden ist. Demokratie basiert auf dieser einfachen Feststellung. Vielleicht ist Demokratie deshalb in Deutschland nur in Fragmenten zu finden.

Die Methoden, die sich Leute wie Zeeb überlegen, um ihre Mitbürger zu überwachen, stehen in keinerlei Verhältnis zur Entwicklung von SARS-CoV-2 und zur Gefahr, die von COVID-19 ausgeht. Gerade erst haben britische Wissenschaftler im British Medical Journal darauf hingewiesen, dass die derzeit täglich neuen Rekorde in positiv Getesteten zum einen ungefähr dem entsprechen, was man im März ertestet hätte, wären auch nur ansatzweise so viele Tests durchgeführt worden wie derzeit. Zum anderen gehen die Rekorde, anders als im Frühjahr, nicht mit sprunghaft steigenden Zahlen von COVID-19 Patienten, die zur Gesundung einen Krankenhausaufenthalt benötigen oder sterben einher: “Bird added that covid-19 deaths were now more than doubling fortnightly (a rate of 2.2). However, the ‘rate of increase … is currently lower and slower than in March 2020, when it was initially 10-fold” (Griffin 2020: 1). Das Zunahme der an COVID-19 Verstorbenen in Britannien ist mit einer Verdoppelung alle 14 Tage rund 10 Mal geringer als sie das im Frühjahr war, als die Anzahl der Verstorbenen nicht um den Faktor 2 alle 14 Tage, sondern um den Faktor 10 alle 7 Tage gestiegen ist.

Auch in Deutschland, das ohnehin eine der geringsten Mortalitäten an COVID-19 aufzuweisen hat, ist das nicht anders. Wir haben die aktuellen Daten des RKI genutzt, um die folgende Abbildung zu erstellen. Die Abbildung zeigt die kumulative Entwicklung der an COVID-19 Gestorbenen und der positiv Getesteten seit Ende Februar und bis zum 22. Oktober. Wie man sieht, steigt die Anzahl der positiv Getesteten seit einer geraumen Zeit deutlich an, die Anzahl der Verstorbenen folgt diesem Anstieg jedoch nicht im selben Ausmaß, wie dies im Frühjahr der Fall war. Das ist ein Argument gegen einen nationalen Lockdown.


Griffin, Shaun (2020). Covid-19: Second wave death rate is doubling fortnightly but is lower and slower than in March. British Medical Journal.



Seit Ende Januar besprechen wir Studien zu SARS-CoV-2. Damit gehören wir zu den wenigen, die das neue Coronavirus seit seinem Auftauchen verfolgt und den Niederschlag, den es in wissenschaftlichen Beiträgen gefunden hat, begleitet haben. Die folgenden Texte dokumentieren diese Tätigkeit in einer Weise, die uns, als privates Blog, das in keiner Weise mit der finanziellen Ausstattung öffentlich-rechtlicher Anstalten konkurrieren kann, stolz macht.

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